ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt: Der Fußball nach Corona

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ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt:
Der Fußball nach Corona

Von Tim Frohwein, Hardy Grüne, Holger Höck und Jonas Schulte

Nichts ist klar, und doch scheint eins gewiss: Nach Corona dürfte vieles nicht mehr sein wie vor Corona. Auch und gerade im Profifußball, der gegenwärtig kein allzu überzeugendes Bild abgibt. Ob die Blase tatsächlich platzt – oder möglicherweise schon zerplatzt ist – kann zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht seriös beantwortet werden. Klar ist aber: Sollte es dazu kommen, muss das nichts Schlimmes sein. Und es wäre ganz sicher nicht das Ende der Welt, sondern maximal das Ende einer vertrauten Welt. Einer Welt, die offenkundig ziemlich auf Sand gebaut ist und die nach Corona mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin anders aussehen wird.

Wir wollen in die Glaskugel schauen. Noch ist zwar alles ziemlich vernebelt, doch sicher ist: Wir befinden uns in einer historischen Situation. In der „ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt: Der Fußball nach Corona“ wollen wir Gedanken sammeln und analysieren, welche Szenarien es für den Fußball auf seinen unterschiedlichen Ebenen gibt. Als Vorbild dient uns ein Projekt des „Zukunftsinstitut“ Frankfurt, das vier Szenarien für die Welt nach Corona entwickelt hat.

Schon vor Corona wurden teils schlaue Gedanken über das mögliche/nahende Ende des Fußballbooms geäußert. Alle hatten zentral mit Geld zu tun, denn dass die Entwicklung nicht dauerhaft derart dynamisch weitergehen konnte, war klar. Nun hat die Pandemie für einen Stopp gesorgt, der brutaler ausfällt, als irgendjemand sich das hat vorstellen können. Ein weltweiter Stillstand des gesamten Fußballspielbetriebes war schlicht undenkbar. In dieser Einzigartigkeit steckt womöglich eine Chance. Denn der Stillstand betrifft ja alle globalen (Fußball-)Märkte und legt nicht nur den Spielbetrieb lahm, sondern auch das Geldsystem. Entscheidende Parameter, die den Profifußball in den letzten Jahren signifikant angetrieben und nicht zur Ruhe haben kommen lassen, liegen brach, und selbst einem Neymar dürfte es aktuell schwerfallen, Vereine gegeneinander auszuspielen. Wohin die Reise für die großen Medienplayer wie Sky oder DAZN – die zentralen Finanzierer des Booms/der Blase – beispielsweise hingeht, ist offen, zumal sich abzeichnet, dass Amazon einer der großen Profiteure der Krise ist und zu einem noch größeren Schwergewicht aufsteigen wird. Zur Erinnerung: Ab 2021/22 zeigt Amazon die Champions League im Livestream.

Hinzu kommt: Die Corona-Krise trifft den Fußball mitten in einer System-Krise, die schon seit geraumer Zeit zu spüren war. Nun droht der durch den Stillstand heißgelaufene Profifußball in Rekordzeit zu explodieren, weil kein Brennstoff (Geld) nachgeschoben wird. In Frankreich hat Canal+ bereits angekündigt, die fällige April-Rate nicht zu zahlen, weil keine Spiele gezeigt werden. In Deutschland droht einem Drittel der Profiklubs die Insolvenz noch in diesem Jahr, in England fürchtet man eine gigantische Rückzahlung aufgrund der ausgefallenen Übertragungen.

Dass das Geschäftsmodell Profifußball fragil ist, ist ein alter Hut – dazu siehe Hardy Grünes „Klartext“ in der aktuellen „Zeitspiel“-Ausgabe #18, die in der aufkommenden Pandemie entstand. Wie kaputt dieser obszön aufgeblähte Markt, dessen volkswirtschaftlicher Wert in Krisenzeiten wie diesen nachrangig ist, tatsächlich ist, zeigt sich nun mit ernüchternder Klarheit. So haben in England mehrere Klubs der Premier League Kurzarbeitergeld für ihre nichtfußballspielenden Angestellten beantragt, während die Spieler sogar auf Bitten bislang nicht bereit waren, ihre Saläre zu reduzieren. Begründet wurde dies mit ihren Steuerzahlungen, die dem Staat dann verloren gingen. Das klingt ein bisschen nach einer Geschichte aus dem Satiremagazin Postillion. Von den milliardenschweren Klubbesitzern hört man in Sachen „Lösung der Krise“ übrigens nichts. Ebenso wenig wie von Investmentbankern – der englische Politiker und Brexitvorkämpfer Jacob Rees-Mog wirbt mit seinem Unternehmen sogar mit „Chancen“, die der Markt gerade bietet.

