ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Stellungnahme Dietrich Schulze-Marmeling zum FC Bayern in der NS-Zeit

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In der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ heißt es, neue Forschungen hätten ergeben, der FC Bayern sei entgegen des bisherigen Forschungsstands NICHT auf Distanz zur NS-Diktatur gegangen (http://www.spiegel.de/sport/fussball/bayern-muenchen-forschungen-korrigieren-rolle-des-fc-waehrend-der-ns-zeit-a-1093336.html).

Unser Redaktionsmitglied Dietrich Schulze-Marmeling ist Verfasser des Buches „Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“. Wir haben ihm die Gelegenheit zu einer persönlichen Stellungnahme zur aktuellen Berichterstattung und Diskussion gegeben.

 

Im Süden nichts Neues

„Neue Forschungen korrigieren das Bild des FC Bayern als Verein, der in der NS-Zeit Distanz zu den Nazis hielt. Vor allem bei der Arisierung ging der Klub ungewöhnlich gewissenhaft.“ So der reißerische Appetizer eines Artikels im „Spiegel“ (Ausgabe 21/20126), der sich allerdings bereits beim ersten Überfliegen als eine Mischung aus längst bekannten und veröffentlichten Dingen und einer guten Portion Hochstapelei entpuppt. Überschrieben ist der Artikel mit „Münchner Protokolle“. Möglicherweise ist hier etwas im Umbruch schief gegangen, denn der folgende Artikel ist mit „Alter Urin“ überschrieben, was viel besser gepasst hätte.

Der Berg hat also gekreißt und – noch nicht einmal – eine Maus geboren. Der Berg ist der „Historiker“ Markwart Herzog. So stellt jedenfalls der „Spiegel“ seinen Kronzeugen vor. Herzog ist allerdings kein „Historiker“ (ich bin es auch nicht), sondern Religionsphilosoph und sitzt im Kloster Irsee, von wo aus er bereits seit Jahren eine als Wissenschaft verbrämten Rachefeldzug gegen missliebige Wissenschaftler und Autoren führt und sich dabei immer wieder falscher Behauptungen bedient. Aber dies ist Stoff für eine eigene Story.

Der „Spiegel“ präsentiert als Enthüllung, dass schon die Vereinsführer Oettinger und Amesmaier den Nazis nahestanden bzw. NSDAP-Mitglied waren. Diese „Enthüllung“ kann man allerdings bereits in meinem Buch „Der FC Bayern und seine Juden“ lesen, 2012 in zweiter Auflage erschienen, überarbeitet und ergänzt (S.181/182). Dort erfährt man u.a. auch, dass das jüdische Mitglied Otto Albert Beer bereits zum Jahreswechsel 1930/31 vor einer Nazi-Fraktion im Verein warnte. Des Weiteren kann man dort einiges über den opportunistischen Umgang des Klubs mit seinem jüdischen Trainer Richard Dombi lesen, und wie der Klub versuchte, an der Auflösung des sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeitersports zu partizipieren. Nächste „Enthüllung“: „Am 27. März 1935 machten die Bayern Ernst mit der Ausgrenzung der Juden.“ Steht ebenfalls bereits in meinem Buch (S.175/176), einschließlich des angeblich erst von Herzog entdeckten Arierparagrafen. Dass es auch beim FC Bayern irgendwann einen solchen gab, ist nun wirklich keine Überraschung. Herzog wiederholt hier lediglich bereits Bekanntes und Veröffentlichtes und ergänzt den Stoff um einige Details – bestenfalls. Komplett aufgebauscht ist die Sache mit den „drei Arierparagrafen“. Sie ist im Übrigen auch nicht Bayern-spezifisch. Wie der „Spiegel“ selber schreibt, ist der Grund für den dritten Paragrafen 1940 eine neue Einheitssatzung, die der Reichsbund für Leibesübungen an alle Klubs verschickte. Der Hinweis auf den dritten Paragrafen besitzt deshalb null Erkenntniswert, wenn es um die Beurteilung des FC Bayern geht. Aber „drei Arierparagrafen“ hört sich natürlich bombastisch an.

