ZEITSPIEL Geschichte

 

Fußballgeschichte wird an vielen Orten geschrieben. Die Buchreihe „ZEITSPIEL Geschichte“ erzählt sie flächendeckend und lokal. Wie es war, wie es wurde, wie es heute ist. Ausführliche und kenntnisreiche Vereinsporträts von der Gründung bis in die Gegenwart. Vergessene Stories von großen und entscheidenden Momenten, Helden der zweiten Reihe. Geschrieben von ausgewiesenen Kennern, stark bebildert, emotional, bereichernd. 


Vorwort Band 5

Zeit vergeht, und mit ihr verschwinden vertraute Dinge und werden zu Geschichte. Das betrifft nicht zuletzt den Fußball. Wie viele Klubs sorgten einst für große Schlagzeilen, an die sich heute kaum noch jemand erinnert? Die BSG Stahl Riesa beispielsweise fuhrwerkte als gefürchteter Oberligist in einem Stadion, in dem die Stimmung regelmäßig überkochte. Im Gelsenkirchener Süden produzierte die SG Eintracht ein Talent nach dem anderen, ohne selbst davon profitieren zu können. Und im saarländischen Völklingen herrschte eine Familie über Stadt und Einwohner, die zwischen 1933 und 1945 in Kriegsverbrechen verwickelt war und der bis heute dennoch namentlich im Fußball gehuldigt wird.

ZEITSPIEL Geschichte will diese Erinnerungen an vergangene Zeiten und ihre Geschichten sammeln und bewahren. Das sind ausführliche Vereinsporträts, aber auch kurze, punktuelle Ausschnitte aus der großen Fußballgeschichte. Der einzige sportliche Abstieg des FC Bayern München beispielsweise, der DFB-Pokalsieg der Essener Schwarz-Weißen, die Geschichte von Ralf Heine, dessen Schwester aus der DDR floh, weshalb er nicht mehr in der DDR-Oberliga auflaufen durfte und mit einem Stadtteilklub bis in die zweite Liga stürmte.

Es sind diese Alltagsgeschichten, die den Fußball und seine Vergangenheit zu einem wichtigen Teil der Gesellschaftsgeschichte machen. Und Erinnerungskultur schaffen. Fußballfans erinnern sich über Saisonverläufe, Spielernamen oder große Siege an früher. Die Verbindung zum eigenen Klub prägt die Biografie. Später Geborene stehen unterdessen staunend vor alten Tabellen und fragen sich, wie das mit dem heutigen Blick, geprägt von Champions League, Millionentransfers, fragwürdigen Turnieren in Katar und Saudi-Arabien und einer weit enteilten „großen“ Fußballwelt, jemals möglich sein konnte.

Schlussendlich setzt die Buchreihe ZEITSPIEL Geschichte dort an, wo die Erinnerung aussetzt. Sorgfältig recherchiert, mit Blick über den Tellerrand der 1:0-Berichterstattung und einem Faible für die besonderen Stories erzählt sie vom Fußballalltag früher. Damit knüpft sie nahtlos an die bisherige Buchreihe ZEITSPIEL Legenden an, dessen fünften Band sie insofern auch bildet. Denn wie einst aus Raider Twix wurde, wird nun aus ZEITSPIEL Legenden ZEITSPIEL Geschichte!


Viel Spaß beim Abtauchen in die Vergangenheit.

Zeitgeschichte 1959: Der Pokalsieg des ETB Schwarz-Weiß 

Drei Tage nach Heiligabend 1959 erreicht der Essener Turnerbund Schwarz-Weiß den Höhepunkt seiner Fußballgeschichte. Das Finale um den DFB-Pokal in Kassel wird zum herausragenden Moment einer Saison, an deren Ende er als Pokalsieger aus der Oberliga West absteigt

Im Sommer 1959 kehrte der ETB Schwarz-Weiß nach zwei Spielzeiten in der 2. Liga West in die Oberliga zurück. Am Uhlenkrug hofft man, sich dort wieder zu stabilisieren und den sportlich strauchelnden Lokalrivalen von der Hafenstraße – 1955 immerhin Deutscher Meister – vom Essener Fußballthron zu stoßen. Doch in der Liga läuft es für den Aufsteiger 1959/60 nicht rund, und schon bald zeichnet sich ab, dass die junge Mannschaft um Nationalspieler Theo Klöckner um den Klassenerhalt kämpfen muss.

