KURZ Geschichte

Hansa Rostock und sein Flutlicht

Von Peter Czoch

 

Wer dieser Tage vor dem Ostseestadion in Rostock steht, bekommt eine echte Seltenheit zu sehen. Nicht die üblichen vier, sondern aktuell acht Flutlichtmasten ragen in den Himmel der Hansestadt. Hansa Rostock setzt damit ein Zeichen, dass Tradition im Profifußball nicht nur eine Frage von Retro-Trikots und Promo-Videos ist – und lässt sich das eine Menge Geld kosten. 

 

Die Fußball- und Fankultur beim F.C. Hansa ist ohne Frage etwas Besonderes. Seit Jahrzehnten schon gehört es dazu, dass eine Schar tausender Hansa-Fans auf Auswärtsfahrten geht. Und Derbies, das sind die Spiele, für die die Fans der Kogge nur 200 Kilometer reisen müssen. Dazwischen, in den Weiten zwischen Rostock und Berlin, geflissentlich auch in Richtung Hamburg, liegen dutzende Autobahnbrücken und Zugstrecken gesäumt mit Graffiti des FCH. Aber auch im eigenen Wohnzimmer sorgt man für Furore. Mit der Südtribüne als Ultra- und Supporter-Standort direkt neben dem Gästeblock sorgen die Hansa-Fans immer wieder für Schlagzeilen mit Choreographien und Provokationen.

Da passt es ins Bild, dass man in Rostock sein Flutlicht nicht einfach dem Schrottplatz überlässt. So sammeln Verein und Fanszene seit Jahren Geld, um die historischen Flutlichtmasten erhalten zu können. Diese erlebten ihre Premiere am 24. Oktober 1970 mit einem für DDR-Verhältnisse ungewöhnlichen Freitagsspiel. Hansa empfing vor 25.000 Zuschauern den 1. FC Magdeburg und schickte die Gäste mit 0:3 baden. Schon damals schwärmte die Vereinschronik von einem „neuen Wahrzeichen für die aufstrebende Stadt Rostock“ und der Magdeburger Günther Behne beschrieb die „leistungsstimulierende Atmosphäre“. Die kürzlich verstorbene Hansa-Legende Helmut Hergesell (230 Pflichtspiele) sah schon seinerzeit „ein wunderbares Fluidum auf dem Rasen wie auf den Rängen.“

Es war dann auch Hergesell, der in den 90er-Jahren als Geschäftsführer den Umbau des Ostseestadions zu einer reinen Fußballarena einleitete und schließlich die Verantwortung dafür trug. Zuvor war die Stärke der Beleuchtung von 750 auf 1380 Lux gestiegen und das Gewicht der Strahler reduziert worden. Dies ermöglichte, dass auch mit dem Umbau die historischen Flutlichtmasten erhalten werden konnten. Bis dahin hatten sie schon einige Glanzlichter gesehen: drei Länderspiele der DDR, die internationale Friedensfahrt, sogar einen 1:0-Sieg im Landesmeister-Cup über den FC Barcelona und nicht zu vergessen: die erste gelb-rote Karte des deutschen Fußballs im Super-Cup 1991; Juri Schlünz verpasste daraufhin das Bundesliga-Debüt des F.C. Hansa.


Im Übrigen schmückten auch Flutlichter diesen Bautyps das frühere Ernst-Grube-Stadion in Magdeburg und das Georgi-Dimitroff-Stadion (später Steigerwaldstadion) in Erfurt, überlebten dort jedoch den Gang der Zeit nicht. In Rostock aber steht man zu seinen Wahrzeichen, die schon von der fernen Autobahn aus zu sehen und in der Stadtsilhouette etabliert sind.


