ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

13. Februar 2017
von Hardy Gruene
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Zeitspiel unterwegs: Buenos Aires und Montevideo

Der Koffer gepackt, Fotoapparat und Laptop für neue Eindrücke und Stories freigeräumt – wir sind mal wieder unterwegs für Euch.
Die Reise geht nach Buenos Aires und Montevideo.
In den nächsten fünf Wochen wird ein Teil unserer Redaktion (Hardy nämlich) dort ihren temporären Wohnort beziehen. Und sich auf die Suche nach der Seele des Fußballs machen. Die vor allem in Buenos Aires, aber auch in Montevideo bekanntlich vielfältig ausfällt. Mehr dazu erfahrt ihr immer mal wieder auch an dieser Stelle – und natürlich später dann in einer gedruckten Ausgabe von Zeitspiel.
Wie „spontan“ Fußball in Südamerika funktioniert ist übrigens daran zu sehen, dass sich die argentinische Liga derzeit im Streit bzw. Streik um die TV-Gelder befindet und der Ligastart deshalb kurzerhand um einen Monat nach hinten verlegt wurde. Hat unsere Planungen natürlich nur „ein klein bisschen“ durcheinandergebracht… Am 3. März soll es nun endlich losgehen. Unsere Reise beginnt daher in Montevideo, wo am Wochenende u.a. der Nachbarschaftsschlager zwischen River Plate und den Montevideo Wanderers auf dem Programm stehen.
Nos vemos!

8. Februar 2017
von Hardy Gruene
Keine Kommentare

Unser Schwerpunkt #7: Chinas Fußball-Revolution

Das Thema China und Fußball ist derzeit in aller Munde und löst großes Staunen und auch eine gewisse Unruhe aus. Mit scheinbarer Mühelosigkeit locken chinesische Klubs namhafte Spitzenspieler ins Land und in eine Liga, die bislang als bessere Operettenliga galt. Während sich die eine Seite über einen zu erschließenden Milliardenmarkt freut, sorgt sich die andere Seite um die Hegemonie im Weltfußball.
Wir haben uns in unserem Schwerpunkt intensiv mit den vielen Seiten der „chinesischen Fußball-Revolution“ beschäftigt. Denn sie geht weit über die schlagzeilenträchtige Verpflichtung von Spielern wie Hulk oder Carlos Tevez hinaus. Chinas Fußball-Revolution hat das Zeug, den Weltfußball nachhaltig und grundlegend zu verändern.


Und so  starten wir in unseren 30-seitigen Schwerpunkt „Chinas große Fußballoffensive – und was sie für Europa bedeutet“:

AC und Inter Mailand. Slavia Prag, ADO Den Haag, AJ Auxerre. OGC Nizza, Espanyol Barcelona, Atlético Madrid. Aston Villa, Wolverhampton Wanderers, Manchester City, der Schweizer Vermarkter Infront, Portugals 2. Liga. Die Spieleragentur GestiFute und selbst die FIFA. Große Namen des Weltfußballs, die eins gemeinsam haben: Investoren oder Besitzer aus China.

Mehr als 1,5 Milliarden Euro investierte China seit Ende 2015 in Beteiligungen und Übernahmen europäischer Vereine. Spieler- und Marketingagenturen von Weltruf kamen unter chinesische Verantwortung. Und auch die heimische „Chinese Super League“ (CSL) öffnete ihre Schatullen. Im Frühjahr 2016 tätigten chinesische Klubs laut „transfermarkt.de“ fünf der sechs größten Transfers, wechselten atemberaubende 300 Mio. Euro für Spielerpersonal die Seiten.

Gefühlt binnen eines Wimpernschlages hat sich China von einer müde belächelten Fußballrentner-Destination zu einem einflussreichen Mitbewerber im Weltfußball aufgeschwungen. Mit seiner enormen Finanzkraft hat man inzwischen selbst zur englischen Premier League aufgeschlossen und erschüttert die alteingesessene (eurozentrische) Fußballwelt in ihren Grundfesten.

Eine Fußballkultur zu „kaufen“ ist sicher kein neues Phänomen. Das gab es in den 1970ern in den USA, als vor allem Warner Brothers mit Cosmos New York für eine Fußball-Revolution sorgte. Oder in den 1990ern in Italien, als Auto-, Food- und Medien-Tycoons auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen. In den 2010er Jahren in Russland und der Ukraine, als Oligarchen und andere Gewinner der politischen Entwicklung sich Fußballklubs als Spielzeuge leisteten. Und natürlich aktuell in England, wo Roman Abramowitsch eine Entwicklung einleitete, die zum Ausverkauf des dortigen Vereinsfußballs führte.