 

Will man die Vorgänge korrekt sortieren, sollte man einen Blick in den von Lorenz Peiffer und Henry Wahlig geschriebenen Wälzer „Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland“ (Göttingen 2015) werfen. Der Ausschluss der Juden begann mit einer Erklärung südwestdeutscher Fußballvereine vom 9. April 1933, die auch vom „Spiegel“ zitiert wird. Am 19. April 1933 veröffentlichten dann der DFB und die Deutsche Sportbehörde folgende Erklärung: „Der Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes und der Vorstand der Deutschen Sport-Behörde halten Angehörige der jüdischen Rasse, ebenso auch Personen, die sich als Mitglieder der marxistischen Bewegung herausgestellt haben, in führenden Stellungen der Landesverbände und Vereine nicht für tragbar. Die Landesverbände und Vereinsvorstände werden aufgefordert, die entsprechenden Maßnahmen, soweit diese nicht bereits getroffen wurden, zu veranlassen.“ Am 23 April 1933 rief der Süddeutsche Fußball- und Leichtathletik Verband (SFLV) seine Vereine dazu auf, „die vom Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes (…) erlassenen Bestimmungen bezüglich Angehörigen der jüdischen Rasse bzw. der marxistischen Bewegung (sofort) zur Durchführung zu bringen.“ Im Februar 1934 veröffentlichte DFB-Führer Felix Linnemann im „Reichsportblatt“ einen Artikel, den man nur als Aufforderung verstehen kann, die noch in den Vereinen verbliebenen Mitglieder endlich auszuschließen. Bereits einige Monate vorher, im Oktober 1933, hatte Linnemann einen Entwurf für eine  neue Mustersatzung der Vereine im DFB im „Deutschen Fußballsport“ vorgestellt, in dem eine Abfrage zur Religionszugehörigkeit der Mitglieder eingefügt und durch einen Kommentar ergänzt war: „Die Frage nach der Religion ist so auszubauen, daß die Abstammung rassenmäßig überprüft werden kann.“

 

Was Herzog bewusst unterschlägt (und die „Spiegel“-Redakteure offenbar nicht wissen): Im Vergleich zum DFB und vielen anderen Vereinen war der FC Bayern mit dem Ausschluss seiner Juden ziemlich spät dran – wie im Übrigen auch Eintracht Frankfurt. Der 1.FC Nürnberg beispielsweise war diesbezüglich bereits im Mai 1933 aktiv geworden. Der FC Bayern fuhr einen Monat später nach Italien. Trainer war noch immer der Jude Richard Dombi, der die Reise „bis ins Kleinste ausgearbeitet und…ganz vortrefflich vorbereitet“ hatte, wie die „Club-Nachrichten“ einige Wochen später berichteten. Kurt Landauer war noch bis mindestens Mitte der 1930er im Klub aktiv. Die Nazifizierung des FC Bayern und der Ausschluss seiner jüdischen Bürger verlief eben nicht so schnell und reibungslos, wie der „Spiegel“ und sein Herzog suggerieren.

Die „Spiegel“-Schreiber haben Herzogs Einschätzung blind vertraut, anstatt diese einem ausgewiesenen Experten zur Prüfung vorzulegen: Beispielsweise Prof. Dr. Lorenz Peiffer, der zu diesem Thema erheblich mehr geforscht und publiziert hat als Herzog, oder Dr. Henry Wahlig, der im Deutschen Fußballmuseum arbeitet. Im Gegensatz zu Herzog handelt es sich bei ihnen um ausgewiesene Sporthistoriker.  Stattdessen wurde im Vorfeld der Veröffentlichung eine große Geheimniskrämerei veranstaltet. Ich vermute mal auf Anweisung von Herzog. Denn hätten die Redakteure auch nur etwas herumgefragt, wären sie vermutlich zu der Einschätzung gelangt, dass die Herzog’schen Erkenntnisse für einen Artikel nicht taugen. Aber man hat sich mit einem inquisitorischen Anruf bei Bayern-Archivar Andreas Wittner begnügt. Als Wittner nach den Quellen fragte, bekam er als Antwort, dass Herzog dem Magazin die Nennung dieser verboten habe. Und Herzog teilte Wittner mit, sein Buchverlag habe ihm dies untersagt. Herzog darf die Unterlagen dem „Spiegel“ vorlegen, aber nicht dem Bayern-Archivar. Wer soll denn diesen Quatsch glauben?

Herzog verweigert sich der gesamten Komplexität des FC Bayern, dessen Vereinsleben in den NS-Jahren von Animositäten geprägt war: zwischen Alten und Jungen, Fußballern – und Nicht-Fußballern, Nazis, Opportunisten und Verweigerern.  Die wirklich spannenden Dinge lässt er bewusst links liegen. Zu nennen sind hier u.a.: die Auseinandersetzung um den Mitte 1934 eingeführten Ältestenrat, in dem zunächst auch noch die jüdischen Mitglieder saßen und den die Nazis im Verein als Rückfall in die Zeit des Parlamentarismus brandmarkten, die gescheiterte „Juden-Zählung“ im Verein und der noch 1936 tagenden Bayern-Stammtisch, an dem, so seine vereinsinternen Gegner, „Menschen und unwürdiger Stämme und Rassen“ auftraten.

