ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

16. Dezember 2020
von Hardy Gruene
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Diego Maradona: Der Schatten eines schlechten Gewissens.

Der Schatten eines schlechten Gewissens

Zeichnung: Diegolan Dibujos

Von Haziran Zeller

Die Geschichte von Diego Armando Maradona ist eine, die nur als Biographie funktioniert, weil sie ansonsten zu kitschig wäre. Sie handelt vom Aufstieg eines kleinen Jungen aus den Slums von Buenos Aires zum größten Fußballer aller Zeiten, also von der Realisierung eines Traums, den die meisten Grundschüler im Geheimen hegen. Eine allgemeine Form: Die Welt, wie sie eingerichtet ist, hält für Heranwachsende dieses Schema bereit, durch die konsequente Verfolgung ihrer Interessen zu weltweitem Ruhm gelangen zu können, welches Prinzip bei Maradona zielsicher zum Scheitern des Helden geführt hat, der stellvertretend für die anderen den Zusammenhang von Leidenschaft und Leiden durchleben musste. Aus passiver Duldsamkeit kann durchschlagende Aktivität werden, aber die Gegenrichtung ist auch wirksam: Was dich antreibt, kann dich töten.

Maradona lernte diese Lektion von Mühsal und Freude auf dem Bolzplatz in Villa Fiorito. Seine unschuldige Fähigkeit, besser zu spielen als alle anderen, hätte ihn selbst dann dazu verpflichtet, das Talent auch zu nutzen und Karriere zu machen, wenn er nicht in einer Wellblechhütte gelebt hätte, in der sich die Mutter abends das Essen vom Mund absparte, das der Vater bezahlte, indem er tagsüber 10 Stunden Säcke schleppte. Mit 15 spielt Maradona in der Profiliga, mit 16 debütiert er in der Nationalmannschaft, die er bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien mit nur 21 Jahren als Spielmacher anführte. Überflüssig zu erwähnen, dass der nächste logische Schritt ein Wechsel zu einem Top-Club wie dem FC Barcelona ist. Solche Transfers werden heute gern als „moderne Form des Sklavenhandels“ bezeichnet, wobei allerdings unklar ist, welche Seite gewinnt oder verliert, denn zwar müssen die jungen Spieler aus Südamerika ihre Haut zu Markte tragen, aber sie stürmen zugleich auch den prestigeträchtigen europäischen Markt, weshalb man ebenso gut von einer späten Revanche der Kolonien sprechen kann. Maradona misslingt das beim ersten Versuch: Die härtere Gangart der spanischen Liga zwingt ihn, den Überflieger, sich in Selbstgenügsamkeit zu üben, er erlebt Rückschläge. In dem Maße jedoch, in dem seine Erfolgsstory hier gestoppt wird, beginnt mit seiner Passionsgeschichte auch die seiner Heroisierung. Denn er stößt mit den Skandalen, die er im Nachtleben produziert, auf das Unverständnis eines sich professionalisierenden Fußballs, dessen Funktionäre die Eskapaden ihrer Bediensteten nicht dulden können. Die Widerstände des Geschäfts machen ihn zum Rebellen, der nach brutalen Fouls auch schon mal eine Massenschlägerei anzettelt (während der König zusieht!) oder in den Medien verkündet: „Egal, was sie sagen, ich gehe aus, solange ich will!“

Vom Verletzungspech geplagt, wechselt er 1984 für die höchste jemals gezahlte Summe von 24 Millionen D-Mark nach Neapel, als teuerster Transfer der Geschichte in die ärmste Stadt Italiens, deren Anhänger dem Chauvinismus der gegnerischen Fans aus dem reichen Norden ausgesetzt sind. Als Mailänder oder Turiner macht man sich über die deklassierten Bauern des Südens lustig, indem man singt: „Cholerakranke, Erdbebenopfer – ihr habt euch nie mit Seife gewaschen.“ Weil Maradona, Inkarnation des biblischen Davids, den Underdog des SSC Neapel zu internationalen Erfolgen führt, ist seine Person auf Ewig verknüpft mit dem Kampf der Schwachen gegen die Starken, seit er am 3.11.1985 den indirekten Freistoß in das Juventustor setzte, um den 1:0-Sieg danach im TV den verspotteten Neapolitanern zu widmen: „Dieses Tor war für euch, die man erniedrigt hat.“

