ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

17. Oktober 2017
von Hardy Gruene
2 Kommentare

KLARTEXT: Politik im Stadion? Zum Kniefall der Hertha

Politik gehört nicht ins Stadion?

Von Roman Kolbe

Der Kniefall der Mannschaft von Hertha BSC als Zeichen des Protests gegen die Trump-Politik hat wieder einmal eine Diskussion entfacht. Gehört Politik ins Stadion?

Selbst wenn man der Meinung sein sollte, Politik gehöre in kein Stadion, so ist eine Umsetzung dieser Vorstellung völlig utopisch – wahrscheinlich genauso utopisch wie die Umsetzung der reinen Form des Kommunismus: alle sind gleich und sollten gleich behandelt werden. Doch wenn man alle gleich behandelt, behandelt man dann Teile der Gesellschaft nicht sofort auch wieder ungerecht? Wird man allen gerecht, wenn man sie gleich behandelt? Sollen Kranke und Gehandicapte wie Gesunde behandelt werden? Alleinerziehende wie Großfamilien? Und was ist mit Singles und kinderlosen Paaren?

Gleichheit ist nicht immer sofort auch gleichzusetzen mit Gerechtigkeit. Und was gerecht ist, muss eine Gesellschaft definieren.

Politik ist Gesellschaft. Sport ist Gesellschaft. Wie will man das voneinander trennen?

Fußball hatte schon immer eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Es dreht sich bei vielen – grad bei uns Fußballfans – oft um den Fußball. Um den Verein. Um den Freundeskreis beim Fußball. Im Fußball spiegelt sich die Gesellschaft wieder. Und natürlich auch die Politik.

Beim Profifußball werden inzwischen Milliardenumsätze bewegt. Die Vereine sind in ihrer Region zu wichtigen Arbeitgebern geworden, viele Branchen wie Hotelerie und Gaststätten sind auf die Fußballvereine angewiesen. Hier sind viele (geschäftliche) Interessen im Spiel – und Interessen werden politisch gelenkt.

Auch viele Politiker sind sich der gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs bewusst und sonnen sich gern im Erfolg so mancher Fußballmannschaft. Angela Merkel in der Kabine der Nationalmannschaft, Martin Schulz mit 1. FC Köln-Schal oder früher Jürgen Möllemann mit FDP-Fallschirm im Parkstadion.

Die gesellschaftliche Verantwortung der Vereine spiegelt sich auch im Engagement bei Fan-Projekten wieder: Gewaltprävention ist eines der wichtigsten Themen. Jugendliche mit sozialen Themen beschäftigen und sie von „dummen Gedanken“ abhalten. Auch das ist Politik. Und Sport.

Zu Trump und dem Berliner Kniefall: Die Trump’sche Politik lässt ja in der Tat stark zweifeln. Kann das richtig sein, aus einem gemeinsam verabschiedeten Klimaabkommen auszusteigen? Ist es sinnvoll, den politischen Gegnern mit Atombomben zu drohen? Oder eine medizinische Grundversorgung der Bevölkerung einzuschränken? Und ist das vor allen Dingen auch gerecht? Ist es gerecht, dass Trump die Football Clubs auffordert, „jeden dieser verdammten Hurensöhne zu feuern“, die nicht beim Absingen der amerikanischen Hymne stehen, sondern knien?

In den USA regt sich lauter Widerstand, der nun auch bis nach Berlin geschwappt ist. Die Hertha-Mannschaft zeigte Solidarität. Das Echo darauf ist gespalten. Die einen finden es gut, die anderen kritisieren vor allem, dass es eventuell aus Marketinggesichtspunkten erfolgt ist.

Spielt das eine Rolle? Spielt es eine Rolle, wenn jemand etwas Gutes tut, dass er es auch aus ganzem Herzen tut? Und eben nicht mit Nebengedanken des Marketings?

Ich kann diese Frage nicht eindeutig für mich beantworten. Wenn etwa ein superreicher Mensch einem Obdachlosen 100 Euro schenkt, dann ist das zwar zunächst eine „gute Tat“, aber wenn der sich dann auch noch dabei filmen lässt, das für sein eigenes Marketing verwendet, dann finde ich das zumindest bedenklich.

