ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Von Geisterspielen im 60er-Stadion

| Keine Kommentare

Geisterspiel im „60er“-Stadion

Von Wolfgang Budack

Als ich am 24. August 1974 nicht wie im Fußball-Lied „Löwenmut“ von der Punkband LustfingeR besungen „als kleiner Bub an Vaters Hand“, sondern als kleiner Bub an der Hand meines Bruders Dieter (Jahrgang 1947, †2010) zum ersten Mal ein Löwenspiel live sah – damals im Olympiastadion in der 2. Bundesliga Süd gegen den FSV Mainz 05 -, konnte ich nicht ahnen, dass 43 Jahre vergehen würden bis ich das erste „Geisterspiel“ von der ersten Mannschaft in der Vereinsgeschichte erleben sollte.

Als Geisterspiele werden Fußballspiele bezeichnet, die aufgrund von Sanktionen ohne Publikum ausgetragen werden müssen. Das Prinzip eines „Geisterspiel“ ist, dass lediglich Spielern, Betreuern, Vereinsoffiziellen sowie Medienvertretern Zutritt zum Stadion gewährt wird und Zuschauerränge leer bleiben. Einer solchen Maßnahme geht in der Regel ein Fehlverhalten der Anhänger des gastgebenden Vereins bei einem früheren Spiel voraus. Auch Fans des Gastvereins werden, obwohl nicht verantwortlich, abgewiesen. Die Ansetzung eines Geisterspiels hat für den Heimverein eine Einnahmeeinbuße aufgrund der ausbleibenden Eintrittsgelder zur Folge und ist daher neben der Androhung von Geldstrafen oder Punktabzug ein beliebtes und zumeist auch wirksames Druckmittel auf den betroffenen Klub. Das Regionalligaspiel des TSV 1860 gegen den 1. FC Nürnberg II am 1. August 2017 fand im Stadion an der Grünwalder Straße, im Volksmund als „60er“ bekannt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Deutsche Fußballbund bestrafte die Ausschreitungen beim Relegationsrückspiel gegen Jahn Regensburg, in dem Sechzig in die dritte Liga abstieg, um dann mangels fehlender Lizenz in die vierte durchgereicht wurde.

In der Regionalliga fand im September 2009 bereits ein Geisterspiel mit Beteiligung der Reserve vom TSV 1860 München statt: das Spiel am 17. September gegen den SV Darmstadt 98 fand vor leeren Rängen im „60er“ statt. Begründet wurden die Sanktionen mit Böllerwürfen auf das Spielfeld beim Spiel der Münchner in Weiden.

Zurück zum Geisterspiel 2017: am Dienstag, den 1. August um 14.00 Uhr vollzog sich vor der Kulisse von 60 Zuschauer (auf beiden Seiten waren vom DFB 30 Personen zugelassen) dieses Spiel der Regionalliga Bayern. Die zugelassenen Zuschauer verfolgten von der Haupttribüne dieses „ungewöhnliche Fußballspiel“. Außerhalb vom „60er“-Stadion gab es von der Straße aus wenig bis keine Möglichkeiten Spielszenen zu erspähen.

Für Manfred Forster (47 Jahre), Löwenfan seit 40 Jahren, der Sechzig mit seinen beiden Söhnen Bernhard (17 Jahre) und Daniel (15 Jahre) regelmäßig zu allen Spielen begleitet und weiteren treuen Löwenfreunden war es mit Bekanntgabe des Termin für das Geisterpiel eine Selbstverständlichkeit jede Möglichkeit auszuschöpfen um dennoch Beobachter von diesem Punktspiel zu sein.

Thomas, ebenfalls regelmäßiger Besucher bei Spielen von Sechzig – nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten Mannschaft – versuchte erste Kontakte zu Anwohnern der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom „60er“ zu knüpfen und führte zeitnah erste Gespräche. Das erste Ergebnis, dass ein Anwohner 75,00 EUR pro Person für den Besuch seiner Wohnung mit Blick auf das Spielfeld von seinem Fenster aus forderte, gab ihm nur noch mehr Antrieb an seinem Vorhaben festzuhalten, jedoch zu einem vernünftigen Preis.

Am Spieltag hatte sich Thomas an einen Postboten gehängt um in ein Haus, wo es ihm von den oberen Stockwerken aus möglich erschien auf das Spielfeld zu schauen, zu kommen. Er hat bei mehreren Mietern angefragt, ob sie ihn mit fünf Freunden für die 90 Minuten Einlass in ihre Wohnung gewähren und Plätze am Fenster anbieten würden. Seine Wahl fiel auf eine Mädel-Wohngemeinschaft, die gerade zur Übergabe an den Vermieter renoviert wurde. Mit dem Eintrittspreis für den Fensterplatz in Höhe von 20,00 EUR pro Person war jeder in der Gruppe der Erzlöwen einverstanden. In der Wohnung fanden sich sechs Löwen-Fans ein: Thomas, Flo, Daniela, Jürgen, Siggi und Manfred.