Der lächerliche, vielfach kulturindustriell vermittelte Kult um seine Person, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Maradona ein exemplarisches Leben geführt hat, von dem sich die Menschen noch in Generationen erzählen werden, was der Religionswissenschaftler Jan Assmann „rekonstruktive Phantasie“ nennt. Ein dialektischer Gedanke: Der Blick zurück erzeugt erst den Ursprung der eigenen Erzählung. Während aber bei manchem christlichen Heiligen nicht einmal gesichert ist, ob es ihn überhaupt gegeben hat, oder seine Geschichte nur das Erzeugnis eines kirchlichen Fiktionsbedürfnisses ist, das einem gewöhnlichen Lebenslauf das religiöse Extra hinzugefügt hat, muss solcher Sinn bei Maradona nicht künstlich beigemengt werden, da sein Leben von sich aus zur Idee drängte. Sein mit der Hand (irregulär) erzieltes Tor bei der WM 1986 gegen das England Margaret Thatchers war, ist und bleibt die Rache Südamerikas an der Diktatur des IWF und wichtiger als der Jahrhundertlauf im selben Spiel kurz darauf. Es verhält sich zum Fairplay der FIFA wie der Terroranschlag zur regulären Armee, und in der subversiven Mittelwahl bündelt sich das Fragwürdige mit dem Anziehenden der Person Diego Maradona.

Diese Geschichte vom Befreiungskrieg gegen Fußballweltmächte erzählt sich in seinem Fall auch deshalb so plausibel, weil er ihr Erfinder ist und sich Zeit seines Lebens als Antiimperialist inszenierte, die USA „mit aller Kraft“ gehasst und George W. Bush mit Hitler gleichgesetzt hat. Er trug ein Tattoo von Che Guevara auf der Schulter und besuchte Fidel Castro in Kuba. Und das alles ist umso sympathischer, als sich dieser politischen Romantik nie wirklich der heute so verbreitete Moralismus gesellen konnte, da Maradona selbst vom Typus des Gesetzlosen war, dem kein Trick zu hinterhältig sein konnte und der in Neapel natürlicherweise mit der Camorra zusammengearbeitet hat. Nur weil er auch ein Betrüger ist, konnte er zur Lichtgestalt werden. Emir Kusturica hat einen sehr schönen Dokumentarfilm über ihn gedreht, in dem er auch beim gemeinsamen Fußballspiel mit Maradona gezeigt wird, was eine tolle Szene abgibt: Kusturica beschwert sich über sein Schuhwerk und der Zuschauer erwartet, jetzt müsste von Maradona eine sentimentale Reaktion kommen à la „als Kind haben wir ohne Schuhe gespielt, weil wir so arm waren“, was dieser sich aber spart und was er auch gar nicht sagen kann, weil er da im Pelzmantel steht und an jedem Arm eine Rolex trägt. Wie kaum jemand verkörpert Maradona die Get-Rich-or-Die-Trying-Attitüde der Rapmusik, ohne sie aber wie dort, zum Programm zu erheben, das für ihn objektiv die Gerechtigkeit des Weltganzen war und subjektiv eine nie erreichte Seelenruhe.

Bei allen Starallüren ist er immer der kleine Junge aus dem Vorort geblieben, der auch in den exzentrischsten Aktionen noch bemerkbar war – wie der Schatten eines schlechten Gewissens. Sein Fitnesscoach Fernando Signorini unterschied zwischen „Diego“ und „Maradona“ – der eine unsicher und verletzlich, der andere ein Rüpel, der sich beweisen möchte und deshalb den Respekt der Mächtigen sucht. „Mit Diego würde ich bis ans Ende der Welt gehen, mit Maradona keinen einzigen Schritt“, habe Signorini seinem Zögling einmal erklärt, worauf dieser spitzfindig geantwortet habe: „Aber ohne Maradona wäre Diego noch in Villa Fiorito.“ Dieser hundeäugige Zynismus spricht die Gebrochenheit der Kunstfigur Diego Maradona aus: Er ist der „gute Junge“, der das „Herz am rechten Fleck“ hat, einer, der „nicht vergessen hat, wo er herkommt“, zugleich aber seine Herkunft auch vergessen musste, um dort bleiben zu können, wo er einmal hingelangt war. Beide Welten ließen sich nicht vereinen und die politischen Gesten waren für diesen Widerspruch nur eine oberflächliche Kompensation: Im Namen aller stürmte er die Bastionen des Reichtums, aber weil seine Eroberung Privatsache blieb und bleiben musste, ging er an ihr zu Grunde. Die Geschichte seiner Kokainsucht ist bekannt. Sie begleitete ihn nach seiner aktiven Laufbahn in die obligatorischen Engagements als TV-Moderator und auf Trainerposten, die so kurios waren wie der bei einem mexikanischen Zweitligaverein. Von den Spätfolgen auch des Alkoholismus hat er sich nie mehr erholt. 

