ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

ZEITSPIEL live aus Ecuador

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Wie berichtet, ist die eine Hälfte der ZEITSPIEL-Redaktion gegenwärtig in Südamerika unterwegs. Obwohl es da vornehmlich um Radfahren geht (für Neugierige: www.hardygruene.wordpress.com), kommt natürlich auch der Fußball nicht zu kurz. Diesbezüglich traf ich nach meiner Ankunft in Quito (Ecuador), wo ich vor Beginn der Tour einen Spanisch-Kurs besuchte und eigentlich ein oder zwei Spiele sehen wollte, auf ein ungewöhnliches Problem: einen Fußballer-Streik.

Da ich von der Fernsehberichterstattung über den Streik nur Bruchstücke verstand, nutzte ich die Gelegenheit und schlug das Thema im Spanisch-Unterricht zur gemeinsamen Behandlung vor. Und siehe da, mein Professor bekam sofort leuchtende Augen, entpuppte sich als leidenschaftlicher Fußballfan (Team: LDU Quito, kurz „Liga“) und war nur zu gerne bereit, mich über die Hintergründe aufzuklären. Ich versuche mal, die ganze Sache in überschaubare Häppchen zu verteilen. Also: grundsätzlich gibt es im ecuadorianischen Fußball zwei große Probleme: Korruption vor allem auf der Verbandsebene und Geldmangel auf der Vereinsebene. Da unterscheidet sich Ecuador wohl kaum von vielen anderen Ländern.

Grund für den Streik ist der Geldmangel auf der Vereinsebene, also fange ich damit mal an. Von den zwölf Vereinen der ersten Liga haben in der laufenden Saison lediglich vier Klubs ihre Spieler pünktlich und vollständig bezahlen können: Independiente la Valle, LDU Quito, Nacional Quito und Mushuc Runa. Alle anderen Vereine sind ihren Spielern teilweise seit fünf Monaten die Gehälter schuldig: Barcelona Guayaquil (im Übrigen der beliebteste Klub des Landes) und Deportivo Quito seit März, Deportivo Cuenca seit April, Liga de Loja, Manta FC und Olmedo de Riobamba seit Mai sowie Emelec Guayaquil seit Juni.

Das sind die großen fünf Klubs in Ecuador: Aus der Hafenstadt Guayaquil: Barcelona SC (beliebtester Klub des Landes, 1925 vom Katalanen Simón Cañarte gegründet. Gilt als „Klub der Armen“) sowie EMELEC (1929 als Baseball- und Boxklub vom US-Amerikaner George Lewis Capwell gegründeter und bürgerlich geprägter Verein. „Emelec“ steht für den Elektronikkonzern Empresa Eléctrica del Ecuador. Spitzname des Vereins: El Bombilla – die Glühbirne). Und aus Quito, der mit 2.850 Metern höchsten Hauptstadt der Welt, LDU (oder „La Liga“. Klub der Nationaluniversität - LDU = Liga Deportiva Universitaria-, der 2008 sensationell die Südamerikameisterschaft gewann. Bestens organisiert, in Quito beliebtester Verein mit eigenem Stadion Casa Blanca, „weißes Haus“), El Nacional (der Armee unterstellter Rekordmeister durfte laut Satzung bis vor kurzem ausschließlich Ecuadorianer einsetzen. Spielt im Estádio Olímpica Atahualpa) sowie Deportivo Quito (alter Kultklub, der seit Jahrzehnten unter finanziellen Schwierigkeiten leidet und in der Fangunst aufgrund chronischer Erfolglosigkeit deutlich gesunken ist).

Das sind die großen fünf Klubs in Ecuador: Aus der Hafenstadt Guayaquil: Barcelona SC (beliebtester Klub des Landes, 1925 vom Katalanen Simón Cañarte gegründet. Gilt als „Klub der Armen“) sowie EMELEC (1929 als Baseball- und Boxklub vom US-Amerikaner George Lewis Capwell gegründeter und bürgerlich geprägter Verein. „Emelec“ steht für den Elektronikkonzern Empresa Eléctrica del Ecuador. Spitzname des Vereins: El Bombilla – die Glühbirne).
Und aus Quito, der mit 2.850 Metern höchsten Hauptstadt der Welt, LDU (oder „La Liga“. Klub der Nationaluniversität – LDU = Liga Deportiva Universitaria-, der 2008 sensationell die Südamerikameisterschaft gewann. Bestens organisiert, in Quito beliebtester Verein mit eigenem Stadion Casa Blanca, „weißes Haus“), El Nacional (der Armee unterstellter Rekordmeister durfte laut Satzung bis vor kurzem ausschließlich Ecuadorianer einsetzen. Spielt im Estádio Olímpica Atahualpa) sowie Deportivo Quito (alter Kultklub, der seit Jahrzehnten unter finanziellen Schwierigkeiten leidet und in der Fangunst aufgrund chronischer Erfolglosigkeit deutlich gesunken ist).