Eine interessante Information liefert Herzog dann doch noch. Der „Spiegel“: „Der Arierparagraf sei 1938 aus der Satzung verschwunden. Er wurde per Hand durchgestrichen, vermutlich vom damaligen ‚Vereinsführer‘ Nußhart. Historiker Herzog vermutet, dass den Bayern erst mit der Zeit klar geworden war, dass sie mit ihrer Satzung zu weit gegangen waren.“ Entweder ist Herzog hoffnungslos naiv, oder er hat unfreiwillig einen Beleg dafür geliefert, dass das von ihm gezeichnete Bild des Klubs nicht zutrifft. Nach den Olympischen Spielen hatte das Regime sein Vorgehen gegen jüdische Bürger und jüdische Organisationen weiter verschärft. 1938 war das Jahr der Reichspogromnacht, in der auch einige Bayern-Mitglieder, darunter Kurt Landauer, im KZ-Dachau landete. Beim FC Bayern gab es keine Juden mehr. Und schon gar nicht gab es im vorherrschenden politischen Klima irgendeine Notwendigkeit, einen Arierparagrafen zu streichen. Sollte Herzog hier Recht haben, sollte es beim FC Bayern ausgerechnet in der Zeit 1938 bis 1940 keinen Arierparagrafen gegeben haben, wäre dies eine Sensation. Aber es wäre – wie gesagt – eine, die Herzogs Bild vom FC Bayern eher widerlegt.

Man muss sich schon der gesamten Komplexität des Klubs widmen, um zu verstehen, warum der Münchner NS-Führung der FC Bayern immer etwas suspekt blieb. Und warum nach dem 2. Weltkrieg nicht nur Kurt Landauer, sondern auch weitere Juden, darunter der deutsch-jüdische Theaterintendant Kurt Horwitz und Hermann Schülein, Ex-Generaldirektor von „Löwenbräu“, dem Klub erneut beitraten und ihm sogar finanziell unter die Arme griffen.

Herzog konstatiert: „Eine Heldengeschichte des FC Bayern gibt es nicht.“ Eine solche hat auch niemand behauptet. Nicht der Landauer-Film, der tatsächlich historische Ungenauigkeiten beinhaltet, aber es ist halt „nur“ ein Spielfilm; nicht Dirk Kämper, Autor der ausgezeichnete Biografie „Kurt Landauer – Der Mann, der den FC Bayern erfand“, nicht Andreas Wittner vom FC Bayern-Archiv, nicht das Münchner Stadtarchiv und ich auch nicht. Auch dies ist eine typische Methode Herzogs: Der Mann widerlegt gerne Thesen, die niemand aufgestellt hat. Und behauptet gerne Dinge, die andere behauptet hätten, aber nicht behauptet haben, um dann deren angebliche Behauptung kräftig rundzumachen. Das Opfer muss dann erst einmal den Nachweis erbringen, dass die Behauptung der Behauptung nicht stimmt. Ein anderes Stalking-Opfer Herzogs schreibt mir zur „Spiegel“-Story: Viel befremdlicher ist, dass der ‚Spiegel“ seine Leser im Unklaren darüber lässt, um wen es sich bei Herrn Herzog auch handelt: um einen selbsternannten Fachmann in Fußballfragen, der jeden, der eine von ihm abweichende Meinung vertritt, auf Jahre hinaus mit unstillbarer Rachsucht verfolgt. (…) Herr Herzog scheint schon seit Jahren kein Fall mehr für die Geschichtswissenschaft zu sein, sondern für die Psychologie. Leider haben Sie das nicht erkannt und sich von ihm instrumentalisieren lassen. Oder wie man in den USA sagen würde: „Sorry, you’ve been played“.

