ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Straßburg und die Süddeutsche

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In Zeitspiel-Ausgabe #11 berichten wir über die ersten drei Meisterschaften des Verbandes süddeutscher Fußball-Vereine zwischen 1898 und 1901. Unser Autor Jens Reimer Prüß hat über viele Jahre zu diesem Thema geforscht und zahlreiche Details eruiert, die in der Printausgabe nicht en detail aufgeführt werden konnten. Den ganzen Text mit allen Erkenntnissen gibt es daher hier. Viel Vergnügen – oder, um es mit den Straßburgern zu sagen: Bonne route!

 

 

Straßburg und die Süddeutsche (Langversion)

Die ersten drei Meisterschaften des Verbandes süddeutscher Fußball-Vereine, VsFV, 1898/99 – 1900/01)

Von Jens R. Prüß

Die Geschichte dieser Recherche hat vor ziemlich genau fünfzig Jahren begonnen. Doch, echt! Der „Kicker Almanach“ unter dem Weihnachtsbaum öffnete den Einstieg in die sonderbare Welt der Fußballhistorie, und alsbald erfuhr ich von zwei süddeutschen Meistertiteln des Straßburger FV, errungen 1899 und 1900.

Aus norddeutscher Sicht schien das nur begrenzt bedeutsam, obwohl: Straßburg… ein schon damals verheißungsvoll europäisch klingender Städtename mit dem Oberton deutsch-französischer Versöhnung. Irgendwie blieb er im Fußballgedächtnis haften und klang erneut an, als ich viel später die „Nouvelle üs´m Elsaß-Ländel“ vor Augen hatte, die sich Walther Bensemann 1931 von einem Korrespondenten namens „Schang“ zuliefern ließ. Kostprobe: „ASS. wuchs über sich selbst hinaus und spielte mit einem derartigen Schneid, dass Tourcoing völlig aus dem Konzept kam. Der Match war sehr fair, aufregend und es gab viel abgegriffene Uhren.“

ASS, das war und ist die Association Sportive de Strasbourg – und, richtig, der Name des einstigen Straßburger FV. Wäre es nicht eine schöne Idee (dachte ich), einmal aufzuarbeiten, wie sie im Detail abgelaufen sind, die frühen süddeutschen Meisterschaften? Jetzt 2018, da wir an das Ende des 1.Weltkriegs vor hundert Jahren erinnert werden und daran, wie sehr die Zukunft Europas an Deutschland und Frankreich hängt? Auf dem Rasen vielleicht weniger, aber sonst?

Die Recherche erwies sich als sehr viel zäher als gedacht, obwohl die Quellenlage – den Online-Bibliothekskatalogen sei Dank – eine ganz andere ist als vor fünfzig oder gar hundert Jahren und etliche Kollegen, die noch zitiert werden, schon intensiv am Thema gearbeitet haben. Nur unterscheiden sich ihre Ergebnisse an vielen Stellen; zum Beispiel rund um die Frage, wie oft die Meisterschaft wirklich ins Elsaß-Ländel gegangen sei.

 

1897/98

… ist sie nirgendwo hingegangen, denn da gab es noch keine Meisterschaftsspiele. Das stimmt wirklich, auch wenn missverständliche Formulierungen in alten Chroniken zu Irrtümern geführt haben. Wenn es in „Sechzig Jahre Süddeutscher Fußball-Verband“ (Stuttgart 1957, auf Seite 17) richtig heißt, dass „trotz aller Erschwerungen schon 1898 die ersten Meisterschaftsspiele zur Durchführung kamen“, dann sind damit die Vorrunden im Herbst gemeint.

Gerhard Zeilinger („Die Pionierzeit des Fußballspiels in Mannheim 1894 bis 1919“, daselbst 1992) schreibt auf Seite 16, dass die Verbandstagung des VdFV, des Verbandes süddeutscher Fußball-Vereine,  am 2. Oktober 1898 „im Mannheimer Hotel ´Viktoria´ … die Austragung einer ´Ersten Meisterschafts-Wettspiel-Runde´ beschlossen hat.“

 

1898/99

… blieb der Titel rechts des Rheins. Denn da gewann der Freiburger FC die erste überhaupt ausgespielte Meisterschaft des VsFV. Im Endspiel zu Karlsruhe besiegte er am 8. Januar 1899 den 1.FC Pforzheim mit 6:1 unter Leitung von Schiedsrichter Fritz Gutsch aus der gastgebenden Stadt.

