ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Mit den Bauern in den Krieg

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Sorry für die etwas martialische Überschrift, aber sie muss sein. Denn genau das ist dem französischen Provinzverein En Avant de Guingamp – in Frankreich gerne „les paysans“, „die Bauern“ genannt – beim Europa League-Spiel am Donnerstag bei Dynamo Kiew passiert: die Bretonen – und vor allem ihre mitgereisten Anhänger – gerieten mitten in den politischen Konflikt der Ukraine.

Unser Redakteur Hardy Grüne war bei dem Spiel dabei, denn seit einem Arbeitsaufenthalt in der Bretagne 1995 ist er leidenschaftlicher Guingampais. Hier ist sein Bericht, exklusiv für „Zeitspiel“.

guingampEn Avant de Guingamp. Ein Dorfklub macht sich auf den Weg in die europäische Spitzenklasse. Dem Pokalsieg 2014 (2:0 gegen Stade Rennes) folgte in der Gruppenphase der Europa League völlig unerwartet der Einzug in die Runde der letzten 32. Entscheidend war ein 2:1-Sieg bei PAOK Saloniki. Das Los schickte den Verein aus der 8.000-Einwohnerstadt in der Nordbretagne (Departement Côtes d’Armor, Guingamp liegt etwa mittig zwischen Brest und Rennes) gegen den ukrainischen Traditionsverein Dynamo Kiew ins Rennen. Ein Gegner, von dem man in Guingamp 2011 nicht einmal zu träumen gewagt hätte – damals kickten die Rot-Schwarzen noch in der drittklassigen National.

Doch Kiew, das war nicht nur ein sportlich fast übermächtiger Gegner, das war auch eine Reise ins Ungewisse. Maidan, Donbas, Krieg, Putin, wirtschaftlicher Verfall, Faschisten – viele Dinge beschäftigten Fans wie Verein. Früh gaben Guingamp und die französische Botschaft in der Ukraine eine Reisewarnung aus. Tenor: fahrt auf keinen Fall zum Rückspiel nach Kiew. Dabei spielten die Erfahrungen von St. Etienne-Fans bei ihrem Europa-League-Spiel bei Dnipro Dnipropetrowk eine große Rolle – die Anhänger von les verts waren in der Ukraine von bewaffneten Hooligangruppen überfallen worden. Die eindeutige Warnung trug Früchte. Lediglich rund 30 Guingamp-Fans wollten trotzdem in die Ukraine fahren. Für die reisefreudige Fanschar der Bretonen eine bittere Enttäuschung, denn ausgerechnet bei einem der größten Tage der Klubgeschichte saß man nur vor dem Fernseher.

Ich entschloss mich, dennoch nach Kiew zu reisen und war auch guten Mutes, dass es so schlimm ja nicht werden könnte. 40 Jahre Fansein hat einem ja ein klein bisschen Erfahrung eingebracht, und umsichtiges Verhalten vor allem außerhalb des Gästeblockes im Stadion sollte allzu delikate Situationen verhindern können. Tat es auch, das vorweg genommen.

Dynamo Kiew. Für den kleinen Klub aus der Bretagne eine Traumpaarung.

Dynamo Kiew. Für den kleinen Klub aus der Bretagne eine Traumpaarung.

Am Abend vor dem Spieltag traf ich in Kiew ein. Mein Taxifahrer, der mich vom Flughafen zum Hotel brachte, war glühender Dynamo-Fan. Elf Tickets hatte er in seiner Tasche – „für alle meine Freunde“, strahlte er. 50.000 Zuschauer wurden erwartet, und die Zuversicht, die nächste Runde zu erreichen, war trotz der 1:2-Hinspielniederlage in Guingamp groß. Diese Einschätzung teilte ich, denn für mich war der Hinspielsieg zu knapp ausgefallen. Wir verabschiedeten uns mit der Verabredung, dass er mich am Freitag zurück zum Flughafen bringen sollte. „Mal schauen, wer dann zu lachen hat“, gaben wir uns zum Abschied die Hände.

