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ZEITSPIEL Zeitreise – vor 60 Jahren: Stade Reims im ersten Europapokal-Endspiel

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wappen_reims_alt.svgHeute vor 60 Jahren standen sich in Paris der französische Meister Stade de Reims und Spaniens Titelträger Real Madrid im ersten Endspiel um den Europapokal der Landesmeister gegenüber. In einem laut zeitgenössischen Berichten „mitreißenden, dramatischen und absolut hochklassigen Spiel“ unterlagen die Franzosen nach zwischenzeitlicher 2:0- bzw. 3:2-Führung schlussendlich mit 3:4. Heute ist Stade Reims einer der legendärsten Klubs Frankreichs und wird als „Mythos“ bezeichnet.

In unserem aktuellen Heft (Ausgabe 4) hat sich Olaf Wuttke im Rahmen des Schwerpunkts „Le Foot – Frankreich Spécial“ mit dem „Mythos“ der Rémois beschäftigt. Nachstehend der komplette Artikel aus dem Heft. Stade Reims ist übrigens am Saisonende aus der League 1 abgestiegen und spielt 2016/17 in der L2.

Stade Reims und AS Saint-Étienne:  „L’amour fou – es kann nur pure Liebe sein“

Die heutzutage in Deutschland bekanntesten französischen Vereine sind zugleich diejenigen, die auch jenseits des Rheins zu den populärsten zählen – also an erster Stelle Olympique Marseille, aber auch Olympique Lyon, Paris Saint-Germain sowie die „Ausländer“ der AS Monaco, die bei Umfragen stets ganz vorne landen. Diese Beliebtheit hängt zweifellos vor allem mit ihren Erfolgen in jüngerer und jüngster Zeit, aber auch mit dem täglichen Medien-Ballyhoo rund um dortige Superstars, astronomische Saisonbudgets und tatsächliche oder vermeintliche Affär(ch)en zusammen.

Diese Phalanx der „Großen“ wird durch zwei Klubs angereichert, deren beste Zeit nahezu in grauer Vorzeit liegt: Das sind die Rot-Weißen von Stade de Reims und die Grünen der Association Sportive de Saint-Étienne, kurz auch SdR bzw. ASSE (oder Sainté bzw. les verts). Über kaum einen anderen Verein sind so zahlreiche Bücher geschrieben und verkauft worden wie über das Duo, und die Presse versteigt sich auch im 21. Jahrhundert noch zu wahren Hymnen, um beider Bedeutung zu beschreiben. Reims’ Wiederaufstieg in die 1. Liga 1970 beispielsweise wurde lyrisch als „Rückgabe des schönsten Ausstellungsstückes an das Museum des französischen Fußballs“ bezeichnet, und 2012 titelten „Le Monde“ („Ein Mythos stirbt niemals“) wie „France Football“ („Es gibt mythische Klubs und andere, die das nicht sind“) fast im Gleichklang, als den zwischenzeitlich böse abgestürzten Remois die abermalige Rückkehr ins Oberhaus gelang. Probleme in diesen Klubs mit Legendenstatus füllen regelmäßig auch die Leserbriefseiten im gesamten Land.

Zwei Provinzsstädte mit starken Firmen

Mit ihrer aktuellen Spielstärke ist diese frankreichweite Zuneigung nicht zu erklären: Anfang April 2016 weist die ASSE 32 Punkte Rückstand auf den Tabellenführer auf, schwebt Reims als 17. sogar in akuter Abstiegsgefahr. Da die letzten Meisterschaften bereits 54 (Reims) bzw. 35 (Saint-Étienne) Jahre zurückliegen, nimmt die Zahl der Franzosen, die eines dieser großen Teams noch mit eigenen Augen haben spielen sehen, naturgemäß stetig ab. Es muss also etwas anderes sein, was das Duo verkörpert.

Als erstes wäre da sicher die Tatsache zu nennen, dass Reims und Saint-Étienne die ersten französischen Klubs waren, die Europapokalendspiele erreichten (und dann verloren): die Rot-Weißen 1956 und 1959 gegen Real Madrid, die Grünen 1976 gegen Bayern München. Reims hatte 1953 immerhin die Coupe Latine gegen den AC Mai-land, Sporting Lissabon und FC Valencia gewonnen.

Als zweites rationales Argument kann die Zahl nationaler Trophäen dienen: ASSE hat es auf zehn Meistertitel – niemand in Frankreich hat mehr – und sechs Pokalsiege gebracht, SdR auf sechs Meisterschaften und zwei Coupes.

