KLARTEXT

Trump, die WM und eine notwendige Boykottdiskussion

Dietrich Schulze-Marmeling


(28. Januar 2026)  

  

Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hält Diskussionen über einen Boykott der WM in den USA aktuell für unangebracht. „Ich glaube, das ist gar keine große Debatte, weil wir sind – glaube ich – sehr einmütig beim DFB, dass wir diese Debatte zum jetzigen Zeitpunkt für völlig verfehlt halten.“


Wenn er sich da mal nicht täuscht …

Zugleich kritisiert Neuendorf den Vorstoß von DFB-Vizepräsident und St.-Pauli-Clubchef Oke Göttlich, der wegen des Verhaltens von Donald Trump zumindest eine Diskussion über den Boykott der Fußball-WM ins Spiel gebracht hatte. Neuendorf konterte in Richtung Göttlich: „Der Kollege ist noch nicht so lange dabei. Aber in der Regel ist es bei uns so, dass wir diese Themen so sozusagen zunächst mal in den Gremien besprechen und dann uns dazu eine Meinung bilden. Er ist jetzt leider vorgeprescht mit dem Thema“. 


In der „Frankfurter Rundschau“ kommentiert Jan Christian Müller: Was dabei herauskommen würde, hätte Göttlich zunächst die Gremien aufgesucht, könne man sich unschwer vorstellen: „Das Kollegium würde mit einiger Sicherheit gehörige Anstrengungen unternehmen, den renitenten Göttlich geräuschlos in Reih und Glied einzuordnen. So funktioniert Verbandsarbeit. Gut, dass es anders gekommen ist, gut, dass zumindest einzelne deutsche Fußballfunktionäre noch den Mut haben, öffentlich den Autokraten Donald Trump und Gianni Infantino nicht nur an der kurzen Leine brav bei Fuß zu laufen.“ 

Was hatte Göttlich gesagt? „Wir verlernen es als Organisationen und Gesellschaft gerade, Tabus und Grenzen zu setzen und Werte zu verteidigen. Tabus sind ein wesentlicher Bestandteil von Haltung. Ist das Tabu erreicht, wenn jemand droht? Ist das Tabu erreicht, wenn jemand angreift? Wenn Menschen sterben? Ich wüsste gern von Donald Trump, wo sein Tabu erreicht ist, und ich wüsste es gern von Bernd Neuendorf und von Gianni Infantino.“ Das wüsste auch ich gerne – nicht von Trump, weniger von Infantino, wohl aber vom DFB-Präsidenten. 


Der Kollege Göttlich ist vielleicht noch nicht lange in der DFB-Führung dabei, verfügt aber zumindest über so etwas wie Haltung, während sich Neuendorf zusehends zum Dackel vom Dackel macht – zum Dackel von Trumps Dackel Infantino. 


Es ist ja nicht so, dass Bernd Neuendorf eine Alternative zu einem Boykott ins Spiel bringen würde. Es muss ja kein Boykott sein, ich bin diesbezüglich selbst noch unentschlossen. Aber vom DFB-Boss kommt nicht einmal die leiseste Kritik an Trump. Dass in den USA Menschen auf offener Straße von Trumps Revolutionsgarde hingerichtet und anschließend vom Präsidenten verhöhnt werden, ist für Neuendorf kein Thema. Kein Wort zum Rassismus des US-Präsidenten, dessen imperialen Plänen gegenüber Kanada (ebenfalls Austragungsland!) und Dänemark/Grönland, der außergerichtlichen Tötung von Bootsinsassen in der Karibik, dem pauschalen Einreiseverbot von Menschen aus Ländern wie Haiti oder Iran, deren Teams an der WM teilnehmen. 

So richtig peinlich wird es, wenn Neuendorf darauf verweist, die Politik von Trump sei für den DFB „sehr schwer zu bewerten, das überlassen wir der Politik“. 


Wir haben es bei Neuendorf offenkundig mit einem politisch völlig unbeleckten Mann zu tun, der an Politik nicht interessiert ist, der beim Frühstück stets nur den Sportteil seiner Tageszeitung liest, der komplett überfordert ist, wenn er die Bilder und Nachrichten aus den USA einordnen soll. Zu Donald Trump hat Neuendorf keine Meinung, eine solche zu äußern, wäre ja auch Politik. Aber dass ein verurteilter Sexualstraftäter mit dem FIFA-Friedenspreis dekoriert wird, das findet er schon in Ordnung. 


Neuendorf ist übrigens Mitglied der SPD, war zunächst Pressesprecher des SPD-Parteivorstands, anschließend Pressesprecher des SPD-Landesverbands NRW, Landesgeschäftsführer der SPD in NRW und schließlich Staatssekretär im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes. 