Der nächste Tag bot Zeit und passendes Wetter zu einer kleinen Exkursion durch die Stadt. Ein Ausflug in die ukrainische Seele. Beklemmend die Atmosphäre auf dem Maidan. Unglaublich viele Blumen, die dort für die Opfer der Ereignisse von vor ziemlich genau einem Jahr niedergelegt wurden. Maidan ist Kiews blutendes Herz. Das ist keine Metapher, das ist die Wahrheit. Die Menschen knien vor den Fotos der Ermordeten und wischen sich die Tränen aus den Augen. Es gibt nur ein Wort für das, was ich als unbeteiligter Tourist dabei empfand: ergreifend. Aber ich sah auch anderes. Übelste Pamphlete ukrainischer Faschisten. Odessas „White Pride“ hatte seine Botschaften überall hingeklebt. Ein anderer Aufkleber informierte, was die Ukraine alles sei: ein Keltenkreuz zum Beispiel, oder die Botschaft „good night left side“. Auf dem Maidan spürt man inmitten der einigenden Klammer „Trauer“, wie gespalten dieses Land ist. Wie die Trauer den einen zum Weinen und den anderen zum Hassen bringt.

Der Maidan der Trauer.

Der Maidan der Trauer.

Und der Maidan des Hasses.

Und der Maidan des Hasses.

Zugleich wirkt es, als ersticke Kiew in Lethargie. Über die Stadt senkt sich ein eigentümlicher Klangteppich, in dem so etwas wie Fröhlichkeit nicht stattfindet. Ein Grundrauschen, das außer aus Verkehrslärm vor allem aus bleiernem Schweigen besteht. Jeder geht für sich, spricht höchstens mit seinem Mobiltelefon. Egal, ob man jemandem an einem der vielen Straßentunnel die Tür aufhält oder sie ihm/ihr vor der Nase zuknallt, ob man jemanden anrempelt oder selber angerempelt wird – alles wird mit derselben stoischen und unbeteiligten Miene hingenommen. Es mag die ukrainische Seele sein, die von Melancholie geprägt ist, aber es wirkt wie eine Aura der Resignation. Und schaut man in die Geschichtsbücher, hat die Ukraine ja nun auch wahrlich genug durchmacht – zumal nun auch noch die Währung binnen kurzem rund die Hälfte ihres Wertes verlor. Kann es sein, dass den Menschen schlicht die Kraft fehlt, weil sie über Jahrhunderte immer wieder die Erfahrung machten, am Ende doch zu verlieren und sie nun schon wieder als Loser dazustehen drohen?

Auf dem Vorplatz der St. Michaels-Kirche ein ähnliches Bilder. Dort sind derzeit Panzer und andere Militärfahrzeuge aufgestellt. Dazu ausgebrannte Wracks von Privat-PKW. In vier Containern wird über den Krieg im Donbass informiert. Der ist weit von Kiew und hier vor allem ein Informationskrieg. Ich sah viele dieser wahrlich hübschen ukrainischen Frauen, wie sie sich vor einem Panzer postierten und voller Stolz ein Foto von sich schießen ließen. Die Ukraine ist ein Land im Krieg, der fern ist und zugleich greifbar nah.

Krieg und Kriegsproganda im Zentrum von Kiew.

Krieg und Kriegsproganda im Zentrum von Kiew.

Kommen wir zum Spiel am Donnerstag und den damit verbundenen Ereignissen, über die ich im Zeitraffer berichten will.

18 Uhr. Zwei Stunden vor dem Spielbeginn trifft sich der Großteil unserer kleinen Auswärtsgruppe in einem stadionnahen Hotel. In vier Kleingruppen marschieren wir zum Stadion. Dort wartet Guingamps Fanbeauftragter mit einem Verantwortlichen von Dynamo Kiew. Mit dessen Hilfe marschieren wir als geschlossene Gruppe in den Gästeblock. Polizeischutz gibt es nicht, und er ist auch nicht nötig. Alle Guingamp-Fans haben ihre Farbutensilien in den Rucksäcken versteckt, die Atmosphäre vor dem Stadion ist entspannt. Nur der kalte Schneeregen nervt. Dann die erste Überraschung. Eine Kontrolle unserer Rucksäcke und auch uns selbst findet quasi nicht statt. Ich öffne meinen Rucksack, ein Ordner blickt kurz rein, nickt und schon bin ich im Stadion. Ohne jegliche Leibesvisitation. Ich hätte alles hineinbekommen können: Bengalos, Messer, Waffen. Als Gastfan! Da bin ich aus der Oberliga Niedersachsen schlimmeres gewohnt. Und aus Frankreich sowieso.