Doch der Fall China ist anders. Denn China ist nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Welt und das mit den weltweit meisten Milliardären, sondern vor allem ein Land, in dem der Fußball einen enormen Nachholbedarf hat und dessen politische Führung (der demokratische Entscheidungsprozesse ziemlich egal sind), die Fußballrevolution federführend anstieß und unterstützt. Das alles ergibt ein Potenzial mit nie zuvor erlebter Schlagkraft, über das Arsène Wenger im Herbst 2015 sagte: „Ich weiß nicht, wie groß das Verlangen in China ist, aber wenn es ein starkes politisches Verlangen ist, sollten wir uns sorgen.“

Fußball-Revolution als 50-Punkte-Plan

Es war der 23. Februar 2015, als sich die Geschicke des Weltfußballs entscheidend veränderten. Generalsekretär und Staatspräsident Xi Jinpig bat die „Zentrale Führungsgruppe für Reform“ zu einer Sitzung ins KP-Hauptquartier Zhongnanhai. Schon kurz nach seiner Wahl zum Staatspräsidenten im März 2013 hatte Xi – in den Medien gerne als „passionierter Fußball-Liebhaber“ dargestellt, ohne dass es dafür belastbare Belege gibt -, eine Untersuchung über den Zustand des Fußballs im Land anordnet und radikale Reformen angekündigt. Denn für Chinas KP-Chef ist Fußball „eine Grundlage für Glück und Erfüllung in der modernen Gesellschaft“.Nun lag das „Reform- und Entwicklungsprogramm für den chinesischen Fußball“ vor. Es begann mit den Worten: „Seit Kamerad Xi Jinping Generalsekretär des 18. Kongresses der Kommunistischen Partei Chinas (CCP) wurde, hat er die Entwicklung des Fußballs auf die Agenda gesetzt, um China zu einer großen Sportnation zu machen“. Herausragendes Ziel ist die Umsetzung eines drei Punkte umfassenden WM-Plans: 1.) Qualifikation zum Endturnier, 2.) Ausrichtung eines Endturniers und 3.) Gewinn bis 2050.

Nachdem Xi den Befehl zur „Wiederbelebung des chinesischen Fußballs“ gegeben hatte (O-Ton der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua), setzte sich das halbe Land in Bewegung. Liu Xiaoxin, Chefredakteur der Fachzeitung „Fußball“ prophezeite damals: „Wenn die Regierung sagt, Fußball ist Trumpf, dann heißt das: Alle werden sich nun auf den Fußball stürzen.“

Genau so kam es. Der Staatsrat, Chinas Regierung, verabschiedete umgehend einen 50 Punkte umfassenden Fußball-Aktionsplan. Offizielle von der obersten Zentralregierung bis hinunter auf die kleinste Provinzebene beeilten sich, Xis Visionen in die Realität zu übertragen. Landesweit entstanden Fußballplätze und Graswurzelvereine, wurde der Fußball in die Schulen getragen und zu einem fixen Bestandteil des Bildungswesens. Bis dato war er bei Chinas Eltern eher verpönt, wollte man den Nachwuchs lieber Wissen pauken sehen. Nun sollen bis 2017 rund 20.000 Schulen in Fußball-Akademien umgewandelt sein, die rund 100.000 Spieler „produzieren“; entstand in Guangzhou die weltweit größte Fußball-Akademie mit über 3.000 Schülern. Noch 2010 waren in China übrigens insgesamt lediglich 7.000 Fußballer registriert (Deutschland: 6,3 Mio.), sagte Bora Milutinovic, der China 2002 zu seiner bisher einzigen WM-Teilnahme geführt hatte: „In jedem Land sieht man Jungs auf den Straßen oder in Hinterhöfen kicken. Nur hier nicht.“