Man kann darüber streiten, ob das alles erwähnenswert ist. Man kann die Ansicht vertreten, dass der Sport, da er nicht diskursiv verfasst ist, anderen Erscheinungen des Geistes gegenüber minderwertig ist: Fußball als Idee funktioniere nicht, da hier kein Wahrheitsanspruch vorhanden sei. Aber was heißt das schon in postmetaphysischen Zeiten, da kein Werk der bildenden Kunst mehr einen vergleichbaren Begriff für sich reklamieren würde? Um wie viel übertrifft hingegen ein gutes Champions-League-Spiel den durchschnittlichen Theaterbesuch! Maradona hat sich kaum zufällig als Schauspieler verstanden. In einem Interview beklagte er sich einmal, dass er nicht nur die eigene Rolle beherrschen müsse, sondern auch derjenige sei, der den Text zu verfassen habe. Er war der traurige Autor seiner selbst: Weil das Genie Maradona nicht nur auf dem Platz darstellerischen Anspruch hatte, sondern in der Wirklichkeit den Zug zum Ganzen verspürte, sind wir ihm emotional und intellektuell verbunden. Er lässt uns spüren, dass auch der Sport über sich hinauswachsen kann. Auf die Frage, was passiert wäre, wenn Maradona einen anderen Beruf ergriffen hätte, gibt Kusturica ohne zu Zögern die Antwort: „Hätte er nicht Fußball gespielt, wäre er Revolutionär geworden.“ Am 25. November ist Diego Armando Maradona im Alter von 60 Jahren in der Nähe von Buenos Aires gestorben. 

Neugierig auf Argentinien und Buenos Aires? In unserem Bild-/Textband „Buenos Aires – eine Reise in die Seele des Fußballs“ erzählt Hardy Grüne von den Canchas und Barrios der Stadt und zeigt Bilder von Stadien, Fans und Umgebung. Mehr Infos und Bestellung hier.

11. Dezember 2020
von Hardy Gruene
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Ausgabe #21 in Druck!

Im März kamen wir mit Ausgabe #19 (Großstadtfußball) „pünktlich“ zum Lockdown. Dass wir nun mit Ausgabe #21 (Die 80er) erneut „pünktlich“ zum wohl bald verschärften Lockdown kommen, sagt einiges aus über dieses verrückte Jahr 2020.

Da tut es vielleicht ganz gut, einen kleinen Ausflug in die 80er zu machen, dem (letzten) Jahrzehnt der Unschuld. Ob das Fragezeichen am Ende unseres Titelthema berechtigt ist, könnt ihr nun nachlesen. Das Heft ist bereits in Druck und wird so zeitig ausgeliefert, dass es bis Weihnachten (hoffentlich) in euren Briefkästen ist (zumindest innerhalb von Deutschland).

Einzelheftbestellungen hier: https://bit.ly/37TOjnA, für unsere Abomodelle könnt ihr hier schauen.


Wer bereits ein Abo hat und unsicher ist, ob es ausgelaufen ist: Falls dem so ist, bekommt ihr zeitnah einen Reminder. Dafür auch mal bei den Spams gucken, da landen wir manchmal. Es gibt übrigens inzwischen auch die Option „Dauer-Abo“. Das verlängert sich automatisch, kann aber auch jederzeit gekündigt werden


DANKE FÜR EUERN SUPPORT!

