Ausgabe 39
Kultstätten des Fußballs
Leitartikel Die modernen Stadien der Neuzeit gleichen sich. Ecken, Kanten oder gewachsene Substanz kommen kaum noch vor. Das weckt Sehnsucht nach Orten mit Charisma, Vergangenheit und Authentizität. Wie in der Religion und der Populärkultur gibt es auch im Fußball Kultstätten. Wir besuchen einige von ihnen und gehen der Frage auf den Grund, womit sich eine Sportstätte eigentlich die pathetische Bezeichnung „Kultstadion“ verdient.
Überleben im Turbokapitalismus: Vor sieben Jahren wurde der Fußball in Fulda durcheinandergewirbelt. Mit der SG Barockstadt entstand ein neuer Stadtprimus, während Traditionsklub Borussia auf Kreisebene verschwand. Jonas Schulte mit der Geschichte einer Spaltung.
Bilderstrecke: Hoffnungsträger Fußball? In der Ukraine entsteht im Schatten des Krieges eine junge Ultrà-Kultur auf den Tribünen. Bradley Stafford war für uns mit der Kamera dabei.
Global Game: Irlands Fußball boomt. Die Stadien sind voll wie lange nicht, die Euphorie groß. Zuletzt kamen über 33.000 Fans zu einem Ligaspiel – Rekord! Dietrich Schulze-Marmeling nimmt uns mit auf eine Reise auf die Grüne Insel.
Rückblick 2024/25: Saisonende, das heißt Zahlen, Namen und Daten ohne Ende. Nur bei Zeitspiel gibt es nach jeder Saison sämtliche Tabellen von der Bundesliga bis in die Oberligen sowie die Relegationsrunden. Auch 2024/25 wieder.
Kleiderkammer: Martin Schneider spielte für den 1. FC Nürnberg und Borussia Mönchengladbach. Exklusiv für Zeitspiel präsentiert er sein Lieblingstrikot, das Schneider am 29. Oktober 1996 beim UEFA-Pokal-Rückspiel der Borussia bei der AS Monaco trug.
Neues aus dem Unterbau: 436 Einwohner, und nun erstmals Oberligist. Im hessischen Hummetroth schreibt man Geschichte. Der MSV Duisburg wiederum brachte gleich 16.000 Fans mit nach Gladbach, während Stahl Brandenburg zurück ist in der Brandenburgliga!
… sowie die üblichen Rubriken wie Jays Corner, Weltfußball/Fußballwelt, Krisensitzung, Willmanns Kolumne, Sautter spricht, Echte Liebe, Nadelkissen, Früher war alles besser, Unverzichtbares Wissen, Trinkpause, Buchmacher, Klartext, Stimme aus dem Kuchenblock etc.
ZEITSPIEL Geschichte. Ausgabe #39
Kultstätten des Fußballs
Vatikan, Wacker, Wembley
(Von Bernd Sautter)
Überall gibt’s Kultstätten – in der Religion, in der Populärkultur und natürlich im Sport. Womit verdient sich eigentlich ein Sportstätte eine derart pathetische Bezeichnung? Ist doch nur Fußball.
Vielleicht besteht die kultische Überhöhung eines bestimmten Ortes gerade darin, dass sich seine spezielle Magie kaum in Worte fassen lässt. Meistens entstehen Kultstätten dort, wo in grauer Vorzeit etwas Großes, Bedeutungsvolles, gar Mythisches passierte. Ein solcher Moment kann im Fußball jederzeit geschehen, immer und überall. Mindestens alle zwei Wochen bei jedem Heimspiel auf einem der rund 65.000 Fußballplätze, auf denen allein in Deutschland der Ball mit Füßen getreten wird. Ergo: Im Grunde hat jedes Spielfeld das Zeug zur Kultstätte. Bis hinunter zum kleinsten Bolzplatz. Soll also keiner auf die Idee kommen zu definieren, was fußballtechnisch als Kultstätte durchgeht – und was nicht. Unser Sport ist gerade deshalb so toll, weil jede und jeder sich seinen eigenen Verein herauspickt, der für ihn das Leben bedeutet. Eine persönliche Kultstätte ergibt sich damit zwangsläufig. Und weil es um Emotionen und Identifikation geht, erübrigt sich jeder Versuch, die persönliche Interpretation von Kult mit wissenschaftlichem Ernst zu diskutieren. Außer bei Rasenballsport Leipzig. Versteht sich von selbst.