Ein kurzer Spielbericht in „Sport im Bild“ (vom 12. Januar 1899) präsentiert zwar nicht die Torschützen, wohl aber beide Teams:

FFC:  Geis – Wagner, F. Schilling – Ernst Schottelius, Specht, Burkart – Th. Schilling, O. Hoog, Hunn,
Wetzler, B. Schottelius.

Pforzheim: Dillmann – Dietz, Wilhelm Hiller – W.Bühler, Sieder, Arthur Hiller – K. Bühler, Grieshaber,
Steudle, Schweickert, Felss.
Begonnen hatte die Meisterschaft nach Zeilinger (Seite 16) schon mit dem Spiel

Mannheim 1896 – Union Mannheim  13:0   …  am 16.10.98

Er zitiert den örtlichen „General-Anzeiger“ vom 18. Oktober: „Dieses Wettspiel ist das erste, das im süddeutschen Verband ausgefochten wird und wird der Sieger ein Diplom erhalten.“ So weit war es noch nicht, denn in der 1. Runde waren außerdem angesetzt:


Germania Frankfurt – Hanau 93  3:2
   …  am 30.10.98

Wohl das erste süddeutsche Meisterschaftsmatch, dessen beide Aufstellungen überliefert sind; „Sport im Bild“ nennt sie am 4. November auf Seite 709:

Germania:  Diebel – Gerhardt, Murray – Abadie, Wetzel, Müller – Diebold, Kaldenbach, Voigt, Clark,
Clesle.

93:  Fuess – Hony, Fiedler – Hummel, Born, Guckemus – Omcke, Baum, Nies, Speitel, Kausel.

Heilbronner FK – 1.FC Pforzheim  0:5   …  am 16.10. oder 6.11.98

Über das Ergebnis sind sich zwei Kollegen – Wolfgang Roth und Udo Luy – einig, über den Termin nicht, auch der Ort ist umnebelt. Vielleicht hat ein „grüner Tisch“ entschieden? „Sport im Bild“ schweigt zu diesem Spiel; mehr zu den beiden Autoren weiter unten.

Karlsruher FV – Freiburger FC  3:4     …  am 6.11.98 in Straßburg (!)

Oder? Ein anderes Ergebnis, nämlich 0:2, findet sich im „Libero“ (Nr. 5 von 1990, Seite 24) sowie in: „100 Jahre Karlsruher Fußballverein“, Fortsetzungs- und Ergänzungsband, daselbst 1991 (auf Seite 126). Allerdings ist es hier wie dort als Endspiel (sic) der Vorsaison 1897/98 zugeordnet, in der noch gar kein Titel vergeben wurde. Steffen Herberger, Chronist und jetziger Vorsitzender des KFV, verlegt die Partie in die richtige Saison, bleibt aber auch beim 0:2 („Titel“, Seite ..).

Anders erinnerte sich Ernst Karding, ein damaliger Spieler des Freiburger FC, später Funktionär im VsFV und DFB, noch später Stadtkämmerer in Flensburg und Berlin, zitiert nach der Webseite des Vereins www.ffc.de/index.php/verein/klubgeschichte?id=120 :

„Die beiden Hauptereignisse aber waren ein erstes internationales Spiel gegen die Old-Boys Basel am 19. Mai 1898 mit 3:2 (1:2) und das entscheidende Spiel um die erstmalig ausgetragene Süddeutsche Meisterschaft am 6. November mit 4:3 (1:1).“

Wenn man für „das entscheidende“ einsetzt „das vorentscheidende“, kommt es auch vom Termin her genau hin. Der Sieger, ob nun mit 4:3 oder 2:0, war dadurch gleich im Finale (vgl. auch den Ablauf der folgenden Saison), während es für die anderen noch im Wettbewerb befindlichen Klubs wie folgt weiterging (Ergebnisse nach Zeilinger, S. 17, während „Sport im Bild“ leider hartnäckig weiter schweigt):

Mannheim 1896 – Germania Frankfurt  7:1   …  am 4.12.98

1.FC Pforzheim – Mannheim 1896  2:1   …  am 18.12.98

Damit hatte Pforzheim das oben präsentierte Endspiel erreicht. Dessen Ergebnis bestätigt Zeilinger übrigens auch (auf Seite 17). So weit, so gut!