29. November 2020
von Hardy Gruene
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Buenos Aires: Die Seele des Fußballs

Irgendwie sind wir ja grade alle so ein bisschen in Buenos Aires. Trotz Corona-Beschränkungen und mit traurigem Herzen. Der Tod von Diego Armando Maradona flutet die sozialen Netzwerke und zeigt, dass Fußball so viel mehr als nur ein Spiel ist. Selten hat der Tod eines Fußballers derart vielschichtige Reaktionen ausgelöst. Oft sogar im kleinen Rahmen, nämlich in uns selbst. Wenn vor dem inneren Auge die freche „Hand Gottes“ und dieser unfassbar schöne Alleingang zum 2:0 miteinander konkurrierten, wenn wir den in fast kindlich unbefangener Freude auftretenden Fußballer und den aus sämtlichen Rahmen platzenden Suchtabhängigen sehen. Diego Armando Maradona war ein Mensch von überwältigender menschlicher Authentizität.

Unser Mitherausgeber Hardy Grüne hat Buenos Aires mehrfach besucht und ging in dem riesigen Moloch auf die Suche nach der Seele des Fußballs in der Metropolregion. In seinem Buch „Buenos Aires -Eine Reise in die Seele des Fußballs“ sind die einzelnen Stationen in Wort und Bild zu besuchen. Nachstehend veröffentlichen wir den Einstiegstext zum Buch, in dem es natürlich auch um Diego geht.

Hasta siempre Diego!

Fußball als Spiegelbild der Seele

Buenos Aires ist die Stadt mit der weltweit höchsten Rate von Psychologen im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Die Porteños zaudern, hadern und leiden eigentlich immer mit sich und ihrem Schicksal. Zu den Orten, an denen sie Entspannung vom Alltag suchen, gehören Fußballstadien. In der Cancha des eigenen Klubs findet die ganze Seelenpein des Alltags seine Entladung. Im Kollektiv wirft man sämtliche Sorgen ab und swingt sich durch das leichte Leben – auch wenn der Fußball natürlich gelegentlich neues Seelenpein beschert. Die Identifikation ist unzerbrechlich. Kaum vorstellbar, dass sich ein argentinischer Hincha jemals von seinem Team abwendet. Die Liebe steckt im Blut, sie ist unauflöslich. Und sie reicht weit über den Alltag hinaus.
Das hat zunächst historische Hintergründe, denn Argentinien ist ein Land, in dem erst der Fußball da war und dann die Städte wuchsen. In Europa war das andersherum; dort kam der Fußball in bereits etablierte Städte. Als der Fußball Buenos Aires erreichte, gab es viele der heutigen Hochburgen der Fankultur noch gar nicht. Insofern ist Argentiniens Fußballgeschichte zugleich Argentiniens Geschichte (mehr dazu ab Seite 50).
Der Klub wird einem in die Wiege gelegt. Es ist selbstverständlich der des eigenen Wohnviertels (Barrio), und er wird hineingelegt von einer Familie, die seit Generationen genau diesem Verein folgt. Man muss sich noch nicht einmal für Fußball interessieren, um Fan zu sein. In der WG, in der ich während meines Aufenthalts in Buenos Aires unterschlüpfte, lebte eine junge Frau, die sich aus Fußball nichts machte und mich spöttisch belächelte, wenn ich von meinen Ausflügen erzählte. Als ich abreiste, überreichte sie mir einen Kaffeebecher der Boca Juniors und meinte: „Das ist mein Team, damit behälst Du mich in Erinnerung“. Ich schaute sie erstaunt an. „Ich denke, Du machst Dir nichts aus Fußball?“. „Mache ich auch nicht, aber das ist der Klub meiner Familie. Ich bin Boca!“
Würde man in die Stammbäume der Hinchas schauen, ergäben sich in vielen Fällen Verbindungen zur Gründergeneration der Klubs. Denn als die Migrantenströme Ende der 20. Jahrhunderts im Hafen von La Boca anlegten und sich eine neue Heimat suchten, schufen sie die Grundlagen der heutigen Barrios, in dessen Mitte stets ein Fußballfeld lag. Zwischen 1897 und 1914 entstanden im Großraum von Buenos Aires die meisten der heute bestehenden Klubs. Es waren familiäre Klubs mit großem Zusammenhalt, entstanden, um die Migrantengemeinden zusammenzuhalten und eine gemeinsame Begegnungsstätte zu schaffen. Eine erste Heimat in der neuen Heimat.
Die darin innewohnende Kraft transportierte die Vereine durch sämtliche Höhen und Tiefen – sei es sportlich, wirtschaftlich oder politisch. Bis heute stellen Fußballvereine in Barrios wie Chacarita, Tigre, Banfield oder La Boca die zentrale Reibungsfläche des sozialen Lebens dar. In den armen Gegenden sind sie oft sogar der einzige Anlaufpunkt und damit der zentrale Anker im Viertel. Die Canchas spiegeln die wirtschaftlichen und sozialen Realitäten ihrer Umgebung anschaulich wider, denn die liebenswerte Ranzbude von Defensa y Justicia in der Vorstadt Florencio Varela passt ebenso perfekt dorthin wie das gemütliche Dorfplatzambiente des Zweitligisten CA Brown in die schicke Gartenstadt Adrogué.