Im Pokal wiederum steht der ETB auf der Sonnenseite des Lebens. Nach dem Erfolg im Kreispokalfinale über die TSG Karnap 07 schalten die Schwarz-Weißen im Westdeutschen Pokal zunächst Ex-Oberligist STV Horst-Emscher (3:2) und dann den Meidericher Spielverein aus (3:1), ehe sie auf Lokalrivale RWE treffen. Vor 17.000 an der Hafenstraße sorgt ETB-Spielmacher Hubert Schieth schon in der zehnten Minute mit dem Tor des Tages für die Entscheidung zugunsten der „Schwatten“.

Im West-Halbfinale geht es am 27. Juni nach Oberhausen. ETB-Keeper Hermann Merchel pariert in der 22. Minute einen Foulelfmeter von Horst Schlagowski. Nach 120 Minuten steht es 0:0. Das Wiederholungsspiel fünf Wochen später lockt 15.000 Fans an den Uhlenkrug. In einer über zweistündigen Pokalschlacht gehen die Mannen vom Uhlenkrug fünfmal in Führung, kassieren viermal den Ausgleich und erreichen als 5:4-Sieger das West-Endspiel.

ERSTE SENSATION GEGEN WESTFALIA HERNE
Dort wartet Westmeister Westfalia Herne mit seinen Nationalspielern Hans Tilkowski, Helmut Benthaus und Alfred Pyka sowie Horst Wandolek und Torjäger Gerd Clement. Dem ETB wiederum fehlen der verletzte Nationalspieler Klöckner sowie Läufer Werner Keus. Für die Fachpresse gibt es vor 12.500 Zuschauern im Bochumer Ruhrstadion daher nur einen Favoriten: Herne. Doch der von den erfahrenen Strategen Ede Kasperski und Hubert Schieth angeführte Außenseiter zeigt keinen Respekt. Nach 22 Minuten hat ETB-Torjäger Manfred Rummel bereits zweimal getroffen, liegt Essen 2:0 vorne. Erst jetzt erwacht der Favorit, schafft noch vor dem Seitenwechsel den Ausgleich und drängt nach dem Wiederanpfiff auf die Führung. Doch die Mannen vom Uhlenkrug kontern geschickt und sorgen immer wieder für Unruhe in der Herner Abwehr. In der 72. Minute serviert Rechtsaußen Manfred Rummel eine Flanke zu Hennes Küppers, der in seiner unnachahmlichen Art mehrere Gegenspieler austrickst, ehe er im Strafraum zu Fall gebracht wird. Den fälligen Elfmeter verwandelt Hubert Schieth zur erneuten ETB-Führung, die nicht zuletzt dank des überragenden Torstehers Hermann Merchel bis zum Schlusspfiff verteidigt wird.

SPEKTAKULÄRES 6:3 BEI HERTHA BSC
Als frischgebackener westdeutscher Pokalsieger marschieren die Schwarz-Weißen mit einem goldenen Lorbeerkranz vom Feld und stehen erstmals in der ersten Hauptrunde auf Bundesebene. Das ist eine übersichtliche Veranstaltung, denn am DFB-Pokal nehmen lediglich die fünf Landespokalsieger teil. Während Borussia Neunkirchen (Südwest-Pokalsieger), der VfR Mannheim (Süd) und der Hamburger SV (Nord) direkt für das Halbfinale qualifiziert sind, müssen der ETB und Berlins Pokalsieger Hertha BSC am 16. August 1959 in einer Vorqualifikation um den vierten Halbfinalisten streiten.
Die Reise an die Spree ist eine aufregende Angelegenheit für den Westpokalsieger. Einen Tag vor dem Spiel startet der „Pan-American“-Flieger um 12:30 Uhr Richtung alte Hauptstadt, wo er um 14:15 Uhr landet. Nach einem von Dauerregen begleiteten Stadtbummel geht es für die „Schwatten“ noch ins Theater, ehe Trainer Hans Wendlandt zur Nachtruhe bittet. Unterdessen treffen die ersten Fans in Berlin ein, die über die Interzonen-Autobahn nach Berlin gereist sind.

Tags darauf versammeln sich 8.000 Zuschauer im Poststadion Moabit. Darunter rund 150 „ETB-Schlachtenbummler mit drei großen und zwanzig kleinen Fahnen“, wie es in den Quellen heißt. Noch immer regnet es in Berlin, und der seifige Boden erschwert die Ballkontrolle. Nach nur vier Minuten bring Gerd Süß Essen in Führung und öffnet damit den Vorhang zu einem spektakulären Spiel, in dem die Hertha zur Halbzeit mit 2:1 führt. Nach dem Seitenwechsel ziehen die Ruhrstädter auf 6:3 davon und erreichen das Halbfinale. Überragend Manfred Rummel, der in der 73. Minute für die 4:3-Führung sorgt und zwölf Minuten später den Schlusspunkt zum 6:3 markiert.

