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KLARTEXT: Die Super League und ihre großen Chancen
KLARTEXT: Die Super League und ihre großen Chancen

Von Hardy Grüne

Als am Sonntag die Meldung über die Super League über den Ticker ging hat sie mich zunächst kaum berührt. Meine Distanz zum Glitzerfußball ist inzwischen so uferlos, dass mich derlei Entwicklungen maximal amüsieren. Mein erster Gedanke war: Gut so, raus mit ihnen! Gestern schaute ich dann genauer hin und bekam eine Ahnung von dem gigantischen Potenzial für den gesamten Fußball. Die Super League könnte das Erdbeben sein, das alles verändert. Sie würde den Fußball nicht töten, soviel vorab. Allenfalls den Fußball ganz oben. Also auf der Ebene BVB/Bayern, aber auch Werder/Mainz, weil sie die dortigen Rahmenbedingungen komplett verändern könnte. Meinen Dorfklub hingegen dürfte das alles wenig tangieren. Möglicherweise jedoch in ein paar Jahren, wenn die Folgen auf nachwachsende Generation durchschlagen. Es gibt ja wegen der Corona-Lage derzeit ohnehin viele Unsicherheiten, und auch die seit Jahren zurückgehenden Zahlen im Nachwuchsbereich bereiten den Verantwortlichen Sorgen.

Die Super League selbst interessiert mich nicht, weshalb ich das Thema mit einer einzigen Aussage abhandeln kann, die wir alle zur Genüge kennen: Es ist das Geld, das bestimmt. Das sollte niemanden überraschend, denn das ist auf der Welt überall so. Wer Geld hat, kommt schneller an Impfstoff, wer Geld hat, beeinflusst die Politik, wer Geld hat, schaffte sich abgeschottete Welten, in denen das Elend der Welt nicht zu sehen ist. Das gilt im Großen wie im Kleinen, denn auch unser kleiner, persönlicher Wohlstand ist auf diesem System aufgebaut. Kürzlich war ich in Albanien. Dort arbeiten Zehntausende in Callcentern und lösen für 2,60 Euro die Stunde unsere Luxusprobleme. Reichtum muss immer von irgendjemandem bezahlt werden. So funktioniert Kapitalismus nun mal, umso rasanter und rücksichtsloser in Zeiten von Globalisierung und Neo-Liberalismus.

Profifußball gehört zu den Flaggschiffen des Neo-Kapitalismus. Schauen wir uns die Besitzstrukturen der zwölf Super-League-Pioniere an, wird das deutlich. Hinter ihnen stehen keine traditionsreichen, bodenständigen Unternehmen, sondern Konsortien, die schwer zu durchschauen sind und vor allem zwei Ziele haben: Geld verdienen und Macht anhäufen. Sie handeln streng kapitalistisch und amüsieren sich über unsere romantischen Forderungen nach einem solidarischen Fußball. Es sind keine Klubs, sondern Marken. Nicht mal zwingend erfolgreich – was hat Arsenal denn in letzten Dekaden gerissen? Die Super League wird trotzdem funktionieren, denn wir sind nicht die Zielgruppe. Unsere Proteste interessieren deshalb auf der Chefetage von Real Madrid auch nicht. Dort nimmt man schließlich schon mal die Krone aus dem Wappen, um auf den Zielmärkten nicht anzuecken. Und warum kam die Presseerklärung zur Super League wohl mitten in der europäischen Nacht? Weil in der Zielregion gerade Tag war!

Diese immense Marktverschiebung müssen wir realisieren, um das wirkliche Veränderungspotenzial für den Fußball durch die Super League zu erkennen.

Im Grunde ist sie die Fortentwicklung eines Prozesses, der, wir schreiben darüber in unserer aktuellen Ausgabe #22 „Fußball und Europa“, in den frühen 1990er-Jahren unter anderem von Silvio Berlusconi und auf Druck von Klubs wie Real Madrid angestoßen wurde. Treibende Kraft schon damals: das Geld. Erkenntnis schon damals: Wer das Geld hat, bestimmt die Richtung. Weshalb abzusehen ist, dass die UEFA den Machtkampf mit der Super League verlieren wird. Wobei: Dass die UEFA aktuell wie der Robin Hood des großen Fußballs dasteht ist natürlich ohnehin komplett absurd. Denn mit der Super League zerbricht Fußball exakt an der Stelle, an der schon seit vielen Jahren ein Graben existiert, der nur noch theoretisch überwunden werden konnte. Und die Champions-League-Reform, gestern von der UEFA beschlossen, ist ja nun auch nicht wirklich eine Brücke. Allenfalls die Illusion einer Brücke.