Trotz allen Freiheiten, sich den eigenen Kult zu basteln, gibt es Wembley und San Siro, den Betzenberg in Lautern und die Hohe Warte in Wien, das Kaffeetälchen in Thüringen und Jánošowka in der Slowakei. Allesamt Orte, die bei Fußballern, Fans, Groundhoppern und anderen Sachverständigen einen besonderen Status genießen. Jánošowka meint übrigens das slowakische Kaff, an dem gelegentlich eine Dampflok an der Seitenlinie vorbeischnauft. Nicht wenige Groundhopper finden das kultig. Einzigartigkeit ist schließlich ein zentraler Faktor. Das Ding mit der Dampflok gibt’s ja sonst nirgends auf der Welt – und in Jánošowka auch nur, wenn Museumsbahn-Sonntag ist.
Bologna Amore
Wenn es jedoch um mustergültige Kultstätten geht, sollte man sich vielleicht an anderen Orten umsehen. Also reisen wir von der slowakischen Provinz direkt ins Herz Italiens, in die Emilia Romagna.
Das Stadion in Bologna taucht häufig auf, wenn es um Reiseziele geht, die man als Fußball-Nerd gesehen haben sollte. Das Stadio Dall’Ara hat einen Stammplatz unter Überschriften wie „Must-see“, „Once in a lifetime“ oder „bucket list“. Aus guten Gründen. Die wundervolle Schüssel hat alle Zutaten, die einem veritablen Stadion-Kult schmecken. Als da wären: die fußballhistorische Bedeutung des FC Bologna, das rituelle Spektakel in der Kurve, sozusagen Heimat der Ultra Culture. Sechs Scudettos und zwei Mitropa-Cup-Siege, übrigens alle ziemlich lange her. Das schiere Fassungsvermögen. Die lebendigen Sehnsucht nach besseren Zeiten. Die wundervollen Stadt und ihre große Historie. Das legendäre Tor von David Platt, das England spät ins Viertelfinale der WM 90 brachte. Das legendäre Tor von San Marino, drei Jahre nach der WM, als der Zwerg gegen England nach acht Sekunden die Führung erzielte. Die atemberaubende Architektur, die so perfekt zur Stadt passt. Der majestätische Turm als ebenso anmutiges wie einzigartiges Erkennungsmerkmal. Oder die spektakuläre Lage, die man postkartengleich bewundern kann, wenn man sich auf dem Weg hoch zum Santuario San Luca umdreht und runter auf die rote Stadt schaut. Man kann’s kaum anders ausdrücken: Das Dall’Ara ist ein kultiger Ort, nahe an der atmosphärischen Vollkommenheit. Ein Stadion, das sich kein Kind perfekter ausmalen könnte. Dabei hat es fast 100 Jahre auf dem Buckel. Was man deutlich erkennt an den Rissen in der Substanz, diesen Bruchstellen, aus denen die Geschichte atmet. Wobei man einschränkend sagen muss: Man nimmt den Atem der Geschichte vor allem dann als wohltuend wahr, wenn man eine gewisse Entfernung zu den Toiletten einhält.