Aber Straßburg… waren die denn gar nicht dabei? Da wird es nun doch kompliziert und es ist an der Zeit, aus einem ebenso schönen wie schwergewichtigen, fünfbändigen Werk zu zitieren: „100 ans de football en Alsace“, erschienen 2002 à Strasbourg, geschrieben von einem Autorenkollektiv, zu dem Wolfgang Roth gehört hat. In seiner Statistik sind auf Seite 5 von Band 1 die bisher genannten Ergebnisse bestätigt… aber es kommt auch der FV Straßburg (so herum) vor, als Sieger über den Karlsruher FV mit 4:3. Das Datum bleibt offen. In der folgenden Runde, und zwar am 29.11.98, habe der Verein dann gegen Pforzheim gespielt; allerdings fehlt das Ergebnis.

Kann das sein? Einerseits ja, denn so wie die Mannheimer könnten auch die Pforzheimer vor dem Halbfinale noch ein Zwischenrundenspiel ausgetragen haben, und warum nicht gegen Straßburg? Udo Luy allerdings, Fußballhistoriker aus Bayern/Franken und Autor von „Fußball in Süddeutschland 1889-1908“, erwähnt ein solches Spiel nicht. Und den Sieg über den Karlsruher FV am 6. November, jenes 4:3, das rechnet auch er dem Freiburger FC zu. Er nennt Straßburg als Austragungsort, und das kann die Ursache späterer Missverständnisse gewesen sein.

Aber „100 ans…“ ist hartnäckig. Im Fließtext von Band 1, im Kapitel zur AS Strasbourg, heißt es auf Seite 21: Der Verein „bestritt die Meisterschaft Süddeutschlands 1898-1899 und schlug den Karlsruher Fussball Verein 4-3 à Karlsruhe le 6 novembre 1898, mit der équipe composée de Tosetti, Kohts, W. Schricker, Yvo Schricker, Gustave Jeffke, Krause, Steffens II, Moormann, Hall, Huber II, Scherwitz.“

Also doch? Nicht alle Namen sind richtig geschrieben, und was die Schricker-Brüder betrifft, sollte man besser Bernd-M. Beyer in Göttingen fragen, Autor von „Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte“. Mit dem ist Walther Bensemann gemeint, zu dessen Freunden und Mitstreitern der spätere FIFA-Generalsekretär Ivo Schricker und sein Bruder Winfried gehörten. Beyer: „1898 spielten die beiden schon in Berlin für den ASC.“ Und das angebliche Straßburger 4:3 gegen Karlsruhe am 6. November jenes Jahres? Ist in Schrickers eigenhändig geführtem „Spielebuch“ nicht enthalten. Es muss somit entweder zu einem anderen Zeitpunkt stattgefunden haben… oder die Aufstellung ist falsch.

Ein Argument für den anderen Zeitpunkt: Gegen wen soll denn sonst der Freiburger FC auf dem Weg ins Finale gewonnen haben, wenn nicht gegen der KFV? Und der kann ja nicht zweimal aus demselben Wettbewerb ausgeschieden sein, und das noch am selben Tag, sans rire?

Also nochmal die Frage an den KFV selbst, einen Verein, der seit vielen Jahren intensiv die eigene Geschichte erforscht: 1898/99 hat er mit 3:4 verloren gegen wen? Der oben erwähnte Ergänzungsband sagt auf Seite 126 (Kunstpause): gegen den Straßburger FV, und damit sei man Vizemeister gewesen.

Gut, dass immerhin der Meister jener Saison sicher ist: der FFC, das Freiburger Akademiker- und Studentenkollektiv um seinen Mitgründer, ersten Vorsitzenden und Kapitän Harry Liefmann, später als Mediziner Dr. Liefmann in Berlin und zeitweise in Hamburg tätig, dann auch Spieler beim HSV-Vorläuferclub Germania. Warum er den Freiburgern im Endspiel fehlte, ist nicht überliefert.