Im Gästeblock warten rund 20 Polizisten auf uns. Freundliches Nicken auf beiden Seiten. Sie lassen uns komplett in Ruhe und beziehen oberhalb des Blocks Position. Der Gästeblock liegt im Unterrang. Als wir unsere Fahnen aufhängen, zollen einige Dynamo-Fans im Oberrang Beifall und rufen uns freundliche Begrüßungen auf Englisch zu. „Die können uns von da oben alles auf die Köpfe werfen“, stellen wir nicht ohne Bauchgrummeln fest. „Und die paar Polizisten werden niemals in der Lage sein, einen Blocksturm zu verhindern“.

19 Uhr. Das Stadion füllt sich allmählich, aber dafür, dass 50.000 erwartet werden ist es eine Stunde vor dem Anstoß noch ziemlich leer. Unsere Fahnen hängen, wir stimmen ein paar Lieder an. Alles ist entspannt.

Der überschaubare Fanblock aus Guingamp.

Der überschaubare Fanblock aus Guingamp.

19.30 Uhr. Zwei befreundete Guingamp-Fans rufen an. Sie stehen vor dem Stadion. Erzählen, dass enorme Menschenmengen vor dem Eingängen warten. „Die Kassenschlangen sind ewig lang“. Ich sage ihnen, zu welchem Block sie müssen.

19.45 Uhr. Der nächste Anruf. „Wir sind jetzt vor dem richtigen Eingang, aber hier ist kein Durchkommen. Das sind tausende, das dauern noch Ewigkeiten, bis wir reinkommen. Bis zum Anpfiff klappt das nie.“

19.55 Uhr. Wieder ein Anruf. „Hier ist die Hölle los. Die Leute sind einfach über die Zäune geklettert. Dann haben die Ordner ein Tor aufgemacht, und da sind wir mit rein. Die Leute gehen jetzt einfach alle durch das Tor ins Stadion. Keiner kontrolliert mehr die Karten oder die Rucksäcke. Wir kommen in den Gästeblock“. In fünf Minuten beginnt das Spiel.

20.05 Uhr. Das Spiel läuft, als die beiden ankommen. Die Stimmung im Stadion ist intensiv. Dynamo hat sie über die gesamte Woche vor dem Spiel massiv angeheizt. Mit einem Videoteaser, in dem 50 Sekunden lang ausnahmslos Fouls von Guingamp-Spieler aus dem Hinspiel gezeigt wurden (http://video.fcdynamo.kiev.ua/tv/comments/Rolik_Guingamp_24_02_15/) (Im Übrigen waren im Hinspiel in Guingamp zwei Dynamo-Akteure wegen Tätlichkeiten vom Platz geflogen). In der Online-Berichterstattung, in der es hieß, Guingamp müsse „bestraft werden“ und man erwarte „eine Schlacht“. Die Stimmung ist zwar intensiv, aber sportlich. Niemand belästigt uns, niemand nimmt wirklich Notiz von uns. Wir sind etwa 30 Gästefans unter mehr als 50.000 Heimfans. Unsere Anfeuerungsrufe hören nur wir selbst. Und selbst das nicht immer, denn wenn die 50.000 gemeinsam anstimmen, wird es laut. Richtig laut.

Dynamos Fanblock.

Dynamos Fanblock.

20.45 Uhr. Halbzeit. Kiew führt 1:0. Bleibt es dabei, sind die Ukrainer weiter. Alles ist unverändert entspannt. Die Polizeikräfte stehen noch immer oberhalb unseres Blocks, unterhalten sich gelangweilt. Nichts deutet auf das hin, was in der zweiten Halbzeit passieren wird.

Bengalos im Fanblock rechts von uns.

Bengalos im Fanblock rechts von uns.

