ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT: Zum Krisenmanagement des DFB

| 2 Kommentare

KLARTEXT Zum Krisenmanagement des DFB

Von Hardy Grüne

Über das Krisenmanagement des DFB in der Causa Özil/Gündogan ist eigentlich alles gesagt. Es war und ist eine jämmerliche Show, die jegliche Souveränität vermissen ließ und eines Verbandes der Dimension des DFB unwürdig ist.

Hätte man es bei diesem Fazit nach dem Vorrundenaus belassen und einfach nur den Kopf schütteln können, sieht die Lage nach der Doppel-Nachtritt-Attacke von Oliver Bierhoff und Reinhard Grindel am Wochenende anders aus. Nun ist das Krisenmanagement des DFB nicht mehr nur unwürdig sondern zudem gefährlich. Erst Bierhoffs durchsichtige Attacke gegen Mesüt Özil und sein Zurückrudern nach dem folgenden Shitstorm. Ich nehme Bierhoff sein zerknirschtes „sorry, war alles nur ein Missverständnis“ nicht ab. Der Mann, unter dem „Die Mannschaft“ zu einem perfekt funktionierenden Marketingag geworden ist, geht mit unschuldiger Naivität an eines der gesellschaftspolitisch brisantesten Themen der jüngeren Fußballgeschichte, merkt seinen Faux-pas selbst beim Gegenlesen des Interviews nicht und stottert dann eine Entschuldigung, als sich alle aufregen? Mit Verlaub, Herr Bierhoff: Das können Sie Ihrem Friseur erzählen. Mesüt Özil ist ein perfekter Sündenbock, der alles hat, was man nach dem WM-Debakel brauchte. Seine türkischen Wurzeln sind da durchaus hilfreich, denn sie schaffen Distanz. War’n ja nicht wir. War „der Türke“.

Dass Reinhard Grindel nun im „Kicker“-Interview nachlegt und Mesüt Özil zu einer Erklärung nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub auffordert, ist in meinen Augen ein grotesker Vorgang. Man mag zu Özils Verhalten stehen wie man will (sowohl in Bezug auf die Bilder mit Erdogan als auch sein Schweigen), und sicher ist die ganze Angelegenheit von Özils Seite alles andere als geschickt gemanagt worden. Ihn durch den Präsidenten des größten Sportverbandes der Welt nun als Prügelknabe hinzustellen und damit jenen Krakeelern einen Blankoschein auszustellen, deren Kritik nicht über ein plumpes „der Türke ist Schuld“ hinausgeht, ist brandgefährlich. Grindel und Bierhoff spielen mit dem gesellschaftlichen Feuer, um ihre eigenen Versäumnisse zu überdecken und sich vor persönlichen Konsequenzen zu drücken. Von der Doppelmoral, die man seit Jahren in Sachen Russland/Putin etc. an den Tag legt mal ganz zu schweigen.

Statt sich vor den Spieler zu stellen und die Ereignisse intern aufzuarbeiten benutzt Grindel sogar die Medien, um den „Fall“ nochmal hochzukochen. Und gefällt damit vor allem in populistischen Kreisen. Man muss sich nicht nach Schweden wünschen, um das zu verabscheuen. Die Folgen werden weitreichend und tiefgehend sein. Das Bild türkischstämmiger Nationalspieler im DFB-Dress dürfte auf unabsehbare Zeit vom „Fall Özil“ begleitet werden. Mehr als bisher werden Spieler mit türkischen Namen keine „deutschen Nationalspieler“ mehr sein, sondern „Türken im DFB-Dress“. Und Spieler mit zwei Pässen werden sich noch sorgfältiger überlegen, ob sie den Adler überstreifen. Denn die Rolle des Buhmanns im Falle des Scheiterns ist damit schon fast gebucht.
Ein souveräner Umgang à la Schweden hätte die Causa Özil/Gündogan zu einem isolierten Vorfall – der er ja ist! – gemacht und dem DFB die Gelegenheit gegeben, sich auch in einem komplizierteren Fall als beispielsweise Cacau oder Sami Khedira zur Integration zu bekennen. Selbst nach der WM noch, als das Kind eigentlich längst in den Brunnen gefallen war! Doch in ihrer Selbstgefälligkeit haben Grindel und Bierhoff nun einen Spaltpilz geschaffen, der bis in die untersten Spielklassen zu spüren sein wird. „Der Türke“ dürfte dort mehr denn je zum spaltenden Kampfbegriff werden.

Reinhard Grindel hat sich in der Krise als ein Präsident erwiesen, auf den sich die Fußballgemeinde nicht verlassen kann. Er sollte zurücktreten.

2 Kommentare

  1. Ich glaube nicht, das Özil zu den bedeutenderen Problemen der deutschen Russlandexpedition 2018 gehörte. Er mag für andere, real existierende gesellschaftliche Probleme Deutschlands stehen, aber für die Abwesenheit echter neuer Talente kann man ihn nicht verantwortlich machen.

    Selbstverständlich ist das was Grindel und Bierhoff abziehen unter aller Kanone. Auf der anderen Seite werden die ethnischen Probleme mit denen sich Deutschland dieser Tage verstärkt auseinandersetzen muss von allen Seiten weidlich ausgenützt: sowohl von Populisten und Rechten als auch den regressiven Linken. Alle versuchen im und mit dem „divide et impera“ Spiel zu gewinnen; abkassieren tun am Ende aber nur die Neoliberalen.

    Im Zusammenhang darf man auch nicht vergessen, dass Hamit Altintop bereits vor Jahren Özil lt. Spiegel vorgeworfen hat, mit seiner Entscheidung für Deutschland und nicht für die Türkei zu spielen ausverkauft habe. Das ist Wasser auf viele Mühlen.

    Wie auch immer, das fahnenschwenkende Sommermärchen von 2006 ist auf allen Ebenen zu Ende.

  2. Bierhoff und Grindel sind die größeren Probleme – für Deutschland! Beide sind unterste Schublade.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.