Die Oberrealschule bei St. Johann (Lycée Kléber) trug schicke Designertrikots, aber der Straßburger FV behielt den Hut auf. Leider ist das Ergebnis vom 2. Mai 1899 nicht überliefert … Foto: unbekannt

1899/1900

… nahmen neun Vereine teil. Dieses Mal lässt sich der Ablauf bis ins Frühjahr 1900 hinein sehr gut nachvollziehen, denn der Verband veröffentlichte im Oktober 1899 den Spielplan („Wettspieldaten“, „Sport im Wort“ vom 20. Oktober, Seite 232) und legte drei „Kreise“ fest.
Im 1. (nördlichen) Kreis spielten:

Hanau 93 – Germania Frankfurt  5:1   … am 12.11.99

Mannheim 1896 – Hanau 93  3:0   …  am 26.11.99 in Frankfurt/Main.

Damit hatten die Mannheimer die Vorschlussrunde erreicht.

 

Im 2. (mittleren) Kreis spielten:

1.FC Pforzheim – Frankonia Pforzheim  1:6   … am 5.11.99

Karlsruher FV – Frankonia Karlsruhe  3:4   … am 12.11.99 auf dem KFV-Platz.

Der KFV wurde „nach tapferer Gegenwehr besiegt“ (Sport im Wort vom 1. Dezember, Seite 280), legte aber aus nicht genanntem Grund Protest ein. Dieser wurde offenbar anerkannt, denn der KFV blieb im Wettbewerb, während Frankonia aus dem Verband austrat (nach Luy am 27. November). Aus Verärgerung? Der Spielbericht legt es nahe: „Ein Goal, welches kurz vor Schluss durch Frankonias Pfosten sauste, wurde als auf Seit (= offside / abseits, jrp.) von dem Schiedsrichter nicht gegeben.“ Es wäre der Ausgleich zum 4:4 gewesen.

In welchem Blatt das gestanden hat, geht aus dem Scan auf der Webseite des KFV, http://www.karlsruher-fv1891.de/chronik1.html., nicht hervor. Jedenfalls traf nun der Karlsruher FV auf die „andere“ Frankonia, nämlich:
Frankonia Pforzheim – Karlsruher FV  4:7   … am 10.12.99

Damit war der KFV ebenfalls in der Vorschlussrunde (ein Spielbericht findet sich auch hierzu auf seiner Webseite, als Ausriss aus einer nicht näher bezeichneten Lokalzeitung. Ursprünglich hatte das Spiel bereits am 26. November in Pforzheim stattfinden sollen, doch war es wegen des o. g. Protestes verlegt worden, vgl. Sport im Wort vom 1. Dezember, Seite 280.
Im 3. (südlichen) Kreis spielten:

Straßburger FV – Freiburger FC  0:2   … am 19.11.99

Es war festgelegt, dass der Sieger dieser Partie dadurch unmittelbar das „Schlusspiel“ (damalige Schreibweise), also das Finale erreicht haben würde. Der Autor G. M., vermutlich Gustav Manning, schildert den Spielverlauf und merkt an, der FFC habe nicht an seine gewohnte Leistung anknüpfen können und deshalb „nur einen knappen Sieg davongetragen“ (Sport im Wort vom 1.12., Seite 280).

 

In der Vorschlussrunde hätten die Sieger des 1. und 2. Kreises schon am 3.12.99 in Mannheim aufeinander treffen sollen. Aus den genannten Gründen war eine Verlegung nötig:

Mannheim 1896 – Karlsruher FV  1:3   … am 31.12.99

Hiergegen protestierten nunmehr die Mannheimer erfolgreich (es ging um die zunächst verweigerte Spielberechtigung für ihren Verteidiger Brückel), so dass eine Neuansetzung erforderlich wurde:

Mannheim 1896 – Karlsruher FV  1:1   … erst am 11.3.1900 (ohne Verlängerung!)

durch Tore von Wetzler (0:1, 41.) und Kalnbach (1:1, 75.); Schiedsrichter war Liefmann aus Freiburg.