In Deutschland sind laut einer McKinsey-Studie von 2015 110.000 Vollzeitjobs mit dem Profifußball verbunden. Das ist eine ordentliche Zahl, zumal darunter lediglich rund 1.000 Profis sind, der Rest also als „normale“ Arbeitnehmer in Lohn und Brot steht. Zugleich sind 110.000 Arbeitsplätze im Verhältnis zu den Summen, die im Profifußball kursieren, vergleichsweise wenige, und eine Systemrelevanz lässt sich daraus sicher nicht ableiten. Zum Vergleich: Im durch Corona schwer getroffenen Blumenhandel stehen gegenwärtig 150.000 Arbeitsplätze zur Disposition. Angesichts der existenziellen Situation in vielen Gewerbezweigen sind die Probleme im Profifußball zudem Luxussorgen. Denn im Gegensatz zu Kneipen, Cafés, Theatern und Veranstaltern steckt im Profifußball genügend Geld, um die aktuellen Herausforderungen alleine bewältigen zu können – es ist lediglich eine Verteilungsfrage. Das gilt selbst dann, wenn, wie von DFL-Chef Christian Seibert orakelt, im schlimmsten Falle nur noch acht Profiklubs in der Lage sein werden, nach Corona weiterzumachen. Denn das muss ja nicht zwangsläufig bedeuten, dass die Bundesliga tatsächlich nur noch mit acht Mannschaften spielt. Man könnte ja auch an der anderen Seite der Geldschraube drehen und es den finanziell überforderten Klubs in einem beruhigten Markt ermöglichen, weiterzuspielen.

Man ahnt, dass dieser Bruch ein tiefer, ein nachhaltiger sein wird. Zumal im Profifußball Faktoren hinzukommen, die, für sich genommen, marginal wirken, in ihrer Bündelung aber fatale Kräfte entwickeln. Die wachsende Konkurrenz durch andere Sportdisziplinen und Freizeitbeschäftigungen beispielsweise, die dem Fußball schon seit geraumer Zeit vor allem die Zielgruppe Jugend streitig macht. Beim DFB gab es in den letzten fünf Jahren einen Rückgang von etwa neun Prozent Aktiver im Jugendbereich. Dann die vor Jahren einsetzende Abwendung langjähriger Fans angesichts des wirtschaftlichen Overkills mit verengtem Terminplan, exorbitanten Gehältern, einer drastisch auseinandergehenden Schere sowie dem tumben Gefühl, ohnehin nur noch Melkkuh zu sein. Ersetzt wurden sie durch ein Eventpublikum, das einerseits ausgabefreudig ist, dessen Treue andererseits nicht mit der alter Fangenerationen vergleichbar ist. In einer sich wandelnden Freizeitgesellschaft müssen sich Profiklubs perspektivisch wohl auf einen Rückgang der Dauerkartenverkäufe einstellen, der nur bedingt durch den Verkauf von Tagestickets ausgeglichen wird. Und möglicherweise zeigt der gegenwärtige Lockdown dem einen oder anderen regelmäßigen Stadiongänger oder Sky-Abonnenten sogar, dass Fußball zwar ganz nett ist, so ein Wochenende aber auch noch andere Möglichkeiten der Freizeitgestaltung bietet. Das Fußball-Zwangsfasten könnte vor allem für jene, die ohnehin schon mit dem Gedanken an einen Abschied vom Fußball spielten, der Kick zum Absprung sein.

Der Fußballmarkt ist allerdings ein spezieller. Wie im Kulturbereich gibt es gegenwärtig überall Appelle auf Rückzahlungsverzicht nicht nutzbarer Eintrittskarten, Aufrufe zu Hamsterkäufen in den Fanshops und Spendenaktionen – mit dem Unterschied, dass es im Vergleich zum ohnehin oft prekären Kultursektor um millionenschwere Unternehmen geht. Unser Fußballklub ist gefühlt eben kein Unternehmen, sondern die Verlängerung der eigenen Identität. Mein Klub bin ich, ich bin mein Klub. Kritische Geister, die dieses System hinterfragen, werden abgebügelt. Aber müssen Fans den Profiklubs jetzt wirklich finanziell helfen? Jan-Hendrik Gruszecki, Fan von Borussia Dortmund, drückte sich kürzlich im „Sportstudio“ ebenso knapp wie deutlich aus: Nö, müssen sie nicht! Nicht, solange die Spieler und andere Profiteure einen erheblichen Beitrag zur Rettung geleistet haben. Dass in derselben Sendung Rouven Schröder, einer der ruhigen und gemäßigten Vertreter der Zunft und von einem Klub kommend, der wahrlich nicht zur Geldelite zählt (Mainz 05), daraufhin vor Populismus warnte, ist entlarvend. Ebenso wie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die entrüstet feststellte, die Fans müssen doch jetzt erst recht für die Vereine da sein.