Der Nerd-Faktor
Vielleicht ist Kult auch die Abwesenheit von Komfort. Vielleicht schwingt beim Wörtchen „Kult“ unterschwellig mit, dass sich die Faszination nur Insidern und Auskennern erschließt. Von Wimbledon bis Wacken, vom deutschen Schlager bis zum deutschen Tatort, von Rocky Horror Picture Show bis Star Wars: Wer im populärkulturellen Sinn von „Kult“ spricht, adressiert damit stets eine bestimmte Fangemeinde und in den meisten Fällen eine, die sich abseits des aktuellen Mainstreams bewegt. „Kultig sein“, das können Nerds am besten, also diese Menschen, die sich angenehmerweise nicht drum scheren, was gerade kommerziell erfolgreich ist. Anders ausgedrückt: Misserfolg und strenger Geruch hat einem echten Kult nie geschadet. Tatsächlich ist man schneller beim Kult, wo die unmittelbare Umgebung spärlicher ausgestattet ist und der Stolz auf den eigenen Klub umso heller leuchtet. „Wir haben ja nichts außer Fußball“ – einen solchen Satz hört man eher in Offenbach, Oberhausen und Osnabrück als in München, Mailand oder Madrid. Der Fußballkult nistet sich mit Vorliebe dort ein, wo er weniger von konkurrierenden Mythen gestört wird. Auch dort, wo der Kommerz allzu championsleaguehaft offensichtlich ist, darf der Kult-Charakter inzwischen in Frage gestellt werden. Als Ort der großen Sehnsucht gehen die europäischen Schauplätze kaum noch durch, schließlich wird dort alle paar Tage die Sehnsucht gestillt. Dank der einseitigen Wettbewerbe, oft mit den gleichen Gewinnern, gilt die Diagnose nicht nur für die Spiele, sondern auch für die Siegesfeiern. Man erhebt ja kaum noch ein Glas, wenn in der Allianz Arena oder im Bernabéu eine Trophäe gefeiert wird. Dass die riesigen Fußballtempel trotzdem eine magische Kraft besitzen, steht außer Frage. Zumal sie uns auf bestimmte Art und Weise an die Wurzel der sportlichen Kultstätten zurückführen.
Die kurze Geschichte der Sportstätten
Tatsächlich ist es vor allem ein Phänomen der Moderne, dass Sportstätten mythisch aufgeladen werden. Die griechische Geschichte kennt Olympia, die römische Geschichte kennt das Kolosseum. Weitere legendäre Sportstätten muss man mit der Lupe suchen, in der Zeit vor 1800 n. Chr. Aber danach geht’s Schlag auf Schlag. Der Sport legt in einem relativ kurzem Zeitraum eine erstaunliche Karriere hin. Aktive Sportlerinnen und Sportler kennt man seit der Industrialisierung, seit Arbeitszeiten wenigstes für manche ein paar Minuten Freizeit erlauben. Dazu kommt, dass viele Menschen neuerdings am Schreibtisch ihr Geld verdienen, also mit Tätigkeiten, die wenig Kraft und Bewegung erfordern. All das treibt die Leute zu sportlichen Aktivitäten. In der Folge entstehen eigene Sportstätten, und weil es durchaus unterhaltsam ist, anderen Leuten zuschauen, baut man Tribünen um die Sportstätten herum. Ein paar Jahrzehnte später wird Leistungssport zum medialen Ereignis. Die Heldentaten sind weit über Stadiontore hinaus zu bewundern. Damit werden die sportlichen Schauplätze zu legendären Orten, mythische Verklärung inklusive.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Sportstättenbau als verhältnismäßig junge Disziplin der Architektur. Seine kurze Geschichte lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Früher wurde für die Sportler gebaut, heute für die Zuschauer. Eigentlich logisch. Man baut eben, wie es denen gefällt, die das Ganze schlussendlich bezahlen – und diese wollen bitteschön nah dran sein und beste Sicht genießen. Das gilt für jeden einzelnen, der ins Stadion kommt. Speziell das Fußballpublikum hat den Anspruch, nicht nur zusehen zu wollen. Der Fußball-Fan will am Geschehen teilnehmen. Darum hat der zeitgenössische Stadionbau seine Tribünen so dicht wie möglich ans Spielfeld gerückt. Längst versuchen Architekten und Vermarkter jegliche Distanz zu vermeiden. Die großen Arenen stapeln die Zuschauerränge aufeinander. Das Zauberwort heißt Stadionerlebnis. Doch selbst der Stararchitekt räumt ein, dass keine noch so ausgeklügelte Bauweisen etwas bringt, wenn das Publikum nicht mitzieht. Jacques Herzog vom Büro Herzog & de Meuron gibt im Schweizer Kulturmagazin „du“ zu, dass Stimmung nur bedingt planbar ist: „Das ist eine Frage der Mentalität der Stadtbevölkerung, einer lokalen Kultur. Keine Architektur ist gut genug, um das zu ersetzen. Oder anders ausgedrückt: Wenn ein Stadion voll und die Stimmung gut, ist ein Stadion nicht mehr ausschlaggebend.“ Ob ein Stadion kultig ist oder nicht, ist nur zu einem gewissen Prozentsatz eine Frage der Bauweise.
