ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Offener Brief an Herrn Watzke, Borussia Dortmund

| 17 Kommentare

Sehr geehrter Herr Watzke

In Ihren Augen ist Amateurfußball „nicht mehr sexy“, fehlt ihm der „Event-Charakter“ (siehe Interview mit dem „kicker“ vom 3. August 2015). Nun, Sie werden sicherlich wissen, worüber Sie sprechen – neben ihrer Tätigkeit für die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA sind Sie ja, wie im Interview von Ihnen erwähnt, auch Vorsitzender des Landesligisten SV Rot-Weiß Erlinghausen e.V. Wobei wir uns schon fragen: wissen Ihre dortigen Vorstands- und Klubkameraden eigentlich, dass sie so wenig sexy sind?

Wir möchten gar nicht mit Ihnen über Ihre grundsätzlichen Aussagen diskutieren, denn wir sind ein Magazin, das sich auf die Fußballebene unterhalb des Profibereichs konzentriert und fühlen uns als solches weder berufen noch animiert, zu den Problemen der Bundesliga Stellung zu beziehen. Ein paar Sachen sind uns aber dennoch aufgefallen. So sind ja Ihren Worten zufolge die „Besucherzahlen im Amateurfußball seit 15 Jahren dramatisch rückläufig“, was Sie mit „Das hat viele Gründe, aber der allerkleinste ist die Bundesliga am Sonntag“ kommentieren und zudem „gesellschaftliche Veränderungen, gerade in Sachen Freizeitverhalten“ anführen.

Da stimmen wir Ihnen gerne zu: es gibt viele Gründe für den Rückgang, und das veränderte Freizeitverhalten gehört dazu. Eine Bewertung des von Ihnen attestierten zurückgehenden Sexappeals des Amateurfußballs sowie die Auswirkungen der Sonntagsspiele der Bundesliga fällt in unseren Augen aber trotzdem anders aus. Stellen wir uns doch einfach mal vor, die Bundesligaheimspiele von Borussia Dortmund würden regelmäßig zeitgleich mit Partien der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei WM-Endturnieren angepfiffen werden. Würden Sie sich da nicht irgendwann um das Sexappeal Ihres BVB sorgen? Nun, das ist ungefähr das Szenario, mit dem viele tausend Amateurvereine jedes Wochenende konfrontiert werden. Fragen Sie doch mal in Marten oder Mengede nach, was passiert, wenn parallel zu einem eigenen Heimspiel der BVB ankickt.

Wir haben in der Vergangenheit mit Interesse verfolgt, dass Sie es gar nicht mögen, wenn Fußballunternehmen wie VfL Wolfsburg, TSG Hoffenheim oder Bayer Leverkusen in einen Topf mit dem Arbeiter- und Traditionsklub Borussia Dortmund geworfen werden. Auch dass Sie quasi einen „Treuebonus“ für Traditionsvereine fordern sowie mehr Geld für jene Mannschaften anmahnen, deren mitreisende Fanschar größer ist als die dieser gesichts- und geschichtslosen Gebilde wie Bayer 04 Leverkusen, wo man ja erst seit 1907 Fußball spielt, ist uns nicht entgangen.

Dass Sie sich im Rahmen der Bundesliga als Verfechter des wahren und echten Fußballs engagieren und die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA unter den Traditionsvereinen dabei ganz vorne sehen (sozusagen in „echter Liebe“ mit der Vergangenheit verbunden) ist selbstverständlich ihr gutes Recht. Dass Sie aber in Bezug auf den Amateurfußball eine gelinde gesagt schwer erträgliche Arroganz an den Tag legen, verwundert uns.

Es muss Sie natürlich nicht interessieren, dass es bei Klubs wie Altona 93, FSV Jägersburg, TSV Heinsheim, ESV Dresden und tausenden anderen engagierte Menschen gibt, die gar kein Interesse (mehr) am Event Bundesligafußball haben. Die vielmehr stolz sind auf „ihre“ Klubs, die sie selbst mit echter Liebe füllen. Bei denen das Trikot weder 79,90 Euro kostet noch im „Midnight Shopping“ erworben werden kann.

