ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Mottenkiste: Schlesischer Fußball an der Peripherie

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Im bis 1933 bestehenden Südostdeutschen Fußball-Verband stellten die Bezirke Ober- und Niederlausitz, Niederschlesien sowie der 1918 abgetrennte Bezirk Posen die Peripherie einer Region, die im reichsweiten Fußball insgesamt an der Peripherie stand. Nichtsdestotrotz wurde natürlich auch in Posen, Forst, Cottbus, Görlitz, Liegnitz, Schweidnitz, Hirschberg etc. fröhlich und bisweilen auch erfolgreich gegen das runde Leder getreten
In Zeitspiel-Ausgabe 7 erzählen wir die ganze Geschichte des schlesischen Fußballs an der Peripherie. Hier schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

 

Als man in Forst noch um die „Deutsche“ spielte. Schlesischer Fußball an der Peripherie

Von Hardy Grüne, Till Scholtz-Knobloch und Christian Wolter

Die gewaltigen Unterschiede zwischen Metropole und Provinz im Deutschland des frühen 20. Jahrhunderts wurden im Südosten des Reichsgebiets besonders deutlich. Dort gab es neben der Kultur- und Industriestadt Breslau sowie dem oberschlesischen Industriegebiet mit Städten wie Kattowitz, Gleiwitz und Hindenburg im ländlichen Raum nur vereinzelte Siedlungsschwerpunkte. Darunter die Stadt Posen, in der zur Jahrhundertwende rund 110.000 Menschen lebten, die Industriestandorte Cottbus und Forst in der Lausitz sowie Orte wie Görlitz, Liegnitz, Waldenburg oder Hirschberg im Riesengebirge.

Bezüglich seiner geografischen Proportionen war der SOFV ein Kompromissmodell. Sein Kerngebiet bildete die preußische Provinz Schlesien, doch bis 1918 gehörten darüber hinaus Teile der preußischen Provinz Posen sowie bis 1933 die zur preußischen Provinz Brandenburg gehörende Niederlausitz zum Verbandsgebiet. Die Oberlausitz war unterdessen fußballerisch geteilt. Während der Osten im SOFV kickte, gehörte der sächsische Teil mit Städten wie Bautzen, Zittau und Löbau zum Gebiet des mitteldeutschen VMBV.

Aufgrund der turbulenten politischen Entwicklung waren die Randbereiche des SOFV-Territoriums wiederholt Gebietsveränderungen unterworfen. So fiel die Provinz Posen nach dem Ersten Weltkrieg nahezu vollständig an Polen. 1933 ging die Niederlausitz bei der Gründung der 16 Sportgaue an Brandenburg, und 1945 blieben lediglich Teile der Lausitz beim deutschen Rumpfstaat bzw. der späteren DDR. Für die Vereine bedeutete dies ein ständiges Wechselspiel und mehrfach veränderte Konstellationen.

Cottbus Gründungsort des SOFV

Als 1903 mit dem Verband Breslauer Ballspiel-Vereine (VBBV) der erste Regionalverband im Gebiet des späteren SOFV gegründet wurde, erwachte der Fußball in der Lausitz sowie der ländlich geprägten Provinz Posen gerade erst. Eine erste Verankerung hatte das Spiel in den niederlausitzer Industriestädten Forst bzw. Cottbus erhalten, wo man bereits in den 1890er Jahren Fußballvereine gründete. 1904 entstand mit dem Verband Niederlausitzer Ballspiel-Vereine (VNBV) eine Regionalorganisation, die  im selben Jahr erstmals eine Meisterschaft ausschrieb. Vier Teams aus Cottbus sowie zwei aus Forst ermittelten seinerzeit im Ligasystem mit dem SC Alemannia Cottbus den ersten Regionalmeister. Im schlesischen Teil der Oberlausitz sowie der Provinz Posen gab es zu jenem Zeitpunkt noch lediglich Einzelvereine und eine sehr rückständige Organisation.

