ZEITSPIEL

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KLARTEXT zum Grundlagenvertrag zwischen DFL und DFB

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titel_06_ivHeute und morgen tagt in Erfurt der 42. DFB-Bundestag und wird bei dieser Gelegenheit auch den Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL verabschieden. Ein Vertrag, der auf scharfen Widerstand an der (Amateur-)Basis stößt. Sport inside hat dazu kürzlich einen sehenswerten Film veröffentlicht (http://www1.wdr.de/fernsehen/sport-inside/amateurfussball-102.html), und auch wir haben das Thema im aktuellen Heft aufgegriffen:

 

KLARTEXT

von Hardy Grüne

Wer flotte Einnahmen verbucht, kann auch mal großzügig sein. So scheint man auch bei DFB und DFL zu denken. Im Rahmen des bis 2023 verlängerten Grundlagenvertrages zwischen der für den Profibereich zuständigen DFL und dem Gesamtverband wurde vor dem Hintergrund des neuen TV-Vertrages eine weitere Transferleistung seitens der DFL vereinbart. Stolze 2,5 Mio. Euro wollen die Profis den Regional- und Landesverbänden zusätzlich zur Verfügung stellen. „Das funktionierende Zusammenspiel von Profis und Amateuren ist ein Alleinstellungsmerkmal in Europa, das den deutschen Fußball trotz Interessenunterschieden an der einen oder anderen Stelle auch künftig auszeichnen soll“, frohlockte DFL-Präsident Rauball, während DFB-Boss Grindel betonte, der Vertrag unterstreiche „die Einheit des Fußballs und das beispielhafte Miteinander von Amateur- und Profibereich“.

In aller Bescheidenheit ist das Zusatzprogramm „Masterplan Amateurfußball“ getauft worden. Das klingt nach Verantwortung, nach Bewusstsein für Probleme, nach Entschlossenheit. Es ist: ein Witz. Und zwar ein schlechter. 2,5 Mio. Euro für 25.000 Amateurvereine – da kommen – theoretisch – zusätzliche 100 Euro bei jedem Klub an. Regelrecht zynisch wird die Summe, wenn man den neuen TV-Vertrag dazu in Relation stellt. 1,16 Milliarden Euro pro Saison kassieren die Profiverein künftig aus den TV-Verträgen. Die 2,5 Mio. zahlt man also aus der Portokasse.

Es geht nicht darum, dass der Profifußball den Amateurfußball subventionieren soll. Es geht um die Frage, ob der Profifußball dem Amateurfußball noch genügend Luft zum Atmen lässt. Denn der Preis, den die Amateure im Gegenzug zu zahlen haben, ist der Sonntag. Der traditionelle Spieltag der Amateure in Deutschland. Neben den beiden derzeitigen Sonntagspartien um 15.30 Uhr und 17:30 Uhr wird es ab 2017/18 auch um 13.30 Uhr Bundesliga geben. Zunächst nur fünfmal pro Saison, aber Experten sind sich einig, dass dies wohl nur ein Testballon für den gewünschten Dauerbetrieb ist. Damit die „Großen“ im absurden Wettrennen mit der Premier League mithalten können, muss jede Geldquelle ausgequetscht werden.

Für die Amateurklubs eine Katastrophe. Seit Jahren gehen die Zuschauerzahlen kontinuierlich nach unten. Das liegt natürlich nicht nur an der Konkurrenz Bundesliga, sondern auch an veränderten Freizeitgewohnheiten, demografischen Veränderungen und nachlassender Attraktivität von Fußball als Sport im Vergleich zu Fußball als Event. Wer vor der Wahl steht, BVB gegen Bayern oder Westfalia Herne gegen Concordia Wiemelhausen zu gucken, entscheidet sich in der Regel für das „große“ Event. Das Zeitfenster, in dem die Amateure ohne TV-Profikonkurrenz Zuschauer anlocken können, verengt sich immer mehr. Viel enger werden kann es nun allerdings bald nicht mehr.