Ihr wollt weiterlesen und mehr über die chinesische Fußball-Revolution erfahren? Dann Zeitspiel-Ausgabe 7 bestellen! Darin berichten wir auf insgesamt 30 Seiten aus folgenden Blickwinkeln über China und seine Fußball-Revolution:
– Chinas globale Fußballoffensive – und was sie für Europa bedeutet
– Sport als Werkzeug: Die politische Dimension der chinesischen Fußball-Revolution
– Schwachpunkt Nationalmannschaft: Chinas quälende Wunde
– Warum Fußball? Chinas Obsession mit Tradition und Luxusmarken
– Die Spielmacher der Fußball-Revolution: die einflussreichsten Personen, Firmen und Konsortien
– Die Spielfelder der Fußball-Revolution: in welchen Fußballklubs Europas sind chinesische Unternehmen bereits involviert
– Eine lange und kuriose Geschichte: Fußball in China
– Worlds Next Top League?: Die Chinese Super League (CSL)
– Guangzghou Evergrande: der Premier-Klub
– Die eigentliche Revolution: Chinas Nachwuchsarbeit
– Nur ein neuer Markt? Deutschland und China
– Interview mit einem Schalke-Fan über eine Gastspielreise der Königsblauen nach China im Sommer 2016
– Klartexte zum Thema von Tarik Dede und Marco Stein

 

Außerdem im Heft:

Leitartikel Revolutionen im Fußball – Wie China den Weltfußball erschüttert und der Unterbau in Europa aufmuckt
Legend Kickers Offenbach
Global Game Chile
Gästekurve Luckenwalde
Jays Corner SV Lohhof
Mottenkiste Schlesischer Fußball an der Peripherie
Dazu kommen die üblichen Rubriken wie Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Hagen Leopolds Collector’s Corner, Zeitspiel International, Frank Willmanns Kolumne, Fußballwelt und Weltfußball, Buchmacher, Abstauber, Singing Area, Alle Tassen im Schrank etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier.

6. Februar 2017
von Hardy Gruene
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Mottenkiste: Schlesischer Fußball an der Peripherie

Im bis 1933 bestehenden Südostdeutschen Fußball-Verband stellten die Bezirke Ober- und Niederlausitz, Niederschlesien sowie der 1918 abgetrennte Bezirk Posen die Peripherie einer Region, die im reichsweiten Fußball insgesamt an der Peripherie stand. Nichtsdestotrotz wurde natürlich auch in Posen, Forst, Cottbus, Görlitz, Liegnitz, Schweidnitz, Hirschberg etc. fröhlich und bisweilen auch erfolgreich gegen das runde Leder getreten
In Zeitspiel-Ausgabe 7 erzählen wir die ganze Geschichte des schlesischen Fußballs an der Peripherie. Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

 

Als man in Forst noch um die „Deutsche“ spielte. Schlesischer Fußball an der Peripherie

Von Hardy Grüne, Till Scholtz-Knobloch und Christian Wolter

Die gewaltigen Unterschiede zwischen Metropole und Provinz im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts wurden im Südosten des Reichsgebiets besonders deutlich. Dort gab es neben der Kultur- und Industriestadt Breslau sowie dem oberschlesischen Industriegebiet mit Städten wie Kattowitz, Gleiwitz und Hindenburg im ländlichen Raum nur vereinzelte Siedlungsschwerpunkte. Darunter die Stadt Posen, in der zur Jahrhundertwende rund 110.000 Menschen lebten, die Industriestandorte Cottbus und Forst in der Lausitz sowie Orte wie Görlitz, Liegnitz, Waldenburg oder Hirschberg im Riesengebirge.

Bezüglich seiner geografischen Proportionen war der SOFV ein Kompromissmodell. Sein Kerngebiet bildete die preußische Provinz Schlesien, doch bis 1918 gehörten darüber hinaus Teile der preußischen Provinz Posen sowie bis 1933 die zur preußischen Provinz Brandenburg gehörende Niederlausitz zum Verbandsgebiet. Die Oberlausitz war unterdessen fußballerisch geteilt. Während der Osten im SOFV kickte, gehörte der sächsische Teil mit Städten wie Bautzen, Zittau und Löbau zum Gebiet des mitteldeutschen VMBV.

Aufgrund der turbulenten politischen Entwicklung waren die Randbereiche des SOFV-Territoriums wiederholt Gebietsveränderungen unterworfen. So fiel die Provinz Posen nach dem Ersten Weltkrieg nahezu vollständig an Polen. 1933 ging die Niederlausitz bei der Gründung der 16 Sportgaue an Brandenburg, und 1945 blieben lediglich Teile der Lausitz beim deutschen Rumpfstaat bzw. der späteren DDR. Für die Vereine bedeutete dies ein ständiges Wechselspiel und mehrfach veränderte Konstellationen.