War die Aktion der Hertha nun eher gut oder eher schlecht? Ich glaub‘, das muss jeder für sich bewerten. Ich fand sie tendenziell eher gut. Auch weil ich die Aktion höher bewerte als irgendeinen Marketingaspekt dahinter. Und weil ich überzeugt bin, dass Politik auch ins Stadion gehört. Glückauf!

11. Oktober 2017
von Hardy Gruene
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„Dem Himmel so nahe“ – Ausgabe #10 nun terminiert!

Hessen Kassel und SpVgg Bayreuth. FK Pirmasens, VfB Oldenburg, SV Alsenborn, Wacker 04 Berlin. Aber auch Motor Werdau, Motor Nordhausen, Motor Ludwigsfelde. Allesamt Klubs, die in der Vergangenheit ziemlich nahe dran waren am Aufstieg in die Bundesliga bzw. DDR-Oberliga, es nicht schafften und es schlussendlich auch nie schafften. Mit oft fatalen Folgen, denn all diese Klubs spielen heute mehr oder weniger unterklassig bzw. existieren gar nicht mehr.

„Dem Himmel so nah – Fast-Bundesligisten“ heißt unser Leitartikel in der kommenden Ausgabe 10!
Darin berichten wir außerdem für die „Legende“ über den wiedererwachten SV Atlas Delmenhorst, bereisen in „Global Game“ den nahezu unbekannten WM-Debütanten Panama, beschreiben in „Überleben im Turbokapitalismus“ die zwei Welten des baden-württembergischen Oberligisten SV Spielberg und schauen in der „Mottenkiste“, wie das im Zweiten Weltkrieg eigentlich mit dem Fußball im Generalgouvernement und dem Wartegau lief. Dazu kommen die üblichen Rubriken wie Weltfußball und Fußballwelt, Buchmacher, Willmanns Kolumne, Gästeblock (diesmal Wacker Nordhausen), Neues aus dem Unterbau, Krisensitzung, Zeitspiel international usw.
Ausgabe 10 erscheint allerdings nicht wie im eigentlichen Takt vorgesehen Ende Oktober, sondern erst Anfang Dezember. Das hat zwei Gründe. Der erste ist organisatorischer Herkunft. Als wir Zeitspiel 2015 aus der Taufe hoben, haben wir uns zunächst voll auf das Inhaltliche konzentriert und bezüglich der Strukturen gesagt, „wir fangen einfach mal an und schauen, wo es hinführt“. Nun, es hat uns tatsächlich in die Zukunft geführt, und seit einigen Wochen sind wir nun intensiv dabei, diverse schon länger fällige Anpassung an unseren Strukturen vorzunehmen. Dazu gehört u. a. ein „richtiger“ Internetshop, der demnächst an den Start geht und uns die doch sehr zeitaufwändige (und zudem fehleranfällige) Abo- und Bestellverwaltung erleichtern soll. Wir bauen also für die Zukunft!

Darüber hinaus bringt uns die Verlegung in den Dezember schlicht einen zeitlichen Vorteil, da der künftige Erscheinungsrhythmus (März, Juni, September, Dezember) deutlich besser in den einer Fußballsaison passt als der bisherige.

Also, bleibt uns gewogen und freut euch auf ein starkes Heft #10!

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Handel. Infos und Bestellung hier

11. Oktober 2017
von Hardy Gruene
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Von Geisterspielen im 60er-Stadion

Geisterspiel im „60er“-Stadion

Von Wolfgang Budack

Als ich am 24. August 1974 nicht wie im Fußball-Lied „Löwenmut“ von der Punkband LustfingeR besungen „als kleiner Bub an Vaters Hand“, sondern als kleiner Bub an der Hand meines Bruders Dieter (Jahrgang 1947, †2010) zum ersten Mal ein Löwenspiel live sah – damals im Olympiastadion in der 2. Bundesliga Süd gegen den FSV Mainz 05 -, konnte ich nicht ahnen, dass 43 Jahre vergehen würden bis ich das erste „Geisterspiel“ von der ersten Mannschaft in der Vereinsgeschichte erleben sollte.

