ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Zeitspiel unterwegs: Spielabbruch nach rassistischen Beleidigungen

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Gestern fand im Stadion Paulshöhe von Schwerin die Landesliga-West-Partie zwischen der heimischen SG Dynamo und Schlusslicht FC Anker Wismar II statt. Eigentlich ein ganz normales Spiel, das nach einer guten Stunde Spielzeit beim Stande von 6:0 für den Tabellenfünften aus Schwerin längst entschieden war. Und dennoch bis zum Spielabbruch eskalierte, nachdem heimische Zuschauer wiederholt rassistische Äußerungen gegen zwei Spieler der Gäste von sich gegeben hatten. Unser Leser Phillip war vor Ort und hat uns nachstehenden Bericht überliefert.

Während des gesamten Spiels wurden die Gästespieler Kamara Abu Bakarr und Ebenezer Miah von einer kleinen Gruppe (3 Leute) immer wieder verbal angegriffen. Das steigerte sich im weiteren Spielverlauf in blanken Rassismus und gipfelte in einem „Scheiß Nigger!“ nach einem Foul Abu Bakarrs, der daraufhin den Zuschauer mit dem Ball abwarf und eine glatt rote Karte kassiert. Das wollte Miah nicht auf seinem Mitspieler sitzen lassen. Er ist völlig ausgerastet und kassierte nach Trikot ausziehen und mehreren Beleidigungen erst gelb, dann gelb-rot. Daraufhin entschied der Kapitän von Wismar II, dass das Team das Spiel abbricht. Der Schiedsrichter hat versucht, mit der Mannschaft zu sprechen, ist aber (aus meiner Sicht) nicht auf die rassistische Angriffe eingegangen. Auch vom Dynamo-Fanblock wurde Miah widerholt als „Nigger“ beschimpft, der sich aus Deutschland „verpissen soll“.
Nach Rücksprache mit einem Spieler von Dynamo Schwerin ist der Zuschauer, der die rassistischen Rufe tätigte, bei jedem Spiel da und seine Sprüche gingen „oft unter der Gürtellinie“. Die Spieler von Dynamo waren jedoch die einzigen, die die Beleidigung unmöglich fanden, obwohl auch sie trotzdem weiterspielen wollten. Ein Dynamo-Fan mit Thor-Steiner Mütze hingegen meinte zu mir, dass sich der Spieler mal „nicht so haben soll“.
Als wir uns mit einem Spieler von Anker Wismar II unterhielten schüttelte ein Offizieller von Dynamo nur den Kopf, und als wir ihm entgegneten, dass der ganze Verein bei sowas gefragt sei verließ er wortlos das Gespräch. Letztendlich regte sich sogar noch eine Gruppe von Zuschauern über die dunkelhäutigen Spieler auf und verleugnete den Rassismus, den es „nicht gegeben“ habe und dass „nur die Dynamos wieder an den Pranger gestellt werden sollten“. Beim Versuch einer Diskussion wurden zwei aus der Gruppe immer lauter und meinten schließlich „sich nicht als Glatzen hinstellen zu lassen“. Auf meine Entgegnung, dass ich sie nicht persönlich meinte, wurden sie noch lauter und schrien uns an, dass wir das Stadion verlassen sollten. Man muss sagen, dass einer der Herren bereits im Rentenalter war und er es war, der am meisten gegen uns schrie und pöbelte.
Fazit: Ekelhafte Szenen und komplettes Leugnen von Seiten des Vereins. Nur die Spieler sahen ein, dass die Beleidigungen unerträglich waren, gingen aber auf den bekannten Zuschauer, von dem die ersten Beleidigung ausgegangen waren, auch nicht zu, obwohl man sich kennt.
Der NDR war übrigens vor Ort und hatte den Schiri verkabelt. Am heutigen Sonntag strahlt der Sender ab 19:30 Uhr eine Dokumentation aus, in der es um den Alltag von Amateurschiedsrichtern geht. Ich bin gespannt, was der NDR daraus macht und ob man mehr als nur den Ausraster des Spielers zeigen wird.

Wir möchten die Gelegenheit nutzen und auf die Aktion „Kein Platz für Rassismus und Gewalt“ aufmerksam machen. Infos auf www.fussballvereine-gegen-rechts.de

Das Stadion Paulshöhe in Schwerin (Foto: Philipp)

6 Kommentare

  1. Ich bin über den Bericht sehr überrascht. Rassismus hat auf dem fussball Platz wie auch in der Gesellschaft nichts verloren. Deshalb finde ich die Vernetzung am Ende des Berichtes sehr gut. Das es inzwischen ähnlich wie bei Dynamo Schwerin in der 1. und in der 2. Mannschaft, wo einige Migranten mitspielen, wie bei vielen anderen Mannschaften auch. Ich war bei vielen Spielen auf der Paulshöhe dabei. Und ich halte es für sehr bezeichnend, das sowohl der Schiedsrichter als auch der Schiedsrichter Obmann der anwesend war, erklärten, daß sie keine rassistischen Äußerungen von den Zuschauern gehört haben. Aus dem Fan block kam garnichts. Von der langen Seite hat eine Person sehr leise direkt die Nummer 7 von Anker 2 mit „fahr nach Hause“ ansprach. Da ich im Radius von 2 Meter um die Person stand, habe ich es hören können. Es war eine Person, die ich vom sehen her nicht kenne, die wohl zum 1. Mal auf der Paulshöhe war. Einige Aussagen in dem Bericht verwundern mich da ich sie nur auf Fantasie mit Alkohol schieben könnte.

