ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT: Wenn „Paule“ isländische Sitten pflegt

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Martin Köbler bei der EM in Frankreich

Martin Köbler lebt in Trier und ist glühender Anhänger der örtlichen Eintracht, deren Stadionsprecher er bis 2013 war. Er bezeichnet sich selbst als „fußballbekloppt“ und ist „so es der Beruf und die große Liebe zur Eintracht zulassen, regelmäßig in deutschen und europäischen Stadien unterwegs.“

Am Wochenende war er in Reutlingen, wo die U19-EM-Partie zwischen Österreich und Deutschland stattfand und er in den „modernen Fußball“ geriet.

Hier sein Bericht:

Juli 2016. Sommerpause.

Wobei – was heißt das schon? Die Euro 2016 ist mit all ihren isländischen Huhs, dem brennenden Will Grigg und der Masse an Walisern, die immer noch nicht nach Hause gegangen sind, sprichwörtlich gerade erst verhallt und exakt eine Woche passée. Alle Klubs landauf, landab – egal, ob sie Bayern München, Arminia Bielefeld, Eintracht Trier oder Concordia Hamburg heißen, befinden sich in der Saisonvorbereitung und tingeln quer durch das Land bzw. bis nach Nordamerika oder Asien.

Ich hätte es also prinzipiell ganz einfach haben können. Hätte. Wäre da nicht die U19-Europameisterschaft in Baden-Württemberg gewesen, der ich mich an diesem sommerlichen Sonntagabend sozusagen im Selbstversuch zu stellen wagte. Nun ist es nicht so, dass mir nicht bekannt gewesen wäre, was mich unter Umständen im altehrwürdigen Stadion an der Kreuzeiche zu Reutlingen erwarten würde. Veranstaltungen mit DFB-Beteiligung begegne ich stets mit einem gewissen Mindestmaß an Skepsis – spätestens, seit ein wildgewordener Plüschvogel, der nur mit alkoholgeschwängertem Wohlwollen noch an einen Adler erinnern mag, während der Heimspiele von „Der Mannschaft“ torkelnd im Innenraum seine Kreise zieht.

Ich hätte zudem ernstlich gewarnt sein müssen, als ich einige Tage vor der avisierten Veranstaltung eine E-Mail bekam, in der die „hoffentlich friedliche Atmosphäre“ heraufbeschworen wurde, da „viele Kinder und Schulklassen“ anwesend seien und „ein tolles Fest gefeiert werden solle“, so der freundliche Hinweis des Newsletters der UEFA.

Ja, ich gebe es offen und ehrlich zu – und man möge mich an dieser Stelle lynchen oder vierteilen: ich kann mit einem Kind im Stadion in etwa so viel anfangen wie es der selige Wolf-Dieter Ahlenfelder mit einer Einladung zum Treffen der Anonymen Alkoholiker konnte. In meinem stillen Kämmerlein bete ich heimlich vor mich hin, dass, wenn ich jemals Kinder haben sollte, diese ihre Begeisterung für meinen, unseren Sport, erst in einem Alter entwickeln, in dem eine studentische Hilfskraft in einem absurden Kostüm nicht mehr Anziehungskraft entwickelt als die taktischen Besonderheiten einer hängenden Neun. Mein erstes Fußballspiel, mein Erweckungserlebnis, erlebte ich übrigens mit zwölf. Meine Eltern werden gewusst haben, warum.

Doch, was soll es? Reutlingen fehlte mir noch auf meiner Groundhopping-Liste, also sollte es so sein – ab ins Schwabenland, ab zur Partie Österreich U19 – Deutschland U19! Vor dem Stadion die erste innerliche Befreiung und die stille Hoffnung, dass sich meine Befürchtungen vielleicht doch nicht zu hundert Prozent bewahrheiten würden. Ich sah: Biertrinker und Wurstkonsumenten in einigen Biergärten vor der Vereinsgaststätte des SSV Reutlingen, viele Zuschauer gewandt in Vereinsfarben (Stuttgart, FC Bayern, Reutlingen), andere hingegen als Hardcore-Schland-Fans eindeutig zu identifizieren (schwarz-rot-goldene Bommelmütze, neuester Schal – bei knapp 30 Grad) – aber immerhin. Von wenigen Abstrichen abgesehen, hätte sich diese Szenerie vor jedem x-beliebigen Spiel zwischen Bundes- und Regionalliga abspielen können.

Es keimte ein stilles Pflänzchen, das sagte: „Alles wird gut.“ Eine halbe Stunde vor Spielbeginn betrat ich die nach wie vor überdimensionierte Haupttribüne des Stadions, ließ meinen mir zugewiesenen Sitzplatz links liegen, stieg die Treppen empor und fand einen schattigen Platz ganz oben hinter der letzten Sitzreihe. Angelehnt an eine der tragenden Säulen, die die Dachkonstruktion absichern, verfolgte ich das Treiben unter mir und nippte genüsslich an meinem Radler. Das Pflänzchen keimte weiter – doch die überwiegende Mehrzahl der Besucher weit und breit waren nun tatsächlich: Eltern mit ihren Kindern, Schulklassen sowie präpubertierende Rotzlöffel.

Wenigstens meine Platzwahl schien goldrichtig zu sein. Die zwei Reihen vor mir waren leer, links von mir die unweigerlichen Krawattenträger, die bei solch einer Veranstaltung noch viel wichtiger erscheinen (und damit zugleich noch deplatzierter als ohnehin schon), vor mir ein halbwegs gemischtes Publikum und erst mit gutem Abstand die Familien mit den Fußball-Mamis. Nun denn. Es hätte tatsächlich schlimmer werden können, kurz nach 19 Uhr in Reutlingen.