1896:  Kratochvil – Brückel, Bodri – Marquardt, Gutmann, Schrade – Philipp, Kalnbach, Eith, Föckler,
Mohr.

KFV:  Fazler – Gutsch, Kistner – Altenhein, F.Langer, Santer – Ruzek, Heck, Wetzler, Grieshaber,
Jüngling.
Hier sind wir an der, wie man so schön sagt, neuralgischen Stelle der ganzen Recherche. Zeilinger (S. 22) scheint mit „seinem“ Ergebnis (1:2) zu irren, denn die oben genannten Spieldetails („Sport im Wort“ vom 23. März 1900, Seite 93) widersprechen dem und es heißt am Ende des Berichts ausdrücklich, es sei erneut eine Wiederholung nötig. Dasselbe bestätigt „Spiel und Sport“ tags darauf, am 24. März, und auch der „Mannheimer General-Anzeiger“ hat es so notiert, siehe einkopierten Text.

Also hat danach ein entscheidendes drittes Spiel stattgefunden? Wann und wo? Keine mir zugängliche zeitgenössische Quelle kommt darauf zurück, auch „Spiel und Sport“ weder am 24. noch 31. März noch 7. April. Der KFV-Ergänzungsband nennt nur das 3:1 (das nicht galt) und das 1:1, bezeichnet den eigenen Verein aber als Vizemeister 1899/1900 (Seite 127). Udo Luy, ein sorgfältiger Auswerter aller Quellen, legt sich auf den 18. März – eine Woche später – und auf 2:1 für den KFV im dritten Spiel fest, diesmal in Karlsruhe (S. 76).

Wurde also doch die Mannschaft um Otto Jüngling Endspielgegner des Titelverteidigers? Denn der wurde ja immer noch gesucht. Ende Februar hatte „Sport im Wort“ bekräftigt, dass der Sieger des Halbfinales gegen Freiburg anzutreten habe, und zwar in Karlsruhe (bei Beteiligung des KFV) oder aber in Straßburg, wenn die Mannheimer das Finale erreichen sollten (23.2., S. 61). Von einem Rückzug der Breisgauer aus dem Wettbewerb war keine Rede. Sie vertrieben sich die Wartezeit mit Freundschaftsspielen, gewannen zum Beispiel in Basel gegen Excelsior 14:0 (!) und setzten dort ihre Stars Hunn, Liefmann, Schilling und Geis ein („Spiel und Sport“ vom 31. März 1900, S. 241). Nach einem geschwächten Team sieht das nicht aus.

Warum ist das wichtig? Weil sich hier die Geister sehr weit scheiden, nämlich an der Frage, wer am Ende überhaupt Meister war… ja: ob am Ende überhaupt jemand Meister war. Der Straßburger FV, wir erinnern uns, war bereits im November ausgeschieden – und doch taucht er immer wieder als Süddeutscher Meister 1900 auf, nicht nur im „Kicker Almanach“ (dort nur noch für 1900), sondern zum Beispiel bei Ernst Otto Bräunche in „Sport in Karlsruhe von den Anfängen bis heute“ (daselbst 2006, Seite 170). Oder im „Libero“ No. 5, Seite 24. In „Sechzig Jahre süddeutscher Fußball-Verband 1897 – 1957“ (Verfasser: Paul Flierl) auf Seite 136. Auch Zeilinger (S. 22) stimmt dem zu und „Wikipedia“ ist oder war sich ganz sicher (Stand: 7.2.2018): Toujours Strasbourg! Das offizielle DFB-Jahrbuch hingegen, das erste von 1904-05 (S. 137), nennt den Karlsruher FV als „siegreich 1899-1900“, während die Meisterschaft in der folgenden Saison 1900-1901 „nicht ausgetragen“ worden sei. Letzteres stimmt nicht, wie wir noch sehen werden.

Udo Luy vertritt ebenfalls die Straßburg-Fraktion und hat als einziger eine Erklärung, wie das denn zugegangen sein könnte: „Nach dem Rückruf von 6 Engländern war der Freiburger FC nicht mehr einsatzfähig, so dass der Straßburger FV für die nächste Runde qualifiziert war“ (Seite 76). Und am „25.03. oder 01.04.1900“ hätten die Elsässer dann das Endspiel gewonnen, 4:3 gegen den KFV.

