ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Red Star – „gestörte Liebe“ oder „Tradition ohne Heimat“

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Das Drama um den französischen Traditionklub Red Star FC (siehe unsere aktuelle Ausgabe „Le Foot – Frankreich spécial“) geht in die nächste Runde. In der kommenden Saison kehrt der bislang im 80 Kilometer von seiner Heimat Saint-Denis (im Norden von Paris) gelegenen Beauvais spielende Zweitligist zwar in die Metropolregion Paris zurück, nicht aber in sein angestammtes Stadion „Bauer“ (das nicht zweitligatauglich ist), sondern ins Rugbystadion Jean Bouin. Für die vehement um den Erhalt des vom Abriss bedrohten Stade Bauer kämpfende Fanszene des Klubs eine weitere harte Prüfung, die auch die Frage nach dem eigenen Verhalten aufwirft. Unser Redakteur Joachim Henn, der lange in Saint-Denis lebte und sein Herz an den Red Star FC verschenkte, über eine gestörte Liebe und ein „Lehrstück“ im „modernen Fußball“.

paris

Eigentlich könnte die Bilanz der abgelaufenen Saison des Red Star FC kaum besser sein: Nach fast 20-jähriger Abstinenz gelang es dem Traditionsverein aus der Pariser Banlieue nach einigen Startschwierigkeiten mühelos, sich in der zweiten französischen Liga zu halten. Am Ende wäre beinahe der Durchmarsch in die Ligue 1 geglückt, ein einziger Punkt trennte Red Star vom Aufstieg. Mit 36 Punkten aus 19 Spielen waren die grün-weißen mit Abstand erfolgreichstes Auswärtsteam der Liga, allein die Bilanz der Heimspiele ließ zu wünschen übrig. Aber was heißt schon Heimspiele? Da im altehrwürdigen Stade Bauer in seinem aktuellen Zustand keine Zweitligaspiele ausgetragen werden dürfen und das Renovierungsvorhaben in der Planungsphase ins Stocken geraten ist, musste eine Übergangslösung herhalten, die 80 km nördlich von Paris im provinziell-ruralen Städtchen Beauvais gefunden wurde. Das dortige Stadion mietete der Verein für kolportierte 50.000€ eine Saison lang an und bestritt die Partien vor durchschnittlich nicht einmal 2.000 Zuschauern, Gästefans inbegriffen – wobei selbst diese Zahl von nicht wenigen angezweifelt wird.

Da neben dem lokalen Fußballverein, dem ehemaligen Zweit- und heutigen Viertligisten AS Beauvais, für die kommende Spielzeit auch der örtliche Rugbyclub seine Ansprüche auf die Nutzung des städtischen Stadions angemeldet hat, muss Red Star weiterziehen. Nach einigen Wochen der Suche wurden die Vereinsverantwortlichen in der Hauptstadt fündig, wo es gelang, die Spielerlaubnis für das Stade Jean Bouin einzuholen. Das direkt hinter dem Prinzenpark gelegene Rugbystadion stellt nicht nur auf Grund seiner räumlichen Nähe zur PSG-Heimspielstätte schon die nächste Grausamkeit für die Fans dar. Im noblen 16. Arrondissement gelegen findet sich nach der „Einöde von Beauvais“ nun ein „aseptisches“ Umfeld, also wieder keine Umgebung, die ein mit dem heimischen Saint-Ouen vergleichbares Fußballerlebnis ermöglicht: schon mit einer nahegelegenen Kneipe als Treffpunkt für das Bier vor dem Anpfiff und für die dritte Halbzeit wird es schwierig.

Gleichzeitig sehen viele die (wenn auch vorübergehende) Ansiedlung in der Nähe des Prinzenparks sinnbildlich für den Wandel ihres Vereins, nämlich von dem des traditionsreichen Arbeitervereins aus dem Vorort, der sich plötzlich ganz in der Nähe zum von katarischen Investoren geleiteten Verein der Stars und Sternchen wiederfindet – also ungefähr dem genauen Gegenentwurf. Und Red Star ist nach dem Abstieg der Ligakonkurrenten Paris FC und US Créteil sportlich mittlerweile der einzige Gegenpart im Großraum Paris zu PSG und wird nun allgemein in der Rolle des „zweiten Pariser Clubs“ gesehen – nicht eben zum Missfallen der Vereinsführung.