Nur der Fußball hat die Kraft, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Berufe, politischer Einstellung, Religionen und Geschlecht zu verbinden. Weltweit ist er damit das vielleicht letzte Refugium neben den Resten der (noch) nicht kommerzialisierten Rockmusik, in denen die Liebe zum Objekt wichtiger ist als Geld. In Buenos Aires ist das in einer Vielfalt (80 Vereine!) und Intensität zu spüren, die überwältigt. Bemerkenswert zudem: während Gründervereine in vielen Ländern der Welt (auch in Deutschland) oft schon vor langer Zeit in Fusionen verschwanden, haben die allermeisten Klubs in Buenos Aires trotz der dortigen Vereinsdichte ihre Eigenständigkeit bewahrt. Und dass es kaum möglich ist, eine neue Identität aufzubauen, zeigt das Beispiel des Arsenal FC, der 1957 vom langjährigen Verbandschef Julio Grondona gegründet wurde und trotz erstaunlicher sportlicher Erfolge von den meisten links liegen gelassen wird. Arsenal, umringt von Klubs wie Boca, Racing, Independiente, San Telmo und Dock Sud, fehlen Barrio, Heimat und Tradition. Es ist ein Kunstprodukt.
Die meisten meiner Ausflüge führten mich in den unterklassigen Fußball. Dort, wo der Stadionbesuch existenziell ist und kein durchchoreografiertes Event, mit dem irgendjemand das große Geld machen will. Vor allem bei den kleinen Klubs hat man das Gefühl, dass jeder jeden kennt und jeder seinen Stammplatz hat. Es ist wie der Familienbesuch am Sonntagnachmittag, und manchmal war mir, als sei ich fast in eine intime Runde unter Freunden eingedrungen. Obwohl mir überall neugierige und freundliche Offenheit entgegengebracht wurde, blieb mir der Zutritt zur Seele stets verschlossen. Es ist eine Zone, in die nur gelangen kann, wer den Virus lebt. An dieser Stelle wird der Besucher zwangsläufig zum Zuschauer, während der Hincha auf der Couch seines Therapeuten (= Fußballklub) liegt und mutig in die Tiefen seiner Seele hinabsteigt.
Das ist nicht immer romantisch, und seit 2013 herrscht in Buenos Aires auch ein rigoroses Gästefanverbot. Grund ist die ausufernde Gewalt. Nachdem man bis 1990 insgesamt sieben Tote bei Fußballausschreitungen registriert hatte waren es seitdem weit über 200. Die Macht der Barras war – und ist – nicht zu zügeln, und die schwierige soziale Lage vor allem südlich des Dreckskanals Riachuelo sorgt ohnehin für viel sozialen Zündstoff. Für das Stadionerlebnis ist das bedauerlich, denn zu einer guten Atmosphäre braucht es zwei Pole. Bei vielen Spielen habe ich diese Polarität vermisst, und auch für die Hinchas ist es natürlich bedauerlich, selbst wenn sie sich nach so vielen Jahren wohl längst daran gewöhnt haben. Damit unterbleiben auch die ebenso kultigen wie legendären Anfahrten von johlenden Fanmassen per Stadtbus, von denen es im Internet eine Menge beeindruckender Videos zu sehen gibt. Sie dokumentieren die selbstvergessene Intensität, mit der man in Argentinien seine eigenen Farben liebt.