Ein Vorrunden-Loser als Meister? Weil Freiburg keine Mannschaft mehr zusammenbekam? Aber dann in Basel 14:0 gewann? Widerlegen lässt sich das nicht, und eines stimmt: Der Spielausschuss des VsFV hatte nicht unbedingt den tiefen Teller erfunden. Luy zitiert aus einer außerordentlichen Vertreterversammlung vom 8. Juli 1900: „Es folgten die Erörterungen betreffs der Spiele um den Meisterschafts-Pokal von Süddeutschland, in deren Verlauf sich herausstellte, dass das ´Komitee für Spiel-Angelegenheiten´ einer durchgreifenden Reform bedürftig sei (…), so dass die Spiele sich in der Spielsaison 1900/01 glatt abwickeln werden“ (S. 60).

If you twist my arm: Ich glaube, es ist 1899/1900 am Ende gar kein Meister mehr herausgekommen. Endlos hatte sich das Ganze hingezogen, und irgendwann gelang es dem reformbedürftigen Spielkomitee nicht mehr, die verbliebenen Vereine für eine Fortsetzung des Wettbewerbs zu interessieren. Am wenigsten die Freiburger, die im April lieber in Zürich und erneut in Basel antraten. Der Karlsruher FV gastierte noch beim DFC Prag und gewann dort 5:1. Vorher allerdings, schon am 18. Februar, war er beim Straßburger FV angetreten, aber das war ein Freundschaftsspiel und endete 2:2 („Sport im Wort“ vom 2. März, Seite 69).

Am 8. April 1900, zu Ostern, war Straßburg Schauplatz eines Repräsentativspiels des VdFV gegen eine Auswahl der Schweiz. Die süddeutsche Elf gewann 2:0 und sie bestand aus lauter schon erwähnten Freiburgern und KFVern: Liefmann, Ruzek, Heck, Hunn, Wetzler, Jüngling, dazu der umstrittene Brückel aus Mannheim sowie Huber, Steffens und Jeffke vom Straßburger FV, der mit Krause auch den Torwart stellte. Offenbar vertrugen sich alle gut.

Vergessen wir nicht: Die Rede ist von der aufregenden Zeit um die Jahrhundertwende, in der einerseits der DFB gegründet wurde, andererseits die Nachwehen der „Ur-Länderspiele“ in Paris und gegen englische Teams noch immer für Streit sorgten. Vieles lief nicht rund, und vielleicht gibt ein Bericht über ein anderes schlichtes Freundschaftsspiel den entscheidenden Hinweis. Am 25. März 1900 gewannen es die Stuttgarter Kickers 4:2 gegen Frankonia Karlsruhe. Die war offenbar aus dem Schmollwinkel hervorgekommen und bot unter anderen die Spieler Kalnbach, Brückel, H. Link und E. Link auf – so „Spiel und Sport“ in einer ausführlichen Reportage am 31. März auf Seite 242. Vier Mannheimer, von denen Kalnbach und Brückel noch zwei Wochen zuvor beim 1:1 gegen den Karlsruher FV mitgewirkt hatten.  Waren die ihrem Verein also abtrünnig geworden? War es Mannheim 1896, das plötzlich keine funktionsfähige Mannschaft mehr hatte?

„100 ans die football en Alsace“ nennt übrigens den „eigenen“ Straßburger FV nicht als süddeutschen Meister, sondern Roth belässt es bei dem 0:2 gegen Freiburg am 19.11.99 (Seite 5). Und das DFB-Jahrbuch? Karlsruhe als Meister 1900, „nicht ausgetragen“ 2001, das hat man, mehrere Jahre danach, ganz einfach verwechselt. Umgekehrt wird ein Schuh draus

Voilà, sie spielten gegeneinander, der Straßburger FV (links) und der Freiburger FC. Am 19. November 1899 verloren die Elsässer zu Hause 0:2 und waren draußen … Foto: unbekannt