Cottbus Gründungsort des SOFV

Als 1903 mit dem Verband Breslauer Ballspiel-Vereine (VBBV) der erste Regionalverband im Gebiet des späteren SOFV gegründet wurde, erwachte der Fußball in der Lausitz sowie der ländlich geprägten Provinz Posen gerade erst. Eine erste Verankerung hatte das Spiel in den niederlausitzer Industriestädten Forst bzw. Cottbus erhalten, wo man bereits in den 1890er Jahren Fußballvereine gründete. 1904 entstand mit dem Verband Niederlausitzer Ballspiel-Vereine (VNBV) eine Regionalorganisation, die  im selben Jahr erstmals eine Meisterschaft ausschrieb. Vier Teams aus Cottbus sowie zwei aus Forst ermittelten seinerzeit im Ligasystem mit dem SC Alemannia Cottbus den ersten Regionalmeister. Im schlesischen Teil der Oberlausitz sowie der Provinz Posen gab es zu jenem Zeitpunkt noch lediglich Einzelvereine und eine sehr rückständige Organisation.

Cottbus war dann am 18. März 1906 auch Schauplatz der Gründungsversammlung des SOFV. Auf Druck des DFB entstanden, absorbierte der Verband zunächst sukzessiv die kleinen Regionalverbände VBBV und VNBV, ehe er 1906 bzw. 1910 für die Provinz Posen bzw. die schlesische Oberlausitz eigenständige Bezirke einrichtete. Ab 1910 war das Verbandsgebiet des SOFV damit komplett erschlossen – um schon 1918 durch den Abgang der Provinz Posen an Polen erstmals beschnitten zu werden. 1925 schließlich bildete sich der Bezirk Bergland, dessen Vereine zuvor weitestgehend in Niederschlesien gespielt hatten.

Sportlich vermochten die Vereine der Peripherie bis zum Ersten Weltkrieg durchaus an der Spitze des SOFV mitzuhalten, ohne jedoch den Durchbruch zu erzielen. 1905 scheiterte Alemannia Cottbus in der Vorqualifikation zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft des DFB deutlich an Schlesien Breslau (1:5), und in den Folgejahren vermochten weder Brandenburg Cottbus (1906, 2:3 gegen Schlesien Breslau) noch Britannia Cottbus an den Breslauer Teams vorbeizukommen. Britannia erreichte 1907 über den ATV Liegnitz (3:2) immerhin das SOFV-Endspiel, wo man Schlesien Breslau mit 1:2 unterlag. Erst 1909 sicherte sich mit Alemannia Cottbus erstmals ein Team aus der Niederlausitz die SOFV-Meisterschaft (3:2-Finalsieg über Preußen Kattowitz). Zwei Jahre später stand der FC Askania aus der Textilstadt Forst dann in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft dicht vor einer Sensation, als man gegen den VfB Leipzig unglücklich mit 2:3 verlor.

FC Energie Cottbus als heutiges Aushängeschild

Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten die Mannschaften aus der Peripherie tiefer in den Schatten der Teams aus Breslau und vor allem denen aus dem aufstrebenden Industrierevier. Nicht fiel besser ging es den Teams aus der Niederlausitz nach dem Wechsel der Region zum Gau Brandenburg 1933, in dem man sich fortan mit Gegnern aus Berlin konfrontiert sah. Und so war die Fußballbegeisterung zwar hoch, Erfolge aber blieben Mangelware. Dabei blieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als lediglich Teile der Lausitz deutsch blieben und im DDR-Fußball zunächst keine Rolle spielten. Die alte Fußballhochburg Forst fiel als nunmehr geteilte Grenzstadt mit einem polnischen und einem DDR-Teil sogar völlig aus dem Spitzenfußball. In Cottbus dauerte es bis 1963, ehe mit der Gründung des SC Cottbus – maßgeblich initiiert durch die Delegierung der Kumpelmannschaft aus Brieske-Senftenberg in die Bezirkshauptstadt– ein Team entstand, aus dem sich der heutige FC Energie Cottbus entwickelte.

 

Neugierig geworden? Sie wollen mehr erfahren über den Fußball im schlesischen Hinterland? Dann Zeitspiel-Ausgabe 7 bestellen. Darin berichten wir auf insgesamt acht Seiten über die Geschichte des Fußballs in der Region. Dazu gibt es regionale Tabellen von 1928 bis 1930 sowie einen Exkurs zum Arbeiterfußball in Schlesien.