Als Geisterspiele werden Fußballspiele bezeichnet, die aufgrund von Sanktionen ohne Publikum ausgetragen werden müssen. Das Prinzip eines „Geisterspiel“ ist, dass lediglich Spielern, Betreuern, Vereinsoffiziellen sowie Medienvertretern Zutritt zum Stadion gewährt wird und Zuschauerränge leer bleiben. Einer solchen Maßnahme geht in der Regel ein Fehlverhalten der Anhänger des gastgebenden Vereins bei einem früheren Spiel voraus. Auch Fans des Gastvereins werden, obwohl nicht verantwortlich, abgewiesen. Die Ansetzung eines Geisterspiels hat für den Heimverein eine Einnahmeeinbuße aufgrund der ausbleibenden Eintrittsgelder zur Folge und ist daher neben der Androhung von Geldstrafen oder Punktabzug ein beliebtes und zumeist auch wirksames Druckmittel auf den betroffenen Klub. Das Regionalligaspiel des TSV 1860 gegen den 1. FC Nürnberg II am 1. August 2017 fand im Stadion an der Grünwalder Straße, im Volksmund als „60er“ bekannt, unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Der Deutsche Fußballbund bestrafte die Ausschreitungen beim Relegationsrückspiel gegen Jahn Regensburg, in dem Sechzig in die dritte Liga abstieg, um dann mangels fehlender Lizenz in die vierte durchgereicht wurde.

In der Regionalliga fand im September 2009 bereits ein Geisterspiel mit Beteiligung der Reserve vom TSV 1860 München statt: das Spiel am 17. September gegen den SV Darmstadt 98 fand vor leeren Rängen im „60er“ statt. Begründet wurden die Sanktionen mit Böllerwürfen auf das Spielfeld beim Spiel der Münchner in Weiden.

Zurück zum Geisterspiel 2017: am Dienstag, den 1. August um 14.00 Uhr vollzog sich vor der Kulisse von 60 Zuschauer (auf beiden Seiten waren vom DFB 30 Personen zugelassen) dieses Spiel der Regionalliga Bayern. Die zugelassenen Zuschauer verfolgten von der Haupttribüne dieses „ungewöhnliche Fußballspiel“. Außerhalb vom „60er“-Stadion gab es von der Straße aus wenig bis keine Möglichkeiten Spielszenen zu erspähen.

Für Manfred Forster (47 Jahre), Löwenfan seit 40 Jahren, der Sechzig mit seinen beiden Söhnen Bernhard (17 Jahre) und Daniel (15 Jahre) regelmäßig zu allen Spielen begleitet und weiteren treuen Löwenfreunden war es mit Bekanntgabe des Termin für das Geisterpiel eine Selbstverständlichkeit jede Möglichkeit auszuschöpfen um dennoch Beobachter von diesem Punktspiel zu sein.

Thomas, ebenfalls regelmäßiger Besucher bei Spielen von Sechzig – nicht nur der ersten, sondern auch der zweiten Mannschaft – versuchte erste Kontakte zu Anwohnern der Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom „60er“ zu knüpfen und führte zeitnah erste Gespräche. Das erste Ergebnis, dass ein Anwohner 75,00 EUR pro Person für den Besuch seiner Wohnung mit Blick auf das Spielfeld von seinem Fenster aus forderte, gab ihm nur noch mehr Antrieb an seinem Vorhaben festzuhalten, jedoch zu einem vernünftigen Preis.

Am Spieltag hatte sich Thomas an einen Postboten gehängt um in ein Haus, wo es ihm von den oberen Stockwerken aus möglich erschien auf das Spielfeld zu schauen, zu kommen. Er hat bei mehreren Mietern angefragt, ob sie ihn mit fünf Freunden für die 90 Minuten Einlass in ihre Wohnung gewähren und Plätze am Fenster anbieten würden. Seine Wahl fiel auf eine Mädel-Wohngemeinschaft, die gerade zur Übergabe an den Vermieter renoviert wurde. Mit dem Eintrittspreis für den Fensterplatz in Höhe von 20,00 EUR pro Person war jeder in der Gruppe der Erzlöwen einverstanden. In der Wohnung fanden sich sechs Löwen-Fans ein: Thomas, Flo, Daniela, Jürgen, Siggi und Manfred.