Wir tun so, als sei der BVB eine selbstlose Solidargemeinschaft, die zerbricht, wenn jetzt nicht alle mal fix ein paar Euro beisteuern. In Dortmund ist es übrigens so, dass die Spieler auf 20 Prozent ihrer Bezüge verzichten (Vorschlag des Vereins, nicht der Spieler) und Marketingchef Cramer per Videobotschaft die Fans aufgefordert hat, Gelder zu spenden, damit den Angestellten des Vereins nicht gekündigt werden muss. Das hat dann tatsächlich für einen Aufruhr langjähriger Dauerkarteninhaber gesorgt, die es nicht fassen konnten. Dazu siehe auch der Kommentar „Geisterfahrer“ auf dem BVB-Blog Schwatzgelb.

Nichts ist klar, und doch scheint eins gewiss: Nach Corona dürfte vieles nicht mehr sein wie vor Corona. Wird der Profifußball nach Corona ein noch mehr zugespitzter Markt sein, in dem die Großen noch größer sind und die finanziellen Profiteure der Krise noch mächtiger? Oder werden Spieler und Berater durch die Verschiebungen auf den Finanzmärkten und vor allem der existenzbedrohenden Lage für den Mittelstand dauerhaft Einbußen hinnehmen müssen, kann Profifußball also zurück in die Mitte des Volkes rücken? Fällt 50+1, wie verändert sich die Medienlandschaft? Was passiert mit der 3. Liga, in der aktuell das größte Risiko eines kollektiven Crash auszumachen ist, wie überleben Regional- und Oberligisten – bzw. überleben sie überhaupt? Was tut ein Kreisligist, um Corona zu überstehen, gibt es unterschiedliche Herausforderungen für Stadt- und Landvereine, was können „kleine“ Klubs jetzt unternehmen, um die zu erwartende Lust auf Gemeinschaft und Erlebnis nach dem Lockdown auf ihren Sportplatz zu locken und damit den vermutlichen zeitlichen Vorsprung zum Profifußball, der auf absehbare Zeit nur im TV zu sehen sein wird, zu nutzen? Was bedeutet die Krise für die Bezahlkultur bis auf Kreisebene, wie präsentieren sich die Verbände als Krisenmanager?

Wir wollen es wissen. Gemeinsam mit euch wollen wir spekulieren und schauen, welche Möglichkeiten sich dem Fußball bieten. In der „ZEITSPIEL-Zukunftswerkstatt: Der Fußball nach Corona“, zu der wir euch einladen. Denn die gegenwärtige Situation ist so ungewiss und bedrohlich wie einzigartig. Bereiten wir uns auf die Zukunft vor. Und gestalten sie im Idealfall mit.

In den nächsten Wochen präsentieren wir Euch via Facebook, Twitter, Instagram und hier auf unserer Website regelmäßig Thesen, die wir zur Diskussion stellen. Kommentiert direkt auf der Plattform, sendet Eure Gedanken an zukunft(at)zeitspiel-magazin.de, schickt uns Eure Thesen. Wir sammeln alles, bereiten es auf und werten es für unsere Ausgabe #19 (erscheint im Juni) aus. Und nun auf in die Zukunft!

Beginnen möchten wir mit einer These unseres Mitherausgebers Hardy Grüne, der glaubt:

Erläuterung: Im Profibereich kommt es zu einer Schrumpfung des Marktes. Die Macht konzentriert sich noch stärker in den Händen einiger weniger großer Player – „Wer hat, dem wird gegeben“ (Matthäus-Effekt).

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Handel. Zu unserem Shop geht es hier.

2 Kommentare

  1. Das wird warscheinlich passieren. Nur wenn der Fussball noch weiter planbar,keine Überraschung mehr, wird, werden sich wohl viele Leute abwenden. Aber mittlerweile stellt man auch in den Chefetagen fest das man nicht Systemrelevant ist.
    Mich würde es persönlich nicht stören wenn die Blase Platzt.
    Ich bin seit 50 Jahren Fan eines mittlerweile in der Regionalliga angekommenen Vereins.

  2. Hallo zusammen,

    ich habe mir auch mal so ein paar Gedanken zur aktuellen Situation gemacht und kurz zusammengefasst, was ich mir nach Corona wünsche.

    Viel Spaße beim Lesen unter https://nummervierzehn.blogspot.com/

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