ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Wales‘ Fußball gedenkt der Opfer von Aberfan

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Heute jährt sich zum 50. Mal ein schreckliches Ereignis in der Geschichte des kleines Wales. In Aberfan, einem Bergarbeiterdorf in Südwales, kamen bei einem Haldenrutsch 144 Menschen ums Leben – darunter 116 Kinder. Es ist ein Ereignis, das sich tief in die Geschichte des Landes eingegraben hat. Auch der Fußball in Wales wird innehalten, in Gedenken an die Toten vom 21. Oktober 1966.
In unserer kommenden Ausgabe, die Ende Oktober erscheint, steht Wales im Zentrum der Rubrik „Global Games“. Während wir dort über die Geschichte und Geschicke des Fußballs im Lande referieren, widmet sich unser Wales-Experte Hansjürgen Jablonksi heute und an dieser Stelle mit der Katastrophe von Aberfan und wie Nationaltrainer Chris Coleman bzw. die walisischen Klubs damit am heutigen Tag umgehen werden.

„How many died in Aberfan
When the coal tip came rumbling down?
How many children will never grow old?
How many lives purchase how many pounds of coal?“
(Thom Parrott, „The Aberfan Coaltip Tragedy“)

Die britische Premierministerin Theresa May hat für den heutigen Freitag eine Schweigeminute für das Vereinigte Königreich empfohlen. Um 9:15 Uhr Ortszeit soll die Inselnation einem Desaster gedenken, das vor exakt 50 Jahren die Welt erschütterte, und dessen Aufarbeitung noch heute Zorn und Trauer hervorruft.
Im südwalisischem Aberfan, einem Bergarbeiterdorf in der Nähe von Merthyr Tydfil, kam es am 21. Oktober 1966 um 9:15 Uhr zu einem folgenschweren Haldenrutsch, der 144 Menschenleben kostete, darunter 116 Kinder, die sich gerade in der Schule befanden. Nach tagelangen Regenfällen kam Bewegung in den jahrzehntelang durch den Kohleabbau aufgeworfenen Schlackeberg, der sich schließlich löste und den Tod in den kleinen Ort brachte. Wäre die Schlacke nur wenige Minuten früher gerutscht, hätte noch kein Kind die Schule betreten gehabt…
Im Fürstentum Wales sind die Wunden des „Aberfan disaster“ auch nach einem halben Jahrhundert nicht völlig verheilt. Zu sehr herrschen noch Wut, Trauer und Ohnmacht gegen die Verantwortlichen einer Katastrophe, die vermeidbar gewesen wäre, hätte man nicht die Sicherheit dem Profitstreben untergeordnet. In einem kleinen Land wie Wales, dass zudem geprägt ist durch berufliche Mobilität, ist es praktisch unmöglich, nicht auf einen Waliser zu treffen, für den das Unglück von Aberfan kein Teil der Familiengeschichte wäre. Verantwortlich für das Desaster zeichnete das staatliche National Coal Board, und noch heute sehen viele Waliser das Unglück als Folge der englischen Mißwirtschaft über Wales, zumal die später gefällten Urteile nicht zur Vertrauensbildung in den Staat beitrugen. Zwar wurde durch das Unglück, auch wenn gelegentlich anders behauptet, nicht unbedingt ein walisischer Nationalismus befeuert. Dennoch wurzelt das „Aberfan disaster“ tief in der walisischen Seele, ist Teil der nationalen Identität wie zum Beispiel das Eisteddfod, das Literatur- und Musikfest im August.
Daher würde auch ohne Empfehlung der – „englischen“ – Premierministerin heute um 9:15 Uhr in Wales die Arbeit ruhen, das Land in kurzem kollektiven Schweigen verharren. Den Anfang der walisischen Gedenkfeiern machte – der Fußball. Im Anschluss an ein Fußballspiel zogen am vergangenen Samstag Spieler und Funktionäre des Aberfan FC zusammen mit ihren Gästen von Cefn Cribwr zur Gedenkstätte vor Ort, um den Toten von 1966 ihre Reverenz zu erweisen. Zuvor schon beorderte Nationalcoach Chris Coleman die EM-Helden um Gareth Bale in den Aberfan Memorial Garden, und für seine morgige Partie hat Newport County AFC ebenfalls eine Spielunterbrechung mit Schweigeminute angekündigt.
Wie sehr der Fußball in der walisischen Gesellschaft verankert ist, möchten wir auch in der nächsten Ausgabe von ZEITSPIEL ergründen. In der Reihe „Global Game“ machen wir Station im Land der Kohle, der Chöre und der Sagen um König Arthur und gehen dabei der Frage nach, wie sich der einheimische Fußball im Schatten von Rugby und Premier League behauptet. Und machten dabei die Entdeckung, dass der mit seinen 140 Jahren drittälteste Fußballverband der Welt in vielen Teilen seiner Arbeit noch in den Kinderschuhen steckt (Hansjürgen Jablonski)

http://www.walesonline.co.uk/sport/football/football-news/wales-football-team-just-paid-12002180

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