Und doch zeugt Ihre Analyse von einer bemerkenswert lückenhaften Sachkenntnis. Haben Sie zum Beispiel mitbekommen, dass am Wochenende in Hamburg zwei Fünftligisten 2.700 Zuschauer anlockten? Ach, nicht sexy genug? Dann ist Ihnen vielleicht der Fall des HFC Falke geläufig, der über 620 Zahlende zu einem Kreisklassenkick auf seinen Sportplatz versammelte. Hinter dem Klub stehen übrigens langjährige HSV-Fans, die genug hatten von „Event-Charakter“ und lieber so ganz unsexy einfach nur Fußball gucken und ein Bier trinken wollen. Aber ganz bestimmt wissen Sie von der mit Ihrer U23 nach Düsseldorf gereisten Anhängerschaft, die dort ziemlich plakativ ihren Unmut über die Anstoßzeiten kundtat. Wie, auch nicht attraktiv genug? Och, nun kommen Sie, Herr Watze. Was brauchen Sie denn noch für „Echte Liebe“?

Wenn wir mal bei dem von Ihnen aufgezeigten Bild bleiben, können wir feststellen, dass es im Fußball wie im Leben ist. Im „Leben“ gibt es „da draußen“ viele Menschen, die sich durchaus gerne mal einen sexy Mann oder eine sexy Frau anschauen – um dann zu erkennen, dass da häufig ganz schön mit Photoshop nachgeholfen wurde. Bei der Figur, beim Six-Pack, beim Augenaufschlag. Und dann sind sie enttäuscht. Vielen langjährigen Fußballfans geht es ähnlich. Die gehen nicht mehr zur Bundesliga, weil das „Premiumprodukt“ wie ein Photoshop-Gebilde daherkommt. Weil man es als aufgetakelte, glitzernde Scheinwelt wahrnimmt, die keine Werte vermittelt, sondern vornehmlich ein monetäres Interesse hat. Also statt „echte Liebe“ eigentlich „käufliche Liebe“ offeriert.

Die aber wollen zunehmend viele Menschen nicht mehr. Waren Sie mal irgendwo in Dortmund beim Amateurfußball? In Hombruch, in Marten, in Mengede? Oder beim ASC 09 in der Oberliga? Machen Sie es mal! Ist ganz schön sexy!

Mit sportlichem Gruß, ihre Zeitspiel-Redaktion

17 Kommentare

  1. Super geschrieben und vollkommen richtg!

  2. Großartig.

  3. Der Vergleich mit der Nationalmannschaft ist nicht klug gewählt. Die meisten Fans des BVB (oder von Schalke, Köln, Gladbach,…) würden natürlich die eigene Mannschaft der Nationalmannschaft vorziehen …

  4. Schwachsinniger Artikel!

    Jeder echte Fan eines Bundesligisten würde zu jeder Zeit seinen Verein der Nationalelf vorziehen.

    Hier wird zwanghaft nach den absoluten Ausnahmen im Amateurfußball gesucht, um Herrn Watzkes Aussagen zu widerlegen.

    Auch wenn es nicht jeder wahrhaben möchte, aber Herr Watzke hat in fast allen Aussagen recht.

  5. Leider geil, ach ne einfach geil, Herr Warze meint wohl, jetzt den Part von Herrn Hoeneß übernehmen zu müssen

  6. Schade, leider mit einem nicht passenden Vergleich und Polemiküberschuss eine gute Möglichkeit für eine gute Kritik an Watzkes Positionen verpasst.

  7. Den Nagel auf den Kopf getroffen

  8. So sieht es aus!
    Ich persönlich widme mich auch immer mehr dem Lokalsport zu. Ist eher „zum anfassen“ nah, man kann sich vielmehr damit identifizieren.
    Denke ich an den BVB, kommen nur die alten Bilder, aus Kindheits- und Jugendtagen auf.
    Das was da heute aufgefahren wird, hat doch schon lange nichts mehr mit „Fußball im Mittelpunkt“ zu tun…

