KLARTEXT

Ein astreiner Meisterklub?

Bernd Sautter


(15. April 2024)  

 

Bayer Leverkusen ist „kein Pillen- oder Plastikclub“. In diesem Punkt darf man Bayer-Geschäftsführer Fernando Carro recht geben. Carro sieht sein Fußball-Fililalunternehmen längst angekommen in der Regie der deutschen Traditionsvereine.

Und irgendwie stimmt das auch. Bayer Leverkusen ist der traditionellste aller Systemfeinde. Das Management von Bayer 04 arbeitet mit einer ungeheuer perfiden Zersetzungsstrategie. Man nennt sie den langsamen Tod. Als Fans spüren wir ihn kaum. Die Anti-Sympathen von der vergifteten Rheinaue legen es darauf an, dass ihnen einflussreiche Fußball-Funktionäre von Zeit zu Zeit einen kleinen Finger reichen. Worauf sie schnell nach der ganzen Hand greifen. 

 

So geschehen 1987 als der DFB mittels § 15 Werbung in Vereinsnamen verbot – und dabei für Leverkusen als Betriebssportverein eine Ausnahme gestattete. Heute darf man feststellen: Der unsägliche Chemiekonzern ist das einzige astreine Markenteam im europäischen Fußball. Nicht einmal die Österreicher haben das so gut hinbekommen. Der kommunikative Mehrwert, der daraus entsteht, ist zweifellos der Hauptantrieb für die großzügigen Finanzspritzen des Mutterkonzerns – und der damit verbundenen Wettbewerbsverzerrung in der Bundesliga.

Am Rande bemerkt: Die Umbenennung in Bayer Leverkusen geht zurück auf das Jahr 1935. Seit Hakenkreuz-Zeit führt der Verein das Bayer-Kreuz im Briefkopf. Es hätte selbst im Jahr 1987 allen Grund gegeben, das verlogene Konstrukt in FV 04 Leverkusen zurück zu benennen. Aber Bayer bekam eine Extrawurst gebraten. Warum auch immer. 

 

Die nächste Extrawurst ist hinlänglich bekannt. Der Ausnahmeverein bekam im Jahr 1992 eine weitere Ausnahme gestattet: von der 50+1-Regel. Seit einigen Jahren verhöhnt das Club-Marketing die Liga, in dem es sich als Werkself bezeichnet. 


Fernando Carro geht das nicht weit genug. Jetzt plärrt er, man solle gefälligst die gesamte Regel abschaffen. Danke für nichts. Die DFL hat bei ihrer Dezember-Abstimmung über den Investoren-Deal gezeigt, wie man mit der Regel umgehen sollte: einfach geheim abstimmen, ob sich in Zukunft alle 36 Profivereine verbindlich an Sinn und Zweck von 50+1 zu halten haben. Bei Zweidrittelmehrheit geht’s an die Umsetzung. Im Klartext: Die Konsequenzen aus der Abstimmung sind dann kein Problem der DFL. Sondern eins von Bayer Leverkusen. Das Konstrukt muss sich verändern, übrigens inklusive Vereinsnamen. 

 

Willkommener Nebeneffekt: Die Maßnahme verbessert die Auslandsvermarktung deutlich. Schließlich wird die Attraktivität der Liga seit Jahrzehnten von einem Spitzenklub beeinträchtigt, der nur existiert, weil er eine international berüchtigte Giftschleuder salonfähig macht. Der Großkonzern steht nicht erst seit dem Monsanto-Deal in der Kritik, bei dem sich Bayer das verheerende Giftmittel Glyphosat einverleibt hat. Der Verein Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V (CBG) zählt eine lange Liste an Problemfeldern auf, darunter unendlich viele Störfälle, unzählige Schadenersatzklagen, systematisches Lobbying, die Weigerung zum Abbau von CO2-Emissionen und vieles mehr.

Zuletzt berichtet die Initiative von der Teilnahme des langjährigen Bayer-Chefjuristen und langjährigen AfD-Mitglied Roland Hartwig am berüchtigten Geheimtreffen der Rechtsextremen in Potsdam. In Axel Köhler-Schnura vom CBG: „Faschismus ist ein politisches Konzept der Konzerne. Das wird nicht nur, aber eben immer wieder bei Bayer deutlich. In Person des Chefs und Hitler-Förderers Carl Duisberg in den 1920er und 1930er Jahren bis zum Ex-Bayer-Chefjuristen Roland Hartwig“. 

 

In normalen Traditionsvereinen werden alle Skandale der Geldgeber von kritischen Fans aufgegriffen – und ausführlich thematisiert. In Leverkusen undenkbar. Wir müssen nicht nach Saudi-Arabien zeigen, wenn wir die Kulturzerstörer vor der eigenen Haustür verschonen. Eigentlich höchste Zeit für eine wirkungsvolle Anti-Bayer-Initiative – auch im Fußball. Schließlich hat Fernando Carro Recht: Bayer ist niemals ein harmloser Pillenclub. Eher ein astreiner Giftclub mit besonders verheerender Wirkung.

ZEITSPEL-Ausgabe #34.
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