(> nach dem "Werbeblock" weiterlesen)
Englands Fußballwappen
Eine Bilderreise durch die bunte Welt der Wappen der Football-League-Klubs
Rechts zum Fußball. Links zu Gott.
Tatsächlich reagiert der Kultfaktor eher negativ auf überehrgeizige Architekten. Und damit zurück nach Bologna, wo sich das Stadion nicht nur zufällig ins Stadtbild fügt. Denn der Baumeister, ein gewisser Giulio Ulisse Arata, ist in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts durch mehrere Projekte im Stadtzentrum bestens mit den Elementen vertraut, die so charakteristisch sind für die große rote Stadt. Allen voran: Rot schimmernde Ziegel. Der Architekt hat Innenstadt und Stadion gleich doppelt verbunden: Zum einen durch Material und Baustil, zum anderen durch einen anderthalb Kilometer langen Arkadengang, der von der Porta Saragozza direkt an den Arco del Meloncello und den Eingang des Dall’Ara führt. An jedem Spieltag erreichen die Tifosi rossoblu ihren Sehnsuchtsort trockenen Fußes. Auch dann, wenn der Himmel über Bologna alle Tore öffnet. Wer möchte, kann unter den Arkaden das enge Band erkennen, das vom Fußball zur Religion führt. Schließlich verzweigt sich der Bogengang am Arco del Meloncello. Rechts geht’s zum Fußball, links zu Gott. Rechter Hand zum Stadion. Linker Hand durch weitere spektakuläre 600 Arkaden hinauf zum Stadtheiligtum, der imposanten Kirche „Santuario di San Luca“. Stadt, Santuario, Stadion – unterm Abendhimmel leuchtet alles im selbem Rot. Es ist ein Gesamtkunstwerk. Der Ausdruck „Kultstätte“ erscheint zu tief gegriffen.
Der Arkadengang steht als Musterbeispiel für einen weiteren zentralen Kultfaktor, einer, der allzu oft übersehen wird: Das kultige Umfeld. Schließlich beginnt jeder Stadionbesuch an der eigenen Haustüre. Die Anreise gehört dazu. Je näher man dem Stadion kommt, um so dichter strömen die Pilger. Jeder hat seinen persönlichen Kreuzweg zu absolvieren. Natürlich mit Pausen an den vielen Stationen entlang des Weges. Man trifft sich in Kneipen, an Kiosken oder anderen Straßenecken. Es kommt zu rituellen Treffen an identischen Treffpunkten mit denselben Sportskameradinnen und Sportskameraden. Manchmal tragen sie die gleichen Trikots. Und wenn man genau hinsieht, die gleichen Socken. Welche Dinge unantastbar bleiben und welche nicht, bleibt dem individuellen Geschmack überlassen. Fest steht: Das Umfeld mit seinen Treffpunkten ist ein unverzichtbarer Teil jeder Kultstätte. Man stelle sich nur vor, ein Stadion würde baugleich an einen anderen Ort verpflanzt, alles bliebe gleich, jeder Stein würde wieder auf den anderen gestellt. Es wäre alles identisch, aber es wäre niemals dasselbe Stadion.