  9. vollkommen richtig, wobei man auch schon zugeben muss dass der „Amateur“ Fussball auch ziemlich verdorben ist. Was sicherlich auch die teilschuld vom modernen Profi Fußball ist.
    Hier spielen junge aufstrebende Kicker, die es vielleicht bis in die Oberliga packen könnten, lieber für das 3-fache in der B-Klasse. Der Reiz möglichst weit oben zu spielen ist bei weitem nicht mehr so groß, wie der mit möglichst wenig Training viel abzukassieren.
    Jungen Menschen wird meiner Meinung nach ein vollkommen falsches Bild zum Arbeitsleben vermittelt. Andere müssen neben ihrem Studium 2-3 Nebenjobs haben, während der Fußballer 3x die Woche unmotiviert zum Sportplatz marschiert. Und geht dann Dorfverein X die Kohle aus, wartet Verein Z bereits sehnsüchtig um sinnlos Kohle zu verprassen …

  10. Plumpes haschen nach Aufmerksamkeit. Selten einen so langatmig, langweiligen uninteressanten Text gelesen. Ich gehe davon aus, dass Herr Watzke sagen kann was er will und das ihm zu recht am Arsch vorbeigeht, ob ihnen diese Meinung gefällt. Der Schrei nach einer Minute Ruhm wurde Ihnen nun erfüllt, aber Gott sei Dank ist diese nun vorbei.

  11. Es ist in der Tat unerträglich, wie dieser Herr Watzka, der alles dem Fußball zu verdanken hat (auch seine geschätze 10 Mio. Boni – neben seinem Millionengehalt – der letzten Jahre als Geschäftsführer der börsennotierten BVB-KGaA) über den Amateurfußball redet!

    Ausgerechnet Herr Watzka, der Geschäftsführer des BVB ist, also des Bundesligisten, der

    – sich wie kein anderer mit der Börsennotierung der BVB-KGaA (Wertpapierkennnummer: 549309) total kommerzialisiert und kapitalisiert und damit sich selbst an der Börse prostituiert und seine Seele komplett verkauft hat, z.B. auch an den eigenen Sponsor, Stadionnamensgeber, Ausrüster und sogar auch schon an türkische Waffenhändler wie Saadettin Saran oder flüchtige Straftäter wie Florian Homm,

    – ausbeuterischen Hungerlöhne an seine eigene Mitarbeiter (z.B. des eigenen Sicherheitsdiensts) gezahlt hat,

    – inzwischen mehr Mode- und Erfolgsfans hat als der FC Bayern,

    – über Jahrzehnte nichts gegen Neo-Nazis unternommen hat, die seit Jahrzehnten das Sagen in der aktiven BVB-Fanszene haben und diese so zu der ekelhaftesten (schwulenfeindlichsten und rechstradikalsten!) in ganz Deutschland hat werden lassen.

  12. Das ist so gut geschrieben, dass es wohl nie eine Antwort geben wird.

  13. Völlig richtig, sehr gut geschrieben.

  14. Leider wird immer gerne vergessen, dass wir kleinen Amateurvereine es sind, wo die großen Fußballmillionäre ihre ersten Fußballschuhe geschnürt haben. Ohne unsere Nachwuchsarbeit gäbe es keine Bundesliga. Ich weiß, dass ist nicht sexy – das ist ehrenamtliche Fußballbegeisterung und wir mögen das.

    Heinrich Schreiber
    SV West-Eimsbüttel von 1923 e.V.

  15. Also wenn ich das Interview richtig verstehe, glaubt er, dass der Amateurfußball aus der Sicht vieler Fußballfans nicht mehr sexy genug ist und sie deshalb den Amateurfußball meiden.
    Dass ER SELBST diese Ansicht vertritt, geht für mich aus dem Interview überhaupt nicht hervor. Aus meiner Sicht kritisiert er das sogar.

  16. Ich bin überhaupt erst durch Watzkes Aussage auf dieses Portal aufmerksam geworden, weil in der Göttinger Presse dieser „offene Brief“ an Herrn Watzke erwähnt wurde.

    Meine erste Meinung war, dass Watzke nur etwas gegen den Amateurfussball gesagt hat, weil er nicht der Meinung ist, dass Sonntagsspiele in der Bundesliga dem Amateurfussball schaden und er einfach vom Problem der Amateurvereine dadurch ablenken wollte.

    Jetzt habe ich noch ein paar andere Beiträge über die Aussage von Watzke gelesen
    http://www.westline.de/neben-dem-platz/amateure-ihr-seid-nicht-sexy
    http://diagoblog.com/2015/08/04/gefaehrdet-die-bundesliga-den-amateurfussball-herr-watzke/

    und denke mittlerweile etwas anders darüber.