Über die Verleihung des FIFA-Friedenspreises schreibt Boris Herrmann in der „Süddeutschen Zeitung“: „Hat sich der Weltfußball jemals schamloser blamiert? Vermutlich nicht. Und sehr wahrscheinlich wird es bis zum Endspiel in New Jersey so weitergehen. Es sei denn, es wehrt sich endlich jemand.“ Aber beim DFB sieht man keinen Anlass, sich zu wehren. Mensch könnte ja mal versuchen, was Jan Christian Müller vorschlägt: Die ob ihrer fußballerischen Qualität und wirtschaftlichen Kraft durchaus mächtigen europäischen WM-Teilnehmer könnten ihre Irritation über Trump-Land, bestenfalls abgestimmt mit ihren Regierungen, laut und deutlich in der Wortwahl zum Ausdruck bringen. Als demokratisches Statement, nicht als Boykottandrohung. Aber: „Stattdessen schleicht man gemeinsam auf Katzenpfoten durch den Weltfußball und demütigt sich somit lieber selbst. Ein wahrer Jammer.“ 


Niemand der Fußball-Oberen, müsste befürchten, dass er anschließend verprügelt, verhaftet oder sogar erschossen wird. Jeder US-Bürger, der aktuell auf die Straße geht und sich dem faschistischen Mob entgegenstellt, hat mehr Mumm in den Knochen, hat mehr Rückgrat als unsere Fußballfunktionäre, die nichts, ja wirklich nichts zu befürchten haben. Die Bundesregierung ruft USA-Reisende zur Vorsicht auf – und der DFB? 


Vermutlich wird jetzt wieder von der Autonomie des Sports die Rede sein, aber diese wurde von Infantino und seinem Gefolge längst suspendiert. Bei der WM hat nicht die FIFA das Sagen, sondern Trump. Infantino hat die FIFA Autokraten, Diktatoren und Faschisten ausgeliefert. Oke Göttlich: „Es sind nicht der FC St. Pauli und Oke Göttlich, die hier Politik betreiben. Die Politik wird betrieben durch Gianni Infantino und Donald Trump, die eine Propagandashow mit dem Friedenspreis schon abgezogen haben.“ 


Mag sein, dass Neuendorf und Co. noch immer nicht das Debakel von Katar überwunden haben. Die Konsequenz scheint aber zu sein, die Fehler zu wiederholen. 

In unserem Buch „Politik im Spiel – Die andere Geschichte der Nationalmannschaft“* schrieben wir: „Zweifellos hatte zum sportlichen Scheitern beigetragen, dass in die ohnehin nur kurze Vorbereitungszeit politische Themen hineingegrätschten, die die Mannschaft in ihrer ‚multiplen Diversität‘ überforderten, Bruchlinien in ihrem Gefüge erkennen ließen, den Teamgeist beeinträchtigten und die Konzentration auf den Sport beeinträchtigten. Eine Fußballmannschaft ist ein sehr komplexes Gebilde. Im deutschen WM-Kader standen Oldies wie der 36-jährige Manuel Neuer und Teenager wie der 18-jährige Youssoufa Moukoko. Es trafen sich dort gesellschaftspolitisch hochgradig interessierte und engagierte Spieler wie Leon Goretzka, Spieler mit unterschiedlichem Bildungsniveau, von unterschiedlicher Intelligenz, mit unterschiedlichem sozialem, kulturellem und religiösem Background. Ein dermaßen diverses Konstrukt politisch auf einen Nenner zu bringen, ist nahezu unmöglich. Am ehesten gelingt dies noch beim Thema Rassismus. 

(…) 

Dass es im Nationalteam manchmal tobt, dass diese Mannschaft auch ein Abbild unserer Gesellschaft und ihrer politischen, sozialen und kulturellen Widersprüche ist, wusste man bereits seit der WM-Teilnahme 2018, die von der Özil/Gündoğan/Erdogan-Debatte überschattet wurde. 

(…) 

Verantwortlich für das WM-Desaster 2022 war hauptsächlich eine Verbandsführung, die das Thema Katar viel zu lange vor sich hergeschoben hatte, die nicht für alle Eventualitäten gewappnet war und somit der Mannschaft auch nicht helfen konnte – nicht vor und nicht während des Turniers. Zwölf Jahre hatte die DFB-Führung Zeit gehabt, eine Strategie in Sachen Katar zu entwickeln. Dass sie hierzu nicht in der Lage war, war wohl auch der heftigen personellen Fluktuation an der Spitze des Verbands geschuldet, die im Zeitraum 2010 bis 2022 viermal wechselte – Interimspräsidenten nicht mitgezählt.“ 


In der Debatte um die WM in Katar bekamen die Kritiker häufig zu hören: Warum sollen Fußballverbände moralisch einen höheren Standard pflegen als die Regierungen demokratischer Länder, die ebenfalls mit Autokraten und Diktatoren kollaborieren? 