Bleibt noch die Festschrift von 1950, die denjenigen, die sich bislang mit der Geschichte des Vereins befasst haben und die Herzog nun der Geschichtsfälschung beschuldigt, keineswegs als hauptsächliche Quelle diente, wie der Religionsphilosoph unterstellt. Auch in einem anderen Punkt irrt Herzog: Was dort über die NS-Zeit geschrieben steht, ist nicht in erster Linie auf Siegfried Herrmanns Mist gewachsen. Diese Jahre betreffend stammen die entscheidenden Informationen von Franz Nußhart – eben weil Herrmann, wie er selber schreibt, „ferne von München und vom Clubleben“ war. Über diese „Festschrift“ steht bei mir u.a. zu lesen. „Es ist auch das Werk einer ‚Jetzt-haben-wir-wieder-das-Sagen‘-Fraktion, die nun wieder im Besitz der Definitionshoheit über den Klub ist. Wie alle Festschriften verfolgt auch diese den Zweck, den Klub in einem möglichst positiven Licht erscheinen zu lassen.“ Wer so etwas schreibt, wird sich dem Werk wohl kaum als hauptsächliche Quelle bedienen. Im Übrigen ist Herzog der größte Klops in dieser Schrift entgangen. Josef Sauter, der letzte „Vereinsführer“ des FC Bayern, kommt in dieser extrem schlecht weg. Was möglicherweise damit zu tun hat, dass sich Nußhart und Sauter bezüglich der Bildung eines neuen Großvereins und eines damit verbundenen neuen Sportgeländes im Norden der Stadt nicht einig waren. Sauter starb bereits 1946, konnte sich somit gegen die „Festschrift“ nicht mehr wehren. Schenkt man den Nachfahren Josef Sauters Glauben, dann war der letzte „Vereinsführer“ kein Mitglied der NSDAP, sondern wurde nach Kriegsende von der amerikanische Militärregierung „auf den Posten des Vorsitzenden der Spruchkammer (Entnazifizierungsprozesse) in Günzburg/Donau berufen.“ Da kann der Herr Herzog nur hoffen, dass die „Festschrift“ wenigstens in Sachen Josef Sauter die Wahrheit erzählt.

Fazit: Im Süden nicht Neues. Und dies gleich im doppelten Sinne: Sowohl den FC Bayern und seine Geschichte in den NS-Jahren, wie die fragwürdigen Methoden des Religionsphilosophen aus dem Kloster Irsee betreffend.

 

Dietrich Schulze-Marmeling

4 Kommentare

  1. Der Spiegel-Artikel löste in mir die selben Zweifel an der Qualität der Recherche aus, insbesondere die Aussage über die Nicht existierende Heldengeschichte des FC Bayern ließ mich stutzen.
    Vielen Dank für diese sehr gute und plausible Stellungnahme, ich hoffe, dass diese an die betreffenden Personen weitergeleitet wird.

  2. Was genau ist mit ‚Opportunisten ‚ im Teilsatz „und Nicht-Fußballern, Nazis, Opportunisten und Verweigerern.“ gemeint?

    Das stößt mir als Wort auf, ansonsten bedanke ich mich für diesen Text. Nimmt mir das unwohle Gefühl, das ich nach Lektüre des Spiegel-Textes hatte. Nicht, dass mir der FCB nahe wäre, aber die Art des Textes und die Beschreibung der Bayern kam mir komisch vor.

  3. „Eine Heldengeschichte des FC Bayern gibt es nicht.“
    Eine solche hat auch niemand behauptet…. nicht Andreas Wittner vom FC Bayern-Archiv, nicht das Münchner Stadtarchiv und ich auch nicht.“

    Schulze-Marmeling im Interview mit der Zeit vom 12. Juni 2013
    Frage: Wie hat sich der Verein Ihnen gegenüber verhalten?
    Schulze-Marmeling: Erst mit Skepsis, sogar Furcht. Heute gehen Teile der Führung sehr offensiv mit der Vereinsgeschichte um. Es ist ja auch eine Heldengeschichte.
    http://www.zeit.de/sport/2013-06/walter-jens-dfb-nationalsozialismus

    Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten 😉

    • Hinweis der Redaktion: zu diesem Punkt gab es bereits mehrere Diskussionen, u.a. zwischen Raphael Buschmann vom Spiegel und Dietrich Schulze-Marmeling via seines Facebook-Accounts, in dem Dietrich Schulze-Marmeling Stellung bezieht:

      Rafael Buschmann: Interessant finde ich, dass du selbst mal von einer „Heldengeschichte“ gesprochen hast und nun behauptest, niemand hätte dies je getan… Bezüglich deiner inhaltlichen Replik kann ich argumentativ leider nur wenig dazu beitragen, da ich mich nicht mit dem Thema beschäftigt habe. Ich hoffe, dass die Kollegen dir antworten werde.

      Dietrich Schulze-Marmeling: Hier tatsächlich missverständlich. Aber personengebunden (Landauer) gemeint. Ganz abgesehen davon, gab es eine 2. Auflage des Buches, die auch Herzog bekannt ist.

      Und noch einmal
      Dietrich Schulze-Marmeling: Noch mal gelesen. Es ging darum, dass der Verein zunächst gar nicht an die Sache heranwollte. Erst als klar war, da gibt es Positives zu berichten.Man hätte „Heldengeschichte“ in Anführungszeichen setzen müssen (bzw. ich hätte darauf hinweisen müssen).

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