ZEITSPIEL

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Neue Anstoßzeiten: Eine Ohrfeige für den Amateurfußball

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Die Bundesliga braucht mehr Geld. Da herrscht Einigkeit. Zumindest unter den teilnehmenden Vereinen. „Wenn es in England möglich ist, so viel Geld zu generieren, muss es in Deutschland auch möglich sein. Das ist es derzeit aber nicht. Also müssen wir uns überlegen, was wir verändern können“, sieht Wolfsburg Manager Klaus Allofs die Bundesliga nach dem neuen monströsen TV-Deal in England offenbar in der Gefahr, zum Armenhaus zu werden.

Der Vorstoß der DFL, ab 2017/18 auch am Sonntagmittag und am Montagabend Bundesligaspiele bestreiten zu wollen, ist vor allem auf Fanebene auf massive Kritik gestoßen. Zu Recht, denn es ist ein weiterer Einschnitt in die Möglichkeiten, die eigene Mannschaft zu Auswärtsspielen zu begleiten. Und vermutlich nicht nur zu Auswärtsspielen – am Montagabend mag es für den einen oder anderen Zuschauer auch mit dem Heimspiel zeitlich knapp werden. Von den jugendlichen Fans, die am Dienstagmorgen ausgeschlafen in die Schule marschieren sollen, gar nicht zu reden. Ob das zielgruppengerecht ist, sei dahingestellt.

Zeitliche Kollision kostet einseitig Zuschauer im Amateurbereich

#1_coverFatal die Entwicklung für die Vereine unterhalb der Profiebene. Schon seit Jahren ringen die Klubs im ambitionierten Amateurbereich um Anstoßzeiten, bei denen sie nicht mit der Bundesliga kollidieren (siehe ZEITSPIEL-Titelthema „Überleben im Turbokapitalismus“). Denn jedes Bundesligaspiel, das parallel zum eigenen Spiel läuft, kostet Zuschauer. Spielt beispielsweise der westfälische Traditionsklub Westfalia Herne zeitgleich mit Schalke oder Dortmund, fehlen auf den Rängen Dutzende von bekannten Gesichtern. Und bei den kurzfristigen Ansetzungen der Bundesligaspiele ist es für die Amateurvereine häufig gar nicht möglich, kurzfristig mit einer eigenen Terminverlegung zu reagieren. Denn in den Spielklassen sind Amateure unterwegs, die feste Arbeitszeiten haben und sich am Wochenende natürlich auch um ihre Familien kümmern wollen. Zwar steht in ihrem Lebenszentrum der Fußball, aber eben als Leidenschaft und nicht als Beruf.

Ein Beispiel: am letzten Spieltag 2014/15 der Oberliga Niedersachsen sollte der VfV Borussia Hildesheim um 15.30 Uhr gegen Göttingen 05 auflaufen. Zeitgleich zum entscheidenden Heimspiel von Hannover 96 gegen den SC Freiburg. Das hatte massive Probleme zur Folge. Zum einen sind viele VfV-Borussia-Stammseher 96-Fans und wollten den Abstiegsthriller verfolgen, zum anderen standen auf beiden Seiten Aktive auf dem Platz, deren Lieblingsklub 96 ist. Und da es für beide Oberligisten um nichts mehr ging, war die Versuchung groß, das eigene Spiel sausen zu lassen und stattdessen live in der Bundesliga dabei zu sein. Schlussendlich einigte man sich kurzfristig auf eine Verlegung in den Abend und umging damit die größten Probleme. Göttingens Ersatztorhüter reiste daraufhin direkt aus Hannover an und saß im 96-Fantrikot auf der Bank. So sieht er aus, der Fußball im gehobenen Amateurbereich.