Die einzigen Gästefans erlebte ich bei internationalen Spiele. Darunter war die Copa-Libertadores-Partie zwischen Lanús und Peñarol aus Montevideo, bei der mir die Bedeutung konkurrierender Fanblöcke für die Atmosphäre im Stadion noch einmal deutlich vor Augen geführt wurde. Allerdings auch ein Problem, denn in Argentinien gilt die Regel, dass, wenn Gästefans zugelassen sind, diese zuerst das Stadion verlassen. Die Heimfans müssen bis zu 30 Minuten vor verschlossenen Türen warten. Eine echte Geduldsprobe. In den letzten Jahren wurden mehrere Versuche vor allem in der Primera División unternommen, das Gästeverbot bei ausgewählten Spielen aufzuheben, doch wann (und ob) es vollends fällt, steht in den Sternen. Für die überwältigende Zahl der argentinischen Hinchas gilt übrigens, dass sie die Nase voll vom gewaltgeschwängerten Zustand ihrer Kurven haben und sich eine Rückkehr zu normalen Verhältnissen wünschen. Mehr zur Fankultur und ihren Verbindungen zur Gewalt auf Seite 88.
In Buenos Aires liebt man den körperintensiven Fußball, die bedingungslose Bereitschaft zu kämpfen und zu raufen. Und natürlich die Schlitzohrigkeit, die den Südamerikanern so gerne nachgesagt wird. Denken wir an Diego Armando Maradona, denken wir an die WM 86, an den verdutzten Peter Shilton und die entwaffnende Logik, das sei die „Hand Gottes“ gewesen. Genauso sieht sich der Porteño (wenn er nicht beim Psychologen ist…). Zugleich liebt man selbstverständlich die Ästhetik, die, und da sind wir erneut bei Maradona, niemand perfekter verkörperte wie El Diego. Das der „Hand Gottes“ folgende 2:0 ist eines der vollendetsten Tore der Weltgeschichte. Dass Porteños Ästheten und Genießer sind hört man übrigens vor allem am verzückten „¡Que Golazo!“ – was ein Tor!
Und noch etwas: Buenos Aires ist keine Stadt der Mode oder der Eleganz. Wer in Buenos Aires lebt legt nicht viel Wert auf Pomp und schicke Kleidung. Praktisch muss sie sein, und in den langen und heißen Sommern heißt das bei Männern meistens Baggy- oder Sport-Shorts und ausgeleierte T-Shirt. Das sieht nicht immer schön aus. Auch die Umgangsmethoden sind gewöhnungsbedürftig. Mit ihrer oft rüpelhaften Art verschrecken die Porteños Besucher aus der Alten Welt, die sich über die rauen Sitten auf den Straßen und in Bus und U-Bahn aufregen. Buenos Aires ist eben keine reiche Stadt oder eine Stadt, die von ihrem kulturellen Mythos lebt und einen entsprechenden Stil pflegt. Der Großraum Gran Buenos Aires ist zunächst eine Ansammlung von schätzungsweise 13 Millionen Seelen, die nach ihrem ganz persönlichen Glück suchen (womit wir wieder bei den vielen Psychologen der Stadt sind) und deren Alltag oft voller Sorgen ist. Viele Porteños haben (zu) wenig zum Leben, das Bildungsniveau ist gering und die Ellenbogen geben Schutz im Menschenmeer. Dennoch ist man aufmerksam und fürsorglich – oft wurde mir spontan Hilfe angeboten, wenn ich mit dem Stadtplan umherirrte oder mal wieder die richtige Bushaltestelle suchte. Denn eigentlich wollen Porteños, dass sich jeder in ihrer Stadt wohl fühlt.