Für den „Guardian“-Journalisten Jonathan Wilson, u. a. Autor eines Klassikers über die Taktikgeschichte des Fußballs, muss die Frage anders lauten: „Warum sollen sie das nicht tun?“ Staatskunst sei „zwangsläufig ein schmutziges Geschäft“. Sie könne Kompromisse nicht vermeiden, denn der Staat habe für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen, und das bedeute, „dass er manchmal mit ziemlich verwerflichen Leuten zusammenarbeitet“. Wenn wir Lebensmittel und Energie haben wollten, wenn Konflikte vermieden und ausreichende Einnahmen erzielt werden sollten, dann müsse man „mit Staaten verhandeln, mit denen wir vielleicht lieber nichts zu tun haben wollen“. Dies sei beim Sport aber nicht der Fall. Sport könne „reiner“ sein, er könne sich „an höhere Ideale“ halten. 


Wilson weiter: „Wenn eine Regierung von der Linderung von Leiden spricht, meint sie vielleicht Armut oder Ungerechtigkeit oder jahrelange terroristische Bombardierungen; wenn Fans davon sprechen, meinen sie in der Regel Jahre, in denen sie auf Platz 14 landen.“ Es sei ein „seltsames sprachliches Versagen, dass das Wort Leiden überhaupt für das Gefühl verwendet wird, das durch schlechte Ergebnisse entsteht“. Sein Haus nicht heizen zu können oder sich ducken zu müssen, wenn die Bomber über die Schule fliegen, das sei Leiden. Inhaftiert und gefoltert zu werden, sei Leiden. Doch: „Ein paar Jahre lang keinen Pokal zu gewinnen, ist kein Leid.“ 


Wenn es lediglich um den Gewinn eines Spiels gehe und nicht um das tägliche Brot, dann „können wir wählen. Wir können nach Trophäen und Ruhm greifen, koste es, was es wolle, und dabei so sehr von Stammesdenken verblendet sein, dass wir Rassismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Unterdrückung und Elend als unglückliche Begleiterscheinungen des Aufstiegs unseres Fußballvereins ansehen – oder, schlimmer noch, versuchen, sie zu rechtfertigen. Oder wir können innehalten, registrieren, was vor sich geht, akzeptieren, dass unser Verein zu einem Akteur geworden ist, und Nein sagen. Nicht zu diesem Preis. Nicht in meinem Namen.“ 


Noch einmal Oke Göttlich: „Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden.“ 

Zum Schluss noch eine Anmerkung zur Boykott-Debatte. Boris Herrmann schreibt: „Eine Sache spricht definitiv gegen einen Boykottaufruf: Er wird nicht zu einem Boykott führen. Natürlich kicken am Ende alle 48 Mannschaften mit. Es muss trotzdem nicht sinnlos sein, solch eine Debatte jetzt laut und deutlich zu führen. Denn damit trifft man Trump an seiner empfindlichsten Stelle. Im Epizentrum seiner Eitelkeit.“ 

Auch bei Katar 2022 war uns klar, dass es nicht zum Boykott durch den DFB kommen würde. Auch sollte sie verhindern, dass vor der WM in Sachen Menschenrechtsverletzungen Friedhofsruhe einkehrt. Die Boykott-Kampagne führte zu zahlreichen Protesten in den Stadien und zahllosen Veranstaltungen, auf denen über die FIFA, Katar und die Menschenrechte diskutiert wurde. Sie hat auch jenen das Geschäft schwer gemacht, die dem Regime in Katar und der FIFA Persilscheine ausstellen wollten. 


So ein bisschen wiederholt sich die Geschichte. Auch damals kam erst Bewegung in die Sache, als der Ruf nach einem „Boykott“ die Gemeinde aufschreckte. 

* Dietrich Schulze-Marmeling / Bernd M. Beyer: Politik im Spiel – Die andere Geschichte der Nationalmannschaft, edition einwurf 2025

 

ZEITSPEL-Ausgabe #41.
United oder Divided. Die WM 2026

 Drei Austragungsländer, eine Rekordzahl an Teilnehmern, zahlreiche politische und wirtschaftliche Konfliktfelder. Was ist nur aus der WM geworden? Dabei ist Fußball eigentlich perfekt, um die Menschen miteinander zu verbinden und auszusöhnen. Dafür stehen alle drei Gastgeberländer. Unser besonderer Blick auf das WM-Turnier 2026.