Gehobener Amateursport unter gewaltigem Druck

Die DFL sieht sich im Zugzwang gegenüber England. Die dortigen TV-Gelder haben jeden bisherigen Rahmen gesprengt. Die Fakten sind bekannt: von 2016 bis 2019 gibt es fast 7 Milliarden Euro. Das sind schwindelerregende 13,45 Mio. Euro pro Spiel. Selbst der Tabellenletzte der Premier League kassiert mehr als Bundesligakrösus Bayern München, denn die Bundesliga muss sich 2016/17 mit Einnahmen in Höhe von „lediglich“ 835 Mio. Euro bescheiden. Und will für den darauffolgenden Zeitraum deutlich mehr. Um mit England konkurrieren zu können. Dazu ist es nötig, attraktiver zu werden. Und das Angebot zu erweitern. Deshalb die zusätzlichen Anstoßzeiten.

Ohne die explodierenden TV-Gelder an dieser Stelle thematisieren oder gar moralisieren zu wollen: einmal mehr geht der Drang der Bundesliga nach weiteren Millionen einseitig zu Lasten der Amateurvereine. „Wenn man denkt, es geht nicht schlimmer, wird man eines Besseren belehrt. Es gibt immer noch Möglichkeiten, den gehobenen Amateursport kaputt zu machen“, bringt Stefan Pralle, Manager des Nord-Regionalligisten TSV Havelse, die Situation für die Vier- bis Sechstligisten auf den Punkt. Der ambitionierte Amateurfußball ist das unbeachtete Stiefkind in der Glitzerwelt des großen Fußballs.

Höherklassiger Amateurfußball leidet unter geringen Zuschauerzahlen.

Höherklassiger Amateurfußball leidet unter geringen Zuschauerzahlen.

Bis 1974: Samstags Profis, Sonntag Amateure

Bis Mitte der 1970er Jahre gab es eine klare Trennung zwischen Profi- und Amateurfußball. Profifußball fand samstags statt, Amateurfußball sonntags. Mit der Einführung der 2. Bundesliga 1974 drängte der Profifußball erstmals auch in den Sonntag. Das sorgte schon damals für Probleme, denn bei vielen Zweitbundesligisten gab es Proteste lokaler Amateurklubs, die zeitgleich aufliefen und denen die Zuschauer wegblieben. Auch für die Aktiven hieß es damals erstmals, sich entscheiden zu müssen zwischen dem Stadionbesuch und dem eigenen Spiel in der Kreisliga oder Kreisklasse. Die Zuschauerkrise auf Kreis- und Bezirksebene hatte begonnen.

Mit dem Aufkommen des Privatfernsehens breitete sich der Profifußball in den 1990er Jahren epidemisch auf weitere Spieltermine aus. Der Freitagabend, für einige Amateurklubs mit Flutlichtanlagen zu einer attraktiven Alternative geworden, wurde zunehmend von erster und zweiter Bundesliga besetzt. 1992 kam das erste Sonntagspiel und sorgte für einen massiven Einschnitt. Namentlich Spitzenspiele in der Bundesliga zogen dramatisch sinkende Zuschauerzahlen nach sich. Auf die heutige Situation übertragen weckt der Aufstieg von Klubs wie FC Ingolstadt und TSG Hoffenheim aus Amateursicht daher sogar Hoffnung, denn deren Duell ist für viele Fans vermutlich reizloser als beispielsweise 1. FC Kaiserslautern gegen Eintracht Braunschweig.

Unabsehbare Folgen für den Unterbau

Kommt es ab 2017 wie geplant auch am Sonntag um 13:30 Uhr zu Bundesligaspielen verengt sich der Zeitraum für den Amateurfußball noch mehr. Dramatisch gesprochen ist dann kaum noch Luft zum Atmen. Und das betrifft den gesamten Fußball unterhalb der Profiebene. Denn wo die ausgeweitete Bundesliga-Übertragung in Regional-, Ober- und Landesliga vor allem ein Zuschauerproblem ist, weil sich das zahlende Publikum lieber vor den Fernseher setzt, wird es in den klassischen Amateurligen auf Bezirks- und Kreisebene sowie im Nachwuchsbereich zum Aktivenproblem. Viele dort aktive Fußballer sind eben auch Fans eines Bundesligisten. Und sie werden künftig noch häufiger vor der Frage stehen, entweder für den eigenen Klub aufzulaufen oder ihrem Bundesligaliebling zuzuschauen.