Auf die Frage an Manfred Forster, „was wohl den Ausschlag gegeben hat, das Spiel vom Haus gegenüber anzuschauen“ antwortete er, dass seine Freunde und er die Strafe als ungerecht empfanden („wir haben alle keine Sitzschalen geworfen“) und es eine besondere Motivation für alle sechs gewesen ist, bei diesem Spiel – trotz der Zuschaueraussperrung – dennoch dabei zu sein. Den Motivationsschub begründet er damit, dass die Schuld nicht pauschal auf eine ganze Gruppe verteilt werden und nur die individuelle Schuld bestraft werden darf. Dieser Grundsatz des deutschen Rechtssystems wird durch den DFB durch die Ansetzung eines Geisterspiels außer Kraft gesetzt. „Außerdem erschien uns die Strafe im Vergleich mit anderen Vereinen (die „nur“ mit einem Teilausschluss bestraft wurden) als zu drastisch“.

Im Nachhinein ist das Geisterspiel nur eine weitere unvergessliche Anekdote in der unverwechselbaren Vereinsgeschichte von Sechzig. Wirft man einen Blick zurück auf die letzten 50 Jahre, analysiert die Auf- und Abstiege und besonders die letzten sieben Jahre, in denen der Verein unter seinem Investor Jahr für Jahr ein Stück mehr entkernt und entwurzelt wurde, sind die Sätze des ehemaligen Oberbürgermeisters von München am zutreffendsten. Christian Ude meinte auf die Frage wofür es gut ist Löwenfan zu sein: „1860 Anhänger zu sein ist schlechthin wie die Schule im Leben. Wer ein paar Jahre Löwenfan war, der kennt alle Abstürze und Niederungen des Lebens, alle Schmerzen und Leiden. Da kann das wirkliche Leben mit nichts mehr erschrecken.“

Manfred, Thomas und die anderen lachen heute darüber, dass sie die gefallenen Tore vor der Ostkurve (in die man von keinem Fenster auf der gegenüberliegen Straßenseite Einblick hat) nur mitbekommen haben, wenn die Nürnberger Spieler an der Mittellinie jubelten. Trotzdem bleibt für Manfred ein Nachgeschmack, „hätte doch dieses begeisternde und zum Schluss dramatische, glückliche 5-3 gegen Nürnberg vor voller Hütte zu fanatischen, emotionalen Torjubeln und Gefühlslagen geführt.“

Löwenfan zu sein ist für mich schon sehr bald nach meinem ersten Spielbesuch 1974 zu einem Lebensgefühl geworden. Ich setze die Verbundenheit der Menschen zu Sechzig mit der Beziehung in einer Ehe gleich. Hier gibt es gewöhnlich viele Höhen und Tiefen, die oftmals nur zu meistern sind, wenn man zusammensteht. In der vierten Liga – der Regionalliga Bayern – wurde dem Slogan „Einmal Löwe, immer Löwe“, der 1982 mit dem Zwangsabstieg in die Bayernliga geboren wurde, eine neue – selbst für die leidgeprüften Löwenfans – unbekannte Dimension verliehen.

Diese Emotionen und Fußballbegeisterung, wie wir sie bei Sechzig aus früheren Zeiten besonders in den „60er“, „70er“ und „80er“ kannten – die gerade in den letzten 12 Jahren in der Allianz Arena nur noch sehr selten zu verspüren war – ist jedoch seit der Versenkung vom Investor in die Regionalliga wieder allgegenwärtig. Bei jedem Spiel, zu der die Mannschaft von Daniel Bierofka aufläuft, erlebt man wie viele Menschen sich mit Sechzig wieder identifizieren.

