ZEITSPIEL Legenden: Fußballvereine

Fußballgeschichte wird an vielen Orten geschrieben. Die Buchreihe "ZEITSPIEL Legenden" erzählt sie flächendeckend und lokal. Wie es war, wie es wurde, wie es heute ist. Ausführliche und kenntnisreiche Vereinsporträts von der Gründung bis in die Gegenwart. Geschrieben von ausgewiesenen Kennern, stark bebildert, emotional, bereichernd. 


Vorwort Band 4

Fußballgeschichte ist immer auch eine Frage der eigenen Perspektive. Klubs wie Wacker 04 Berlin, Rot-Weiß Lüdenscheid, Itzehoer SV oder FC 08 Homburg haben die Generation der „Boomer“ begleitet und lassen bei jenen Erinnerungen aufkommen an eine Zeit, in der selbst die 2. Bundesliga noch wie eine liebevoll-chaotische Kleinstadtliga funktionierte. Ältere Semester werden hingegen bei der SpVgg Röhlinghausen, dem FC Wacker München, Victoria Hamburg oder der Sportvereinigung Weisenau-Mainz aufhorchen, die in grauer Vorzeit Fußballgeschichte geschrieben haben.
Bleiben die Millennials sowie die Generation Z, die aufgewachsen sind mit einer durchkommerzialisierten Bundesliga, einer Champions League der immer gleichen Teilnehmer und einem Fußball, der deutlich häufiger über Fernsehen konsumiert wird als im Stadion. Sind sie neugierig genug, hinter den omnipräsenten Glitzerfußball und seine inszenierten Stories zu schauen, befriedigen Klubs wie Rot-Weiß Oberhausen, Stuttgarter Kickers oder Chemnitzer FC die Sehnsüchte nach Authentizität.
In unserer Buchreihe „ZEITSPIEL Legenden: Fußballvereine“ wollen wir die unterschiedlichen Zeitperspektiven zusammenführen. Wir wollen den Jungen aufzeigen, welche Faszination einst von der SpVgg Röhlinghausen oder Wacker München ausging, wir wollen den „Alten“ deutlich machen, dass es bei den Stuttgarter Kickers, Rot-Weiß Oberhausen oder dem Chemnitzer FC „gut“ weitergegangen ist. Dass auch „alter“ Fußball in der „Moderne“ ankommen und jene mitgestalten kann. Früher mag alles besser gewesen sein, aber heute gestalten wir das Morgen!
Es sind immer Menschen und Epochen, die Fußballgeschichte schreiben und prägen. Dazu gehören die zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen. Die Geschichte der SpVgg Röhlinghausen ist untrennbar verbunden mit der des Bergbaus. Beim FC Wacker München legte in den frühen 1920er Jahren ein ambitionierter Publizist den Grundstein für eine der schillerndsten Stories der 1920er-Jahre. Andere Klubs wiederum, nehmen wir Wacker 04 Berlin, den Itzehoer SV, Rot-Weiß Lüdenscheid, den SSV Dillenburg und Viktoria Goch, wurden vom Lauf der Zeit einfach hinwegspült.
Ohnehin sind Vereine immer wieder auch Opfer von Entwicklungen. Die Mannschaft von Preston North End galt 1889 als „The Invincible“, als die „Unbezwingbaren“. Heute müht man sich in der zweithöchsten Profiliga und träumt schon viel zu lange vergeblich vom Aufstieg in die Geldmaschine Premier League. Mitunter wird es aber auch politisch, wie in Belfast, wo der katholische Celtic FC in die „Troubles“ geriet und sich bei den Spielen gegen protestantische Rivalen schreckliche Szenen abspielten.
Fußball kann eben auch Katalysator für Hass sein, kann Menschen trennen, statt sie zu verbinden.

SpVgg Röhlinghausen 

Man kann seine Vergangenheit in Geschichte verwandeln und sie in die Gegenwart bzw. Zukunft mitnehmen. Ober man bleibt in ihr haften. Die Spielvereinigung Röhlinghausen ist so ein Fall. Einst gehörte sie zu den großen Mannschaften an Rhein und Ruhr. Auf Augenhöhe mit Schalke 04, spielstärker als Borussia Dortmund, der VfL Bochum und vor allem Nachbar Westfalia Herne. Heute, 110 Jahre nach der Gründung als Spiel und Sport im Jahr 1913, fristen die Grün-Schwarzen ein Dasein in der Kreisliga B2. Viel tiefer geht es nicht. Nichts ist geblieben von der legendären Losung „Fest wie Felsenstein, steht der Spielverein“, mit der über Jahrzehnte jedes Vereinsjubiläum gefeiert wurde. Der Felsenstein steht nicht mehr.

