KLARTEXT

Vom Wertekanon und Gräben im Fußball

Dietrich Schulze-Marmeling


(27. Januar 2026)  

  

In der „Frankfurter Rundschau“ kommentiert Jan-Christian Müller den traditionellen Neujahrsempfang der DFL u.a. wie folgt: „Dass hierzulande kollektive Überraschung herrscht, wenn die Bayern ausnahmsweise mal ein Fußballspiel verlieren – wie jetzt gegen den FC Augsburg –, spricht Bände. Bände spricht auch, dass sich der grundsolide geführte Klub Werder Bremen mühevoll zu fast sechs Prozent Zinsen 25 Millionen Euro am Anleihemarkt besorgen muss, um nicht gegen die Wand zu fahren, dass die TSG Hoffenheim dreistellige Millionen-Finanzspritzen von ‚Vadder Hopp‘ benötigt, um über die Runde zu kommen, und dass bei Eintracht Frankfurt mit seiner auf Dynamik fußenden Wachstumsstrategie und den Tipptop-Millionentransfers der Vergangenheit nicht automatisch Gewinne sprudeln wie frisches Quellwasser.“ JCM resümiert: „Die Gräben werden tiefer.“

Bleiben wir noch einen Moment bei Werder, wo die Gefahr besteht, dass grundsolides Wirtschaften im Abstieg mündet. Niemand wird dann das grundsolide Wirtschaften der Verantwortlichen honorieren. Nicht die Medien, nicht die Fans.

Nehmen wir mal an, die Verantwortlichen würden wie folgt denken und handeln: Wir vermeiden finanzielle Verwerfungen. Wir basteln an einem Kader mit Perspektive, wir befassen uns nicht nur mit der laufenden Saison, wir blicken über diese weit hinaus. Wir stärken unser LZ und unsere U21 – nicht nur mit Blick auf einen Kader mit Perspektive, sondern auch im Sinne des Schaffens von Werten. Dieser Prozess wird zwei, drei Jahre beanspruchen, bevor er finanzielle und sportliche Erträge abwirft. Möglicherweise besteht der Preis unserer Philosophie/Strategie in einem zwischenzeitlichen Abstieg, aber das nehmen wir hin. Denn auf der langen Strecke wird sie dazu führen, dass wir nicht nur solide wirtschaften, sondern auch sportlich solide dastehen.


Abstiege können ja durchaus heilsam sein. Sofern sie Luft und Raum für Entwicklungen schaffen. Und dies auch von den Verantwortlichen so gesehen und genutzt wird. Die Alternative besteht häufig in hektischen Reparaturarbeiten, die einen Verein schnell zurück in die Erfolgsspur bringen sollen – was entweder nicht gelingt, womit Kapital verbrannt wird, oder aber die grundsätzlichen Probleme nicht löst. Preußen Münster würde heute nicht in der 2. Bundesliga spielen, wäre man zunächst nicht in die 4. Liga abgestiegen – wo man dann eine Strategie verfolgte, die nicht auf die sofortige Rückkehr in die 3. Liga abzielte.

Im Film „Tom meets Zizou“ sprach Thomas Broich über die allgegenwärtige Angst in der Bundesliga – von Managern, Trainern und Spielern, die permanent um ihre Jobs fürchten.

Die Angst wird genährt durch extrem hohe Fallhöhen, bedingt durch die extremen finanziellen Unterschiede zwischen den Ligen, aber auch innerhalb einer Liga. Was Letztere betrifft, liefert Klaus Filbry die Zahlen: „In der zweiten Liga bekommt der Erste das 2,25-Fache des Letzten. In der ersten Liga ist es unter Miteinbeziehung der internationalen Erlöse ein Verhältnis von 14:1 beim Vergleich des Tabellenführers mit dem Schlusslicht.“


Angst wirkt nicht leistungsfördernd. Angst torpediert strategisches Denken und nachhaltiges Handeln. Dass die Bundesliga bzw. Deutschland in Sachen Ausbildung und Einbau junger Talente anderen europäischen Ligen bzw. Ländern hinterherhinkt, hat auch mit dieser Angst zu tun.

Befördert wird diese Angst auch durch die mediale Begleitung. Es ist erst wenige Monate her, dass der 1. FC Köln und sein Trainer Lukas Kwasniok gehyped wurden. Und Dino Toppmöller war der ideale Coach für Eintracht Frankfurt. Was ich noch nie gelesen habe: Wir haben mit unserer Beurteilung falsch gelegen … Vielleicht lag man gar nicht falsch. Aber Geduld ist nicht populär. So wenig wie eine tiefer gehende Analyse. Die mediale Maschine lebt von Entlassungen und Verpflichtungen – weniger vom puren Sport.


So wie das System Profifußball aktuell beschaffen ist, wird sich wenig ändern. DFL-Geschäftsführer Marc Lenz will das Rattenrennen zumindest zähmen. Wie soll das gelingen? Jeder Platz in der Liga wird nur einmal vergeben. Abstürze – das Nicht-Erreichen eines Platzes an den europäischen Trögen oder der Abstieg in die 2. Bundesliga, noch schlimmer in die 3. Liga – sind eine existentielle Bedrohung. Die Angst-Liga schlechthin ist die 3. Liga mit vier Absteigern und bis zu drei Aufsteigern. Das Ziel, mit dieser Liga die Ausbildung zu befördern, wurde weit verfehlt.


Ganz grob betrachtet stehen sich zwei Überlegungen gegenüber. Leute wie Oke Göttlich (St. Pauli) wollen Veränderungen im System. Aki Watzke und Co. setzen auf das Erschließen neuer Einnahmequellen: Auslandsvermarktung, ein Ende von 50+1 – eine Regel, die in der Tat nicht funktioniert, wie Klaus Filbry (Werder Bremen) korrekt konstatiert. Denn sie gilt nicht für alle.

Der Teufel steckt nicht im Detail, er steckt im System. Ein System, das sich keinerlei Form von Wertekodex leisten kann, will es überleben.

ZEITSPEL-Ausgabe #41.
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