1900/01

… gewann nämlich der Karlsruher FV den Titel, wie auch in den folgenden vier Jahren. „Die Meisterschaft des Verbandes süddeutscher Fußballvereine ist in dieser Saison dem Karlsruher Fußball-Verein zugefallen. Die Uebergabe des Meisterschafts-Pokals findet am Sonntag, den 14. April, in Karlsruhe statt.“

Ein schönes Zitat (aus „Sport im Bild“ vom 29. März 1901, Seite 206), weil es immerhin eine genaue Zeitangabe enthält. Und die verbleibende Recherche eingrenzt, denn nun weiß man: Das Endspiel – wenn es denn eines gab – muss spätestens am 24. März selbigen Jahres, dem letzten Sonntag vor Erscheinen, stattgefunden haben. Aber wo, gegen wen und mit welchem Ergebnis? Das steht nicht da, und das Wort „zugefallen“ verheißt ohnehin nichts Gutes.

„Het Sportblad“ aus den Niederlanden ermöglicht eine weitere zeitliche Eingrenzung, denn es schreibt schon am 15. Februar (!) 1901 auf Seite 16  über die im „Bekersystem“ ausgetragene Meisterschaft: „Zooals reeds hierboven angemerkt, is hun de Karlsruher F.V. winnaar.“

Zum Glück ist gedrucktes Holländisch für Nordlichter nicht schwer („reeds“ heißt „schon“; „hun“ bezieht sich reflexiv auf den VdFV). Trotzdem war das etwas voreilig.

Also auch hier von Beginn an. „Sport im Bild“ bezeichnet am 16.11.1900 (auf Seite 626) die Partie

1.FC Pforzheim – Karlsruher FV  0:6   …  am 4.11.00

als „das erste Wettspiel um die süddeutsche Meisterschaft“ (das Datum ist aus der Angabe „am vorletzten Sonntag“ destilliert). Zeilinger trägt nur bei, dass Mannheimer Vereine in der Saison nicht teilgenommen hätten (S. 29). Otto Jüngling, damals selbst Spieler beim KFV, erinnert sich im DFB-Jahrbuch 1910 (auf S. 110):

„Die Saison 1900/01 sah den Karlsruher Fußball-Verein zum ersten Male als süddeutschen Meister: vier Spiele waren erforderlich, die mit 34:0 Toren gewonnen wurden gegen Vereine aus Freiburg, Pforzheim, die Stuttgarter Kickers und Darmstadt, das allerdings allein 0:15 sich gefallen lassen musste.“

34 minus 6 (Pforzheim, siehe oben) minus 15 (Darmstadt) ergibt 13. Zum Spiel der Vorschlussrunde weiß das Onlinearchiv http://kickersarchiv.de/pmwiki.php/Main/1900-1901 dies:
Stuttgarter Kickers – Karlsruher FV  0:9   …  „Halbfinale, 18.11.1900 auf dem Stöckach“.

Da bleiben rechnerisch noch vier Tore aus einem Spiel gegen den „Verein aus Freiburg“ übrig. Und die liefert Udo Luy auf Seite 91:

Freiburger FC – Karlsruher FV  0:4   … am 2. Dezember 1900.  Also danach!


Jenes 0:9 war somit noch nicht das Halbfinale war. Und das Spiel

Bayern München – Karlsruher FV,  angesetzt auf den 30. 12.1900, jedoch abgesagt,

wäre noch nicht das Finale gewesen. Vergessen wir daher lieber diese Angaben. Warum wurde in München nicht gespielt? Das „Prager Tagblatt“ vom 31. Dezember 1900 (S. 2) meldet, das Spiel „fand bis auf weiteres nicht statt, weil beide Mannschaften z. Z. nicht vollständig sind“. Sicher scheint, dass es vorerst keine Neuansetzung gegeben hat, zumindest ist kein dazu passendes Resultat irgendwo zu finden.

Ist dem Karlsruher FV sein erster süddeutscher Meistertitel also am Ende kampflos „zugefallen“, siehe oben? Nein, auch wenn das „Wiener Sport-Tagblatt“ vom 19. März 1925 (sic, Seite 3) ein Vierteljahrhundert später, in einem Rückblick unter dem Titel „Die süddeutschen Meisterschaften“, zur Saison 00/01 ebenfalls schreibt: „nicht ausgetragen“.