21.30 Uhr. Inzwischen steht es 3:1 für Kiew. Kurz nach dem Wiederanpfiff ging Dynamo mit 2:0 in Führung. Die Stimmung im Stadion war daraufhin förmlich explodiert. Neben „Dynamo“-Rufen kamen in der zweiten Halbzeit immer wieder auch schlichte „Kiew“-Rufe. Allerdings nicht aus der Fankurve, die uns auf der linken Seite gegenüber steht, sondern von der rechten Seite. Dort wurden auch mehrfach Bengalos gezündet. Die Ordner griffen nicht ein, sondern ließen sie niederbrennen. Polizei ist nirgendwo im Innenraum zu sehen. Auch nicht, als die Bengalos brennen.

21.33 Uhr. Guingamp drängt auf das 3:2, das das Weiterkommen ermöglichen würde. Wir gucken alle nur aufs Spielfeld, als unser Fanbetreuer plötzlich zum Zaun nach ganz unten läuft und die beiden dort hängenden Fahnen abnimmt (eine Klubfahne sowie das Transparent der Kridef, Kop Rouge Ile de France, also Paris). Im selben Moment klettern Zuschauer aus der Kurve rechts von uns über die Barrieren. Es sind zunächst nur wenige, die von Ordnern auch rasch niedergestreckt werden. Ich filme ein paar Sequenzen, als unser Fanbeauftragter zum sofortigen Verlassen des Stadions auffordert. Später erfahren wir, dass er vom Stadion-Sicherheitsverantwortlichen telefonisch darauf aufmerksam gemacht worden war, dass sich in der Kurve viele Menschen vermummten und „sich etwas anbahnte“. Binnen Sekunden laufen aus allen Teilen der Kurve Fans auf die Tartanbahn in Richtung Gästeblock. Wir reißen die Transparente runter und laufen davon. Ich habe mein Transparent gerade runtergerissen (und dabei zerrissen), als die ersten Zuschauer in den Gästeblock eindringen und hinter uns herlaufen. Die Polizeikräfte, die die ganze Zeit über uns standen, verharren dort und schreiten nicht ein. Sie stellen sich auch nicht als Puffer zwischen die Angreifer und uns. Wir sind, das sei noch einmal gesagt, knapp 30. Die Zahl der Angreifer schätze ich auf gut 100. Die wenigen Ordner auf der Tartanbahn sind völlig überfordert und machtlos. Polizei ist im Innenraum nicht zu sehen.

Ein paar Polizisten (ich schätze höchstens fünf) begleiten uns aus dem Stadion. Den Dynamo-Verantwortlichen kann ich nirgendwo sehen. Niemand von Seiten der Ukrainer gibt uns Anweisungen oder Hilfestellung. Ordner sind auch keine zu sehen. Unser Fanbeauftragter organisiert eigenständig unsere Flucht aus dem Stadion. Zu unserer grenzenlosen Erleichterung steht vor dem Eingang zum Gästeblock nicht der befürchtete Mob und wartet auf uns. In kleinen Gruppen verlassen wir den Stadionbereich und lassen uns von Taxen zu unserem Hotel bringen. Wenig später sind alle Guingamp-Fans in Sicherheit.

21.50 Uhr. Im Hotel sehen wir, dass die für neun Minuten unterbrochene Partie inzwischen weitergeht. Es sind noch fünf Minuten zu spielen. Guingamp hat einige Chancen, verpasst aber das entscheidende zweite Tor. Kiew gewinnt und zieht in die nächste Runde ein. Wir beruhigen uns allmählich und versuchen, zu verstehen, war passiert ist. In meinen ganzen 40 Jahres als Fußballfan habe ich noch nie so eine Angst gehabt. Es war ein wilder Mob, und es ging alles in einem wahnsinnig rasanten Tempo. So traurig wir über das Ausscheiden sind, so froh sind wir, heil aus der Situation gekommen zu sein.

23 Uhr. Der Präsident von En Avant Guingamp hat inzwischen gegenüber der Presse verlauten lassen, er habe sich wie im Krieg gefühlt. Der Klub wird bei der UEFA Beschwerde einreichen. Französische Medien kontaktieren einige Mitglieder unserer Fangruppe. Sie geben Interviews über die Vorfälle, die noch in der Nacht von diversen französischen Medien verbreitet werden.