Laut Ausschreibung dürfen die Vereine aber nur drei Monate mit den Gehältern im Rückstand sein, sonst gibt es Strafen durch den Verband. Erst ein Punkt Abzug (drei Monate Gehälter überfällig), dann drei (vier Monate), dann Ausschluss aus der Liga (sechs Monate). Allerdings nur theoretisch, denn der Verband hat bislang nichts unternommen. Was möglicherweise daran liegt, das vor allem dem beliebten Barcelona SC sowie Kultklub Deportivo Quito empfindliche Strafen drohen würden. Die Vereine verwiesen derweil gebetsmühlenartig auf ihre mitunter imposanten Schuldenberge, die eine Auszahlung der Gehälter unmöglich machen würde. Für die Spielergewerkschaft AFE, die wiederholt auf die dramatische Situation hingewiesen und Reformen angemahnt hat und die nun zu radikalen Mitteln der öffentlichen Aufklärung griff (im nationalen Fernsehen wurden beispielsweise Spieler mit Babys in den Armen gezeigt, die entrüstet erklärten, sie hätten kein Geld mehr, um ihre Familien zu ernähren), war das Maß Mitte Juli voll. La Huelga – der Streik – war da, und das fußballverrückte Ecuador stand plötzlich Kopf. „Es ist die einzige Möglichkeit, auf unsere Situation aufmerksam zu machen“, hieß es in der offiziellen Erklärung der Spielergewerkschaft. Wie ungleich die Gelder im ecuadorianische Fußball verteilt sind, zeigt die Schautafel, auf der die Einnahmen der Vereine seit 2009 verzeichnet sind. LDU Quito – soweit ich das beurteilen kann, der bestgeführteste Verein des Landes – ist demnach mit über acht Mio. US-Dollar (offizielle Landeswährung in Ecuador) einsamer Spitzenreiter – selbst Verfolger El Nacional kommt da mit etwas mehr als zwei Mio. nicht hinterher.

Einnahmen der ecuadorianischen Erstliisten von 2009 bus Juli 2014.

Einnahmen der ecuadorianischen Erstliisten von 2009 bus Juli 2014.

Luis Chiriboga, Chef des Nationalverbandes FEF, über den noch zu sprechen sein wird, schien das alles nichts anzugehen, denn der Verband verhielt sich auffallend still und setzte wie erwähnt auch die Punkteabzugsdrohungen nicht um. Chiriboga legte sogar noch nach und erklärte öffentlich, es sei doch völlig normal, drei Monate im Rückstand mit den Gehaltszahlungen zu sein.

AFE-Sprecher Jorge Guzmán klagte daraufhin, dass der Verband nur hinter den Vereinen, nicht aber hinter den Spielern stehen würde. Unterstützt wurde die Spielergewerkschaft indes vom Arbeitsminister, der sich schließlich auch vermittelnd einschaltete. Und tatsächlich gelang am Donnerstag endlich eine Einigung. Während die Spielerforderung die Begleichung aller Schulden binnen einem Monat forderte, wollten die Vereine allerdings gleich drei Monate Zeit zur Begleichung der Außenstände an. Man einigte sich schließlich auf zwei Monate, womit der Streik beendet wurde und ich am Mittwoch dem Duell Union Catolica gegen Mushuc Runa beiwohnen kann.

Und nun zum zweiten Problem im ecuadorianischen Fußball und damit zum FEF-Präsidenten Chiriboga. Der weilte kürzlich mit einer ganzen Kollektion von Freunden und Mitstreitern bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Soweit, so gut. Allerdings flog er nach der Vorrunde nicht wie die ausgeschiedene Nationalmannschaft nach Hause, sondern blieb bis zum Endspiel vor Ort – auf Kosten des Verbandes natürlich. Chiriboga werden vor allem Korruption und undurchsichtiges Verhalten vorgeworfen. „Die Vereine erfahren nichts von dem, was im Verband passiert“, erläuterte mein Professor. „Und die Gelder, die der FEF von der FIFA für die WM bekommen hat, bleiben irgendwo im Verband stecken“. Das übliche Szenario also, für das es wohl nur eine Lösung gibt: Chiriboga müsste mitsamt sämtlichen Kumpanen von der Macht entbunden und via Neuwahlen ein handlungsfähiger Vorstand gefunden werden. Ob es dazu kommt? Mein Professor bezweifelte es.

Nebenbei erzählte er mir noch ein paar bemerkenswerte Fakten über Ecuadors Fußball. So sind dort überproportional viele schwarze – afrikanischsstämmige – Spieler bei den Vereinen engagiert. Rund 80 Prozent beträgt die Quote vereinsübergreifend für die Nationalliga – ansonsten stellen afrikanischstämmige Menschen in Ecuador kaum fünf Prozent der Gesamtbevölkerung (und leben fast ausschließlich in der Küstenregion). Zugleich stehen sie gesellschaftlich etwas am Rande und sehen sich nicht selten Rassismus ausgesetzt. Da kommt dem Fußball wohl mal wieder eine Rolle als gesellschaftlicher Kitt zu. Und noch ein „Problem“ gibt es mit den afrikanischsstämmigen Spielern: sie sind in der Regel deutlich größer als die Einheimischen, die allerdings auch überdurchschnittlich klein sind. Auf den Straßen sieht man viele Menschen, die kaum über eine Körpergröße von 1,50 Meter kommen – da flößt so ein hochgewachsener Schwarzer schon mal ganz Respekt ein. Einmal mehr ein Beleg für die schlaue Weisheit, dass die Welt komplexer ist, als sie auf den ersten Blick aussieht.

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Estádio Casa Blanca von LDU Quito, im Norden der Stadt gelegen.

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