Außerdem im Heft:

Leitartikel Revolutionen im Fußball – Wie China den Weltfußball erschüttert und der Unterbau in Europa aufmuckt
Legend Kickers Offenbach
Global Game Chile
Gästekurve Luckenwalde
Jays Corner SV Lohhof
Dazu kommen die üblichen Rubriken wie Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Hagen Leopolds Collector’s Corner, Zeitspiel International, Frank Willmanns Kolumne, Fußballwelt und Weltfußball, Buchmacher, Abstauber, Singing Area, Alle Tassen im Schrank etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier.

3. Februar 2017
von Hardy Gruene
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Global Game: Chile – Die verkannte Hochburg (Zeitspiel #7)

Ins geografisch so eigentümlich geformte Chile in Südamerika führt uns in der aktuellen Zeitspiel-Ausgabe #7 die Reise in der Rubrik „Global Game“. Chile gehört zwar zu den Fußballpionieren Südamerikas und war auch an allen wichtigen Entwicklungen beteiligt, musste aber dennoch bis 2015 auf seinen ersten großen kontinentalen Erfolg warten. Dem damaligen Gewinn der Copa América im eigenen Land folgte 2016 beim Jubiläumsturnier in den USA gleich der zweite Triumph.

Wie Fußball nach Chile kam, wie (und wo) er sich dort entwickelte, welche Schwierigkeiten es gab (und gibt), inwieweit das Pinochet-Regime Einfluss auf den nationalen Fußball nahm – alles das und noch vieles mehr lest ihr auf zehn dichtbeschriebenen Seiten. Dazu kommen Porträts der wichtigsten Vereine, ein Blick auf Chiles Fankultur und ein Interview mit einem seit zehn Jahren vor Ort lebenden Hannover-96-Fan, bei dem auch die wichtige Frage nach dem Bier im Stadion geklärt wird.

Außerdem im aktuellen Heft:

Leitartikel Revolutionen im Fußball – Wie China den Weltfußball erschüttert und der Unterbau in Europa aufmuckt
Legend Kickers Offenbach
Mottenkiste Schlesien mit Ober- und Niederlausitz, Niederschlesien, Bergland sowie Arbeiterfußball in Schlesien
Gästekurve Luckenwalde
Jays Corner SV Lohhof
Dazu kommen die üblichen Rubriken wie Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Hagen Leopolds Collector’s Corner, Zeitspiel International, Frank Willmanns Kolumne, Fußballwelt und Weltfußball, Buchmacher, Abstauber, Singing Area, Alle Tassen im Schrank etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier.

 

2. Februar 2017
von Hardy Gruene
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„Der Fußball hat ein Riesenpotenzial“ – der FC Internationale und sein Wunschzettel an den DFB

„Revolutionen im Fußball – wie China den Weltfußball erschüttert und der Unterbau in Europa aufmuckt“, heißt unser Schwerpunktthema in der aktuellen Ausgabe #7. Darin beschäftigen wir uns einerseits mit den Herausforderungen der chinesischen „Fußballrevolution“ für die „alte“ (also eurozentrische) Fußballwelt und andererseits mit den zunehmenden Protesten im unterklassigen Fußball in Europa.

Einer der diesbezüglich engagiertesten Vereine ist der Berliner Klub FC Internationale, der im November durch einen „Wunschzettel“ an DFB-Präsident Reinhard Grindel Schlagzeilen machte. Inititiator war Gerd Thomas (56), beim FC Internationale als 2. Vorsitzender verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, Projekte und Sportliches. Für das aktuelle Heft haben wir uns mit ihm über die 11+1 Wünsche des Vereins, die Reaktion des DFB und die Lage des Amateurfußballs überhaupt unterhalten.

 

Gerd, Euer Wunschzettel an DFB-Präsident Reinhard Grindel hat ja einigen Wirbel ausgelöst. Was hat euch veranlasst, ihn zu schreiben?

Durch das, was man so liest und dann natürlich auch durch unsere eigenen Erfahrungen haben wir immer mehr den Eindruck gewonnen, dass der Fokus des DFB zunehmend auf die Nationalmannschaft gerichtet wird. Natürlich wird auch immer die großartige Jugendausbildung hervorgehoben. Aber auch da geht es doch in erster Linie um die weit unter einem Prozent von Jugendlichen, die wirklich in den Profibereich durchkommen.