23.50 Uhr. Via Twitter erreicht mich die Nachricht, Dynamos Vizepräsident habe gesagt, wir hätten „provokative Fahnen“ gezeigt. Zunächst ist nicht klar, was er damit meint. Am nächsten Morgen erfahren wir, dass wir ein „Die Krim ist Russland“-Transparent gezeigt haben sollen. Ein ukrainischer Duma-Abgeordneter greift das später auf. Der Propagandakrieg „Dynamo gegen En Avant“ hat begonnen. Dynamo-Sicherheitschef erklärt gegenüber dem Internetportal Segodnja.ua: „Alles wurde getan, um eine Sperre des Stadions zu erreichen und der Hauptstadt der Ukraine den großen Fußball zu nehmen“.

Bilder von dem angeblichen Transparent gibt es nicht. Auch wird nicht gesagt, ob das Transparent auf Russisch, Ukrainisch, Englisch oder Französisch verfasst gewesen sein soll. Die Meldung macht via dpa auch in Deutschland die Runde. Der Berliner Tagesspiegel greift sie unter der Überschrift „Ausschreitungen wegen Krim-Plakat“ auf. In dem Bericht ist von „Streithähnen“ die Rede. Auch das obige Zitat des Sicherheitschefs wird abgedruckt. Stellungnahmen französischer Verantwortlicher oder Fans fehlen in dem dpa-Bericht. Dass französische Medien (u.a. France Info) noch in der Nacht Guingamp-Fans haben zu Wort kommen lasssen, scheint dpa nicht bekannt zu sein. Ich – wir – sind geschockt. Erst müssen wir ungeschützt von jeglichen ukrainischen Sicherheitskräften fluchtartig das Stadion verlassen, dann bekommen wir die Schuld für die Ausschreitungen in die Schuhe geschoben. Wir sind, das sei noch einmal gesagt, ein Block von knapp 30 Personen. Darunter sieben wahrlich nicht mehr jugendliche Anhänger in den 50ern. Nicht das klassische Hooligan-Klientel. Und trotzdem sollen wir, ich zitiere Dynamos Sicherheitschef, „alles getan haben, um eine Sperre des Stadions zu erreichen und der Hauptstadt der Ukraine den großen Fußball zu nehmen“. Eine Aussage, die offenbar nicht ernsthaft angezweifelt bzw. überprüft wird.

Guingamp gewinnt in Frankreich regelmäßig den Preis für das fairste Publikum des Landes. Seit 1995 bin ich in Guingamp-Fan, und es hat noch nie nennenswerte Ausschreitungen geschweige denn politische Provokationen gegeben. Und das, obwohl Guingamp in der Nordbretagne liegt, wo die bretonische Seele und der Drang nach Eigenständigkeit bzw. die Abneigung gegenüber Paris sehr groß sind. Kurz nach den Morden von Paris war es im Übrigen die Fantribüne „Kop Rouge“ von Guingamp, die global mit einem Foto gezeigt wurde, auf dem fast alle Personen ein „Je suis Charlie“-Schild zeigten – zu sehen u.a. in der Februar-Ausgabe der „11 Freunde“. Guingamps Fans gelten als so ziemlich die Beliebtesten in ganz Frankreich. Politik spielt auf den Rängen im Stadion Roudourou keine Rolle, und wenn, dann ist Guingamps Publikum eher links eingestellt. So, wie regelmäßig die Wahlergebnisse in diesem Teil Frankreichs ausfallen. Eine „Solidarisierung“ mit Putins Schattenarmee durch Guingamp-Fans ist schlicht unvorstellbar.

Nächster Tag. Wir reisen in unsere Heimatorte zurück. Die Diskussion, wie wir als Guingamp-Fans mit den Vorwürfen umgehen wollen, wird gemeinsam mit dem Verein geführt. Eine gemeinsame offizielle Stellungnahme von Verein und Fanorganisation „Kop Rouge“ wird angekündigt. Wir fragen uns auch, ob es tatsächlich irgendeine Art von provokativer Fahne gegeben haben könnte. Die französische Flagge hat ja dieselben Farben wie die der Krim. Und wir hatten eine kleine französische Tricolore dabei. Kann das der Grund sein?