Drittens ist speziell mit Reims ein erster Höhepunkt der Nationalelf untrennbar verbunden, nämlich Platz drei bei der WM 1958. „L’Équipe“ schrieb damals „Die Mannschaften von Reims und Frankreich sind eins.“

Zudem weisen die Klubs einige frappierende Gemeinsamkeiten auf: Beide kommen aus innerfranzösischen Provinzstädten mit deutlich unter 200.000 Einwohnern, beide sind aus Betriebssportvereinen hervorgegangen (Reims aus der Société Sportive du Parc Pommery, einer Sektkellerei; Saint-Étienne aus der Amicale de la Société Casino, einer Supermarktkette). Und bei beiden wirkte zeitweise der „beste Erstligatrainer seit 1932“ („France Football“, 2013) bzw. „zweitbeste französische Trainer des Jahrhunderts“ („L’Équipe“, 2000) Albert Batteux, dem sie zusammen acht Meistertitel verdanken. Mit beiden Klubs verbindet man schließlich aber auch finstere Seiten (SdR 1970 und 1999 verbandsseitig unterstützte Aufstiege trotz fehlender sportlicher Qualifikation, ASSE Schwarzgeld- und Passfälschungsaffären in den 1980/1990ern).

Französischer „Kulturbesitz“

Aber all dies erklärt nur unzulänglich das anhaltende breite Interesse an zwei Vereinen, die zudem markante Unterschiede aufweisen. So blickt Saint-Étienne auf 63 offizielle Erstligasaisons zurück – Reims lediglich auf 33. Der längste ununterbrochene Zeitraum in der Unterklassigkeit betrug bei der ASSE sechs (1932–1938), bei Stade hingegen 33 Spielzeiten (1979–2012).

Völlig gegensätzlich ist auch die Atmosphäre auf den Stadionrängen: Während das Stade Geoffroy-Guichard in Saint-Étienne anschaulich „le chaudron“ („Hexenkessel“) genannt wird, zeichnet sich das Stade Auguste-Delaune der Remois durch große Zurückhaltung, häufig sogar regelrechtes Desinteresse des Publikums aus. Das führte schon in den 1950er-Jahren dazu, dass Reims seine Europapokal-Heimspiele und viele internationale Freundschaftspartien im 130 Kilometer entfernten, bestens besuchten Pariser Parc des Princes austrug. Auch die ASSE ließ sich übrigens nach ihrer Rückkehr vom Landesmeisterfinale 1976 zunächst auf den Champs-Élysées feiern – so wurden beide Klubs in der Hauptstadt zum Identifikationsobjekt und zum „Kulturbesitz“ aller Franzosen.

Selbst bezüglich ihrer Frauenfußballerinnen unterscheiden sich der Verein aus dem Zentrum der Champagnerproduktion und derjenige aus der alten Schwerindustriestadt. Reims gewann ab 1974 sechs Landesmeistertitel und gilt heute als erste französische Hochburg des modernen Frauenfußballs nach dem Zweiten Weltkrieg, während Sainté lediglich einen Landespokaltitel (2011) vorzuweisen hat.

Phänomen Vereinsliebe

1992 sah sich das insolvente Stade Reims gezwungen, seine 494 Einzelstücke umfassende Trophäensammlung für läppische 200.000 DM an den fußballbegeisterten Unternehmer Alain Afflelou („Frankreichs Fielmann“) zu verkaufen. Dies rief einen landesweiten Proteststurm hervor, der 1997 zur Rückgabe der Sammlung an den Klub führte – einer „quasi-religiösen Restitution“, wie „L’Équipe“ diesen Vorgang charakterisierte.

Tatsächlich wies aber auch der französische Fußball schon in der Frühzeit etliche Schatten auf, die mancher gerne erst der neuesten Zeit unterschiebt: breite Missachtung des Amateurismus spätestens nach dem Ersten Weltkrieg, „Ergebniskauf“ in der Profiliga (erstmals 1932/33 durch Olympique Antibes), Knebelverträge für Spieler, die sich bis 1969 zu Recht als „Sklaven der Vereine“ fühlten, oder Konkurse nebst merkwürdigen Lizenzverkäufen (Toulouse FC an Red Star 1967).

Und so ist das Phänomen der ewigen Vereinsliebe, ja, der Mystifikation sowohl von SdR als auch von ASSE ohne Rückgriff auf die oft irrationalen Aspekte der Beziehung von Menschen zum „heimeligen Rundledersport von damals“ gegenüber dem „kalten, fremdgesteuerten Professionalismus heute“ und einer gewissen nostalgische Verklärung der Vergangenheit als „sauber und authentisch“ nicht erklärbar. Hinzu kommen eine nachträglich Charismatisierung der Akteure, die gelebte Vereinstreue von Spielern wie Raymond Kopa oder Robert Jonquet in Reims und Rachid Mekhloufi bzw. Robert Herbin in Saint-Étienne sowie personelle Kontinuität auf den Trainerbänken wie in den Führungsetagen. Es ist vielleicht am Prägnantesten mit „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ausgedrückt. (Olaf Wuttke)

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