Cottbus war dann am 18. März 1906 auch Schauplatz der Gründungsversammlung des SOFV. Auf Druck des DFB entstanden, absorbierte der Verband zunächst sukzessiv die kleinen Regionalverbände VBBV und VNBV, ehe er 1906 bzw. 1910 für die Provinz Posen bzw. die schlesische Oberlausitz eigenständige Bezirke einrichtete. Ab 1910 war das Verbandsgebiet des SOFV damit komplett erschlossen – um schon 1918 durch den Abgang der Provinz Posen an Polen erstmals beschnitten zu werden. 1925 schließlich bildete sich der Bezirk Bergland, dessen Vereine zuvor weitestgehend in Niederschlesien gespielt hatten.

Sportlich vermochten die Vereine der Peripherie bis zum Ersten Weltkrieg durchaus an der Spitze des SOFV mitzuhalten, ohne jedoch den Durchbruch zu erzielen. 1905 scheiterte Alemannia Cottbus in der Vorqualifikation zur Endrunde um die Deutsche Meisterschaft des DFB deutlich an Schlesien Breslau (1:5), und in den Folgejahren vermochten weder Brandenburg Cottbus (1906, 2:3 gegen Schlesien Breslau) noch Britannia Cottbus an den Breslauer Teams vorbeizukommen. Britannia erreichte 1907 über den ATV Liegnitz (3:2) immerhin das SOFV-Endspiel, wo man Schlesien Breslau mit 1:2 unterlag. Erst 1909 sicherte sich mit Alemannia Cottbus erstmals ein Team aus der Niederlausitz die SOFV-Meisterschaft (3:2-Finalsieg über Preußen Kattowitz). Zwei Jahre später stand der FC Askania aus der Textilstadt Forst dann in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft dicht vor einer Sensation, als man gegen den VfB Leipzig unglücklich mit 2:3 verlor.

FC Energie Cottbus als heutiges Aushängeschild

Nach dem Ersten Weltkrieg gerieten die Mannschaften aus der Peripherie tiefer in den Schatten der Teams aus Breslau und vor allem denen aus dem aufstrebenden Industrierevier. Nicht fiel besser ging es den Teams aus der Niederlausitz nach dem Wechsel der Region zum Gau Brandenburg 1933, in dem man sich fortan mit Gegnern aus Berlin konfrontiert sah. Und so war die Fußballbegeisterung zwar hoch, Erfolge aber blieben Mangelware. Dabei blieb es auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als lediglich Teile der Lausitz deutsch blieben und im DDR-Fußball zunächst keine Rolle spielten. Die alte Fußballhochburg Forst fiel als nunmehr geteilte Grenzstadt mit einem polnischen und einem DDR-Teil sogar völlig aus dem Spitzenfußball. In Cottbus dauerte es bis 1963, ehe mit der Gründung des SC Cottbus – maßgeblich initiiert durch die Delegierung der Kumpelmannschaft aus Brieske-Senftenberg in die Bezirkshauptstadt– ein Team entstand, aus dem sich der heutige FC Energie Cottbus entwickelte.

 

Neugierig geworden? Sie wollen mehr erfahren über den Fußball im schlesischen Hinterland? Dann Zeitspiel-Ausgabe 7 bestellen. Darin berichten wir auf insgesamt acht Seiten über die Geschichte des Fußballs in der Region. Dazu gibt es regionale Tabellen von 1928 bis 1930 sowie einen Exkurs zum Arbeiterfußball in Schlesien.

Außerdem im Heft:

Leitartikel Revolutionen im Fußball – Wie China den Weltfußball erschüttert und der Unterbau in Europa aufmuckt
Legend Kickers Offenbach
Global Game Chile
Gästekurve Luckenwalde
Jays Corner SV Lohhof
Dazu kommen die üblichen Rubriken wie Krisensitzung, Neues aus dem Unterbau, Hagen Leopolds Collector’s Corner, Zeitspiel International, Frank Willmanns Kolumne, Fußballwelt und Weltfußball, Buchmacher, Abstauber, Singing Area, Alle Tassen im Schrank etc.

Zeitspiel gibt es nur im Direktbezug und nicht im Zeitschriftenhandel. Infos und Bestellung hier.

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