Tatsächlich aber deutet alles darauf hin, dass wir zum zweiten Mal Opfer wurden. Erst im Stadion, nun im Propagandakrieg. Denn: hätte es wirklich so ein Plakat gegeben (und es gibt bislang nichts, außer der Aussage eines Dynamo-Verantwortlichen, dass es das gegeben haben soll!), hätte das Publikum nicht zwingend mit Buh-Rufen und Pfiffen reagiert, bevor der Block gestürmt wurde? Und wäre nicht ebenso zwingend der mitten in unserem Block stehende Dynamo-Verantwortliche eingeschritten? Oder jener Stadion-Sicherheitschef, der unseren Fanbeauftragten stattdessen unmittelbar vor dem Blocksturm warnte, dass sich Dynamo-Fans vermummten und sich „etwas anbahne“? Und hätte die Polizei, die über uns stand, nicht ebenfalls eingegriffen?

Ganz abgesehen von der Frage, ob es nicht lebensmüde ist, mit einer Gruppe von knapp 30 Leuten ein Stadion von über 50.000 Menschen in einem Land, das sich im Bürgerkrieg befindet, derart zu provozieren. Wo vorher von Guingamps-Seite alles, ALLES getan wurde, um möglichst unauffällig zum Stadion zu gelangen und nirgendwo auch nur für den Hauch einer Provokation zu sorgen. Der letzte, ganz üble Verdacht: irgendjemand aus der Ukraine hat sich in unseren Block geschlichen (der im Übrigen frei zugänglich war) und dann tatsächlich ein provokatives Transparent gezeigt, ohne dass wir es mitbekommen haben. Dem steht aber die Präsenz der Polizei entgegen, die ja im oberen Bereich des Gästeblocks stand und das hätte mitbekommen müssen.

Unterm Strich bleibt in meinen Augen nur der Propagandakrieg, mit dem Dynamo als Wiederholungstäter eine mögliche Bestrafung seitens der UEFA verhindern will. Bitter zu erleben, dass auch deutsche Medien die Meldungen aus der Ukraine offenbar einfach aufgreifen und abdrucken. Kein Vorwurf gegenüber dem Tagesspiegel, denn es war eine dpa-Meldung. Allerdings die Frage an die dpa, ob sich dort irgendjemand die Mühe gemacht hat, das mal nachzuprüfen, oder einfach nur die Meldung von … – ich spekuliere mal: einer ukrainischen Nachrichtenagentur? – einfach weitergereicht wurde. Gab es keine Recherche in Richtung französische Stellungnahme zu der Meldung? Wenn ich das, was ich am Donnerstag in Kiew erlebte mit dem vergleiche, was darüber hierzulande berichtet wird, dann wird mir wahrlich schummrig bezüglich der Berichte aus den wirklichen Kriegsgebieten. So wird also Wahrheit manipuliert? Erschreckend!

Bei all der Ernüchterung und ungeachtet der, ich muss es so bezeichnen, schockierenden Erfahrungen im Stadion und der nachfolgenden Berichterstattung möchte ich nicht versäumen , darauf hinzuweisen, dass wir abgesehen von den entscheidenden zehn Minuten bestens betreut wurden von Dynamo und es auch sonst im Stadion uns gegenüber grundsätzlich freundlich und wohlwollend zuging. Das betrifft auch die Zeit nach dem Spiel (bzw. aus ukrainischer Sicht: „nach der Provokation“). Am Morgen danach habe ich mich im Fanshop von Dynamo nämlich mutig als Guingamp-Fan geoutet. Und Überraschung: der Verkäufer sprach von einer „Falschmeldung“ und gab mir freundlich die Hand!

Ich glaube, dass wir schlicht und einfach zwischen die Kriegsfronten geraten sind. Man kann das auch an den Videos erkennen, denn nachdem wir das Stadion verlassen hatten, prügelten sich Fans untereinander (siehe Foto im RP-Bericht: http://www.rp-online.de/sport/fussball/europa-league/dynamo-kiew-hooligans-stuermen-den-platz-bid-1.4908040 bzw. gegen die Ordner. Erst als Dynamo-Torhüter Shovkovskiy einschritt, beruhigte sich die Lage und die meisten Fans zogen sich auf die Tribünen zurück. Da waren wir schon auf dem Weg in unser Hotel. In meinen Augen war das Ganze auch keine gezielte Aggression gegen uns Handvoll Guingamp-Fans – was angesichts unserer wahrlich überschaubaren Zahl ja auch absurd wäre – sondern ein Ausdruck der gegenwärtigen Stimmung in Kiew/der Ukraine.