Lustfingers Text im Lied „Löwenmut“ aus dem Jahre 1990 beschreibt auch 27 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch eine für außenstehende Fußballfans schwer nachvollziehbare Realität, wie der Löwenfan auch 2017 weiter ungebrochen zu seinem Verein steht: „Die Münchner Löwen, weiß und blau, das sind ihre Farben und sie sind die Schau, ja unsere Sechzger vom Giesinger Berg, wir halten zusammen, weil wir auf sie schwörn, und ich weiß ganz genau, ich will nah bei dir sein, denn du bist mein Verein, die Gedanken sind immer bei dir!“

 

Ungeschlagen bei Platzsperren und Geisterspielen

Fußballspiele in der Vereinsgeschichte des TSV München v. 1860, die mit einer Platzsperre oder einem Geisterspiel belegt wurden:

06.11.1982          Sa.          TSV München v. 1860 – VfB Helmbrechts in Erding               2:1

17.11.1982          Mi.         TSV München v. 1860 – FC Wacker München in Lohhof       4:4

13.03.1985          Mi.         TSV München v. 1860 – FC Memmingen in Fürstenfeldbruck     6:0

03.04.1985          Mi.         TSV München v. 1860 – TSV Ampfing in Vaterstetten               0:0

17.09.2009          Do.         TSV München v. 1860 Amateure – Darmstadt 98               4:0

(Geisterspiel im „60er“-Stadion)

01.08.2017          Di.          TSV München v. 1860 – 1. FC Nürnberg II                         5:3

(Geisterspiel im „60er“-Stadion)

 

19. September 2017
von Hardy Gruene
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KLARTEXT: Kritiker bitte zu Hause bleiben!

KLARTEXT: Kritiker bitte zu Hause bleiben!

von Frank Willig

 

„Sie können gerne zu Hause bleiben“, raunzte Hannover-96-Chef Martin Kind nach dem 2:0-Sieg seines Klubs gegen den HSV am letzten Freitag. Gemeint waren die Ultras der „Roten“, die ihren Stimmungsboykott fortgesetzt hatten, den Block mit dem Abpfiff schnurstracks räumten und die Mannschaft beim Feiern zurückließen. In Kreisen der Hannover-Ultras und deren Umfeld ist man unzufrieden mit der Entwicklung von 96, entkoppelt vom derzeitigen sportlichen Erfolg. Die Aufhebung von 50+1 treibt vielen Sorgenfalten auf die Stirn; Präsident Kind ist seit über 20 Jahren Unterstützer des Klubs und derzeit dabei, die Profiabteilung komplett unter seine eigenen Fittiche zu nehmen. Die künftige Ausgestaltung von Hannover 96 liegt fortan in den Händen Kinds, der Einfluss des Vereins in Bezug auf mögliche Investoren ist gesunken.   

Während der Partie gegen den HSV hatten die Ultras nun erneut gegen Kind und auch andere Zuschauer Stimmung gemacht. „Wenn sie schon einen Stimmungsboykott machen wollen, dann sollen sie wenigstens ruhig bleiben und die anderen Fans Stimmung machen lassen“, echauffierte sich 96-Sportdirektor Horst Heldt. Die hannoversche „Neue Presse“ kommentierte das Geschehen gar als „Ego-Trip im Stadion“. Heldt ergänzte, dass die Mannschaft keine Politik mache und von Teilen der Fans komplett im Stich gelassen werde. Böse Ultras also!