Ein Mythos verträgt keinen Umzug
Darum ist ein fataler Eingriff, wenn sich Vereine gezwungen sehen, ihre angestammte Heimat zu verlassen. Wie zum Beispiel in Augsburg, Freiburg oder Mönchengladbach, wo man neue Stadien auf Freiflächen stellte, die außer einer halbwegs anständigen Verkehrsanbindung kaum etwas zu bieten haben. Oder in Mainz, wo man die neue „Arena“ scheinbar willkürlich in den Acker setzte. Oder in Hoffenheim, einem Standort, an dem schon beim Anmarsch klar wird, dass er niemals kultige Qualitäten entwickeln wird. Architekten sprechen in solchen Fällen von einem Solitär, wenn die Arena mit ihrer kunstvollen Fassade mutterseelenalleine in der Landschaft steht, frei von jedem gewachsenen Umfeld. Was die Architekten fasziniert, bleibt vielen Stadionbesuchern auf Ewigkeiten verschlossen. Im Winter zieht’s und die gemütliche Fußballkneipe, die niemals eine Systemgastronomie sein kann, bleibt allzu weit entfernt.
Überall bestätigt sich: Kein Mythos – sei er noch so überschaubar – lässt sich wegtragen, wieder aufbauen oder von vornherein auf dem Reißbrett planen. Die Traditionsstandorte des Fußballs bleiben ewig unantastbar. Fragen Sie mal einen Tifosi in Bologna, was er von einem alternativen Standort halten würde. Natürlich ist auch in der Emilia Romagna längst beschlossene Sache: Das Dall’Ara muss sich verändern – aus vielerlei Gründen, unter anderem Brandschutz, Toiletten, Logen, moderner Fußball und Komfort. Tatsächlich kann man trocken bis zum Stadion laufen. Wenn der Bologneser Himmel seine Pforten öffnet, schlendert man in leichten Sommerschuhen die Arkaden lang. Man nimmt den dritten oder vierten Caffé, ohne sich zu scheren, dass draußen eine Sintflut niedergeht. Doof ist nur, wenn es beim Anpfiff noch schüttet. Dann werden fast alle 2 x 45 Minuten nass bis auf die Unterwäsche. Mehr als zwei Drittel des Stadions sind nach oben offen. Wer ne Dauerkarte hat, wird sich aufs neue Dall’Ara freuen. Turm und Fassade bleiben erhalten. Dafür kommt ein Dach. Das Modell wirkt als hätte man im Stadioninneren eine überdimensionale Seifenblase aufgepumpt. Sicherlich eine gewöhnungsbedürftige Vision, aber unter allen schlechten Lösungen eine absolut plausible Idee. Vor allem, weil sie gewährleistet, dass das Dall’Ara bleiben kann, wo es hingehört. Denn das Stadion gehört zweifelsohne zum Kulturgut, trotz seiner schwierigen Entstehungsgeschichte. Diese führt direkt zur Frage, ob man die Ästhetik eines Bauwerks würdigen kann, ohne seine ursprüngliche Absicht in Betracht zu ziehen.
Historische Schwierigkeiten
Das Prachtstadion wurde in erster Linie gebaut, um dem Faschismus zu huldigen. Treibende Kraft ist Leondro Arpinati, stellvertretender Generalsekretär der Partito Nazionale Fascista (PNF) und Bürgermeister von Bologna. Arpinati ist mit Mussolini eng befreundet. Das Stadion Littorale, so sein damaliger Name, wird unter Anwesenheit des Duce eingeweiht. Als Bühne für die großen Leistungen, die der Faschismus ermöglicht. Zwei Jahre später steht auch der 42 Meter hohe Turm über dem Marathon-Tor fertig. Die dritte Ebene ist für Mussolini reserviert. Eine riesige Statue zeigt ihn hoch zu Ross. Mussolini reitet dort oben mehr zwei schwarze Jahrzehnte lang. Der steinerne Duce wird Zeuge von fünf Meisterschaften und zwei Cup-Siegen im Mitropa-Cup. Als die Diktatur 1943 zu Ende ist, wird der Kopf der Reiterstatue abgeschlagen und durch die Straßen von Bologna getragen.