Das tückische an der Vergangenheit ist allerdings, dass sie Teil eines größeren Konstruktes ist. Die Geschichte – und das Schicksal - der Spielvereinigung sind untrennbar verbunden mit der des Bergbaus in Röhlinghausen. Der war zunächst Wiege, dann Inspiration und schließlich Todesurteil des lokalen Spitzenfußballs.

GEBOREN AUF KOHLE
Der seit 1975 zur Stadt Herne gehörende Ort entstand wie viele Gemeinden im Ruhrgebiet aus einem beschaulichen Dorf, das sich mit Beginn der Bergbauära um 1850 binnen weniger Jahre in eine Industrielandschaft verwandelte. Größter Hof in der vorindustriellen Zeit war der des Bauern Stratmann gewesen, auf dessen Areal die Spielvereinigung Röhlinghausen in den 1930er Jahren ihre große Ära einläuten sollte. 1856 waren die ersten Schächte der Zeche Königsgrube abgeteuft worden, und ab 1874 begann man mit dem Bau jener Arbeitersiedlungen, die zur Wiege der Röhlinghauser Fußballgeschichte wurden.

Vor allem aus Masuren kamen die angehenden Kumpel. Die Masuren waren ein als wortkarg und starrsinnig bekanntes Völkchen aus dem Gebiet des heutigen Polen: Katholisch, strebsam, fußballbegeistert, ein wenig eigenbrötlerisch. Um 1920 lebten etwa 60 Prozent der damals 12.000 Einwohner von Röhlinghausen direkt oder indirekt von der Zeche Königsgrube. Heute kommt Röhlinghausen auf rund 11.000 Seelen, ist der Ausländeranteil ähnlich hoch wie die Arbeitslosenquote. Röhlinghausen ist ein Ort der Vergangenheit.

Mit dem Fußball ging es zwar schon 1913 los, doch erfolgreich wurde es erst ab 1924, als sich Spiel und Sport 1913, Ballspielverein 1919 sowie VfL 1922 zur Spielvereinigung 1913 Röhlinghausen vereinten. „Fest wie Felsenstein, steht der Spielverein“, wurde hernach zum geflügelten Wort, denn die Schwarz-Grünen waren wie die Königblauen im nahegelegenen Schalke das Aushängeschild der Gemeinde. Nahezu jeder Einwohner hatte irgendetwas mit dem Klub zu tun, der gleichzeitig Sportverein, Begegnungsstätte und Sozialstation war. Die Zechenleitung erkannte und förderte das. Die SVR bekam Material für den Ausbau ihres 1929 eröffneten Sportplatzes an Stratmanns Hof, die Spieler erhielten bessere Bezüge und andere Vergünstigungen, so manch Königsgruber Arschleder wurde in der Zechenwerkstatt zu Fußballschuhen umgeschustert. Die SVR war ein klassischer Zechenverein.

Wie Schalke 04 wurde auch Röhlinghausen 1930 vom Westdeutschen Spielverein wegen verkapptem „Berufsspielertum“ für ein halbes Jahr vom Spielbetrieb suspendiert. Mit einem 4:0 über den VfB Gerthe waren die Schwarz-Grünen gerade in die Bezirksklasse aufgestiegen und dort nun 1930/31 drauf und dran, in die höchste erreichbare Liga durchzumarschieren. Zechenvereine genossen damals immense Vorteile gegenüber anderen Klubs, was dem bürgerlich geprägten und dem Amateurstatut verhafteten Verband ein Dorn im Auge war.

Während Schalke seinen unwiderstehlichen Aufstieg fortsetzte und 1933 erstmals das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft erreichte, musste man in Röhlinghausen bis Juni 1937 warten, ehe die Versetzung in die höchste Spielklasse gelang. In der Aufstiegsrunde zur Gauliga Westfalen düpierte der Außenseiter die damaligen Favoriten Arminia Bielefeld sowie Preußen Münster und feierte nach einem 2:1 gegen Münster vor 3.500 Zuschauer auf eigenem Platz sowie einem 1:1 bei der Spielvereinigung Klafeld-Geisweid eine Woche später den Aufstieg ins Oberhaus von Westfalen. „Zu neuen Rittern der Gauliga geschlagen“, überschrieb die „Wanne-Eickeler-Zeitung“ ihren Spielbericht aus Klafeld-Geisweid.