DFB-Präsident Grindel hat mit einem sechsseitigen Brief geantwortet. Erstaunlich, oder?

Erstmal sind wir positiv überrascht, dass wir so eine lange Antwort bekommen haben. Inhaltlich gibt es aber Dinge, die wir anders sehen. Zum Beispiel Jugendarbeit. Grindel sagt, die Amateurvereine würden von DFB-Stützpunkten und Nachwuchsleistungszentren profitieren. Doch ich könnte zig Beispiele anführen, wo Talente dem Fußball genau durch den aufgebauten Druck verloren gegangen sind und damit auch den Amateurvereinen. Und dann die sogenannten „weichen Themen“. Also Integration, Prävention, Sozialkompetenz, Kinderschutz usw. Alles, was Vereine mittlerweile so aufgeladen bekommen. Als Verein soll man ja quasi alle zwei Wochen ein neues Plakat im Vereinsheim aufhängen. Ich würde mir einen stärkeren Standpunkt wünschen, mindestens so, wie einst unter Zwanziger. Doch das sieht Grindel ganz anders. Für ihn ist dies Aufgabe der öffentlichen Hand. Für mich ist es eine vertane Chance. Entweder ist sich der DFB wirklich nicht darüber im Klaren, welche sozial-integrative Kraft der Fußball gerade auch für junge Männer und Jugendliche hat, oder sie wollen einfach nicht.

Und wie war die Resonanz aus Kollegenkreisen, von anderen Vereinen?

Quer durch die Republik sagten viele, „ja, das ist genau das, was mal gesagt werden musste“. Es gab aber auch Irritationen, dass sich da jemand getraut hat, dem DFB-Präsidenten einen Brief zu schreiben. Wir haben hier in Berlin inzwischen eine kleine Gruppe von Vereinen gegründet, die langsam etwas größer wird. Eines unserer wichtigsten Themen ist Transparenz. Da sehen wir erheblich Defizite, auch auf der Landesebene. Dazu die Themen Partizipation und Kommunikation. Gerade an der Kommunikation müssen die Verbände besonders arbeiten.

Siehst Du Realisierungschancen, dass sich Vereine mehr verbinden und künftig mit gemeinsamer Stimme auftreten?

Das wäre in jedem Fall sinnvoll. Es müssen einfach ein paar Leute oder Vereine vorangehen, dann fassen andere auch Mut. Denn die Unruhe und Resignation in den Amateurvereinen ist riesengroß. Ich habe aber auch Kritik an vielen Vereinen selbst. Wenn man nur alle vier Jahre auf einen Verbandstag geht, dort die Hand hebt, um schnell wieder wegzukommen, weil um 15:30 Uhr Hertha spielt, dann ist das ein Demokratieverständnis, das sich von meinem unterscheidet. Vereine sollten nicht nur jammern, sie sollten auch formulieren, was verändert werden muss. Wir müssen auch selbst etwas leisten. Und die Verbände sollten sich freuen, wenn es Ideen gibt.

Wie bewertest Du die Verbindung zwischen der professionellen Amateurebene, also vierte bis sechste Liga, und dem „echten“ Amateurfußball, also ab Bezirksebene?

Fußball ist Wettbewerb und es gibt natürlich Konkurrenz zwischen den Vereinen. Abgesehen davon existieren unabhängig von der Liga aber gemeinsame Interessen. Ich bin beim Regionalligisten Babelsberg 03 im Aufsichtsrat. Die Probleme in der Infrastruktur sind da fast die gleichen wie beim FC Internationale in Berlin. Es ist kein Platz da. Oder anders gesagt: Der Sport schafft es nicht, Platz zu bekommen. Das ist natürlich ein spezielles Problem in den Ballungszentren, das wird im ländlichen Raum anders aussehen. Und dann wieder das Thema Kommunikation mit den Verbänden. Das kann in der vierten Liga genauso relevant sein wie in der Kreisliga. Viele Viert- oder Fünftligisten wissen gar nicht, wie viele Gemeinsamkeiten sie eigentlich mit den unterklassigen Vereinen aufweisen.

Wie finanziert sich Fußball auf der professionellen Amateurebene heute?