Doch der Parc des Princes und Umgebung steht in Fußballkreisen nicht mehr nur für sportliche Übermacht dank Investorengeld, sondern auch für besonders rigide Richtlinien für den Stadionbesuch. In den letzten Jahren haben sich immer weniger Fußballfans und immer mehr Eventbesucher dorthin verlaufen. Nicht wenige von denen, die dort ihre Heimat verloren haben, glaubten sie im Stade Bauer wiederzufinden, wo man bis vor Jahresfrist noch bodenständigen Fußball in urbanem Milieu sehen konnte. Kein Wunder also, dass schon auf Grund der Voraussetzungen keine große Vorfreude auf die neue Saison aufkommt. Fluch und Segen, in jedem Fall wird auch dieser Aufenthalt nicht von Dauer sein: So verkündete die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo: „Dieses Übergangsjahr gibt Red Star die Zeit, (s)ein Stadion im Département Seine-Saint-Denis zu finden.“

Die großzügige Unterstützung der Stadt Paris hat freilich ihren Preis: nicht genug damit, dass Red Star sich den Rasen künftig mit Stade Français, dem Club aus der obersten Rugbyliga des Landes teilen muss, es fällt auch eine Stadionmiete an, die irgendwo zwischen einem hohen sechs- und einem niedrigen siebenstelligen Betrag für diese eine liegen dürfte. Zu Recht fragt sich mancher Fan nun, warum der Vereinsvorstand sich so vehement gegen eine finanzielle Eigenbeteiligung am Ausbau des Stade Bauer gewehrt hat. Das vorgebrachte Argument lautete, man sehe weder eine Verpflichtung noch einen Sinn, für die Renovierung aufzukommen, da es sich ja um ein städtisches Stadion handele. Genau diese Mittel müssen nun eben für die Stadionmiete aufgebracht werden – mit dem Unterschied, dass sie keinerlei Investition in eine auch nur mittelfristige Lösung darstellen, sondern lediglich ein Erkaufen von weiterem zeitlichen Spielraum. Nachdem die Vereinsführung von vornherein alles auf die Karte Neubau mittels PPP im Industriegebiet von Saint-Ouen gesetzt hat, dieses Projetk auf Grund des Städtebauprojekts Grand Paris unterdessen allerdings gescheitert ist, bleibt ihre weitere Ausrichtung nebulös. Nach außen kommuniziert man den Wunsch einer baldmöglichen Rückkehr ins Stade Bauer – ohne freilich irgendeine Hand dafür krumm zu machen und wohl wissend, dass ab dem ersten Spatenstich eine Bauzeit von mehr als einem Jahr angesetzt ist, also weitere zwei Saisons der Wanderschaft anstünden. Eile täte also Not, doch auf der Vereinsagenda steht seit Jahren das Motto „auf Zeit spielen“, und vermutlich spekuliert man darauf, dass die Fans ihr geliebtes Stadion irgendwann vergessen oder aufgegeben haben oder sich eben eine andere Kundschaft gefunden hat. So bleibt die Fanvereinigung Collectif du Red Star Bauer mit ihrem crowdfunding für eine Stadionrenovierung (http://www.fosburit.com/projets/projet/2999-supporters-pour-bauer/) weiter auf sich allein gestellt und unterstellt der Vereinsführung den üblichen Opportunismus vor Beginn einer neuen Saison.

Eigentlich ist diese Posse ein Lehrstück darüber, wie wenig es heutzutage bedarf, um einen Verein bis in seine Basis hinein zu spalten, und zwar jenseits gewöhnlicher persönlicher Eitelkeiten oder der Seilschaften handelnder Personen und deren diskutablen Entscheidungen im sogenannten Tagesgeschäft. Sie zeigt die Diskrepanz des privatisierten Unternehmens (das er ist) und seiner Wahrnehmung als Gemeinschaftsgut oder gar als Teil des kulturellen Erbes, das er in den Augen von sehr vielen Menschen immer noch darstellt (und als solcher er in gewisser Weise mitbeansprucht wird). Selbst bei einem, wenn nicht dem letzten Überbleibsel des „football populaire“ Frankreichs. Für diese Erkenntnis war nicht einmal die Präsenz asiatischer Investoren vonnöten, über deren bevorstehende Ankunft spekuliert wird. Allerdings ist dieser Prozess auch selten so augenfällig wie bei einem Verein, der seine Heimat verloren hat und dessen Vereinspräsident nicht müde wird von einer nötigen, aber möglichen „Verpflanzung der DNA“ des Vereins zu fabulieren. Zur Erinnerung: mit kurzen, teilweise zwangsweisen Unterbrechungen hat Red Star 106 Jahre lang im Stade Bauer seine Partien ausgetragen. Wo, wenn nicht an einem solchen Ort, findet sich die Identität eines Vereins?

Viele der treuen Fans haben sich schon vergangene Saison vom sportlichen Geschehen abgewandt oder den Verein nur noch auswärts unterstützt. Andere sagen sich „auf ein Neues“ und verzichten auf die Fragestellung, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Stattdessen ergeben sich mit dem neu gefundenen Spielort wieder eine ganze Reihe praktischer Anforderungen und Bedürfnisse. Auf die Frage im Fanforum,  in welchem Sektor man sich zu den Heimspielen im Jean-Bouin-Stadion denn nun versammeln werde, hatte ein Nutzer immerhin schon eine klare Antwort: „im Gästeblock“.

Ein Kommentar

  1. Kommt einem als Sechzgerfan irgendwie alles bekannt vor…das Resultat der Verleugnung der eigenen Identität und Heimat ist ja heutzutage offensichtlicher dennje…
    in diesem Sinne
    Wildmoser raus!!!

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