    Sicher ist die Aussage von Watzke nicht klug gewesen und ich selbst bin absolut nicht der Meinung, dass der Amateurfussball mehr Eventcharakter braucht. Gerade das stört mich ja.
    Auf junge Leute mag das teilweise aber zutreffen, aber vor allem das veränderte Freizeitverhalten. Er wird einfach zu viel geboten und jeder will derjenige sein, der das Beste bietet, was die Leute anziehen soll.

    Was mich persönlich wundert, wie viele Leute sich das leisten können, mit Familie zu Bundesligaspielen zu fahren.
    Das ist in erster Linie ein Grund für mich, gar nicht zu höherklassigen Spielen zu fahren, weil ich das Geld nicht habe.

    Und darin sehe ich auch einen Grund, dass die Zuschauer beim Amateurfussball weniger werden. Bratwurst und Getränke kosten heute im Verhältnis auch mehr als in früheren Zeiten, vor allem beim höherklassiegen Amateurfussball.

    Wenn ich das in Göttingen vergleiche, als noch als RSV05 an der Benzstraße gespielt wurde, da waren viele Familien, auch mit kleinen Kindern, bei den Spielen. Bratwurst und Getränke waren bezahlbar und hatte jemand für seine Kinder ein Getränk dabei, musste das sicher nicht vor der Kasse abgegeben werden.
    Dann kam der Umzug ins Jahnstadion. Da keine Eigenbewirtschaftung mehr, natürlich Bratwurst und Getränke um einiges teurer. Dann durften keine Getränke mit ins Stadion genommen werden, was bei einer Famile mit Kindern schnell einige Euro mehr Kosten erzeugt. Und das können oder wollen einfach viele nicht. Wenn dann noch die Spiele nicht so sind, wie man sich das wünscht, bleibt die Familie zu Hause, evtl. geht nur noch einer der Familie ins Stadion.

    Weil ich wenig Geld habe, muss ich es mir sehr gut einteilen, was ich mir leisten kann. Und das ist es auch, was mich davon abhält, zu Spielen zu gehen, wenn ich Eintritt bezahle und „gezwungen“ werde, auch mind. ein Getränk zu kaufen.
    Ich brauche keinen vollen Becher, aber mal ein paar Schluck vom eigenen Getrank bei warmem Wetter, dann lässt sich ein Spiel gleich viel besser verfolgen. Wenn ich Geld habe, kaufe ich mir auch Getränk und Bratwurst am Stand. Aber wenn ich mir das nicht leisten kann, muss ich eben ganz weg bleiben.
    Und ich glaube, dieser Aspekt dürfte sich bei einigen Familien auch auswirken.
    Wenn ich dann das Argument höre: ich würde ja auch kein Getränk mit in ein Restaurant nehmen, dann „hinkt“ der Vergleich sehr.
    Ins Restaurant geht man, wenn man sich etwas zum Essen und Trinken gönnen möchte.
    Zum Fußball geht man, weil man Fußball sehen möchte und zahlt dafür Eintritt. Warum wird man dort „gezwungen“, ein Getränk zu kaufen, wenn es heiß ist und man einfach mal etwas trinken muss.
    Im Restaurant muss ich ja auch keine Gebühr bezahlen, wenn dort während einer WM ein Fernseher steht. Das ist Service.

    Und vielleicht fehlt einfach diese Sicht, dass man den Zuschauern mehr Freiheiten lässt, wie sie Fußball schauen und was sie dabei haben.
    Dass man kein Picknick neben dem Sportplatz macht mit mitgebrachten Sachen, ist selbstverständlich.

    Wenn der Verein nicht in der Oberliga oder höher spielt, kann er doch selbst entscheiden, wie er sich den Zuschauern gegenüber verhält und muss nicht diese ganzen Sicherheitsvorkehrungen treffen.

  17. Sehr wahr und trifft die Einstellung dieser Herren auf den Punkt
    Und jetzt kommt er auch noch mit so Aussagen daher das der deutsch Fussballfan der Bundesliga das Geld verweigert wenn er sich nicht für Pay TV entscheidet und deshalb Schuld ist wenn die Spieler nach England wechseln.

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