Das klassische Sponsorenmodell nach dem Motto „Biete ein gutes Produkt an, dann kommen auch die Sponsoren“, wie man es uns immer wieder erklärt, ist im Grunde genommen Selbstbetrug. Denn letztlich sind überwiegend die Vereine erfolgreich, wo ein reicher Privatmann sagt, „ach, die paar Hundertausend sind’s mir wert“. Entweder man findet so jemanden oder eben nicht. In Babelsberg wird ein wirklich guter Job gemacht mit verhältnismäßig geringem Etat, vielen Zuschauern, vernünftigen Strukturen und seriösen Leuten im Vorstand und Aufsichtsrat. Und trotzdem stehen die Sponsoren nicht Schlange.

Ist die Bundesliga Leitbild für den professionellen Amateurfußball?

Leider ja. Nehmen wir Hertha BSC. Da sagt man seit 15 Jahren, also seit der Ära Hoeneß, „wir warten auf den großen Investor“. Eigentlich ist also das Modell Abramowitsch oder Kühne geplant. Diese Großmannssucht geht direkt nach unten durch. Wacker Nordhausen soll in dieser Saison einen Etat von mehr als 3 Millionen Euro haben. Toni Sailer kassiert dort angeblich ein Zweitligagehalt. Die Vereine müssen sich auch an ihre eigene Nase fassen.

Wo liegen die Herausforderungen für Vereine in einer Metropole wie Berlin?

Wir haben hier ein großes Infrastrukturproblem. Die Stadt wächst und wächst. Gleichzeitig heißt es, wir hätten zu viele Vereine und es müsse zu Fusionen kommen. Dabei müssten wir vor allem aufpassen, dass wir nicht wie London oder Paris werden, wo es in der Innenstadt schon keine Fußballplätze mehr gibt. Und da verstehe ich jemanden wie Grindel nicht, der ja im Bundestag gesessen hat und beste Kontakte zur Regierungspartei hat. Der muss sich doch mit dieser Riesenlobby von über sechs Millionen Verbands-Mitgliedern hinstellen und für den Fußball kämpfen! Man hat jedoch den Eindruck, sie kämpfen zwar dann, wenn es um die Profis geht, nicht aber um den Basissport im Kiez. Natürlich ist das auch eine Neiddebatte. Aber es ist inzwischen einfach so, dass viele Vereine strukturell völlig überfordert sind.

Wie kann der DFB den Vereinen helfen?

Zum einen erwarte ich vom DFB, aber auch von den Landesverbänden, dass die politische Lobbyarbeit für die Amateure deutlich verbessert wird. Mit sechs Millionen Mitgliedern würde ein Verband der freien Wirtschaft viel mehr rausholen. Dann habe ich den Eindruck, dass Themen wie Ganztagsschule oder Flexibilisierung der Arbeitswelt beim DFB gar nicht auf dem Zettel stehen. Grindel hat mich in seiner Antwort ja gefragt, was ich mit einem „Innovationszentrum“ meine. Ich glaube, es gibt außerhalb des Verbandes ganz viele Ideen, die funktionieren können. Da würde ich mir wünschen, dass der DFB solche Sachen zusammenträgt. Diese Werbefilmchen auf fussball.de, wo einer mit ‘nem nagelneuen Trecker durch die Gegend fährt, und Werbung für den Amateurfußball macht, die haben doch mit der Realität gar nichts zu tun!

Du hast das Kommunikationsproblem zwischen Vereinen und Verbänden angesprochen. Wie sieht das konkret aus?

Der DFB müsste mehr zu den Vereinen gehen und zuhören. Sie sagen zwar, sie tun das über den DFB-Masterplan, aber was folgt aus den Anregungen der Vereine? Die haben eher das Gefühl, durch den Masterplan müssen sie immer mehr machen. Gebühren werden erhöht, Digitalisierung und Liveticker werden eingeführt. Ältere Schiedsrichter hören einfach auf, weil sie das nicht wollen. Und viele Jugendleiter sind längst im Rentenalter, weil eben nur sie genug Zeit haben. Natürlich ist die Angst vor Veränderungen bei den Menschen groß. Doch es ist Aufgabe des DFB und der Landesverbände, ihnen diese Angst zu nehmen. Man kann das den Menschen nicht einfach überstülpen.

Ist die Bereitschaft auf Verbandsebene vorhanden?

