KLARTEXT
Jules Rimet, Gianni Infantino und die WM
Hardy Grüne
(31. Dezember 2025)
FIFA-Chef Gianni Infantino ist der Meinung, ohne die Weltmeisterschaft und die FIFA wäre der Fußball niemals so ein weltumfassender Sport geworden.
Das offenbart ein erschreckendes Wissens-Defizit über die Rolle des Kolonialismus bei der Verbreitung des Fußballs in den einstigen Kolonien sowie den hohen Einfluss der Arbeitsmigration vor allem britischer Fachkräfte, Ingenieure und Kaufleute in der Frühphase des Fußballs in Ländern wie Spanien oder Argentinien.
Seine Aussagen sind eine Interpretation der FIFA/WM-Geschichte, die nur als „dreist“ zu bezeichnen ist.
Infantino fehlendes Wissen über historische Vorgänge zu unterstellen und darüber zu schmunzeln ist dennoch fehl am Platz. Tatsächlich dürften seine Aussagen mit Bedacht gewählt sein. Der FIFA-Boss beherrscht die populistische Klaviatur der Politik schließlich bestens und umgibt sich gerne mit entsprechenden Buddys, die das ebenfalls können.
Seine Worte aus Dubai verdienen daher keine spöttisches Lächeln, sondern ein kritisches "Obacht"! Sie sind Teil einer Politik, mit der Infantino die FIFA zu einer Art „Vereinen Nationen“ der Welt machen will. Sie richten sich auch gegen die UEFA, den vielleicht letzten Gegenspieler der FIFA im Weltfußball.
Infantino ist dabei, aus der FIFA eine Organisation der Mächtigen und Einflussreichen zu machen. Das hat das Potenzial, den Fußball zu spalten und auf seiner Top-Ebene grundlegend zu verändern. Jeder spürt es: wir sind müde von FIFA, WM, absurden Ticketpreisen, Selbstüberhöhung und Marketingbombardement. Wir werden gleichgültig gegenüber der Entwicklung, winken gelangweilt ab, konstatieren resigniert, "die mache ja eh, was sie wollen".
Man darf gespannt sein, was für ein Publikum bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada auf den Tribünen sitzt. Ein Großteil der potenziellen Stadiongänger dürfte jedenfalls allein aus ökonomischen Gründen ausgeschlossen sein. Fußball wird zunehmend zur Bühne der Elite, die es sich leisten kann.
Ist die Spaltung des Weltfußballs mit Infantinos gestrigem Vorstoß also möglicherweise näher gerückt? Braucht es Gegenbewegungen, vor allem im Fußball der Fläche, also auf lokaler und regionaler Ebene?
Haben sich die Konflikte von einer kontinentalen auf eine strukturelle Ebene verschoben? Namentlich in Europa? Nicht mehr die reichen (großen) Nationen gegen die armen (kleinen), sondern der hochbezahlte Unterhaltungsfußball gegen den Breitensport? Braucht der Breitensport überhaupt eine FIFA?
In unserer aktuellen Ausgabe #41 beschäftigen wir uns im Leitartikel „United oder Divided. Die WM 2026“ u. a. mit der historischen Rolle des Fußballs bei der Versöhnung und Verbindung der Völker. Weder Gianni Infantino noch die FIFA gehören zu unseren Abonnenten (im Gegensatz zu vielen von Euch), insofern wird in Zürich vermutlich niemand eine Geschichte über den langjährigen FIFA-Präsidenten Jules Rimet gelesen haben, die Teil des Leitartikels ist. Darin erzählt der renommierte Fußball- und Wirtschaftsjournalist Simon Kuper über das Leben eines Mannes, der im Ersten Weltkrieg an der Front stand und 1918 geläutert heimkehrte: Jules Rimet.
Rimets Leben war geprägt vom Aufbau der FIFA. Sein Traum war eine Weltmeisterschaft, die schließlich 1930 in Montevideo zustanden kam. Auch damals übrigens schon unter Mithilfe sowohl der zahlungskräftigen Wirtschaft als auch der Politik - die Geschichte des Fußballs ist nicht nur romantisch.
Dennoch ist die Rimets Philosophie mit Infantinos heutigem Blick auf die Gegenwart und die Geschichte in keinerlei Hinsicht vergleichbar. Wo Rimet versöhnen und verbinden wollte, strebt Infantino nach Macht, Geld und Einfluss. Wo Rimet den Fußball nutzte, um eine „bessere“ Welt zu schaffen, hofiert Infantino Regime, die ihre eigene Welt „wieder groß“ machen wollen und dabei rücksichtslos die Ellenbogen gegen alle anderen einsetzen.
Oder die ihre enorme Wirtschaftsmacht nutzen, um noch reicher zu werden. Dass die Grundlage dieser Wirtschaftsmacht fossile Energiequellen sind, die in Verdacht stehen, die Lebensverhältnisse auf unserer Welt gerade grundlegend zu verändern, passt da hervorragend ins Bild.
Infantinos Aussagen schaffen Realitäten, die keine sind. Weder ist Dubai „eine Stadt des Fußballs“, noch hat die Weltmeisterschaft den Fußball überall auf die Welt "gebracht". Aber der FIFA-Boss weiß: Aus dreisten Lügen werden Wahrheiten, wenn sie nur oft genug wiederholt werden.
Spielen wir nicht mit bei diesem dreisten Versuch der Geschichtsaneignung und -fälschung!
ZEITSPEL-Ausgabe #41.
United oder Divided. Die WM 2026
Drei Austragungsländer, eine Rekordzahl an Teilnehmern, zahlreiche politische und wirtschaftliche Konfliktfelder. Was ist nur aus der WM geworden? Dabei ist Fußball eigentlich perfekt, um die Menschen miteinander zu verbinden und auszusöhnen. Dafür stehen alle drei Gastgeberländer. Unser besonderer Blick auf das WM-Turnier 2026.