Viele Vereine fühlen sich ausgepresst von den Profiklubs, deren Nachwuchs sie doch mühsam ausbilden. Hans Molitor, Vorsitzender des Sechstligisten TuS Mayen, schrieb kürzlich einen offenen Brief an den DFB: „Die Amateur-Vereine sind die Basis für den Fußball in Deutschland, stehen aber gleichzeitig am Existenzminimum. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In der letzten Saison nahmen wir vom TuS Mayen – und mit uns drei weitere Vereine aus der Rheinlandliga – nicht an der Relegationsrunde teil, weil wir uns den Aufstieg in die Oberliga schlicht nicht leisten können. Dabei sind wir ein traditionsreicher Club, haben fünf Bundesliga-Spieler hervorgebracht. Früher Reinhard Saftig und Winfried Schäfer, ganz aktuell Stefan Bell von Mainz 05. Für den haben wir damals 9.000 Euro Ausbildungsentschädigung bekommen – wenn Bell heute wechseln würde, gingen fünf Millionen über den Tisch. Da verliert man doch die Lust!“

Ebenfalls aus dem Rheinland kommt eine Resolution, die Vertreter von elf regionalen Fünft- bzw. Sechstligisten gemeinsam verfassten und an den DFB schickten (siehe im Wortlaut unten). Auch Engelbert Kupka, langjähriger Präsident der SpVgg Unterhaching und schon seit vielen Jahren als Verfechter des „kleinen“ Fußballs bekannt, ist zunehmend verärgert. „Geld schießt keine Tore“ sei früher sein Motto gewesen, so Kupka in einem weiteren offenen Brief an den DFB. Heute müsse er sich jedoch „korrigieren: Geld schießt eben doch Tore!“ Angesichts enormer TV-Einnahmen, Ablösesummen in dreistelliger Millionenhöhe sowie sinkender Glaubwürdigkeit von Funktionären vor dem Hintergrund diverser Skandale müsse man sich fragen, „ob man es weiter akzeptieren will, dass sich im Fußball die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet“. Plakataktionen des DFB wie „Unsere Amateure – echte Profis“ bezeichnete Kupka als „Augenwischerei“, die „50+1“-Regel sieht er im Falle von Leipzig „skeptisch“. Der DFB müsse sich „kreative Lösungen auch mal für die unteren Spielklassen ausdenken. Welcher Schaden würde der Bundesliga entstehen, wenn die Dritte Liga pro Verein (ausgenommen zweite Mannschaften von Erstligisten) zusätzlich pro Saison 700.000 Euro bekämen und jeder Regionalligist 100.000 Euro erhielte? Die Kosten wären geschätzt 15 bis 17 Millionen Euro.“ Bei 1,2 Milliarden TV-Einnahmen könne die Bundesliga „da kaum den Nachweis der Verarmung führen. Sie könnte aber ein großes Zeichen der Solidarität setzen.“

Keine Frage: an der Basis wächst der Unmut. Zwar sind die Stimmen angesichts des schillernden und lauten Getöses der Bundesliga nur schwach zu hören, überhört werden sollten sie dennoch nicht. Denn ohne Amateure sieht der Profibereich ganz schön alt aus.

Gemeinsame Resolution an den DFB

Die Vereine der Rheinlandliga und die dem FV Rheinland angehörenden Vereine der Oberliga Rheinland-Pfalz-Saar haben am 5.10.2016 getagt. Ausschließlich diskutiert wurde die Tatsache, dass am Ende der Saison 2015/2016 ein Verein freiwillig aus der Oberliga abgestiegen ist und vier Vereine aus der Rheinlandliga die Teilnahme an den Aufstiegsspielen zur Oberliga verweigert haben.

