ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Zeitspiel unterwegs: Montevideo

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Unser Redaktionsmitglied Hardy Grüne ist derzeit in Südamerika auf den Spuren des Fußballs unterwegs. Ab und an gibt er uns vorab schon mal ein paar Eindrücke, die Ihr via Faceboook verfolgen könnt (es ist kein Facebook-Account nötig!). Hier die Berichte vom vergangenen Wochenende:

 

Die erste Hälfte des Wochenendprogramms in Montevideo ist rum, und es waren zwei völlig verschiedene Fußballausflüge. Bei Defensor gegen Juventud am Freitagabend versammelte sich ein sehr gemütliches, leider aber auch überschaubares Publikum und sah ein 2:1 für den Gastgeber, das etwas schmeichelhaft ausfiel. Hat aber bis auf die Handvoll Gästefans niemanden gestört. Das Estadio Luis Franzini – eine Perle direkt am Meer gelegen und in einem charaktervollen Barrio voller netter Bars und Restaurants. Nur der vorgelagerte Rummelplatz störte ein wenig, zumal er die Anfeuerungsrufe der Defensor-Mannen und Frauen bisweilen übertönte.


 

Ganz anders sah die Lage am Samstagnachmittag bei Montevideo Wanderers gegen Peñarol aus. Wahre Heerscharen Peñarolistas machten sich auf den Weg in den Parque Prado, wo der Parque Alfredo Victor Viera mit seinen rund 7.500 Plätzen trotzdem nicht ganz gefüllt war und vor allem die auf zwei Seiten verteilten Gästefans ganz schön in der gleißenden Sonne brieten. Dafür konnten sie schon nach acht Minuten quasi sämtliche Nervosität bezüglich des Spielausgangs beiseite legen, denn zwei fette Klopfer der Gastgeber sorgten für eine frühe 2:0-Führung. Endstand 4:0 für Peñarol.
Das mit dem Karten-/Ausweischeck wird übrigens konsequent durchgezogen, und es ist auch eine gewisse Entschlossenheit zu spüren, die Gewalt insgesamt einzudämmen. Die Ticketbeschaffung ist aber, wenn man das System erstmal durchblickt hat, ziemlich einfach. Gucken, über welches Unternehmen der Gastvereine seine Tickets anbieten (Redpagos oder Abitab), in einer der überall zu findenden Läden gehen, Wunsch vortragen, Platz aussuchen, bezahlen. Aber den Pass nicht vergessen, ohne den geht nichts. Bei Spitzenspielen haben Socios in der Regel bis drei Tage vorher Vorkaufsrecht, läuft der freie Verkauf also nur über zwei Tage. Und: unbedingt spätestens am Tag VOR dem Spiel kaufen – am Spieltag geht nix.

 

 

Wer einen Tango zum Vereinslied macht, kann nichts Böses im Sinne haben. Als die Rampla Juniors am Sonntagnachmittag zum Lokalderby gegen Danúbio aufliefen, erklang über den Stadionlautsprecher leicht blechern der „Viejo Rampla Tango“ und zauberte eine fast surreale Stimmung. Ohnehin ist das Estadio Olimpio der Rampla Juniors ein surrealer Ort. Es gibt nur zwei Tribünen, die anderen beiden Seiten sind offen zum Río de la Plata und erlauben beeindruckende Aussichten auf die Skyline von Montevideo. Willkommen in Uruguay erster Liga.

Aber Rampla Juniors, das ist auch der Stadtteil Cerro, und da geht es ein bisschen bodenständiger zu als in der mondänen Kernstadt. Ständig wechseln die Bilder von Dritte-Welt-Szenarien über seit langem stillgelegte Industrieanlagen zu modernen Einfamilienhäusern, um die sich meistens ein ziemlich hoher Zaun zieht und in deren Garage ein Mercedes Benz steht. Cerro ist kein einfacher Barrio von Montevideo.
Das Duell Rampla Juniors gegen Danúbio zählt zu jenen Spielen, bei denen die Atmosphäre eher angespannt ist. Man mag sich nicht. Schon lange vor dem Anpfiff wurden allerlei Nettigkeiten ausgetauscht, und auch die Polizei rauschte einmal in Windeseile und mit Blaulicht an. Sportlich hatte Gastgeber Rampla Juniors die Nase vorn. In einem qualitativ eher mäßigen Spiel stand am Ende ein 2:0-Sieg, der durchaus als verdient zu bezeichnen war. Und dann war da ja noch diese eindrucksvolle Kulisse. Ach ja, und wer in den Viejo Rampla Tango mal reinhören möchte: https://www.youtube.com/watch?v=UlyxgorINS4


Anschließend ging die Fahrt zur Cancha von Nacional, wobei sich ein spannendes Gespräch mit dem Taxifahrer entwickelte. Der outete sich früh als Peñarol-Anhänger und hatte wenig freundliche Worte für Nacional über, bestand aber zugleich darauf, als Hincha zwar voller Leidenschaft zu sein, Gewalt aber abzulehnen. „Wir haben in Uruguay sehr viele tolle Fans, die ich Hinchas nennen will, die mit ihren Mannschaften leben und sterben, die anderen Klub und deren Fans aber trotzdem akzeptieren. Auch wir von Peñarol die von Nacional. Es gibt aber leider bei vielen Vereinen auch Leute, die suchen nur die Gewalt. Ich nenne die Fanáticos. Und die machen den Fußball für alle kaputt. Wir sind es alle leid, dass man nicht einfach zum Fußball gehen kann und sich gegenseitig Respekt zollt.“ Dann ließ er mich in Stadionnähe raus, wünsche mir viel Spaß und rief noch ein „pass auf Dich auf“ hinterher.
Um 20:17 Uhr, eigentlich hatte das Spiel um 20 Uhr losgehen sollen, war Schluss mit dem schönen Fußballtag. Als die Balljungen die Luft aus den im Mittelkreis aufgestellten aufblasbaren Werbeflaschen ließen, war perfekt, was sich seit einigen Minuten angedeutet hatte. „Es hat einen Vorfall gegeben“, hatte mir mein Platznachbar um kurz vor acht mitgeteilt. Mehr wusste er auch nicht. Nun zuckte er nur mit den Schultern, meinte „Das Spiel ist abgesagt“, erhob er sich und ging schweigend davon. Ich saß noch eine Weile da und konnte es kaum fassen. Mein letztes Spiel in Uruguay und dann ein Abbruch. Später erfuhr ich dann in den Fernsehnachrichten die Hintergründe. Ein Nacional-Anhänger hatte einen Ordner angegriffen und ihn geschlagen. Nach dem neuen Reglement zur Eindämmung der Gewalt ein Vorfall, der zwingend zum Abbruch des Spiels führt – bzw. in diesem Fall zur Absage. Man will rigide durchgreifen, auch wenn das bedeutet, dass die Tat eines Einzelnen von allen anderen ausgebadet werden muss.
Mich hat der Fall ratlos hinterlassen. Und im Grunde genommen auch alle anderen Fußballfans in Uruguay. In den Foren wird überwiegend Verständnis für den Abbruch gezeigt. Die Tageszeitung „El Observador“ titelte „Una suspensión polémica“ und diskutierte über vier Seiten pro und contra der Entscheidung. Uruguay – ein Land ringt um sich und seinen Fußball.

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