Doch wer lässt hier eigentlich wen im Stich? Und aus welchem Grund? Und wo sonst sollen besorgte oder genervte Anhänger ihre Meinung kundttun wenn nicht im Stadion? Ohne selbst in der Ultra-Bewegung aktiv zu sein: Ich kann den Unmut nachfühlen. Sehr gut sogar, insbesondere in Zeiten, in denen die Summen im Fußball astronomisch steigen. Etliche Fans und Möchtegern-Fans haben sich erst im Sommer darüber aufgeregt, dass einfach zu viel Geld im Spiel sei. Und etliche haben es wenige Wochen später schon wieder vergessen. Insbesondere in Hannover, wo Tabellenplatz zwei momentan alles andere überdeckt und damit eine gute Ausgangsbasis geschaffen wurde, um Querdenkende endlich aus dem Stadion zu bitten. 
„Sie können gern zu Hause bleiben.“ Nachvollziehbar aus Martin Kinds Blickwinkel, denn letztlich stören nicht-konforme Meinungen und deren Unterstreichung im Stadion ja nicht nur andere Fußball-Konsumenten, sondern schlicht und einfach auch das Geschäft. Dies muss aber zu ertragen sein, so wie eine Demokratie auch unterschiedliche Strömungen aushalten können muss. Denn auch den Ultras „gehört“ nun einmal der Fußball; ebenso wie allen anderen im Stadion – inklusive der Klubführung. Im Gegensatz zu vielen anderen machen die Ultras im Fußballgeschäft aber keine Mark.

Hannover wird für den Fall der Vergabe nach Deutschland kein möglicher Spielort der EM 2024 sein, wie der DFB kürzlich bekanntgab. Beileibe kein Problem, doch Teile der Begründung für die Entscheidung contra Hannover wird den Sorgen vor dem Ausverkauf des Fußballs neue Nahrung geben: zu wenig 5-Sterne-Hotels in der niedersächsischen Hauptstadt, zu wenig VIP-Logen in der Arena, ein zu kleiner VIP-Bereich. Allein daran lässt sich ablesen, worum es im Profifußball hauptsächlich geht. Das ist natürlich nichts Neues und für sich genommen ja auch zunächst einmal kein Problem. Problematisch wird es nur dann, wenn Fußball-Fans anderer Fokussierung ihren Mund halten oder wegbleiben sollen.

Wie erwähnt, ohne Anhänger der Ultra-Kultur zu sein: Als Fußballfan freue ich mich über die standhafte Meinungsvertretung dieser Fangruppo. Warum sollen die Ultras den Unkritischen das Feld überlassen, wie von Horst Heldt vorgeschlagen? Warum sollen sie Heldt selbst das Feld überlassen? Ihm, der noch gar nicht da war und noch auf der Lohnliste von Schalke stand, als all der Ärger in Hannover bereits hochkochte und nun seine Zuspitzung erfährt. Wer wäre denn noch da und ließe H96 nicht im Stich, wenn es für den Klub mal wieder abwärts ginge? Horst Heldt? Die neu gewonnenen Fans, die bei dem aktuellen sportlichen Erfolg in Scharen kommen? Wohl kaum …

25. August 2017
von Hardy Gruene
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Global Game: Demokratische Republik Kongo

Es ist eine der erfolgreichsten Fußballnationen in Schwarzafrika, und doch leidet der Fußball unter der korrupten Politik und dem schier unendlichen Krieg. In unserer Ausgabe #9 beleuchten wir die tragische Fußballgeschichte der Demokratischen Republik Kongo – und hier gibt es einen kleinen Auszug aus dem Kapitel.

Global Game: Demokratische Republik Kongo

Im Würgegriff von Politik und Korruption

In einer idealen Welt wäre die Demokratische Republik Kongo ein wirtschaftliches Schwergewicht und könnte seinen Einwohnern ein exzellentes Leben ermöglichen. Denn das flächenmäßig drittgrößte Land Afrikas verfügt über reichlich Bodenschätze, die überall begehrt sind und für die immense Summen bezahlt werden. Doch es gibt keine ideale Welt. Schon gar nicht in Afrika, noch weniger in Schwarzafrika.

Ein Großteil der 82 Millionen Kongolesen leidet unter Misswirtschaft und Korruption, schier unendlichem Bürgerkrieg, regelmäßigen Flüchtlingswellen, periodisch auftretenden Hungersnöten und einer katastrophalen Infrastruktur. Die Erlöse aus der Ausbeutung der Bodenschätze gehen unterdessen ins Ausland bzw. werden von einer korrupten einheimischen Machtelite schamlos verprasst. Man kann auch sagen, dass die Geschichte der Demokratischen Republik Kongo ein Trauerspiel ist.