Kiew, Fußball und der Krieg. Eine schwer durchschaubare Melange.

Kiew, Fußball und der Krieg. Eine schwer durchschaubare Melange.

Zum einen bin ich überzeugt, dass eine wirklich große Angst vor dem Ausscheiden von Dynamo herrschte (was ein zweites Guingamp-Tor ja vermutlich bedeutet hätte), weil der Klub eine extrem wichtige Rolle für das ukrainische Nationalgefühl darstellt. Das sieht man nicht zuletzt an den vielen Souvenirständen, wo es neben ukrainischen Flaggen immer auch Dynamo-Trikots und –Schals gibt. Dynamo ist ein Repräsentant der ukrainischen Ukraine (wenn man diesen Begriff zur Abgrenzung vom Donbas benutzen darf), und ein Aus in der gegenwärtigen Situation wäre angesichts des Verlustes der Krim und der drohenden Abspaltung des Donbas moralisch ein schwerer Rückschlag gewesen. Soweit zumindest meine Interpretation. Zum anderen war das Spiel auf den Rängen politisch enorm aufgeladen. Wie mir ein Ukrainer erzählte, wurde während der zweiten Halbzeit mehrfach „Putin ist ein Wichser“ gerufen. In der zweiten Halbzeit wurde in dem Block, aus dem auch die Bengalos kamen, eine russische Flagge verbrannt. Und auch die erwähnten „Kiew“-Rufe hatten aus meiner Sicht vornehmlich eine politische Aussagekraft. Alles in allem eine komplizierte Gemengelage, über die ich mich wahrlich nicht anmaßen will, zu urteilen oder gar zu richten.

Und doch schmerzt Serhij Rebrovs Statement auf der Pressekonferenz, auf der er u.a. sagte: „Players were patient. They couldn’t let so many fans down. I want to thank supporters.“ Kiew trifft nun auf Everton. Und ich frage mich, wie das Spiel wohl ausgegangen hätte, wäre die Partie nicht mitten in der Drangperiode der Guingampais wegen der Ausschreitungen unterbrochen worden. Aber das ist nun auch wieder müßig, denn man weiß es nicht. Und daher: viel Glück Dynamo, denn trotz allem habe ich Kiew liebgewonnen. Vor allem aber: Tous ensemble, toujours En Avant!

Übernächster Tag Überall beschäftigt man sich nur noch mit dieser angeblichen provokanten Fahne, mit der wir angeblich die Gewalt ausgelöst haben. Mir bleibt nur eine gewaltige Ohnmacht und tumbe Wut, dass ich mich nach all den Ereignissen von Kiew nun für etwas erklären muss, was irgendein ukrainischer Fußball-Propagandaminister von sich gegeben hat. Statt über die ominöse Fahne nachzudenken und sie unterschwellig als „vorhanden“ zu bewerten sollte man in meinen Augen vielmehr über die erfolgreiche Infiltrierung der öffentlichen Meinung mit einer totalen Fakemeldung nachdenken. Eine ukrainische Quelle gibt etwas von sich, die französische Seite wird nicht gefragt, das ganze macht als „Wahrheit“ die Runde und im Ergebnis steht ein mindestens unterschwellig durchschimmernder Verdacht bzw. Zweifel, dass es so gewesen sein „könnte“. Lenkt prima ab von dem Angriff auf eine Fangruppe von weniger als 30 Personen, von den mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen, von dem Platzsturm, von der Spielunterbrechung, vom drohenden Abbruch. Geschickt gemacht von Dynamo. In kleinem Maße erlebe ich gerade, wie wehrlos man gegen die ‚Netzwelle‘ ist und ahne, wie sehr das alles haften bleiben wird.