Bis 1945 sollte Röhlinghausen zur Stammbesetzung der Gauliga Westfalen gehören, und wäre nicht Schalke 04 mit seiner fast unschlagbaren Ausnahmemannschaft in der Liga gewesen, die Grün-Schwarzen hätte sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert.

Die eingeschworene Gemeinschaft war ein ganz besonderes Stück Ruhrpottfußball. „Röhlinghausen war ein hartes Pflaster“, zitiert Buchautor Ralf Piorr einen Anhänger des bürgerlichen Nachbarn Westfalia Herne in „Der Pott ist rund“: „Ich bin vom Wanner Bahnhof zum Stratmanns Hof gelaufen und auf dem Platz durfte man als Junge nicht sagen, dass man für Westfalia ist, sonst gab es ein paar hinter die Löffel“. Von außen wurde der Mannschaft regelmäßig „allzu große Härte“ vorgeworfen. In Röhlinghausen herrschte proletarischer Fußball in Reinkultur: Der von Pappeln umsäumte Sportplatz ein rauer Aschebelag, die Umkleiden in der Gaststätte von Willi Kreter am Röhlinghauser Markt, einen strammen Fußmarsch entfernt von der Kampfstätte. Dort warteten bis zu 10.000 Einheimische und bildeten ein Bollwerk der Kumpel-Kultur. Schwer zu durchbrechen für den Gegner, der sich Hohn und Spott anhören musste und auch mal ein paar Knüffe einzustecken hatte.

Nach dem Spiel ging es dann zurück zur Gaststätte Kreter, wo statt Dusche und Ermüdungsbecken ein großer Waschzuber mit Seifenlauge auf die Kicker wartete. Die Namen der Röhlinghauser Aufstiegself verraten nebenbei ihre masurische Herkunft: Pywoda, Lehmanski, Nawrocki, Zdero, Nowicki, Wolski, Matzko, Zdunek, Kosmalla. Vorsitzender des Klubs war Striezewski.

Im ersten Gauligajahr 1937/38 liefen die „Felsenfesten“ als Vierter hinter Schalke, Dortmund und Herne ein. Ernst Kuzorra hatte es schon vorher gewusst: „Von allen Bezirksklassenmeistern wird sich Röhlinghausen auf Grund seiner Härte am besten in der Gauliga halten.“ Doch es war nicht nur robuste, proletarische Härte, mit der die SVR zum Erfolg kam. Torsteher Erich Berlau galt nach dem Schalker Hans Klodt als bester Keeper Westfalens. Und Rechtsaußen Hermann Eppenhoff war so gut, dass Kuzorra ihn 1938 nach Schalke holte, wo er zum Nationalspieler aufstieg. Auch ohne ihn reichte es 1942/43 für die SVR zu Platz drei hinter Schalke und Altenbögge, ließ man den BVB und den VfL Bochum hinter sich. Nur Schalke war einfach nicht zu packen: 1:1 an Stratmanns Hof, 3:3 auf Schalke. Immerhin: Achtungserfolge für die Grün-Schwarzen.

LETZTE ERFOLGE
Der Zweite Weltkrieg schlug eine tragische Bresche in die Geschicke der Spielvereinigung. Zehn Spieler kehrten nicht zurück von den Schlachtfeldern. Der Neuaufbau gelang, weil man in Röhlinghausen immer auch auf die Jugend gesetzt hatte. Aber das Glück war den Kumpelkickern nicht hold. 1947 verpassten sie knapp einen Qualifikationsplatz zur neue Oberliga, unterlag in der zusätzlichen Relegationsrunde Hamborn 07 und dem VfL Witten und verpassten auch 1948 den Aufstieg, weil man am letzten Spieltag ein 1:3 vor 26.000 Zuschauern bei Westfalia Herne kassierte. 1949 nach einer abschließenden 2:3-Niederlage bei den Sportfreunden Siegen erneut nur Vizemeister, reichte es immerhin zur Qualifikation für die neue 2. Liga West.

