ZEITSPIEL

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KLARTEXT zum DFB-Bundestag in Erfurt

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gruene_fotoKLARTEXT zum DFB-Bundestag in Erfurt

Von Hardy Grüne

Der DFB hat getagt und Jens Weinreich fühlt sich auf Spiegel Online an „Chinesische Verhältnisse“ erinnert. 100 Prozent Zustimmung für eine Verbandsspitze, die mitten in der wohl schwersten Krise in der Geschichte des größten Fußballverbandes der Welt steckt und über der zahlreiche ungeklärte Fragen schweben.

Chapeau, das muss man erstmal hinbekommen!

Die Öffentlichkeit – und vor allem die Basis – steht derweil geschockt und entsetzt vor dem, wie sich der DFB auf seinem 42. Bundestag in Erfurt präsentierte. Immer wieder wird beklagt, die „da oben“ würden die Realität ausblenden und ihr eigenes Süppchen kochen. „Oben wird beschlossen, unten wird ausgebadet.“ Das gilt für die Politik ebenso wie für Sportverbände, und es ist eine gefährliche Entwicklung. Nicht nur, weil es die Gesellschaft spaltet, sondern vor allem, weil das Bild viel zu sehr im vereinfachten Schwarz-Weiß-Denken gezeichnet ist. Die Wahrheit ist komplexer und komplizierter

Doch dann kommt ein Mann, der in den letzten Wochen mit offenen Briefen und Protesten überhäuft wurde, behauptet, „Noch nie ist der Amateurfußball so gefördert worden wie durch das jetzt zuständige Präsidium. Amateure und Profis halten in Deutschland zusammen wie sonst nirgendwo in Europa“ und tut Kritiker wie den langjährigen Unterhaching-Präsidenten Engelbert Kupka als „ehemaligen Funktionär“ ab, mit dessen Vorschlägen man sich offenbar inhaltlich nicht auseinandersetzen muss.

Denn nun gibt es ja Reinhard Grindel, den Robin Hood des deutschen Fußballs, der über sich sagt: „Mein Ziel ist es, dass sich Profis und Amateure gemeinsam von ihrem Präsidenten vertreten fühlen“. So viel Selbstgefälligkeit muss man angesichts der massiven inhaltlichen Kritik der letzten Monate erstmal hinbekommen – mal ganz abgesehen, dass sich um die Profis ohnehin die DFL kümmert.

Man würde Herrn Grindel dringend empfehlen, sich wirklich mal an der Basis umzuhören. Schon im November 2015 schrieb ich im KLARTEXT: „Wenn man sich an der Basis umhört, erntet man nur noch Kopfschütteln. Über die DFB-Politik, über die Regional- und Landesfürsten, über das Postengeschacher. Wie der Kopf des DFB sind auch die Köpfe der Regional- und Landesfürsten längst abgekoppelt von der Basis. Schneidern sich ihre eigenen Welten und Strukturen zurecht. Während dort unten die mühevolle Tagesarbeit verrichtet wird. Reinhard Grindel als neuer DFB-Präsident wäre ein Unding. Dagegen muss sich die Amateurszene ebenso wehren wie der Profibereich. An der Basis und in den Vereinen gilt zu hinterfragen, was die Präsidenten der Regional- und Landesverbände eigentlich bewog, Grindel zu nominieren und ohne zeitliche Not einen Kandidaten durchzudrücken, der schon auf den ersten Blick wie eine Kontinuität dessen aussieht, was man aufräumen möchte.“

Damals gab es breite Kritik an Grindels Nominierung, nicht zuletzt aus dem Profilager. Geblieben ist: nichts! Wobei – stimmt auch wieder nicht. Denn während die Kritik aus dem Pofilager verstummte, wird die andauernde Kritik aus dem Amateurlager einfach nicht mehr aufgegriffen.

Grindel sonnt sich lieber im Glanze der Nationalmannschaft, versucht ein Häppchen vom schillernden Bundesliga- und Champions-League-Fußball abzubekommen (ohne zu realisieren, dass sich die Profivertreter längst vom trantütigen DFB abgekoppelt haben und ihn im Grunde genommen gar nicht mehr ernst nehmen) und trampelt auf dem herum, was den Fußball, den DFB, trägt: seine Basis. Kritik am dritten Sonntagsspiel der Bundesliga kontert der oberste Fußballwächter des Landes mit der Aussage, dass der Vorwurf, der Profifußball würde den Amateuren vorsätzlich schaden, „abenteuerlich“ sei. Mal abgesehen davon, dass niemand von „vorsätzlich schaden“ gesprochen hat, wahrlich eine „abenteuerliche“ Interpretation, wenn man sich vor Augen hält, dass die Bundesliga ab 2017/18 sowohl Samstag als auch Sonntag quasi pausenlos spielt. Da wünscht man sich fast Theo Zwanziger zurück, der mit seinem VfL Altendiez wenigstens einen Fuß an der Basis hatte. Wann Grindel wohl zum letzten Mal ein Heimspiel seines Rotenburger SV gesehen hat?

