ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Klartext: Zeitspiel zur FIFA-Präsidenten-Wahl

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Zur morgigen Wahl des neuen FIFA-Präsidenten und Nachfolger von Sepp Blatter ein „Klartext“ von unserem FIFA-Experten Dietrich Schulze-Marmeling

 

Morgen wird die FIFA einen neuen Präsidenten wählen. Favorit ist der Bahreiner Scheich Salman bin Ibrahim Al Khalifa, Spross der Königsfamilie von Bahrein.

Sollte der Scheich die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinen, wäre dies eine in mehrfacher Hinsicht konsequente und ehrliche Entscheidung. Warum?

  1. Laut amnesty international wird in 122 Ländern gefoltert. Das ist die Mehrheit aller Länder. Folglich ist es nur demokratisch, wenn ein Mann aus einem Folterstaat die FIFA führt. Und Bahrein hat wiederholt glaubwürdig den Beweis erbracht, dass man dazugehört. Als amnesty international und andere Menschenrechtsorganisationen Salman eine Erklärung zu den Menschenrechten zur Unterzeichnung vorlegten, strich der Scheich einfach einige Dinge heraus: Frauen und Schwule wollte er nicht besonders genannt wissen.
  2. Arabisches Geld spielt eine immer größere Rolle im Weltfußball: WM-Vergabe an Katar, Paris St Germain/Quatar Sports Investments, Manchester City/Abu Dhabi United Group, FC Barcelona/Quatar Foundation, FC Bayern/Doha Airport, Real Madrid/National Bank of Abu Dhabi, Arsenal/Etihad etc. (By the way: Mit diesem Geld könnte man den Palästinensern einen wunderbaren Sozialstaat einrichten – vielleicht wäre dann mal Ruhe im Karton. Oder den Wiederaufbau und die Befriedung Syriens betreiben.). Folglich ist es nur logisch, dass sich dies auch in den Führungsstrukturen des Weltfußballs niederschlägt.
  3. Wenn es stimmt, dass die FIFA eine Mafia ist, dann ist es durchaus passend, dass die wichtigsten Dinge bewährten Familien übertragen werden – wie die WM in Katar und nun die FIFA-Präsidentschaft. Staaten wie Katar und Bahrein sind Familienunternehmen. Nun könnte man sagen, dass es etwas anachronistisch ist, einen Vertreter der mittelalterlichen Herrschaftsform Feudalismus an die Spitze des Weltfußballs zu wählen. Ist es das wirklich? Erleben wir nicht seit einigen Jahren einen Trend zur Privatisierung staatlicher Macht, in Europa angefangen mit Silvio Berlusconi? (Nachdem wirtschaftliche Macht ohnehin schon privatisiert war.)
  4. Was die FIFA von Demokratie hält, wissen wir spätestens seit der WM 1978 in Argentinien. DFB-Boss Neuberger, zugleich Vize-Präsident der FIFA und OK-Chef des Turniers, begrüßte seinerzeit den Putsch der Militärs im Gastgeberland als „Wende zum Besseren“. Die FIFA habe mit der Junta einen „Partner mit Durchsetzungsvermögen bekommen“. In dieser Tradition bewegte sich Jérome Valcke, bis 2015 Generalsekretär der FIFA, als er die Ansicht äußerte: „Wenn es ein starkes Staatsoberhaupt mit Entscheidungsgewalt gibt, vielleicht wie Putin sie 2018 hat, ist es für uns Organisatoren leichter als in Ländern wie Deutschland, in denen auf verschiedenen Ebenen verhandelt werden muss.“ Katar hat für 2022 nicht den Zuschlag bekommen, weil man die beste Bewerbung präsentierte, sondern weil Diktatur und Wohlstand die Erfüllung der Vorgaben der FIFA garantieren.

Menschenrechte interessieren die FIFA „not the bean“, wie Heinrich Lübke oder Roman Weidenfeller sagen würden. Das Problem beginnt mit den Führungen der nationalen Verbände. Eine erhebliche Zahl derjenigen, die über den neuen FIFA-Präsidenten entscheiden, sind Clowns, Korrumpels und Anti-Demokraten. Seit der WM 1934 und Olympia 1936, Großveranstaltungen, mit deren Hilfe die ausrichtenden Regime die Überlegenheit von Faschismus bzw. Nationalsozialismus über die parlamentarischen Demokratien demonstrieren wollten, fühlen sich Freunde des Autoritarismus zu internationalen Sportorganisationen hingezogen wie Fliegen zum Kuhfladen (Havelange, ein Bewunderer von Olympia 1936/FIFA, Samaranch, ein Franquist /IOC, die Hitler-Bewunderer Ecclestone, Mosley/Motorsport).

Dass nun die beiden Top-Kandidaten auf den Posten des FIFA-Präsidenten, der Scheich und der Schweizer Gianni Infantino (ein Gefolgsmann des von der FIFA-Ethikkommission gesperrten Michel Platini), aus dem FIFA-Exekutivkomitee bzw. der UEFA-Exekutive kommen, führt die Behauptung eines Reformwillens komplett ad absurdum. Die FIFA-Exekutive ist ein Gremium, in dem sich Korrumpels und politische Schmuddelkinder wie Chuck Blazer, Jack Warner und Julio Grondona tummelten. Der Argentinier Grondona, Spitzname „der Pate“, bis zu seinem Tod 2014 Vizepräsident der Exekutivkomitee-Familie, war ein Antisemit und der Auffassung, dass Juden als Schiedsrichter im Top-Fußball untauglich seien. „Dies würde harte Arbeit bedeuten und Juden mögen keine harte Arbeit.“ (Zu den besten Leuten in der Geschichte der Pfeifenmänner gehören mit Leo Horn und Abraham Klein zwei Juden – Klein weigerte sich bei der WM 1978, zu Gunsten von Argentinien zu pfeifen, was Grondona und Co. ihm so übel nahmen, dass sie den Israeli als Schiedsrichter des Finales verhinderten. Mit Verweis darauf, dass Klein den Holocaust im Land des Final-Gegners, den Niederlanden, überlebt habe, folglich Sympathien für deren Elftal hegen müsse.)

Mag sein, was ich aber nicht glaube, dass nicht jeder der 24 Herren aktiv mitgeschoben hat. Aber jeder dieser Herren wusste über die korrupten Vorgänge bestens Bescheid und war damit Teil des Systems. Und mir ist nicht bekannt, dass sich „unsere“ deutschen Vertreter, die Herren Beckenbauer, Zwanziger und Niersbach, jemals mit Korrumpels und politischen Schmuddelkindern angelegt hätten. Zumindest im Falle von Jack Warner war das Gegenteil der Fall.

Würde es die FIFA mit ihren Reformversprechen ernst meinen, dann hätte man als Erstes beschlossen, dass kein aktuelles und ehemaliges Mitglied der Exekutive für den Chefsessel kandidieren darf.

Und Infantino? Der Generalsekretär der UEFA hat sich in der Vergangenheit wiederholt gegen Reformvorschläge der FIFA gesperrt. Die UEFA ist keinen Deut besser als die FIFA, auch wenn sie sich nicht so plump wie Blatter und Co. geriert und deshalb – aber auch nur deshalb – seriöser wirkt. Compliance-Richtlinien existieren in diesem Laden nicht. EM-Turniere werden kaum anders vergeben als WM-Turniere. Korruption in den eigenen Reihen wird nicht ernsthaft verfolgt.

Nein, diese FIFA ist nicht reformierbar. Diese FIFA gehört auf den Misthaufen der Fußballgeschichte. Wirkliche Veränderung kann nur von außen (UNO?) und/oder von unten kommen.

Dietrich Schulze-Marmeling

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