Dramatisch die Entwicklung im Jugendbereich, dessen Spiele häufig am frühen Sonntagvormittag angesetzt sind. Welcher Elfjährige will schon selber spielen, wenn seine Lieblingsmannschaft im Fernsehen kommt?

Die Bundesliga mit ihrer beinahe lückenlosen Ausdehnung über das Fußballwochenende tötet ihre Basis. Die Basis der Spieler, und die Basis der Zuschauer. Der Drang – oder Zwang – zur Erhöhung der Einnahmen ist kurzfristig gedacht. Zu kurzfristig? Um mit England mithalten zu können (wobei die dort erzielten Beträge aus verschiedenen Gründen ohnehin utopisch für Deutschland sind) ist man bereit, die Bedürfnisse des Unterbaus erneut komplett zu ignorieren. Das ist einseitige Förderung des kommerziell betriebenen Fußballs zu Lasten des von Ehrenamt getragenen Amateurfußballs. Mit anderen Worten: eine schallende Ohrfeige in die Gesichter all der Spieler, Funktionäre und Fans, die Sonntag für Sonntag ihre Freizeit (und ihr Geld!) opfern, um Deutschland zu einem „Fußball-Land“ zu machen.

Keine Unterstützung durch den DFB

Vom DFB ist wenig Hilfe zu erwarten. Zwar überschlägt man sich auf seinen öffentlichen Plattformen mit Bekundungen zum Amateurfußball, doch die Praxis sieht anders aus. Hohe Auflagen im Falle des Aufstiegs in die Ober- oder Regionalliga und immense Kosten bei „Risikospielen“ lassen ehrenamtlich geführte Vereine, die seriös wirtschaften wollen, immer häufiger von einem Aufstieg Abstand nehmen. So wird der sportliche Wettstreit aus den Angeln gehoben, bestimmen zunehmend die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen über die Zusammensetzung der Spielklassen. Was Hasardeure auf den Plan ruft, die mit Macht nach oben drängen und die dafür bereit sind, Risiken einzugehen, die schwer überschaubar sind. Die Folgen trägt im Falle des Scheiterns der Verein. Die Aussage von DFL-Chef Christian Seifert „Es ist Aufgabe der DFL, alle Interessengruppen unter einen Hut zu bringen. Das ist ein Spagat in alle Richtungen. Andere Ligen machen es sich da einfacher und ignorieren einfach alle Interessen – außer die monetären“, wirkt da recht zynisch.

Amateurfußball = Fußball zum Anfassen.

Amateurfußball = Fußball zum Anfassen.

Deutscher Fußball am Scheideweg

Der deutsche Fußball steht am Scheideweg. Eine einseitige Fokussierung auf den Profibereich und ein Messen mit Finanzkrösus England mag der Bundesliga vielleicht kurzfristig helfen, mittel- und langfristig aber könnte sie sich als Bumerang erweisen. Schon jetzt ist die Kritik an den finanziellen Auswüchsen im Profibereich zunehmend spürbarer. Dabei herrschen in Deutschland noch vergleichsweise paradiesische Zustände – nimmt man beispielsweise bei den Eintrittskartenpreisen England als Maßstab. Und trotzdem: die Skepsis gegenüber dem „großen“ Fußball nimmt zu. Das ist eine Chance für den „kleinen Fußball“, der von vielen als „ehrlicher“ wahrgenommen wird. Es wäre zu wünschen, dass dies auch in den Verbänden widergespiegelt werden würde.

Großer Fußball und kleiner Fußball müssen zusammenarbeiten, denn beide brauchen einander. Der große Fußball den kleinen, weil dort unten jene Fußball-Leidenschaft entsteht, die „oben“ für Umsätze sorgt. Der kleine Fußball den großen, weil dort die Lust auf einen „schillernden“ Fußball geweckt wird, die „unten“ Motivation und Anstrengungen verstärkt.

Eine weitere Ausweitung der Anstoßzeiten wäre daher ein Schlag ins Gesicht des Amateurfußballs und würde die Schere noch weiter auseinandergehen lassen. Hardy Grüne und Frank Willig

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