Im Ergebnis der Diskussion beschlossen die Vereine folgende Resolution:

  1. Die Finanzierbarkeit des Spielbetriebes hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert.
  2. Es ist praktisch nicht möglich, Spieltermine zu finden, an denen nicht gleichzeitig Live-Übertragungen der Profiligen gesendet werden. Die Zuschauereinnahmen bei Spielen der Amateurmannschaften sind mittlerweile so erbärmlich, dass meistens die Schiedsrichterkosten davon nicht mehr gezahlt werden können.
  3. Da die Refinanzierung der Kosten aus dem Spielbetrieb gegen Null tendiert, wird es auch immer schwieriger, eine breit aufgestellte Unterstützung durch Sponsoren und Werbepartner zu generieren, da diese nicht mehr erkennen können, dass selbst gute sportliche Leistungen durch entsprechende Einnahmen der Vereine belohnt werden.
  4. Die Vorstände der Vereine freuen sich, wenn Mäzene die Finanzlücken schließen. Gleichzeitig wächst bei vielen das Unbehagen, was geschieht, wenn diese ihre Unterstützung aufkündigen.
  5. Zudem darf ein wichtiger Aspekt nicht unerwähnt bleiben. In unseren Vereinen, wie in tausenden anderen Vereinen auch, wird Jugendarbeit geleistet. Wir setzen mit unserer ehrenamtlichen Arbeit genau das um, was bei offiziellen Anlässen in Festtagsreden als Gesundheitsvorsorge, Wertevermittlung, Persönlichkeitsbildung und Integration von Flüchtlingen gefeiert wird. Experten sehen den Betrag, der an dieser Stelle für die Gesellschaft erwirtschaftet wird, in einem zweistelligen Milliardenbereich. Es bedarf keiner großen Phantasie, um sich vorzustellen, wie unsere Republik aussehen würde, wenn diese eminent wichtige Arbeit nicht mehr oder nur noch stark reduziert geleistet wird, weil die Gelder dafür fehlen.
  6. Es reicht nicht mehr aus, dass führende Persönlichkeiten des DFB und der DFL die Bedeutung des Amateurfußballs und die ehrenamtliche Tätigkeit in den Amateurvereinen lobend erwähnen. Wir als Amateurvereine freuen uns, dass die medialen Vermarktungsrechte der 1. und 2. Bundesliga die Grenze von einer Milliarde Euro pro Jahr überschritten haben. Das ist wichtig für die internationale Konkurrenzfähigkeit der Bundesligavereine. Aber wir erwarten auch, dass die handelnden Personen des DFB und der DFL einsehen, dass diese Entwicklung zu Lasten und mit Einnahmeverlusten der Amateurvereine geschieht.
  7. Wir fordern daher DFB und DFL auf, Vereinbarungen zu treffen, nach denen 2% der jährlichen Einnahmen aus den medialen Vermarktungsrechten der 1. und
    2. Bundesliga an den DFB zur Weiterleitung an die Landesverbände abgeführt werden. Die Landesverbände unterstützen damit ihre Vereine aus den Bezirksligen, Verbandsligen, Oberligen und Regionalligen.
  8. Der DFB behält zukünftig 10% der Auszahlungen an die Teilnehmer der DFB-Pokalspiele zur Weiterleitung an die Landesverbände ein. Jeweils 20% dieser Summe zahlt der Landesverband bei jeder Runde der letzten 32 Vereine bis zum Endspiel zu gleichen Teilen an die Verlierer aus.
  9. Wir bitten den Landesverband Rheinland, diese Resolution an alle Landesverbände unter dem Dach des DFB zu übersenden, mit der Bitte um die Weiterleitung an deren Vereine ab der Bezirksliga aufwärts.
  10. Ziel der Landesverbände muss es sein, diese Resolution in Antragsform auf dem nächsten Bundestag des Deutschen Fußballbundes zu stellen.
  11. Auf Grund der zurzeit öffentlich geführten Diskussion zum Grundlagenvertrag zwischen DFB-Vizepräsident Rainer Koch und DFL-Präsident Reinhard Rauball erwarten wir, dass der Fußballverband Rheinland umgehend die Führung des DFB und der DFL über diese Resolution informiert.

Wir möchten abschließend betonen, dass es uns nicht um einen Konfrontationskurs geht, sondern uns die Sorge um die prekäre Situation des Amateurfußballs zu dieser Resolution veranlasst hat.

Peter Rauen (FSV Salmrohr) und Wilfried Zils (SG Mülheim-Kärlich) im Auftrag der Vereine FV Engers, TuS Mayen, SG Mülheim-Kärlich und FSV Salmrohr, stellvertretend für alle anderen Vereine.

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