ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Leipzig: Fußballstadt zwischen Tradition und Moderne

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Leipzig – Fußballstadt zwischen Tradition und Moderne heißt das Titelthema unserer Ausgabe #9, die jetzt erschienen ist.

Auf 40 Seiten beleuchten wir darin den höherklassigen Fußball in Leipzig sowohl in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit. Ausführliche Porträts von Roter Stern, FC International, BSG Chemie, 1. FC Lokomotive und RB, ein Blick auf die vielen anderen Vereine der Stadt, das jüdische Fußballerbe von Leipzig, die Fanrivalität Lok/Chemie, Leipzigs große Fußballhistorie sowie eine Gesprächsrunde zwischen Fanvertretern aller fünf „großen“ Vereine und schließlich eine nachdenkliche Reportage zum Thema „Politik und Fußball“ – das alles bildet unseren großen Leitartikel zur derzeit wohl spannendsten Fußballstadt des Landes.

Zum Einlesen hier der Einleitungstext:

„Fußballstadt zwischen Tradition und Moderne“:

Leipzig ist hipp, Leipzig ist cool. Cooler als Halle oder Dresden jedenfalls, und cooler als Berlin sowieso. Leipzig ist die Stadt, von der alle träumen. Weil sie Szene hat, weil sie Freiheit verspricht, weil sie lässig ist. Und noch dazu günstig. Unter den führenden Unistädten Deutschlands belegt Leipzig in Sachen Mietpreise stets eine attraktive Platzierung. La dolce vita ist an der Weißen Elster kein Problem.

Leipzigs Fußball spiegelt diese Möglichkeiten. Während das benachbarte Dresden ganz im Zeichen von Dynamo steht, konkurrieren in Leipzig zahlreiche Lager um Aufmerksamkeit und Publikumsgunst. Keine vergleichbare Stadt in Deutschland hat ein derartiges Spektrum zu bieten. Auf der einen Seite das kantenfrei geformte Marketingprodukt RB, das für viele Leipziger Fußballfreunde wie ein Segen daherkommt. Auf der anderen Seite ein Klub wie Roter Stern, quasi ein FC St. Pauli in Reinform, bar jeglichem Kommerzgetüddel und gefüllt mit Leidenschaft, klarer politischer Botschaft und tiefer Liebe zum Fußball. Zwischen diesen Extremen mäandrieren die reinkarnierten Traditionsgemeinschaften aus DDR-Zeiten, 1. FC Lokomotive und BSG Chemie, sowie mit dem FC International ein Newcomer, der praktisch jedem ein Rätsel aufgibt. Egal ob friedensbewegter Öko, linksorientierter Skin, DDR-Nostalgiker, national gesinnter AfD-Wähler, den nach Bundesligaglamour suchenden Eventie, Traditionalist, Modernist oder Globalist – in Leipzig ist für jeden etwas dabei!

Begehbares Fußballmuseum

Leipzig ist voller Geschichte. Politischer wie gesellschaftlicher. Vor den Toren der Stadt musste sich dereinst Napoleon geschlagen geben, in den Straßen der Stadt wurde das DDR-Regime zu Fall gebracht. Leipzig hat eine lange sozialdemokratische und liberale Tradition, die bis heute spürbar ist. Und die Stadt strotzt vor Fußballhistorie, ist so etwas wie ein begehbares Fußballmuseum. Am 28. Januar 1900 entstand hier der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Drei Jahre später wurde der VfB Leipzig erster Deutscher Meister. 1922 sah das Stadion Probstheida das „ewige Endspiel” zwischen dem HSV und Nürnberg. In den 1920er-Jahren war Leipzig Deutschlands Hochburg im Arbeiterfußball und verfügte über eine blühende jüdische Sportgemeinde. Zu DDR-Zeiten wies man eine quirlige und vielschichtige Szene verschiedenster Sportgemeinschaften auf, die das ökonomische wie kulturelle Bild der Messestadt exzellent widerspiegelte. Im November 1990 war es in Leipzig, als der NOFV, Nachfolger des Deutschen Fußball-Verbandes der DDR, seinen Anschluss an den DFB verkündete und damit die Vereinigung des deutschen Fußballs abschloss. All das ist nachzuspüren im (derzeit allerdings leider geschlossenen) Sportmuseum Leipzig, neben den Museen in Köln und Berlin das umfangreichste seiner Art.