Die Entstehungsgeschichte des Stadions lässt sich in Bologna ebenso wenig ausblenden wie beispielsweise beim Berliner Olympiastadion oder dem Stuttgarter Neckarstadion. Und womöglich erklären die Schatten der Vergangenheit, warum es nicht leicht fällt, das monumentale Stadion auf dem Berliner Reichssportfeld als „Kultstätte“ zu etikettieren. Der Begriff des „Sehnsuchtsorts“ passt besser. Zumindest die 64 Vereine, die in der Hauptrunde des DFB-Pokals antreten, wollen unbedingt da hin.
Da haben es die Engländer mit Wembley leichter. Beim alten Wembley halten sich historischen Turbulenzen in engen Grenzen. Allenfalls das White Horse Finale kommt in den Sinn. Beim ersten FA-Cup-Final im neuen Stadion im Jahr 1923 müssen Reiterstaffeln die Zuschauermassen zurückdrängen, um das Spielfeld frei zu halten. Die Bolton Wanderers gewinnen 2:0 gegen West Ham United und das Pferd Billie wird berühmt dank eines ikonischen Fotos. Billie war übrigens in echt grau wie ein Maus. Die Bezeichnung White Horse Final ist lediglich der Tatsache zu verdanken, dass die damalige Fotografie keine Graustufen kannte. Ob weiß oder grau – das ist der Stoff, aus dem Geschichten sind, die dem Kult auf die Sprünge helfen. Es hat übrigens niemanden gestört, dass Wembley eigentlich für eine riesige Ausstellung gebaut und offiziell als British Empire Exhibition Stadium bezeichnet wurde.
Seit Jahrzehnten wird Wembley vorrangig für Fußballspiele genutzt - und das kann durchaus ein Kriterium sein, das dem Kultstatus zuträglich ist. Wembley wird in erster Linie mit Fußball gleichgesetzt, obwohl sporadisch Konzerte stattfinden, noch sporadischer die NFL spielt und nur ausnahmsweise Rugby-Spiele angesetzt werden. Andersrum finden in Twickenham, also dem legendären Home of Rugby, kaum Fußballspiele statt. Auch Dublin kennt eine solch unmittelbare Verbindung von Stadion und Sportart. Die Finals in den Gaelic Games, also Gaelic Football und Hurling, werden im Croke Park ausgetragen. Das riesige Aviva Stadion an der Landsdowne Road taucht auf der Liste der Stadien für Gaelic Games überhaupt nicht auf. Hier werden die Sportarten ausgetragen, die in Irland als „englische“ gebrandmarkt sind, also Fußball und Rugby. Die klare Zuordnung von Sportart und Austragungsort mag durchaus engstirnig erscheinen, dem Kult ist sie durchaus dienlich. Wie sehr haben sich die Sechz‘ger gefreut, wieder in ihr altes Grünwalder zurückzukehren. Die Liebe zum Grünwalder Stadion (im Löwen-Jargon „Das Sechz‘ger“ genannt) hängt gewiss mit dem Charme des historischen Stadions zusammen, aber auch damit, dass es keinen Sechz‘ger glücklich gemacht hat, zum Heimspiel ins Stadion des Lokalrivalen zu gehen. Übrigens auch hier: Jeder blau leuchtenden Illumination zum Trotz.
Ein Stadion. Eine Sportart. Ein Verein.
Die eindeutige Zuordnung darf als Grundregel für eine gepflegte Fußballkultstätte gelten. Nur wenige Ausnahmen sind bekannt. In Mailand, Rom und Genua stehen die vielleicht bekanntesten Stadien, die sich Lokalrivalen teilen müssen – übrigens mit allen Schwierigkeiten, die entstehen, wenn eine Kultstätte für zwei verschiedene Weltanschauungen herhalten muss. Die unbedingte Identifikation mit dem Stadion leidet, wenn sich an jedem zweiten Wochenende ein anderer Verein in seiner gefühlten Heimat breit macht. Trotz allen Theorien über den Fußballkult und seine heiligen Stätten führt kein Weg dran vorbei: Was als Kultstätte allgemein anerkannt ist – und was eher nicht –, bleibt jedem Zuschauer, Fan und Groundhopper selbst überlassen. Trotzdem würde viele diese eine Definition unterschreiben, die nur vier Worte benötigt: „Hauptsache, keine Shopping-Mall untendrin.“