HOSE RUNTER BEIM HSV
Vier Monate später muss die ETB-Elf im Halbfinale erneut reisen. Bei Nord-Serienmeister Hamburger SV werden der jungen Mannschaft keine Chancen eingeräumt. „In Hamburg waren wir nur als Wald- und Wiesenmannschaft bekannt und der Busfahrer wusste erst gar nicht, was wir im Stadion am Rothenbaum wollten“, erinnert sich Abwehrspieler „Kalla“ Mozin später. Dabei ist der Oberligaaufsteiger seit sechs Wochen in Pflichtspielen ungeschlagen und in der Oberliga-West-Tabelle bis auf Platz sechs vorgerückt.
15.000 Zuschauer sind am 12. Dezember 1959 dabei, als Gastgeber HSV unter den Augen von Bundestrainer Sepp Herberger furios beginnt, das Essener Abwehrbollwerk jedoch nicht durchbrechen kann. Torlos geht es in die Pause, ehe Peter Wulf nach einer guten Stunde den HSV in Führung bringt. Niemand gibt nun auch nur noch einen Pfifferling auf die Westdeutschen – die jedoch nur drei Minuten später durch ihren Torjäger „Manni“ Rummel egalisieren! Das Spiel geht in die Verlängerung, in der Rummel Essen nach 93 Minuten sensationell in Führung bringt. Der Rest ist Zittern und Bangen. Erst verweigert Schiedsrichter Günter Sparing aus Kassel dem ETB einen Strafstoß, als Rummel im Strafraum gelegt wird, dann muss Torhüter Hermann Merchel vier Minuten vor Schluss mit einer Kopfverletzung vom Platz gehen.

Auswechslungen gibt es noch nicht, also stellt sich „Kalla“ Mozin zwischen die Pfosten. Was genau dann passierte, ist bis heute Stoff für Legenden. Als Charly Dörfel mit dem Ball am Fuß vor Mozin auftauchte, soll der Essener ihm mit einem beherzten Sprung jedenfalls die Hose heruntergezogen und Dörfel damit am Schuss gehindert haben. Während das Publikum einen Platzverweis und Strafstoß fordert, versucht es Mozin mit einem ungewöhnlichen Gnadengesuch: „Da habe ich zum Schiedsrichter gesagt ´Bitte lass mich drin, ich bin verheiratet und brauche das Geld`. So konnte ich weiterspielen.“ Tatsächlich entscheidet Sparing auf Freistoß für den HSV, rettet der ETB seinen Vorsprung über die Zeit.
„Ihr habt das gut und schön gemacht!“, lobt Bundestrainer Herberger anschließend: „Die erste Halbzeit gehörte zwar dem HSV, aber je mehr der Gegner euren Widerstand spürte, desto unruhiger wurde er. Gefallen haben mir besonders euer Kampfgeist und eure Kraft, die für 120 Minuten Tempospiel reichte.“

FINALE MIT LINKS
Zwei Wochen später steht das Finale an. Wie stiefmütterlich der DFB-Pokal seinerzeit behandelt wurde, zeigt sowohl das Datum 27. Dezember als auch der Spielort Auestadion Kassel. Sechs Jahre, nachdem der 1935 vom damaligen NS-Sportführer Hans von Tschammer und Osten ins Leben gerufene Vereinspokal 1953 erstmals wieder ausgespielt worden war, gilt er als ungeliebtes Beiwerk der Saison. Das schafft Raum für Underdogs, und so stehen sich drei Tage nach Heiligabend mit dem ETB Schwarz-Weiß und Borussia Neunkirchen zwei Mannschaften gegenüber, die nie zuvor – und auch danach nie wieder – das Finale erreichen.

Für den ETB-Anhang wird der 27. Dezember zu einem unvergessenen Tag. Per 4.000-Plätze-Sonderzug, mit zahlreichen Omnibussen und vielen PKW machten sich mehrere tausende von „Schwatten“ auf den Weg in die nordhessische Industriestadt. Am dortigen Bahnhof Wilhelmshöhe flattert bereits eine schwarz-weiße Fahne auf einem Baukran, der zur Baustelle der Essener Firma „Krupp-Bau“ gehört. Während die Essener Fans die Gegengerade im Auestadion bevölkern und allerlei aus der Ruhrstadt mitgereiste Prominenz auf der Tribüne Platz nimmt, fehlen namhafte Vertreter des DFB, die offenbar schon im Weihnachtsurlaub sind. Rund 10.000 Plätze bleiben leer – das Pokalfinale der Underdogs ist wahrlich kein Straßenfeger.