Auf die Frage an Manfred Forster, „was wohl den Ausschlag gegeben hat, das Spiel vom Haus gegenüber anzuschauen“ antwortete er, dass seine Freunde und er die Strafe als ungerecht empfanden („wir haben alle keine Sitzschalen geworfen“) und es eine besondere Motivation für alle sechs gewesen ist, bei diesem Spiel – trotz der Zuschaueraussperrung – dennoch dabei zu sein. Den Motivationsschub begründet er damit, dass die Schuld nicht pauschal auf eine ganze Gruppe verteilt werden und nur die individuelle Schuld bestraft werden darf. Dieser Grundsatz des deutschen Rechtssystems wird durch den DFB durch die Ansetzung eines Geisterspiels außer Kraft gesetzt. „Außerdem erschien uns die Strafe im Vergleich mit anderen Vereinen (die „nur“ mit einem Teilausschluss bestraft wurden) als zu drastisch“.

Im Nachhinein ist das Geisterspiel nur eine weitere unvergessliche Anekdote in der unverwechselbaren Vereinsgeschichte von Sechzig. Wirft man einen Blick zurück auf die letzten 50 Jahre, analysiert die Auf- und Abstiege und besonders die letzten sieben Jahre, in denen der Verein unter seinem Investor Jahr für Jahr ein Stück mehr entkernt und entwurzelt wurde, sind die Sätze des ehemaligen Oberbürgermeisters von München am zutreffendsten. Christian Ude meinte auf die Frage wofür es gut ist Löwenfan zu sein: „1860 Anhänger zu sein ist schlechthin wie die Schule im Leben. Wer ein paar Jahre Löwenfan war, der kennt alle Abstürze und Niederungen des Lebens, alle Schmerzen und Leiden. Da kann das wirkliche Leben mit nichts mehr erschrecken.“

Manfred, Thomas und die anderen lachen heute darüber, dass sie die gefallenen Tore vor der Ostkurve (in die man von keinem Fenster auf der gegenüberliegen Straßenseite Einblick hat) nur mitbekommen haben, wenn die Nürnberger Spieler an der Mittellinie jubelten. Trotzdem bleibt für Manfred ein Nachgeschmack, „hätte doch dieses begeisternde und zum Schluss dramatische, glückliche 5-3 gegen Nürnberg vor voller Hütte zu fanatischen, emotionalen Torjubeln und Gefühlslagen geführt.“

Löwenfan zu sein ist für mich schon sehr bald nach meinem ersten Spielbesuch 1974 zu einem Lebensgefühl geworden. Ich setze die Verbundenheit der Menschen zu Sechzig mit der Beziehung in einer Ehe gleich. Hier gibt es gewöhnlich viele Höhen und Tiefen, die oftmals nur zu meistern sind, wenn man zusammensteht. In der vierten Liga – der Regionalliga Bayern – wurde dem Slogan „Einmal Löwe, immer Löwe“, der 1982 mit dem Zwangsabstieg in die Bayernliga geboren wurde, eine neue – selbst für die leidgeprüften Löwenfans – unbekannte Dimension verliehen.

Diese Emotionen und Fußballbegeisterung, wie wir sie bei Sechzig aus früheren Zeiten besonders in den „60er“, „70er“ und „80er“ kannten – die gerade in den letzten 12 Jahren in der Allianz Arena nur noch sehr selten zu verspüren war – ist jedoch seit der Versenkung vom Investor in die Regionalliga wieder allgegenwärtig. Bei jedem Spiel, zu der die Mannschaft von Daniel Bierofka aufläuft, erlebt man wie viele Menschen sich mit Sechzig wieder identifizieren.

Lustfingers Text im Lied „Löwenmut“ aus dem Jahre 1990 beschreibt auch 27 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch eine für außenstehende Fußballfans schwer nachvollziehbare Realität, wie der Löwenfan auch 2017 weiter ungebrochen zu seinem Verein steht: „Die Münchner Löwen, weiß und blau, das sind ihre Farben und sie sind die Schau, ja unsere Sechzger vom Giesinger Berg, wir halten zusammen, weil wir auf sie schwörn, und ich weiß ganz genau, ich will nah bei dir sein, denn du bist mein Verein, die Gedanken sind immer bei dir!“

 

Ungeschlagen bei Platzsperren und Geisterspielen

Fußballspiele in der Vereinsgeschichte des TSV München v. 1860, die mit einer Platzsperre oder einem Geisterspiel belegt wurden:

06.11.1982          Sa.          TSV München v. 1860 – VfB Helmbrechts in Erding               2:1

17.11.1982          Mi.         TSV München v. 1860 – FC Wacker München in Lohhof       4:4

13.03.1985          Mi.         TSV München v. 1860 – FC Memmingen in Fürstenfeldbruck     6:0

03.04.1985          Mi.         TSV München v. 1860 – TSV Ampfing in Vaterstetten               0:0

17.09.2009          Do.         TSV München v. 1860 Amateure – Darmstadt 98               4:0

(Geisterspiel im „60er“-Stadion)

01.08.2017          Di.          TSV München v. 1860 – 1. FC Nürnberg II                         5:3

(Geisterspiel im „60er“-Stadion)

 

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.