Statt also die Profifußball-nötige Beleuchtung in der neuen Dachkonstruktion zu installieren, entschieden sich die Bauherren im Jahr 2000, die Flutlichter über den Arenarand gucken zu lassen. Und als 2017 der TÜV empfahl, dass die Konstruktion mindestens einer umfangreichen Sanierung bedarf, wurde das Bekenntnis noch einmal bekräftigt. Im Sommer 2019 eröffnete Hansa den Dauerkartenverkauf in der 3. Liga als „Mast have“ mit eindeutiger Bildsprache auf den Plastekärtchen. Zugleich traten die Fans zum DFB-Pokalspiel gegen den VfB Stuttgart geschlossen in weißen Nickis mit blauem Flutlicht-Motiv auf.

 

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Als sich schließlich abzeichnete, dass die Verrentung der blauen Stahlkonstruktion näher rückte, musste gehandelt werden. Zum Jahrenende 2025 nun läuft die Betriebserlaubnis endgültig aus und seit dem Sommer realisiert der FCH ein Mammutprojekt, das es so kein zweites Mal gibt. Auf Entschluss der Mitgliederversammlung wurden die inzwischen 55 Jahre alten Masten originalgetreu rekonstruiert. Das lässt sich der Verein über drei Millionen Euro kosten – Geld, das insbesondere durch Spenden und besondere Aktionen eingeworben wird. So gibt es im Fanshop für fast 200 Euro eine LED-Lampe im Stil der Flutlicht-Ikonen und die Fanszene sammelte bislang weit über 200.000 Euro für die 59 Meter hohen Wahrzeichen. https://www.gofundme.com/f/gemeinsam-fuer-die-flutlichtmasten 


Wo einmal vier waren, sahen die Zuschauer Ende August zum Heimspiel gegen die U23 der TSG Hoffenheim erstmals acht Flutlichtmasten. Es bedarf eines genauen Blickes, um die Abweichungen zu erkennen. So stehen die neuen Masten natürlich neben den alten Lichtern etwas weiter hinter der Torauslinie und die eigentlichen Lampen sind nunmehr eckig statt rund. Die auffälligste Neuerung aber ist die Farbgebung, denn auf Grund der heutigen Rechtslage und der Höhe der Konstruktion muss das obere Ende so gestaltet sein, dass es zu keinen Problemen mit der örtlichen Luftfahrt kommt. Um eine Bredouille mit den Rettungshubschraubern des nahen Universitätsklinikums zu vermeiden, tragen die oberen Meter nun die Farben von Verein und Hansestadt: blau, weiß, rot. 


Der Kraftakt, den sich Hansa hier leistet, ist keine Selbstverständlichkeit. Die wertvollen Euro würden andere Vereine sicher eher in ihre Spieler investieren, zumal der deutsche Nordosten alles andere als auf finanziellen Rosen gebettet ist. Das betrifft auch das fußballerische Aushängeschild Mecklenburg-Vorpommerns und unterstreicht, dass es um mehr als ein Lippenbekenntnis und einen Marketing-Kniff geht. 


Während andernorts neue Arenen auf dem Kartoffelacker neben der Autobahn errichtet werden, bleibt man in Rostock dem Ostseestadion treu. Es steht dort, wo es die Bevölkerung im Rahmen des Nationalen Aufbauwerks 1954 errichtet hat. Zu ihm gehören seine Flutlichtmasten wie sein Name, der nach achtjähriger Verirrung 2015 aus der Sponsorenhand zurückerlangt wurde. In Zeiten, in denen sich moderne Fußballstadien immer mehr gleichen, in denen die Beliebigkeit dem Hochglanzprodukt den Weg ebnen soll, geht es um Identität und Verbundenheit mit einem Ort, an dem Geschichten geschrieben wurden. Dafür braucht es ein konkretes Zuhause und einzigartige Momente - oder wie es die Namenstaufe einst treffend beschrieb: „Um die Liebe zur Heimat, zum Meer und zum Strand mit dir zu verbinden, wirst du Ostseestadion genannt.“ 

Ausgabe #39: Kultstätten im Fußball

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