ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Klartext: Zur Kritik am Handball

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Hat der Handball ein Migrationsproblem – oder der Fußball ein Verständnisproblem?

Derzeit ist es ja en vogue, mit aller verbaler Gewalt auf den deutschen Handball einzudreschen und ihm ein Migrationsproblem zu unterstellen. Es sind vor allem „Fußballexperten“, die das Thema aufgegriffen haben. Der Zeitpunkt scheint zu überraschen – hat die deutsche Handballauswahl doch kürzlich einigermaßen unerwartet den Titel des Europameisters errungen. Und sich damit ins Blickfeld gespielt.

Ins Blickfeld unter anderem für Wolfram Eilenberger, einem für die „Zeit“ schreibenden Philosophen, der sich in einem eigenartigen Erguss aus Polemik, Arroganz und Unkenntnis äußerte und dem Handball geradezu ein „völkisches Bild“ zeichnete und ihn in die Nähe der AfD rückte. Kaum war die Aufregung über seine Worte verraucht, legt nun mit Oliver Fritsch der Fußballfachmann der „Zeit“ nach. Auch er sieht ein Defizit in der Migrationsarbeit des Handballs, formuliert dies aber etwas sachlicher als der Philosophiekollege und untermauert seine These zudem mit handfesten Fakten.

Auch sein Text hinterlässt jedoch einen mehr als schalen Beigeschmack, denn Fritsch argumentiert ebenfalls aus Sicht des Fußballs und dokumentiert zudem frappierende Verständnis- und Wissenslücken über eine Sportart, die ihm vor der EM vermutlich weitestgehend gleichgültig war.

Wenngleich wir ein „Magazin für Fußball-Zeitgeschichte“ sind, möchten wir den Handballern an dieser Stelle ein wenig beiseite springen und ein paar Thesen aufwerfen – zumal wir uns in der aktuellen Ausgabe ja intensiv mit dem Thema „Flucht, Vertreibung, Migration und Integration“ beschäftigt haben. Vorausschicken möchten wir, dass die Frage an sich – hat der Handball ein Defizit in Bezug auf Migration? – selbst vom DHB mit „ja“ beantwortet wird. Der Umgang mit dieser Frage und die daraus abgeleiteten Vorwürfe von Eilenberger wie Fritsch hingegen erscheinen eindimensional und einseitig abgeleitet vom Fußball. Das aber kann nicht funktionieren, da Fußball und Handball unterschiedliche Entwicklungsgeschichten aufweisen und sie zudem in ihrer globalen Wahrnehmung und Bedeutung nicht „in einer Liga“ spielen.

Dass Handball beispielsweise in der türkischen Community in Deutschland quasi gar keine Rolle spielt, fällt nicht zufällig mit der komplett unbeschriebenen Erfolgstafel des türkischen Handballs zusammen. Handball hat in der Türkei keine Vergangenheit und kaum eine Gegenwart. Insofern ist er vielleicht vergleichbar mit dem Rugby in Deutschland. Für Jugendliche mit türkischem Migrationshintergrund sind daher kaum Anreize gegeben, sich dem Handball zuzuwenden. Es gibt keine Helden aus der eigenen Community, es gibt keinen Zugang zu den Vereinen und es gibt keinen Zugang zum Sport an sich, zumal der bezüglich seiner Regeln auch nicht annähernd so „einfach“ wie der Fußball ist. Daraus abzuleiten, Handball habe ein Migrationsdefizit bei türkischstämmigen Mitbürgern zeugt von, sorry, ziemlicher Ahnungslosigkeit.

Aus dieser Ableitung stellt sich aber auch noch eine andere Frage: muss eine Sportart zwingend die Migrationsrealität eines Landes widerspiegeln? Müssen wir im Handball also eine bestimmte Anzahl aktiver Spieler mit, beispielsweise, türkischen Migrationshintergrund haben, damit er seine „Integrationspflicht“ erfüllt? Die Antwort erübrigt sich in unseren Augen. Statt dessen wirft sie die Frage auf, wo dieser plötzlich Zwang zu einer „Multikulturalität“ eigentlich herkommt und inwieweit er mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu tun hat? Ketzerisch gefragt könnte man auch formulieren: bedeuten offene Grenze und offene Herzen (inkl. Willkommenskultur) zugleich die Aufgabe kultureller Eigenarten? Das wäre in unseren Augen fatal.

Warum nun die plötzliche Kritik am Handball ausgerechnet nach dem unerwarteten EM-Triumph? Denn schaut man in andere Sportarten, ist die Frage nach der Integration (die im Handball vor allem unter den handballaffinen Osteuropäern beispielsweise klappt) theoretisch noch viel drängender. Eishockey beispielsweise, ist noch weit mehr ein „weißer“ Sport, an dem die türkische Gemeinde quasi gar nicht teilnimmt. Oder Tennis – schon mal von einer türkischen Community im deutschen Tennis gehört? Sind Eishockey und Tennis deshalb womöglich rassistisch? Liest man Eilenberger, könnte man es glauben.