    • Herr Jagau, dass sie nichts gehört oder gesehen haben wollen und auch an sich verwundert sind, verwundert nicht. Schließlich passt das verschweigen und vertuschen von neonazistischen Umtrieben bei Dynamo ganz gut zu Ihrer politischen Kampagne für die Paulshöhe bei der ASK.

      • Einfach nur Danke für diese knappe und passende Zusammenfassung!

        • Hallo Jonas, das die Schiedsrichter und das ndr Team und die Zuschauer nichts gehört haben und auch die Mikrophon nichts aufgezeichnet haben scheint sie ja nicht dazu zubringen über den angeblichen Bericht der Person die etwas anderes gehört haben will, nachzudenken. Ich kann da nur hoffen, daß er sich dann als Zeuge beim Sportgericht meldet. Denn er scheint ja der einzige zu sein der anders als Spieler von Anker, Fans von Anker, Zuschauer, fans von dynamo, Schiedsrichter und Pressevertreter das gehört hat. Das sie jetzt Verleumdungen gegen mich als stütze für die Verleumdungen in dem Artikel heranziehen müssen macht nur deutlich das die aussagen auf mehr als brüchigem Eis stehen, da sie frei erfunden sind. Ich finde es schade das sie nicht zur Realität stehen.

          • Aktueller Stand an Informationen: „Sportbuzzer Mecklenburg-Vorpommern: Der NDR hat diese Beleidigungen im Radiobeitrag ausgestrahlt.“ . . . „da wird in dem Beitrag folgendes gesagt: „ Nach der roten Karte zeichneten NDR Mikrofone folgendes auf „Schwarze Sau“.“

            Sehr geehrter Herr Jagau,

            dieses ist also gemeint, wenn Sie sagen: „und auch die Mikrophon nichts aufgezeichnet haben“

            „das sie nicht zur Realität stehen.“
            Ich verstehe schon, dass das Thema ASK+Erhalt Paushöhe und die dort vorherrschende „völkische“ Stimmung disharmonieren, aber gerade deswegen sind doch eher Sie und die ASK der Realität entflohen, oder nicht?

            Pro und Contra bei der ASK ist doch ersichtlich, aber gestehen Sie sich ein, dass auf der P´höhe Ihre Fraternisierung ein mega Schuss nach hinten geworden ist.

            In freien Worten gefasst: ASK und Sie sind sicherlich mit Ihrer Nonkonformität eine Bereicherung in der politischen Arbeit in der Stadt Schwerin.
            Aber das heroische Ziel, eine Sportstätte zu erhalten, die rein nichts mehr von Ihrer über 100jährigen Geschichte erzählt mit dem Background des nationalistisch eingestellten Klientels vor Ort . . . und dann Sie, das passt doch NULL !

  2. Sie haben doch sogar den offenen Rassismus gehört und in Ihren Kommentar dokumentiert: “ fahr nach Hause“ “ Wäre schön, wenn sie das dem Sportgericht melden könnten.

    Das hat das NDR-Team, der Schiedsrichter und der Linienrichter auch nicht gehört, aber es ist passiert. Es gibt durch aus Situationen, dass viele Leute etwas nicht mitbekommen, es aber doch passiert sein kann. Deshalb ist es auch umso komischer, das Herr Frank Ridder, Vize-Präsident und Teammanager des Vereins, findet, „das ist absoluter Quatsch“, was behauptet wurde, statt sich einfach gegen Rassismus auszusprechen. Aber für her Ridder war das ja in Ordnung. Denn „zuerst habe [der Spieler] den Ball auf die Zuschauer geworfen. Erst danach sei es zu einer einzigen rassistischen Beleidigung gekommen.“ Eine „Undiszipliniertheit“

    Mir scheint es, nach Ihrer Aussage, Herrr Jagau, und der von Herrn Ridder sogar noch wahrscheinlicher, dass es so passiert ist.

    Es dafür doch umso wichtiger, das der , der offenen Rassismus erlebt, sein Wort erhebt. Im einfachsten Fall wäre hier der Gang zu einem Ordner gewesen.

    Aber es hat sich bestimmt ganz anders abgespielt oder? Ein freundlicher netter alter Mann steht am Seitenrand und ruft ganz freundlich die Nummer 7 heran, „Entschuldigen Sie bitte vielmals, aber bitte fahren sie nach Hause.. das Essen ist fertig“

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