Das gilt auch für die des Fußballs, der sich, wie nahezu alles in der DR Kongo, im Würgegriff der korrupten Elite befindet. Zwar wurde die kongolesische Nationalmannschaft zweimal Afrikameister (1968 und 1974) und reiste 1974 als Zaïre als erste schwarzafrikanische Auswahl zu einem WM-Endturnier, das fußballerische Potenzial des Landes aber spiegeln diese Erfolge nur unzureichend wider. Was möglich wäre, zeigt Serienmeister TP Mazembe Lubumbashi, der mit fünf afrikanischen Kontinentalmeisterschaften die nach den ägyptischen Klubs Al-Ahly und Zamalek führende Mannschaft des Kontinents ist. Der Klub ist ein leuchtendes Beispiel für moderne Strukturen und stabile Führung, das über ganz Afrika Strahlkraft ausübt. Allerdings geriet der Verein 2016 ebenfalls in den Fokus der politischen Auseinandersetzungen, als sich Vereinspräsident Moïse Katumbi in Opposition zu Staatschef Joseph Kabila stellte und das Land daraufhin fluchtartig verlassen musste.

Der doppelte Kongo

Fußball kam Anfang des 20. Jahrhunderts durch belgische Missionare in die Region. Im Auftrag des belgischen Königs Léopold II. hatte der Afrikaforscher Henry Stanley ab 1879 mit verschiedenen Bantu-Häuptlingen Verträge geschlossen und sich weite Teile des Gebietes der heutigen Demokratischen Republik Kongo gesichert. Hintergrund waren dort vermutete Rohstoffe. Während die missionarische Erschließung des Landes für eine „Bekehrung“ der „Naturvölker“ sorgte, gingen private Konzessionsfirmen mit einer beispiellosen Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegen die einheimische Bevölkerung vor, die selbst bei den auch nicht gerade zimperlichen anderen europäischen Kolonialmächten auf Kritik stieß und den belgischen Staat 1908 veranlassten, das königliche Besitztum unter Staatsgewalt zu nehmen. Die rüden Ausbeutungspraktiken blieben jedoch bestehen. Zwischen 1880 und 1920 halbierte sich die Bevölkerung Belgisch-Kongos, verloren mehr als zehn Millionen Menschen ihr Leben. Dennoch wurden nach dem Ersten Weltkrieg auch die bis dahin unter deutscher Verwaltung stehenden heutigen Länder Ruanda und Burundi unter belgische Administration gestellt. Hauptstadt von Belgisch-Kongo war ab 1923 Léopoldville, das heute den Namen Kinshasa trägt und am Südufer des Kongo liegt. Die am Nordufer gelegene Stadt Brazzaville indes gehörte damals zum französischen Einflussgebiet und ist heute die Hauptstadt der Republik Kongo. Zu keiner Phase der jüngeren Geschichte haben die beiden Kongos eine politische Einheit gebildet.

Zwei Fußballwiegen: Boma und Lubumbashi

Die Wiege des kongolesischen Fußballs steht in der Hafenstadt Boma, dem damaligen belgischen Verwaltungssitz im äußersten Westen des Landes. Kurz nach der Jahrhundertwende von belgischen Lehrern eingeführt, wurde das Spiel über Missionsschulen rasch weiterverbreitet. 1918 erreichte es die heutige Hauptstadt Kinshasa (damals Léopoldville), wo der belgische Reverend Raphaël de la Kethule 1919 mit dem FC Union den ersten Fußballverein gründete. Schwarze und weiße Fußballer blieben analog der Kolonialpolitik jeweils unter sich, wobei es organisierten Sport ohnehin nur unter weißer Obhut gab.

Wollen Sie gerne weiterlesen? Den Rest gibt es in der Printausgabe von Zeitspiel Ausgabe #9. Nur im Direktbezug, nicht im Handel. Infos und Bestellungen (auch als Einzelheft) über „Abo und Bezug“.

Informationsblatt des kongolesischen Fußballverbandes von der WM 1974 – damals wurde die DR Kongo „Zaire“ genannt.