Dieser Text aus aus dem Buch „Buenos Aires – Eine Reise in die Seele des Fußballs“ von Hardy Grüne. Das Buch ist direkt über den Zeitspiel-Shop und nicht im Buchhandel zu erwerben. Weitere Informationen:

„Buenos Aires ist die Welthauptstadt des Fußballs. Ein Großraum mit 13 Millionen Einwohnern, deren Fußball-Liebe sich nicht nur auf Boca und River verteilt, sondern auf insgesamt 82 Profi- und Halbprofiklubs. Damit gliedert der Fußball die riesige Region in überschaubare Häppchen, denn jedes Stadtviertel hat seinen eigenen Verein mit seiner ganz eigenen Ausstrahlung und natürlich seinem eigenen Stadion, Cancha genannt.

Fußballweltreisender Hardy Grüne hat sich in diesem endlosen Häusermoloch auf die Suche nach der Seele des Fußballs gemacht. Hat Spiele besucht, Stadien besichtigt, ist durch Barrios geschlendert, sprach mit Fans und Anwohnern über Fußball und die Liebe zum eigenen Verein. Seine Reportagen und Bilder geben Einblicke in die vielfältige Fußball- und Lebenswelt von Buenos Aires und verdeutlichen die immense Bedeutung, die der Fußball vor allem in den ärmeren Vierteln hat.

Auf 208 Seiten und mit über 500 Abbildungen nimmt er den Leser und Betrachter mit auf seine Reise in diese einzigartige Fußballwelt, die natürlich Station macht bei großen Klubs wie Boca und River, Racing und Independiente, San Lorenzo und Huracán, die aber auch in Gegenden wie Claypole, Florencio Varela oder General Rodríguez führt, wo unterklassige Mannschaften häufig vor beeindruckenden Kulissen aufspielen.

Dazu gibt es eine „Kurze Geschichte des Fußballs in Argentinien“ sowie eine historische Reise durch die Entwicklung der einzigartigen und nicht immer einfachen Fankultur am Río de la Plata.

Hardy Grüne

BUENOS AIRES

Eine Reise in die Seele des Fußballs

208 Seiten, 21×30 cm, Hardcover, ca. 580 Abbildungen

Edition Zeitspiel, Zeitspiel-Verlag

ISBN: 978-3-96736-003-5

Hier direkt bestellen im ZEITSPIEL Shop. (Bestellung aus dem EU-Ausland) (Bestellung Rest der Welt)

3. November 2020
von Hardy Gruene
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Plakat „Die Boca-Trikots“ zu gewinnen

Achtung, Achtung!

In unserer aktuellen #20 hat Diegolan Dibujos aus Buenos Aires mit einem seiner Bilder unseren Leitartikel „Fußball und Identität“ sehr schön aufgepeppt.

Dieses Bild – und weitere von ihm – findet ihr übrigens hier.

Ein Original-Poster von Diegolan gibt es bei uns nun sogar zu gewinnen! Es handelt sich um „Das Trikot von Boca im Wandel der Zeit“, wie unten abgebildet. Wir verlosen das gute Stück unter allen bestehenden Dauerabonnenten sowie sämtlichen NEUEN Dauerabonnenten, die uns bis zum 15.11.2020 per Bestellung über unseren Online-Shop „ewige“ Treue schwören.

Dauerabonnenten müssen nichts tun, wer noch kein Abo hat und nun ein (jederzeit kündbares) Dauerabo abschließen möchte, um an der Verlosung des Plakates teilzunehmen, klickt bitte hier https://bit.ly/34U7woE und sucht sich das passende raus. Bitte nicht vergessen mitzuteilen, ab welcher Ausgabe das Abo starten soll – die aktuelle Ausgabe (Fußball und Identität) ist Nummer 20.

Suerte!

27. Oktober 2020
von Hardy Gruene
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Der ZEITSPIEL-Kalender 2021 ist da

Ob wir 2021 irgendwann wieder „normal“ ins Stadion gehen können wissen wir nicht. Allzu optimistisch sollte man aktuell wohl auch nicht sein, aber Daumendrücken lohnt bestimmt.

Um euch daran zu erinnern, welch wunderbare Bilder die Fußballwelt da draußen für uns alle bereit hält haben wir auch dieses Jahr wieder unseren beliebten ZEITSPIEL Kalender aufgelegt. Zwölf Motive abseits des Glitzerfußballs, die Lust auf Entdeckung machen und das ganze Jahr über die kleine große Fußballwelt nach Hause bringt.

Den Kalender gibt es in zwei Formaten (A4 für 12,90 Euro und A3 für 19,90 Euro, Preise EU-Ausland bzw. Nicht-EU-Ausland), und er kann ab sofort vorbestellt werden. Die Auslieferung erfolgt ab dem 10. November. Holt Euch ein ganzes Jahr Zeitspiel für die Wand!