Dort wurde dem Klub jedoch 1950 aus wirtschaftlichen Gründen die Lizenz entzogen. Dem Vorschlag des WSV, mit dem ebenfalls lizenzverweigerten Nachbarn Turnerbund Eickel zu fusionierten, entgegnete man am Röhlinghauser Markt mit Empörung. „Es war ein in der Fußballgeschichte wohl einzig dastehender Fall der Diffamierung eines Vereins“, echauffierte sich die Vereinschronik. Ein Fackelzug marschierte durch die Straßen, die Mitgliederversammlung stimmte mit 130 zu 1 gegen die Fusion. Röhlinghausen blieb Röhlinghausen, zahlte dafür aber den Preis der Zwangsversetzung in die Amateurliga Westfalen, während der TB Eickel mit Preußen Wanne fusionierte und der neue Großverein Sportfreunde Wanne-Eickel in der 2. Liga West spielen durfte.

1951 wurden die Grün-Schwarzen westfälischer Amateurmeister, scheiterten anschließend in der Deutschen Amateurmeisterschaft am SSV Delmenhorst und kehrten noch einmal ins Vertragsspielerlager der 2. Liga West zurück. Erst nach wochenlangen Verhandlungen hatte man die Lizenz erhalten – „finanziell hielten die Röhlinghauser als Vorortverein keinen Vergleich mit den fast profihaft geführten Klubs der westdeutschen Großstädte aus“, konstatierte die Vereinschronik. Der für die Qualifikation zur ab 1952 eingleisigen 2. Liga nötige Mittelfeldplatz wurde verpasst, und nach der Rückkehr ins Amateurlager zerbrach die Erfolgself.

Günter Wilmovius, „Stürmer der Meistermannschaft und Schwarm aller Röhlinghauser Girls“ (Vereinschronik), ging zu Schalke. Richard Duddek, Gerd Schirrmacher, Eugen Bühner, Paul Ehlert und Herbert Sturm wechselten zum VfL Bochum, der mit den Verstärkungen aus Röhlinghausen den anvisierten Oberligaaufstieg schaffte. Mit Lieber, Mosakowski und Schrebb sagten noch drei weitere Akteure adieu. Der größte Verlust aber war Ernst Pywoda, die Personifizierung der goldenen Ära der Spielvereinigung, der 1932 mit 17 Jahren in der grün-schwarzen Ligaelf debütiert hatte. Pywoda hängte seine Stiefel an den berühmten Nagel. Mit ihm ging das Herz der SVR.

1955 verlor man mit Kowalewski ein Talent an Eintracht Gelsenkirchen, und ein Jahr später wechselte Halbstürmer Heiner Kördell zum Schalker Markt, wo er 1958 Deutscher Meister wurde und zu Länderspielehren kam. Er war der bislang letzte Röhlinghauser, der an Stratmanns Hof eine große Fußballkarriere begann.

VERLUST DER GEGENWART
Als die Zeche Königsgrube, Arbeitsplatz, Geldgeber und Anker im Alltagsleben, in den späten 1950er Jahren in die Krise geriet und 1961 geschlossen wurde, stürzte die SVR im selben Jahr nach 30 Jahren in der höchsten westfälischen Amateurliga in die Landesliga ab. Acht Jahre später wurde der Tiefpunkt erreicht: Kreisklasse. Der Zechen- und Kumpelverein hatte die Gegenwart verloren und war in der Vergangenheit steckengeblieben.

Später spielte man noch ein paar Jahre Landesliga, verpasste 1972 unter Trainer Herbert Kasten (zu Oberligazeiten als Herbert Kasperczak für den VfL Bochum zwischen den Pfosten) erst im Entscheidungsspiel gegen den punktgleichen TuS Eving-Lindenhorst vor 8.000 Zuschauern, darunter viele Röhlinghauser, die Rückkehr in die Verbandsliga. Danach ging es wieder runter bis auf Kreisebene. „Die Spielvereinigung ist eigentlich nur noch reine Nostalgie“, zitiert Ralf Piorr in „Der Ball ist rund“ den langjährigen Fußball-Obmann Horst Köster.

ZEITSPIEL Legenden Fußballvereine, Band 4

176 Seiten, 17 x 24 cm, Paperback, ca. 150 Abbildungen

Edition Zeitspiel, Zeitspiel-Verlag

ISBN: 978-3-96736-012-7