ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Zeitspiel-Zeitreise: Bundesliga-Fußball an Silvester 1965

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Zum Jahresabschluss 2017 noch ein kleines Zeitspiel-Bonmot vom 31. Dezember 1965. Kommt gut rüber, bleibt uns gewogen und lasst uns auch 2018 wieder gemeinsam mit der Zeit spielen!

Frank und Hardy

 

Das Wappen des SC Tasmania 1900

Bundesliga-Fußball an Silvester? Heute wohl unvorstellbar! Nicht so in der Saison 1965/66, als es im Berliner Olympiastadion zum bislang einzigen Sylvesterduell in der Bundesligageschichte kam. Es standen sich gegenüber Verlegenheitserstligist Tasmania 1900 Berlin und Eintracht Braunschweig.

Der Spielplanmacher hatte die Partie eigentlich für den 4. Dezember vorgesehen gehabt. Doch das schlechte Wetter sorgte für eine Absage, und auf der Suche nach einem Nachholtermin stieß man auf den letzten Tag des Jahres. Ein ungewöhnlicher Termin, der erstaunlicherweise weder auf der einen noch auf der anderen Seite Proteste hervorrief.

Im Gegenteil. Die Braunschweiger Eintracht setzte sowohl für den heiligen Abend 1965 als auch für den Zweiten Weihnachtstag sogar zusätzliche Trainingseinheiten an, um für das Duell beim bereits abgeschlagenen Schlusslicht gerüstet zu sein. Braunschweigs Trainer Helmuth Johannsen strebte in Berlin den ersten Auswärtssieg der Saison an und zeigte sich optimistisch: „Ein Ziel, das wir bis Abschluss der ersten Halbserie noch schaffen wollen“.

Bei Tasmania hingegen ging es unterdessen hoch her. Das lag allerdings nicht an dem ungewöhnlichen Anstoßtermin. Statt dessen befand sich der in der Sommerpause für die Berliner Skandalnudel Hertha BSC nachgerückte Klub mitten in einem regelrechten Zerreißprozess. Nachdem die Spieler Neumann, Peschke, Posinski und Talaszus kurz vor Weihnachten öffentlich über Vereinsboss Harry Michel gelästert hatten, waren sie vereinsintern gesperrt worden. Das vergrößerte die Sorgen von Trainer Heinz-Ludwig Schmidt noch, der im November Franz Linken abgelöst hatte und sich mit seiner Mannschaft nach nur 16 Spielen mit kargen drei Punkten weit abgeschlagen am Tabellenende der Bundesliga befand.

Über das Zuschauerinteresse am letzten Tag des Jahres gab man sich in Berlin keinerlei Illusionen hin. Tasmania desaströse sportliche Bilanz hatte die Lust der Berliner auf den Verlegenheitsbundesligisten stark eingeschränkt. Schon zum Duell mit Altmeister Schalke 04 waren lediglich 3.950 Zahlende gekommen – und das hatte an einem gewöhnlichen Samstag stattgefunden! Die meisten Fans würden sich wohl um die Vorbereitungen ihrer Silvesterparty kümmern, statt Tasmania die Daumen zu drücken.

Und so kam es dann auch. Wohlwollend 3.000 waren es, die um 14 Uhr auf den Rängen der gewaltigen 90.000-Plätze Arena gezählt wurden. „Die Presse, Polizei, Angehörige der Berliner Spieler und sonstige Freikartenbesitzer freilich mitgezählt“, kommentierte das „Sport-Magazin“ gallig.

Erstaunlicherweise ist die Erinnerung an das erste und vermutlich auch letzte Silvester-Bundesligaspiel der Geschichte bei den Beteiligten ziemlich verblasst. „Das kann ich nicht glauben. Ich habe auch viele ehemalige Kollegen verrückt gemacht, aber keiner kann sich daran erinnern“, erklärte Tas-Mittelfeldspieler Klaus Konieczka auf Nachfrage, während sich Braunschweigs Nationaltorhüter Horst Wolter vor allem wunderte, nichts mehr von der notwendigen Fahrt durch die DDR am Sylvestertag zu wissen: „Daran müsste ich mich doch erinnern. Ich hätte alles darauf gewettet, dass wir kein Bundesligaspiel am Silvestertag bestritten haben.“

Es mag an dem wenig erinnerungswürdigen Spiel gelegen haben, das der „sportinformationsdienst“ als die „schwächste Begegnung seit Gründung der Bundesliga im Olympiastadion“ bezeichnete. Das „Sport-Magazin“ konstatierte derweil kurzerhand: „Eine dürftige Kulisse, ungemütliches Wetter und ein Trauerspiel“. Braunschweig gewann die Partie übrigens mit 2:0, obwohl die Niedersachsen nach Aussage von Tasmanias Ex-Nationalspieler Horst Szymaniak „die schwächste Mannschaft war, gegen die wir bislang spielten“.

Für beide Mannschaften ging es im neuen Jahr unterschiedlich weiter. Tasmania-Coach Schmidt registrierte die 15 Niederlage seiner Mannschaft im 17 Spiel mit stoischer Gelassenheit und konstatierte „beide Mannschaften spielten verkrampft. Mehr Chancen als Tasmania sie hatte, kann eine Mannschaft doch gar nicht haben. Und solche Tore kriegen in der Regel nicht einmal Schülermannschaften“, ehe er „meinen Spielern noch ein frohes neues Jahr“ wünschte. Sein Gegenüber Helmuth Johannsen hingegen hatte für Feierlichkeiten keinen Sinn und schickte sein Team bereits am 2. Januar wieder aufs Feld. Im Freundschaftsspiel beim Salzgitterer Amateurklub FC Lebenstedt schüttelten sich die Braunschweiger Silvesterhelden mit einem 7:0 immerhin erfolgreich den Kater aus den Beinen.

Und Tasmania? Wulf-Ingo Usbeck, Uralt-Tasmane und einer der leidenschaftlichsten Kämpfer im Team der bedauernswerten Berliner, meinte rückblickend: „Wir haben immer gerne zusammen gefeiert. Bei einem Silvester-Spiel hätten wir es anschließend bestimmt besonders krachen lassen. Vielleicht haben wir ja zu viel gefeiert und darum das Spiel vergessen“. (Hardy Grüne)

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