Demgegenüber nennen  verschiedene Quellen ein Endspiel des KFV gegen Germania Frankfurt, ohne ein Datum oder Ergebnis zu nennen. Zu diesen gehört ursprünglich Ludolf Kyll, der die Ergebnisse auf der Webseite www.karlsruher-fv1891.de/Ligeneb.pdf zusammengestellt hat. Darauf wiederum haben sich wohl der „Libero“ (No. D3 von 1992, S. 84), Hardy Grüne („Vom Kronprinzen zur Bundesliga“, Kassel 1996, Seite 15) und auf ihn dann „Wikipedia“ (Stand vom 7.2.2018) bezogen.

Allein, warum hätte Germania Frankfurt im Endspiel sein sollen? Eine normalerweise verlässliche Quelle für den Frankfurter Raum ist das www.eintracht-archiv.de . Dort finden sich für 1900/01 zwei Spiele, die der süddeutschen Meisterschaft zugeordnet werden:


Victoria Frankfurt – Germania Frankfurt  1:0
   …  am 25.11.1900

(nach 76 Minuten wg. Dunkelheit abgebrochen, aber so gewertet); und später

Darmstädter FC – Victoria Frankfurt  5:1   …  am 10.2.1901.

Demzufolge wäre Germania gleich zu Beginn ausgeschieden und der Darmstädter FC hätte die… ja, welche Runde erreicht? Von der fortgeschrittenen Zeit her müsste es das Endspiel, mindestens aber das Halbfinale gewesen sein gewesen sein, und in der Tat:


Karlsruher FV – Darmstädter FC
 15:0   ….  fand am 3. März in Karlsruhe statt, siehe Abbildung.

Und es brachte die Entscheidung. Allerdings, wenn das Karlsruher 4:0 in Freiburg ein Halbfinale gewesen ist und das Darmstädter 5:1 das andere, wie passt dann die abgesagte Partie des KFV in München da hinein, in den „Wettspielplan“ des VsFV, den es bestimmt gegeben hat, der aber, wie es scheint, nicht überliefert ist?

Mein vorläufiges Fazit war, in der Sprache von „Het Sportblad“:  Het spijt me, dat weet ik niet…  Aber kurz vor Schluss ergab sich doch die Lösung. Udo Luy schickte per e-Mail eine Kopie aus „Sport im Wort“ (vom 21.3.01):  „Der Münchener Fußball-Club ´Bayern´, welcher durch die ungünstigen Witterungsverhältnisse der letzten Monate verhindert war, ein geregeltes Training durchzumachen, hat auf das Schlusspiel um die Meiszterschaft des Verb. Südd. F.-V. verzichtet. Der K.F.V. ist dadurch Sieger der Meisterschaft pro 1900/01.“

Riesendank… und: Na also! Das 15:0 über Darmstadt war somit das „de-facto-Endspiel“, nicht mehr und nicht weniger. Noch weitere viermal in Folge war der Karlsruher FV Meister. 1910, wer wüsste es nicht, gewann er auch die „Deutsche“, mit 1:0 n. V. gegen Holstein Kiel. Zwei Jahre später war es andersherum.

*

Eine Frage bleibt: Wann in aller Welt hat denn nun jenes sagenumwobene 4:3 der Straßburger gegen den KFV stattgefunden? Mit der der équipe composée de Tosetti, Yvo Schricker, Gustave Jeffke undsoweiter? Im Frühjahr 1900 nicht. Wann dann? Was war es für ein Spiel? Het spijt me, dat weet ik niet… Weitere Forschungen werden es irgendwann herausbringen.

In Straßburg gewann Süddeutschland am 8. April 1900 mit 2:0 gegen die Schweiz. Links das VsFV-Team, man erkennt u. a. Harry Liefmann (ganz links mit Ball) und als 3. von links stehend den Mannheimer Brückel; von beiden ist im Text die Rede. Der Lange mit Strohhut ist Torwart Krause vom gastgebenden Straßburger FV … Foto: Sport im Bild

 

Und hier noch die „Kurzversion“ aus der Printausgabe von Zeitspiel #11, die man hier bestellen kann.

 

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