RB veränderte die Leipziger Fußballkultur

Dass sich Dietrich Mateschitz ausgerechnet Leipzig aussuchte, um seine Version von Fußballgeschichte zu schreiben, war kein Zufall. Denn Leipzig ist auch wirtschaftlich attraktiv. Es ist Deutschlands am schnellsten wachsende Großstadt (aktuell kommt man auf etwa 580.000 Einwohner). Ein Knotenpunkt zwischen Ost und West, Nord und Süd. Spätestens seit 2006, als man bei fünf Spielen WM-Gastgeber war, sehnte sich die Region nach hochklassigem Profifußball. Stattdessen servierten die wirtschaftlich und strukturell taumelnden Galionsfiguren VfB/Lok und FC Sachsen fade unterklassige Kost, schreckten ihre ermüdenden Anfeindungen und die schwer erträgliche Gewalt all jene vom Stadionbesuch ab, die entspannt Fußball gucken wollten.

Seit RB ist alles anders. Der FC Sachsen existiert nicht mehr, dafür spielt nun wieder eine BSG Chemie im Alfred-Kunze-Sportpark. Lok hat seinen Weg von ganz unten bis in die Regionalliga geschafft und ringt mit einer Fanszene, die einerseits beeindruckend treu, andererseits in Teilen verstörend „teutsch” ist. Für beide jahrzehntelangen Platzhirschen hat sich die Situation grundlegend verändert. Durch RB rückten sie ins zweite Glied und verloren ihre Deutungshoheit über die Fußballstadt Leipzig. Im Rest der Republik verbindet man Leipzig heute entweder mit der Postmoderne oder dem endgültigen Ausverkauf des Fußballs. Lok und Chemie ringen eine Ebene darunter um das, was die regionale Fußballgemeinde an Aufmerksamkeit noch übrig lässt.

Dadurch veränderte sich ihre Rivalität, denn erstmals hat man einen gemeinsamen „Gegner”. Vor allem aber veränderte sich die Erwartungshaltung, die in Leipzig oft gigantisch war. Nun wird sie quasi im Alleingang vom Red-Bull-Konzern getragen, dem kommunale und regionale Befindlichkeiten ziemlich egal sind. RB bettelt nicht um öffentliche Gelder und Aufmerksamkeit, wie es Lok und der FC Sachsen stets taten bzw. tun mussten, RB kann es sich sogar leisten, seine Unterstützer zu selektieren. Positiv betrachtet heißt das für Lok und Chemie, dass sie ihre nunmehrigen Nischen sichtlich entspannter bespielen können. Und das ist vor allem eine Chance – ab 2017/18 sogar wieder in einer gemeinsamen Spielklasse!

Lok und Chemie als gewandelte Fanvereine

Zumal sich beide Klubs völlig verwandelt haben. Es sind nicht mehr die geldverschlingenden Monster von einst, die ständig in den Negativschlagzeilen standen und in deren vermeintlichem Glanz sich allzu dubiose Personen sonnten. Es sind von Fans geführte Gemeinschaften voller Vielfalt, Loyalität und Leidenschaft. Damit repräsentieren sie das komplette Gegenteil zum Konsumtempel RB, in dem man für Geld Dienstleistungen erwirbt und das Angebot dem Anbieter überlässt. Bei Lok und Chemie hingegen ist Mitarbeit gefragt und gefordert, um ein Angebot entstehen zu lassen.

Und noch etwas: Während in der Republik voller Pathos und oftmals klischeebehaftet über RB und die Veränderungen im Fußball insgesamt gestritten wird, ist man in Leipzig schon einen Schritt weiter. Man hat sich arrangiert mit dem neuen Player (was blieb der Stadt auch anderes übrig?) und sucht seine Chancen im Wandel. Das Bild eines Leipziger Fußballs, in dem ein „den Fußball zerstörendes RB”, ein „von Nazis durchsetzter 1. FC Lokomotive” und eine „von Linksautonomen beherrschte BSG Chemie” im Dauerkonflikt miteinander liegen, stimmt jedenfalls mit dem Bild, das man in Leipzig hat, ganz und gar nicht überein.

Willkommen in der Fußballstadt Leipzig!

 

 

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