Die Frage ist wie in den Vereinen: Wieviel können ehrenamtliche Präsidiumsmitglieder leisten? Hier in Berlin haben wir wenigstens kurze Distanzen, in einem Flächenland wie Niedersachsen ist das ein Problem, wenn ich erst von Hannover nach Ostfriesland muss. Ich habe aber auch den Eindruck, dass sich die Verbände nur ungern helfen lassen. Da sitzen seit Jahrzehnten dieselben Menschen zusammen. Da ist insgesamt ganz wenig Fluktuation. Was ist denn passiert in den letzten zehn Jahren? Wer hat sich denn gegen Niersbach gestellt und ihm gesagt, „Pass mal auf, es geht hier nicht nur ums Kerngeschäft. Fußball ist mittlerweile viel mehr“?

Was rätst Du Vereinen, um sich besser für die Zukunft zu wappnen?

Nicht alles runterzuschlucken, was vorgegeben wird. Dinge hinterfragen und den Mut haben zu sagen, warum ist das eigentlich so, warum kann man das nicht auch anders machen? Vereine sollten sich zusammentun. Regelmäßige Treffen unabhängig vom Verband organisieren, auf denen man sich austauscht und gegenseitig hilft. Ich erlebe es hier in Berlin, dass oft schon die Jugendabteilung und der Rest des Vereins kaum noch miteinander sprechen. Auch da ist ein Kommunikationsdefizit. Es geht aber nicht darum, immer nur zu sagen, „die Verbände machen nur Mist“. Klar, es gibt diese SED-mäßigen Abstimmungen bei den Verbandstagen. Mir kann aber keiner erzählen, dass es bei allen Sachen immer 100 Prozent Übereinstimmung gibt. Vereine müssen sich auf Kreis- oder Bezirksebene auch mal zusammensetzen und überlegen, was zu tun ist. Letztlich wählen sie ihre Präsidien doch selbst. Dessen muss man sich aber auch bewusst sein.

Wie sieht die Zukunft des Amateurfußballs aus?

Viele Vereine werden sterben, weil sie keine Ehrenamtlichen mehr finden, die sich die Belastung antun. Beim FC Internationale bin ich aber optimistisch. Wir haben eine „AG Fortschritt“ gegründet, die sich monatlich trifft und überlegt, wie man den Verein für die nächsten fünf bis zehn Jahre entwickelt: Im Jugendbereich, mit Flüchtlingen oder bezüglich der Strukturen. Wir Vereine haben noch die Möglichkeit, alle – also Kinder, Jugendliche und Eltern – zu erreichen. Das geht an vielen andere Stellen gar nicht mehr. Dieses Riesenpotenzial erkennen aber weder die Politik noch die Verbände bislang hinreichend.

Danke für das Gespräch

FC Internationale Berlin

Wir sind ein relativ junger Verein. 1980 gegründet, Tradition an sich ist für uns kein Wert. Der Verein hat sich von Anfang an gesellschaftspolitisch engagiert und ist seit Langem in der Integrationsarbeit aktiv. Mittlerweise haben wir 50 Teams im Spielbetrieb und 1.200 Mitglieder. Bei uns wird kein Geld gezahlt, also keine Prämien, keine Handgelder. Das ist reiner Amateurfußball. Wir sind aber trotzdem ambitioniert. Die A-, B-, C-Jugend spielen alle in der höchsten Berliner Liga, die Frauen auch. Da wollen wir mit der 1. Herren auch hin, da fehlt uns aber noch eine Liga. Wir finanzieren uns über Mitgliedsbeiträge und Spenden, wenig über Sponsoren. Wenn man keine Spieler bezahlen muss, dann geht das. Und wir wollen langfristig einen Sozialarbeiter auf 300 Kinder und Jugendliche im Verein haben.“

 

 

Zum Thema „Überleben im Turbokapitalismus“ außerdem in der aktuellen Ausgabe von Zeitspiel – Magazin für Fußball-Zeitgeschichte:

Zur Lage der Nation
England: Der Aufstand der Abgehängten
England: Wie sich Fangruppen im Kampf gegen Besitzer verbünden
When the Clubs are United: Europas „Mittelschicht“ vereint sich gegen die „Großen“
Interview mit Engelbert Kupka von der Initiative „Rettet die Amateurvereine“
Kommentar Dietrich Schulze-Marmeling zum Fall FC Gütersloh
Klartext Hardy Grüne „Welchen Fußball wollen wir?“

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier.