ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT Zu den Ausschreitungen von Marseille und Nizza

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Da sind sie wieder, die üblichen Reflexe: „Das hat nichts mehr mit Fußball zu tun!“, „Das sind keine Fußball-Fans“.

Der Fußball grenzt sich ab von den Gewalttätern in Marseille, in Nizza. Die heile Welt des Fußballs, sie darf nicht gestört werden. Schon gar nicht von wilden Horden, die mit einer unfassbaren Brutalität vorgehen und nicht einmal mehr Rücksicht vor Menschenleben nehmen. Die Szenen aus Marseille sind schockierend, und es gibt keinerlei Rechtfertigung für eine derart eskalierende Gewalt. Da komme mir bitte auch niemand mit „Gewalt gab es schon immer beim Fußball“ oder „Ehrenkodex“. Zum einen bedeutet die Tatsache, dass Gewalt schon immer zum Fußball gehörte, längst noch nicht, dass wir sie einfach zu dulden haben, zum anderen gibt es beispielsweise in Russland keinen Ehrenkodex, wie er möglicherweise in hiesigen Hooligankreisen gewahrt wird – so zynisch letzteres klingt.

Was mir Sorge bereitet, ist dieser Reflex, dass „das alles nichts mit dem Fußball zu tun hat“. Es stimmt zwar – denn Fußball ist lediglich eine Projektionsfläche, bietet den Anlass, seine Neigungen auf derart perverse und menschenverachtende Art auszuleben – aber das heißt nicht, dass es sehr wohl etwas mit dem Fußball zu tun hat. Und es reicht vor allem nicht, Betroffenheit zu bekunden, gebetsmühlenartig auf ein „wir als Fußball sind nicht dafür verantwortlich“ zu verweisen und nach „Ausschluss“ oder „härteren Maßnahmen“ zu rufen. Der Fußball hat die Geister, die gegenwärtig in Frankreich marodieren, gerufen. Mit seiner Bedeutung, mit seiner emotionalen Aufgeblasenheit, mit seiner exzessiven Kommerzialisierung und Rund-um-die-Uhr-Medialisierung, die eine perfekte Bühne liefert. Er ist längst nicht mehr „nur ein Spiel.“

Da kann er sich nicht aus der Verantwortung ziehen. Und das gilt für jeden Einzelnen. Auch für uns, die wir uns in Abgrenzung zu den Gewalttätern von Marseille gerne als „die wahren Fans“ bezeichnen. Die Kommentarspalten quellen über vor Ratschlägen in Richtung „Arbeitslager“, „wegsperren“, „ausweisen“. Auch auf Zuschauerebene/Fanebene funktioniert der Reflex, sich abzugrenzen von denen, die den Fußball missbrauchen. „Das sind keine Fußballfans“, ruft man – und greift zu Bier und Salzstangen, um sich den Sessel für Deutschland gegen Ukraine zurechtzurücken.

Diese Ignoranz ist in meinen Augen Teil des Problems. Denn dass es während der EM zwischen Vertretern unterschiedlicher Nationen (ich greife jetzt absichtlich nicht zu Worten wie „Fans“ oder „Hooligans“) rappeln würde, musste jedem klar sein, der sich ein bisschen mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Europa in den letzten Monaten beschäftigt hat. Für gewaltsuchende Hooligans stand die EM schon seit langem auf der Tagesordnung. Was dazugekommen ist, sind ein explodierender Nationalismus seit Krim-Krise und Syrien-Konflikt mitsamt Folgen, eine dramatisch zunehmende Diskussionsverweigerung und diverse politische Demagogen, die die Stimmung immer weiter angeheizt haben.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob Marseille schon der „Höhepunkt“ war. Bislang haben wir Russland, England, Frankreich und Polen als „Gewalttäter“ ausgemacht. Dabei wird es kaum bleiben. Frankreichs gewaltbereite Szene macht schon seit Wochen Stimmung gegen Türken („nicht willkommen“), und auch Deutschlands Hooligans werden die Bühne EM sicher gerne nutzen wollen. Am Mittwoch spielt Russland in Lille, am Donnerstag England in Lens. Randale vorprogrammiert. Die EM braucht braucht keinen ISIS, um in Gewalt zu ertrinken. Bitter.

Was wir in Marseille sehen, ist auch das gespaltene Europa. Die Folgen eines Rückzugs auf das Nationale als kleinsten gemeinsamen Nenner, den es zu verteidigen gilt. Die von Europa „ausgegrenzten“ Russen gegen die verhassten Engländer. Die sich immer noch als Weltreich fühlenden Engländer („rule Britannia, Britannia rules the waves“) gegen Franzosen. Franzosen gegen Engländer, mit denen sie „noch eine Rechnung offen haben wegen 98“. „Weiße“ Franzosen gegen Beurs aus den Vorstädten. Und mitten drin die Polizei, offenkundig überfordert, aber auch offenkundig bedenklich schlecht vorbereitet.

Ich bin regelmäßig mit Guingamp bei Auswärtsspielen in Frankreich unterwegs. Was mich immer überrascht hat, ist die völlige Verständnislosigkeit der Polizei gegenüber der Fankultur. So etwas wie „szenekundige Beamte“ sucht man zumeist vergeblich. Stattdessen wie gepanzert wirkende Männer, die ihre Visiere runtergeklappt haben und den Eindruck vermitteln, dass sie sich im Krieg befinden. Mir ist es noch nie gelungen, ein Gespräch mit einem französischen Polizisten im Stadion zu führen. Trage ich einen Fanschal, bekomme ich nur mürrische und knappe Anweisungen. Nach den Anschlägen von Paris gab es in Frankreich sofort ein Reiseverbot für Auswärtsfans. Ohnehin ein probates Mittel in Frankreich, hatte unmittelbar nach den Anschlägen zunächst jeder Verständnis dafür. Doch als es im Dezember noch immer nicht aufgehoben wurde, tauchte der Verdacht auf, dass man es am Liebsten wohl dauerhaft einführen würde. Fußballfans – vor allem Gästefans – werden in Frankreich traditionell als „Troublemaker“ betrachtet und auch so behandelt. Dabei ist es einerlei, ob OM mit Tausenden nach Paris reist (was dann wirklich ein Risikospiel ist), oder ob Guingamp mit einer Handvoll Fans in Marseille aufläuft. Auswärtsfan ist Auswärtsfan, und Auswärtsfan ist per se Gewalttäter.

An den Ausschreitungen von Marseille und Nizza waren auch einheimische Jugendliche beteiligt. Ich war im Mai in beiden Städten und habe die Atmosphäre in den Vorstädten erlebt. Dort brodelt es – und das nicht erst seit der EM. Die Hoffnungslosigkeit, das „sich ausgegrenzt“ fühlen, die Stigmatisierung vor allem der Maghrebiner – all das hat zu einer Parallelwelt geführt. „Die gegen uns“ – das ist das herrschende Credo. Verhärtete Fronten auf beiden Seiten, erschreckende Dialogverweigerung auf beiden Seiten. Das schafft Fronten, und Fronten brauchen Feindbilder. Wenn also nordirische Fans in einem Einkaufszentrum in Nizza von einheimischen Jugendlichen provoziert werden, kann ich mir das lebhaft vorstellen. Es ist dann auch ein Stellvertreterduell zwischen (vermeintlichen) Verlierern und Gewinnern. Und natürlich kann in dieser allgemeinen Lagerhaltung die Reaktion der Fans aus Nordirland nur sein, auf die Provokation einzugehen und ihrerseits zu provozieren. So ist der Fußball, so ist das Lagerdenken, so ist, darf man es so sagen?, der Nationalismus. In Marseille haben englische Fans sogar eine algerische Flagge benutzt, um die Einheimischen zu provozieren.

Um es klar zu sagen: die Gewalt, die wir gerade in Frankreich erleben, ist gesucht und gewollt. Das ist nicht das Produkt von Zufällen. Das ist das gezielte Suchen, das gezielte Provozieren. Es ist in meinen Augen auch der Ausdruck eines Europas, das sich immer mehr hinter seinen jeweiligen Mauern verschanzt und vornehmlich daran interessiert ist, seine eigenen Errungenschaften und meinetwegen „Werte“ zu verteidigen. Jeder für sich, alle gegen alle. In Frankreich zerbricht auch die europäische Idee. Nachzulesen übrigens in den Kommentarspalten der hiesigen Zeitungen und TV-Sender, in denen viele Deutsche nach den Vorfällen von Marseille Großbritannien den Brexit nahelegen. Ausschließen – ein probates Mittel im Fußball?

So lange wir ein so vereinfachtes Schwarz/Weiß-Bild haben, und so lange sich der Fußball mit all seinem Pomp, Kommerz, immensem Geld und gesellschaftlicher Bedeutung nicht wirklich diesem Klientel stellt, das er AUCH anzieht, wird diese Klientel ihn für ihre Zwecke benutzen und missbrauchen.

Es gibt Stimmen, die meinen, die Gewalttäter von Marseille seien „sturzbetrunken“ gewesen. Sicher ist es ungünstig gewesen, das Spiel erst um 21 Uhr anzupfeifen, so dass jeder reichlich Zeit hatte, sich volllaufen zu lassen. Doch wer die Videos sieht, sieht keine volltrunken herumtorkelnden Fans, er sieht strategisch und sehr „nüchtern“ vorgehende Gewalttäter. Bei den Engländern mag Alkohol noch eine Rolle spielen, bei den Franzosen und vor allem den Russen sicher nicht. In einem englischen Forum las ich von jemanden, der vor Ort in Marseille ist: „wir schaukeln uns ein bisschen mit Alkohol hoch, die Russen sind komplett nüchtern“. Zu sagen, die Gewalttäter seien „volltrunken“ und „nicht mehr Herr ihrer Sinne“ ist angesichts der schockierenden Bilder zynisch und ein weiterer Reflex des Fußballs im Sinne von „damit haben wir nichts zu tun“. Mal ganz abgesehen davon, dass selbst einem Volltrunkenen die Verantwortung für Szenen wie in Marseille bleiben sollte. Wer sich bewusst besinnungslos besäuft und dann Straftaten wie jene in Marseille begeht, kann sich nicht dahinter zurückziehen, besoffen gewesen zu sein.

„J’en ai marre, j’en ai ras de bol“, sagte gestern Abend ein Fanexperte im französischen Fernsehen – „ich bin es leid, ich habe die Schnauze voll“. Und meinte neben den Gewaltexzessen auch die beharrliche Weigerung des Fußballs, sich die Zusammenhänge anzuschauen.

Wovon ich persönlich aber auch „die Schnauze voll“ habe, sind diese Leute, die den Fußball für ihre Zwecke mißbrauchen. Vor anderthalb Jahren war ich mit Guingamp im Europa-League-Spiel bei Dinamo Kiew. Wir waren 32 Gästefans – und wurden in der zweiten Halbzeit von mehreren hundert Leuten angegriffen. Es steht für mich außer Frage, dass es einschneidender Maßnahmen bedarf, damit diese Europameisterschaft nicht völlig eskaliert. Und noch sind ja die eigentlichen Befürchtungen, was Gewalt während der EM betrifft, nicht eingetroffen. Man stelle sich nun noch vor, dass ISIS…

Frankreichs Sicherheitskräfte stehen in den nächsten Tagen vor sehr schweren Herausforderungen, denn Szenen wie die in Marseille zu verhindern, wenn Gruppen aufeinandertreffen, die offen Gewalt suchen und provozieren, ist schwer bis unmöglich. Und ich bin wirklich „ras de bol“ von diesen deprimierenden Bildern hochaufgerüsteter Polizeikräfte, umherfliegender Flaschen und prügelnder Dumpfbacken.

Hardy Grüne

Ein Kommentar

  1. Toller Text, Hardy! Ziehe Hut!
    Zu einer Stelle möchte ich aber etwas hinzufügen: Ich denke, dass die Polizisten auch so reagieren, weil einfach auch immer mehr Fans gegen die Polizei sind, von daher kann ich dann einen solchen Rückzug, eine solche Reaktion zum Teil verstehen. Aber es ist halt schade, dass es erst soweit kommen muss. Generell sind die Argumentationen im Fußball meist sehr komisch, wie ich finde. „Die Polizei war nicht gut vorbereitet“ statt „Wieso randalieren so viele Menschen?“

    Natürlich müssen beide Seiten verändert werden, aber wieso jemand das Verlangen hat zu provozieren und zu randalieren werde ich glaube ich nie verstehen.

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