Sportdisziplinen werden nach persönlichen Präferenzen, nach Vorlieben ausgewählt. Über Fußball müssen wir diesbezüglich nicht diskutieren. Mit seiner globalen Präsenz und seiner alles niederwalzenden Medienmacht erreicht er quasi alle Schichten, Kulturen und Völker. Die Differenzierung fängt dahinter an. Ringen beispielsweise hat eine gute Migrationsquote. Ebenso Boxen. Beide Disziplinen sind unter „südländischen“ Migranten sehr beliebt. Warum? Einerseits sind es die historischen Wurzeln beispielsweise des Ringens als türkischer Nationalsport, andererseits bildet namentlich das Boxen ein perfektes Spiegelbild für das Leben in den „Ghettos“ auch hier in Deutschland ab. Neben dem Fußball und dem Boxen hat in Deutschland eigentlich nur der Basketball ein stabiles Standing in vielen Migrantengemeinschaften.

Aber ist das automatisch ein Problem, und sind die anderen Disziplinen deshalb zu verurteilen? Darf man ihnen per se „kartoffeldeutsche Eigenarten“ bis hin zu „völkischem Gebaren“ unterstellen? Beim Turnen mag das historisch ja noch einigermaßen belastbar sein (auch wenn es den aktuellen Turnern sicherlich ebenso absurd vorkommen wird). Aber beim Handball, beim Eishockey, beim Rugby, beim Tennis, beim Wasserball? Zumal nahezu alle Sportdisziplinen außerhalb des Fußballs ohnehin Nachwuchssorgen haben – nicht zuletzt wegen des Fußballs unter seiner überragenden Präsenz. Da nun auch noch eine Erfolgsquote bei Migranten zu fordern ist utopisch, und, wenn die Forderung aus Fußballkreisen kommt (wie im Falle Eilenberger und Fritsch geschehen), geradezu dreist.

Der Handball bezahlt offensichtlich gerade den Preis für seinen Erfolg. Wäre die DHB-Auswahl in der Zwischenrunde ausgeschieden, hätte sich mit ziemlicher Sicherheit weder Eilenberger noch Fritsch mit dem Sport auseinandergesetzt. Durch den Erfolg – und die damit einhergehende Sympathiewelle – wurde Handball schon unmittelbar nach dem Finale von Krakau zunächst sozialromantisch völlig verklärt, weil nicht so viel Geld wie im Fußball unterwegs ist, sich die Spieler nicht bei der kleinsten Berührung fallen lassen und dann auch noch der isländische Bundestrainer die deutsche Nationalhymne mitsang. Dinge, die man als Fußballfan fast mit Neid verfolgte (okay, das mit der Nationalhymne betraf sicher nicht jeden). Kann es also sein, dass das plötzliche Eindreschen auf den Handball genau aus diesem Neid heraus gespeist wird? Dass es im Grunde genommen vor allem die Unzufriedenheit über die Entwicklung im Fußball ausdrückt?

Dem Handball wäre wahrlich eine diffenziertere und sachkundigere Herangehensweise zu wünschen als dieses Bashing durch fußballerische Moralapostel und selbsternannte „Alles-Wisser“.

Hardy Grüne

8 Kommentare

  1. Es ist schon sehr krank, daß man sich schämen muß, wenn in einer deutschen Nationalmannschaft nur deutsche Spielen! Was soll denn die Forderung nach einer Migrantenquote? Schon mal an den Sinn des Sports gedacht? Katar hat es bei der letzten Handball WM vorgemacht, wie man den Sport kaputt macht. Ich gratuliere unseren Handballern herzlich. Eine tolle Mannschaft mit einem grandiosen Erfolg. Lasst Euch von diesen ganzen Spinnern nicht verrückt machen.

  2. Da ihr Rugby erwähnt habt: Zwar gab es schon Spieler mit türkischen Wurzeln, die für die deutsche Rugby-Nationalmannschaft aufgelaufen sind, aber grundsätzlich habt ihr recht. Dennoch ist Rugby eine der weltoffensten Sportarten der Welt. In den deutschen Vereinen spielen Menschen aus Ländern rund um den Globus, da Rugby rund um die Welt gespielt wird und zu den populärsten Sportarten auf dem Globus gehört (Rugby-WM als drittgrößte Sportveranstaltung nach olympischen Sommerspielen und Fußball-WM mit mehr als 3,5 Milliarden TV-Zuschauern). Rugby hat ein ausgeprägtes soziales Element. Spieler und Spielerinnen werden nicht nach ihrer Ethnie beurteilt – sondern als Rugger gesehen. Das geht dem Fußball, der sich aus Rugby entwickelt hat, immer mehr ab.