Fußball wird zerbrechen, weil er schon zerbrochen ist. Entscheidend wird daher sein, wie wir uns auf die Folgen vorbereiten. Gleiten wir naiv und gutgläubig hinein, so wie es viele Länder in der Corona-Krise taten, obwohl seit langem bekannt war, dass eine Pandemie droht? Oder legen wir frühzeitig (und das heißt: JETZT) die Grundlage für einen Fußball abseits der Super League (oder auch der modifizierten Champions League, die nicht viel besser ist)? Zunächst ist ja vor allem (oder nur) das Modell Profifußball, das vor dem Kollaps steht. Doch damit ist mittelfristig auch der Durchfluss nach unten gefährdet: Drittligisten, Regionalligisten, Oberligisten – Vereine, die im Profisystem stehen. Die hohe Gelder aufbringen müssen, um den Spielbetrieb zu sichern. Die Teil des „Zirkus Profifußball“ sind, auch wenn sie maximal im Vorprogramm auftreten. Kommt die Super League, wird das große Geld dorthin gehen und auch dort verdient werden. Eine Bundesliga ohne den FC Bayern und den BVB (oder meinetwegen mit den B-Teams der beiden Klubs), dürfte deutlich weniger Geld generieren als aktuell. Wie will die DFL denn auftreten bei den TV-Verhandlungen? Schon Corona hat doch gezeigt, dass das System stark einsturzgefährdet ist!

Es ist abzusehen, dass es nun zerbricht. Ob mit abgetrennter Super League, um die sich viele rechtliche (kartellrechtliche) Fragen ranken werden (u. a. die, ob die Teilnehmer noch an den nationalen Ligen teilnehmen dürfen), oder mit der vermeintlich „solidarischen“ Champions League. Und deshalb braucht „der“ Fußball jetzt nüchternen Sachverstand. Keine romantischen Emotionen, keine sinnlose Empörung, keine Jammerei. Stattdessen Modelle, wie es weitergehen kann neben der möglicherweise bald eigenständigen milliardenschweren Super League. Und vor allem einen Blick auf die Chancen! Denn der Super League gehören nur 20 Mannschaften an. Ihr Marktpotenzial ist also endlich. Global agierende große Geldgeber mögen ihren Fokus darauf setzen. Der nationale oder regional ausgerichtete Geldgeber indes findet dafür nun vielleicht wieder die Möglichkeit, sich wie einst in der Bundesliga zu engagieren. Oder noch besser im Amateurfußball.

Die UEFA dürfte zu den größten Opfern gehören, wenn sie keine Notfallpläne erstellt. Ebenso DFL, Premier League und insbesondere Spaniens La Liga, wo gleich beide Zugpferde verschwinden. Wie kann sich Profifußball neben dem „closed shop“ Super League entwickeln? Wie kann der europäische Fußballmarkt, wie können die nationalen Fußballmärkte „danach“ aussehen? Was für Finanzstrukturen sind möglich, und welche sind vor allem sinnvoll? Von der 3. Liga bis hinunter auf Kreisebene. Welche Rolle will der Fußball abseits des Glamourmodells spielen, und wie will er diese Rolle ausgestalten? Wird es in der 3. Liga noch Investorenfußball à la Uerdingen und Türkgücü geben, wenn die Finanztöpfe im Profifußball leerer werden? Es sind viele Fragen, die jetzt gestellt werden müssen. Und viele Chancen, die jetzt erkannt werden wollen.

Wir sollten Abschied nehmen von einem Fußballsystem, in dem es theoretisch zwar eine Durchlässigkeit von unten nach oben sowie Solidarität gibt, praktisch aber nicht. Die Strukturen sind uns doch ohnehin längst entglitten. Ein europäischer Fußball neben der Super League hätte übrigens die Möglichkeit, wieder einen Europapokal der Landesmeister einzuführen. Zwar mit deutlich weniger Geldmitteln, aber muss das zwingend ein Ausschlusskriterium sein?

Die eiskalt durchgezogenen Super-League-Pläne verdeutlichen, dass wir mit romantischen Verklärungen nicht weiterkommen. Der Fußball ist längst verhökert an das große Geld, dem unsere romantischen Werte egal sind, solange sie keinen Geldwert haben. Und glaubt irgendjemand ernsthaft, es könnte eine Umkehr geben? In einer Welt, in der es seit 30 Jahren nur noch eine Richtung gibt (Wachstum!), und dessen Strukturen massive Probleme aufgeworfen haben (nehmen wir nur „Massentierhaltung“ als Stichwort)? Das wäre nicht romantisch, das wäre naiv. Dazu kommt, dass die Super-League-Markenvereine von Menschen gelenkt werden, die in ganz anderen Strukturen denken, und die gar keinen Zugang zu unserem „Traditionsdenken“ haben.

Seit 30 Jahren unterwirft sich die UEFA dem Finanzdiktat der „Großen“ und hat sich angebiedert bis zur Selbstverleugnung. Zur Belohnung wird sie jetzt eiskalt fallengelassen. Insofern sind Empörungen über „Raffgier“, „Aufgabe des Solidarsystems“ und „zynische Projekt“ auch vergebene Liebesmühe. Der Zug ist abgefahren, und jemanden wie mich interessiert ohnehin nicht mehr, wo er hinfährt.

Kümmern wir uns also lieber um den restlichen Fußball und schaffen Strukturen, die ihn zukunftsfähig machen. In diesem Sinne ist nicht die Super League, nicht die UEFA und auch nicht die DFL der gegenwärtig wichtigste Ansprechpartner, sondern der DFB. Dort müsste es längst eine Projektgruppe „Fußball nach der Super League“ geben. Für die Zeit nach dem großen Grabenbruch, die jetzt kommen könnte. Doch es ist zu befürchten, dass es sie nicht gibt, denn auch in Frankfurt glaubt man vermutlich noch immer, Teil einer „großen, solidarischen Fußballfamilie“ zu sein.

Es braucht radikales Umdenken. Jetzt!

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