In Essen versammeln sich unterdessen die Daheimgebliebenen in der Vereinsgaststätte „Uhlenkrug“ und warten auf den Beginn der Radioübertragung aus Kassel. Weil es im Auestadion kein Flutlicht gibt, wird die Finalpartie bereits um 13:45 Uhr angepfiffen, um genug Zeit für eine mögliche Verlängerung zu haben. Die WDR-Sendung „Sport und Musik“ beginnt jedoch erst um 15 Uhr und berichtet auch nur in Auszügen vom Endspiel, da am selben Tag auch noch einige Oberliga-West-Spiele stattfinden. Also richtet man in Kassel eine Telefonleitung ein, über die die gesamten 90 Minuten direkt zum Uhlenkrug übertragen wird.

Der ETB gilt als Favorit, da die Mannschaft um Hubert Schieth mit Hertha und dem HSV bereits zwei Hochkaräter ausgeschaltet hat, während es Neunkirchen mit Süd-Pokalsieger VfR Mannheim zu tun gehabt hatte (2:1). Zunächst läuft das Spiel ausgeglichen. Beide Mannschaften drängen auf ein frühes Tor, was die jeweiligen Abwehrreihen erfolgreich zu verhindern wissen. Der ETB hat zunächst Probleme mit der ungewohnten Ziehharmonika-Taktik der Saarländer, die ihre Spieler wie in einer frühen Raumdeckung vor und zurück bewegen. Und die Ruhrstädter haben Glück, als der Saarländer Rudi Dörrenbächer an der Latte scheitert.

Als Torjäger Manni Rummel die Schwatten dann nach 25 Minuten in Führung bringt, übernehmen die Ruhrstädter die Kontrolle, verweigert Schiedsrichter Gerhard Schulenburg einem Neunkirchner Treffer die Anerkennung, geht der ETB mit einer knappen Führung in die Pause. „Kampfkraft, Ehrgeiz, jugendliche Frische, Draufgängertum und Unerschrockenheit“, attestiert der kicker den Westdeutschen.

Keine fünf Minuten nach Wiederanpfiff erhöht Rummel auf 2:0, während Neunkirchens Verteidiger Gerd Lauck verletzt auf dem Flügel „geparkt“ werden muss und Mittelstürmer Werner Emser in die Abwehr wechselt. Nun ist Neunkirchen chancenlos, und als Theo Klöckner in der 66. Minute das 3:0 erzielt, ist die Entscheidung gefallen. Während Neunkirchen „abseits“ reklamiert, feiern die Essener Fans Klöckner mit „Theo, Theo“-Rufen. Vier Minuten später erhöht der 18-jährige Horst „Schotte“ Trimhold, von Trainer Wendlandt überraschend anstelle von Manfred Schmidt in die Startelf gestellt, sogar auf 4:0. Spielmacher Hubert Schieth hat gerade zum 5:0 getroffen, als die Essener um den herausragenden Hans Küppers einen Gang zurückschalten. „In den letzten 10 Minuten haben wir uns sogar die Frechheit erlauben können, es nur mit dem linken Fuß zu versuchen“, begründete ETB-Abwehrspieler Heinz Ingenbold später, warum die Saarländer noch auf 5:2 verkürzen konnten.

Als DFB-Spielausschussvorsitzender Hans Körfer dem Essener Kapitän „Ede“ Kasperski den Pokal überreicht, brandet ein letztes Mal Jubel auf. „Schwarz-Weiß ist eine Mannschaft mit Zukunft. Welches Tempo diese Jungen vorlegen, und wie sie ihre Tore machten!“, schwärmt Hans Körfer und meint: „Neunkirchen war zu verspielt, zu umständlich.“ Es ist der Höhepunkt in der Fußballgeschichte des Essener Turnerbundes Schwarz-Weiß. Jubelnd marschieren die Fans zurück zu ihren Omnibussen bzw. dem Bahnhof Wilhelmshöhe, singen „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ und träumen von goldenen Zeiten.

Die bleiben aus. Im Sommer 1960, keine fünf Monate nach dem „Tag, so wunderschön wie heute“, steigt der ETB erneut in die 2. Liga West ab.

ZEITSPIEL Geschichte, Band 5

176 Seiten, 17 x 24 cm, Paperback, ca. 150 Abbildungen

Edition Zeitspiel, Zeitspiel-Verlag

ISBN: 978-3-96736-015-8