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Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

ZEITSPIEL Zeitreise: Werder Bremens „Texas-Elf“

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ZEITSPIEL Zeitreise Die „Texas-Elf“ von Werder Bremen

texas-elfAnno 1948 war der Fußball zwar schon Volkssport, aber noch nicht annähernd in dem Maße von der Werbung eingenommen wie heute. Selbst die führenden Vereine umgab eine fast naiv anmutende Aura, und die Strukturen waren vergleichsweise rudimentär.

Doch es gab bereits vereinzelt aufgeweckte Geister, die den Fußball aus seiner Unschuld herausreißen und ihn sowohl für Werbezwecke benutzen als auch die Werbewirksamkeit für den Fußball nutzen wollten.

Einer der Vorreiter war der SV Werder Bremen in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Bremen war seinerzeit noch so etwas wie „Fußballprovinz“. Mit dem BSV und dem SV Werder verfügte die Stadt zwar über zwei erstklassige Fußballteams, großartige Erfolge hatte aber keines der beiden errungen. Einer wollte das ändern: Albert, genannt „Abbi“, Drewes. Bereits 1924 zu den Grün-Weißen gekommen, hatte Drewes seit den 1930er gemeinsam mit dem damaligen neuen Vorsitzenden Fritz Schlotte so ziemlich alles beim SV Werder umgekrempelt. 1933 war er unter dem neuen Vorsitzenden Willy Stöver zum Ligaobmann geworden – heute würde man von einem „Manager“ sprechen. Stöver und Ries hatten seinerzeit ein hehres Ziel ausgegeben: „Bremen muss endlich Fußballstadt von Rang werden und mit dem SV Werder aus der Beengtheit eines bisher fast nur provinziellen sportlichen Lebens heraustreten“. Zur Verwirklichung dieses Ziels hatte Obmann Drewes („nur mit Bremer Spielern schaffen wir es nicht“) weit über den Tellerrand hinausgedacht und mit Walter Ritter den Juniorchef der Bremer Tabakfabrik Martin Brinkmann AG ins Boot geholt. Werders Weg hatte anschließend unwiderstehlich nach oben geführt, als der Zweite Weltkrieg begann und das Bremer Fußballhoch abrupt beendete.

Nach Kriegsende kramte man an der Weser die alten Pläne wieder aus den Schubladen. Mit dabei war nun auch ein 30-jähriger Pferdehändler aus der vor den Toren Bremen gelegenen Kleinstadt Syke: Hans-Egon „Hansi“ Wolff. Als Geschäftsführer sollte sich Wolff in den folgenden Jahren durch außerordentliches Verhandlungsgeschick und Durchsetzungsvermögen den respektvollen Beinamen „Hansi Werder vom SV Wolff“ erwerben und bemerkenswerte 30 Jahre im Amt bleiben.

Das neue Werder-Führungsduo Drewes/Wolff setzte auf eine stringente Professionalisierung. Mit Eduard Schilling („Kaffee-Schilling“), Wilhelm Scharnow („Reisebüro Scharnow“) und Wolfgang Ritter („Martin Brinkmann AG“) begeisterte man zudem drei potente Geldgeber für seine Ideen, die nicht nur die nötigen Finanzmittel stellten sondern vor allem moderne Marketingmethoden im Gepäck hatten. Ritter beispielsweise hatte in den 1930er Jahren in den USA Marketing studiert und wandte sein Wissen nun auch im Fußball an.

Geschickt verband Ritter die Werbewirksamkeit des SV Werder mit den Produkten seiner Martin Brinkmann AG. Die führte seinerzeit eine neue Zigarettenmarke namens „Texas“ ein und betrieb dafür einen enormen Werbaufwand. „Texas – die Zigarette, die einem etwas sagt“, lautetet der vielzitierte Slogan. Und weil gleichzeitig neun Spieler des Oberligakaders des SV Werder Bremen bei der Martin Brinkmann AG in Lohn und Brot standen – ob nun nur pro forma oder tatsächlich arbeitend, war die Gretchenfrage, auf die niemand wirklich eine Antwort suchte -, knüpfte man eine Verbindung und taufte die Werder-Mannschaft „Texas-Elf“.

Wie die umworbene Zigarette war auch die Mannschaft eine völlig neue Kreation und bestand überwiegend aus auswärtigen Kräften, die vermutlich nicht nur der guten Luft wegen nach Bremen gewechselt waren. Mit Mittelstürmer Horst Gernhardt, Kurt Wunderlich und Heinz Rath waren beispielsweise gleich drei Akteure aus dem zur späteren DDR gehörenden Saalfeld in Thüringen gekommen – und es war wohl kein Zufall, dass Werders 2. Vorsitzender „Fidi“ Düring während des Krieges ausgerechnet dort stationiert gewesen war. Torhüter Karl-Heinz Höger stammte aus Dessau und hatte während des Krieges für den Luftwaffensportverein Hamburg gespielt. Und sein 1948 kommender Nachfolger Dragomir Ilic stammte sogar aus Jugoslawien.

Der erhoffte sportliche Durchbruch der „Texas-Elf“ blieb jedoch aus. 1948/49 spielte der SV Werder sogar zum bis heute letzen Mal selbst lokal nur die zweite Geige: während Stadtrivale BSV Fünfter wurde, landeten die Texas-Fußballer auf Rang acht. Anfang der 1950er Jahre war der Zauber dann vollends verflogen. Auf Protest des Betriebsrates musste die Martin Brinkmann AG ihre Aktivitäten beim SV Werder deutlich herunterschrauben, und weil Texas inzwischen eine bekannte Marke war, fiel dem Tabakproduzenten der Rückzug wohl auch nicht allzu schwer. (Hardy Grüne)

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