Doch auch die sogenannten „Amateurvertreter“ dürfen von der Kritik nicht ausgespart bleiben. Es sind vor allem Verbandsfürsten wie Karl Rothmund vom NFV, der gerade wegen auffälliger Verbindungen zu seinem Heimatverein Germania Egestorf-Langreder in der Kritik steht . Oliver Fritsch schreibt heute in der Zeit: „Die vielen Delegierten der Amateure aus den Regional- und Landesverbänden, die in der Mehrheit sind, sagen keinen Piep. Vielleicht sind sie schon glücklich, dass sie alle drei Jahre zu solchen Veranstaltungen, auf denen man Bundesliga-Managern und Bundestrainern begegnet, auf Verbandskosten reisen dürfen.“ Aber waren in Erfurt wirklich Vertreter der Basis? Oder ist nicht vielmehr das strukturelle Problem des DFB auch auf Regional- bzw. Verbandsebene anzutreffen? Hier in Niedersachsen sagt man über den NFV dasselbe wie auf Bundesebene über den DFB: „die da oben machen doch eh, was sie wollen“.

Am DFB gibt es viel zu kritisieren. Die WM-Affäre, der Versuch, die Dopingfrage zu einer Nebensächlichkeit herunterzustufen, die Ernennung von Jürgen Klinsmann zum Ehrenspielführer; auf einer Ebene mit Männern wie Fritz Walter, Uwe Seeler und Franz Beckenbauer. Der Umgang des DFB mit der Amateurbasis aber toppt alles. Wie ein lästiges Übel wischt man die Bedenken weg. Nur Vizepräsident Rainer Koch, der einzige in der aktuellen Führung, dem ich ein wirkliches Interesse an den Belangen des Amateurfußballs unterstelle, müht sich leidlich, zumindest das letzte noch verbliebene Bindeglied zwischen Profis und Amateuren zu erhalten: den DFB-Pokal. Doch auch aus seiner Stimme klingt längst Resignation. Koch dürfte sich bewusst sein, dass sich die Profis eher früher als später durchsetzen werden und die 1. Hauptrunde in Zukunft den „Amateuren“ vorbehalten bleibt. Im Gegenzug gibt es dann den „Tag der Amateure“, lauthals gefeiert auf sämtlichen DFB-internen Kanälen, denn, so DFL-Chef Reinhard Rauball: „Das erfolgreiche Miteinander von Profis und Amateuren ist ein Markenzeichen des deutschen Fußballs“.

Dringend überfällig wäre eine pragmatische Beschäftigung mit den Problemen. Dass sich der Profifußball ausdehnen muss, ist auch an der Basis unbestritten. Dass es nicht damit getan ist, einen verstärkten Geldfluss von oben nach unten zu erreichen, ebenfalls, denn das Finanzproblem des Fußballs ist ein systemisches, das sich durch verstärkte Zahlungen nicht lösen lässt. Doch es gibt eine Menge praktischer Dinge, die den Amateurfußball wirklich entlasten würden: Verbandsbeiträge zum Beispiele. Oder Schiedsrichterkosten. Warum beispielsweise übernimmt der reiche DFB nicht einfach mal die Schiedsrichterkosten im Amateurfußball und entlastet die Klubs damit wirklich an der Quelle? Ein Verband, der sich wirklich um seine Mitglieder kümmert, sieht anders aus.

Was bleibt den Amateuren? Zusammenhalt. Um dem DFB und den Regional- bzw. Landesverbänden deutlich zu machen, wo die meisten seiner 6,9 Mio. Mitglieder tatsächlich herkommen. Und wenn man das in Frankfurt weiterhin nicht hören will – nun, dann sollte man vielleicht mal die Macht seiner Mitgliederzahl nutzen, um die DFB-Spitze aus ihrem Realitätsverlust zu reißen und sie mit der Nase auf die Realitäten zu stoßen. Dann sieht sie vielleicht auch, dass es „dort unten“ längst nicht mehr nur brodelt.

Ein Kommentar

  1. Danke für „Klartext“. Es spricht mir aus der Seele….

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