    Zum Thema Handball: Der Zugang ist auch viel schwieriger als zum Fußball, der auf jeder Wiese gekickt werden kann. Im Handball braucht es Hallen, die es gar nicht in jeder Kommune unbedingt gibt. Das erschwert den Zugang für manche Bevölkerungsgruppen noch mehr.

    Ahoi

  3. Treffend und Danke für die argumentative Unterstützung gerade von einer Seite, die nicht unter Verdacht steht, den Handball aus direkter Betroffenheit zu verteidigen. Der Text von Eilenberger – und auch der zweite der Zeit zu dieser Thematik – war einfach nur schlecht …

    Ich habe ihn für handball-world.com ein wenig auseinandergeschraubt – in etwas ungewöhnlicher Form, weil die Kabinenpredigt von Eilenberger zwar vielleicht Predigt, aber keinesfalls Kabine wahr.

    Die tweets und der zweite Text sind ja auch nur ein Rückzugsgefecht, in dem jetzt der Blick nur auf den Passus mit der Integration geschoben wird. Er hat den Handball ja auch aufgrund des aus seiner Sicht kleinbürgerlich provinziellen mit der AfD und der 80er-Jahre-Reihenhausvergangenheit gleichgesetzt.

    Gleichzusetzen mit der AfD ist aber eher sein Argumentationsniveau:
    „In Sachen Integration könnte der Handball ein wenig mehr wie der Fußball sein, da hast Du Recht – in Sachen Gewalt, Homophobie und Rassismus beispielsweise übrigens lieber nicht. Und, siehe oben, hinsichtlich der Integration könnten auch zahlreiche Chefredaktionen mehr wie der Fußball sein. Dass sie, der Handball und viele andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens es noch nicht sind, hat komplexe Gründe, Diskussionen darüber sind angebracht. Du aber bohrst an diesem Punkt in der Tat tief in der Volksbefindlichkeit: Warum sich informieren, wenn es doch Vorurteile gibt. Warum argumentieren, wenn unabhängig von dem Kabinensermon und jeglicher Logik am Ende des Textes das vorgefertigte Fazit sich selbst bestätigt.“

    Das wirklich Bedauerliche ist dabei übrigens, dass Die Zeit solche Texte für druckfähig hält …

    Die komplette Gegenrede:
    http://www.handball-world.com/o.red.c/news-1-1-1-78737.html

  4. Jeder der möchte, kann Handballspielen, bzw. den Sport erlenen. Dies ist
    völlig unabhängig von Hautfarbe oder Herkunft. Die was anderes behaupten, haben keine Ahnung von den Menschen beim Handball

  5. Ich glaube allen Sportlern mit Herz und Verstand ist klar, wie daneben dieses „Machwerk“ ist. Dennoch als Handballer großes Dankeschön für die Unterstützung von der Fußballseite. Christian Ciemalla hatte eigentlich schon alles gesagt. Mich hat es allerdings gerissen, auch noch etwas zum „Dr.phil“ beizutragen. Wir Handballer machen gern Krawall ;=)

    siehe hier http://zerfi.de/blog/

  6. Sehr geehrter Herr Gruene,
    herzlichen Dank! Das ist eine perfekte Reaktion auf den geistigen Dünnpfiff des Herrn Philosophen.
    Und ich muß lernen, dass „Philosoph“ nicht gleichbedeutend mit „Klasse“ ist, und dass vermeidliche Qualitätszeitungen auch geistigen Ausfällen anheim fallen können.
    Denn das ist ja der eigentliche Skandal!

  7. Hmm, ich stimme mit vielem überein – bin aber am Ende doch etwas enttäuscht. Lohnt es sich, Eilenbergers Text in den Mittelpunkt zu stellen? Jede_r kritische Leser_in erkennt doch die Schwäche der spitzen Thesen und Vorwürfe. Ob es jetzt Rückzugsgefechte sind, es auf die „Integration“ zu verengen (wie Christian Ciemalla schreibt) oder nicht – ich glaube es lohnt sich über das Thema zu sprechen. Das findet ja auch „der Handball“ selbst. Und – vielleicht – können die Erfahrungen aus „dem Fußball“ helfen. Dabei geht es sicher nicht darum, zwanghaft türkisch(stämmig)e Handballer zu „produzieren“, aber nachzusehen ob es z.B. strukturelle Hemmnisse gibt, die Teilhabe erschweren. Übrigens @Frank: In welcher deutschen Nationalmannschaft spielen denn Ausländer?

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