Hier noch ein paar Links zu den Ereignissen:

Video von den Ausschreitungen (oben rechts sieht man anfangs noch unsere Fahnen, u.a. das „KR93“ (Kop Rouge 1993“): https://www.youtube.com/watch?v=YwRLVJEUuHc&feature=player_embedded

Und noch ein weiteres Video, aus anderer Perspektive https://www.youtube.com/watch?v=KmXRfegpsoI&feature=youtu.be

Ein dritter Video, diesmal aus der Perspektive der Tartanbahn. Besonders interessant finde ich die Sequenz ab 1:00, wo ein Fan mit blauem Schal (= Dynamo?) zusammengetreten wird. https://www.youtube.com/watch?v=P7AsiwoTvFk

Der Bericht des Fanbeauftragen von Guingamp (auf Französisch). Darin heißt es u.a., dass der französische Botschafter in der Ukraine ebenfalls in unserem Block war. Und dass Fanbeauftragter Jean-Michel einen Anruf vom Stadion-Sicherheitschef erhielt, die Fahnen abzunnehmen („Jean-Michel Le Houérou a reçu un coup de téléphone du responsable de la sécurité du Dynamo Kiev. ‚Retirez les drapeaux de votre tribune‚ lui dit-il“). War das derselbe Sicherheitschef, der uns anschließend vorwarf, wir hätten „alles getan, um eine Sperre des Stadions zu erreichen“?: http://france3-regions.francetvinfo.fr/bretagne/2015/02/27/kiev-l-en-avant-de-guingamp-j-ai-vu-des-centaines-de-supporteurs-ukrainiens-arriver-sur-nous-664225.html

Tagesspiegel-Bericht basierend auf dem dpa-Report: http://www.tagesspiegel.de/sport/fussball-ausschreitungen-wegen-krim-plakat/11435146.html

Bei T-Online heißt es, „Dutzende Fans prügelten sich.“ Es waren allerdings ausschließlich Kiew-Fans, die sich untereinander prügelten: http://www.t-online.de/sport/fussball/europa-league/id_73075030/fussball-erneut-feyenoord-krawalle-schlaegerei-in-kiew.html

Interview mit einem Guingamp-Fan nach dem Spiel: http://www.ouest-france.fr/football-agression-des-guingampais-kiev-lydie-raconte-3216382

Ausführlicher Nachbericht aus Le Télégramme, der u.a. die Diskussion im Fanforum von Dynamo über den Vorfall ausgewertet hat: http://www.letelegramme.fr/football/kiev-la-soiree-angoissante-de-trois-supporters-guingampais-27-02-2015-10540496.php

France-Info über die Ereignisse: http://www.franceinfo.fr/actu/europe/article/incidents-l-issue-de-kiev-guingamp-voulu-tuer-nos-supporters-649879

Und die Liberation: http://www.liberation.fr/sports/2015/02/27/europa-league-incidents-a-kiev-lors-du-match-contre-guingamp_1210736?utm_source=Facebook&utm_campaign=Echobox&utm_medium=Social

Die Meldung von einer „provokativen“ Fahne: http://l.facebook.com/l.php?u=http%3A%2F%2Fwww.ukrfutbol.com%2Fdynamo-kyiv-vp-flag-in-guingamp-sector-was-provocation%2F&h=DAQHlZfOF&enc=AZOyajT-D5mdD76RzHlyLDbkO4wQ58Es8o4ncJw4htUD7LMxwNXWjAWEntJz-zkc7kO-qLVFnL3NS3Y5GiI0OwE0W78eH-D8-Sig1z-0hV0vAQoXHQQLu-6lMfFfQO2KVpo&s=1

Auf Dynamos Website findet sich keine Stellungnahme zu der ominösen Fahne. Stattdessen dieses: http://www.fcdynamo.kiev.ua/en/allnews/uefa_vyneset_svoy_distsiplinarnyy_verdikt_po_dinamo_kiev_4_marta/

und die möglichen Konsequenzen: http://france3-regions.francetvinfo.fr/bretagne/2015/02/27/incidents-blatter-denonce-des-scenes-honteuses-de-violence-et-racisme-664499.html

3 Kommentare

  1. Pingback: #Link11 vom 2.3.2015 | Fokus Fussball

  2. Sehr informativer und interessanter Artikel. Nur bitte die „Looser“ noch in „Loser“ korrigieren 😉

  3. Unglaublich was da passiert ist. Zum Glück ist euch nichts passiert. Hab auch schon einige internationale Auswärtstouren gemacht und viele skurile Dinge erlebt und war auch schonmal in einer ähnlichen Situation. Aber das nun die Tatsachen so verdreht werden würde mich einfach nur wütend machen.

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