Das Problem: es wurde schlimmer. Gerade, als ich mich mit der Situation anfreundete und meine Befürchtungen ad acta gelegt hatte, enterte – pünktlich zum Einlauf – eine Horde Kleinwüchsiger mitsamt drei Begleitpersonen die Tribüne und steuerte zielsicher auf die zwei freien Reihen vor mir. Anstatt der österreichischen Nationalhymne zu folgen, wurde ich Zeuge erster Grabenkämpfe, was die Sitzplatzverteilung angeht. Noah wollte nicht neben Justin, dieser nicht neben Jonah, und dass Kim neben der doofen Mia sitzen solle, ging ja wohl gar nicht. Soweit, so gut. Selbst das hätte für sich alleine genommen wohl noch eher eine humoristische Randepisode sein können, wäre nicht – man ahnt es! – just eine Minute nach Anpfiff dem Stadionsprecher plötzlich unter dem tosenden Jubel und Geklatsche zahlloser Erst-Stadionbesucher folgender Satz entfläucht: „Liebe Zuschauer, bitte Applaus für unser Maskottchen Paule!“

Das zarte Pflänzlein, es war zertreten. Paule tat, was Paule tun musste. Stellte sich genau vor unserem Block auf, klatschte rhythmisch Beifall und alle Kinder (weil sie es nicht anders kannten) folgten – und alle Eltern (weil sie es zu Großteilen wohl nicht anders wussten) stimmten begeistert mit ein. Das war Stimmung! Das war elektrisierend! Das war spontan! Derweil wünschte ich mir auf meiner obersten Stufe stehend einen höheren Alkoholgehalt im Becher – nicht ahnend, dass der Gipfel (für einige allerdings wohl wörtlich genommen) der Support-Unverschämtheiten noch anstehen würde.

Es ist an diesem Sonntag in Reutlingen auf den Tag genau zwei Wochen her, dass ich im Stade de France Zeuge davon wurde, wie tausende isländische Fußballfans ihre Mannschaft nach dem Ausscheiden gegen Frankreich, als das Stadion schon halb geleert war, mit ihrem mittlerweile fast zum Nationalgut stilisierten „Huh“ verabschiedeten. Dass zu diesem Zeitpunkt, nämlich genau zwei Stunden vorher, die französischen Anhänger eben dieses „Nationalgut“ bereits – animiert durch Super Victor, das Maskottchen der EM – versucht hatten, zu adaptieren, sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt. Der Sturm der Entrüstung, der über die französischen Fußballfans nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland in Marseille ob des „isländischen Jubels“ (sic!) einbrach, war – ehrlich gesagt – meiner Ansicht nach völlig verständlich und in der Schärfe auch korrekt. Island war eine Bereicherung für diese Europameisterschaft, in allen Belangen. Also lasst den Isländern bitte auch ihre (positiven) Eigenarten und fangt nicht überall an, die Ursprünge zu verwässern.

Dachte sich auch Paule in Reutlingen. Oder halt eben nicht. Die zaghaft von ihm inszenierten „Deutschland! Deutschland!“-Rufe sind gerade verklungen, als er die Arme (respektive die Flügel) breitet. Mir gefriert es in den Adern. Ich hebe eine Augenbraue. Macht er das jetzt wirklich? Er macht es! Und die drei Erziehungsberechtigten in der Reihe vor mir ebenfalls. „Guckt mal, da vorne. Paule! Wie die Isländer! Toll!“ Und schon stehen sie da, die Noahs, Kevins, Justins, Mias und wie sie alle heißen und werden von ihren Eltern, Betreuern, Kindergärtnern und Lehrern in striktem Gehorsam darauf aufmerksam gemacht, „wie die Isländer“ zu klatschen. Und unten steht Paule, grenzdebil grinsend, und haut sich jedes Mal, wenn er die Hände zum Klatschen zusammenführen will, auf den überdimensionierten Schnabel.

Ich möchte mich übergeben. Justin in der Reihe vor mir hat allerdings seine erste Lebenskrise. „Der Noah hat sich drei von den Dingern draufgemacht, ich hab gar keins“, bringt er noch mit zitternder Stimme hervor, ehe sich die Krokodilstränen ihren Weg gen Süden bahnen. Noah, so wird kurze Zeit später klar, hat sich am Eingang abwaschbare Tattoos auf die Wangen drucken lassen. Der Betreuer kann gerade noch so eingreifen und setzt Justin seine kesse schwarz-rot-goldene Bommelmütze auf. Alles wieder gut.

Es fällt das 1:0 für Deutschland, begleitet von der Frage: „Wie steht es denn?“ Kevin geht derweil auf Schatzsuche. Er hat herausgefunden, dass viele Zuschauer die beim Betreten des Stadions erhaltenen Papierfähnchen einfach irgendwo unter ihren Sitz legen und fängt diese nun ein. Gut, denke ich mir – wenigstens fangen sie hier keine Pokemons – und prompt ertönt ein Schrei ein paar Reihen unter mir: „Da! Ich hab wieder eins!“ – und zehn Kinder versammeln sich um ein einzelnes Smartphone und brüllen in es hinein.

Kevin ist zwischenzeitlich der personifizierte Flummiball und schleudert sich munter zwischen seinem ihm angedachten Sitzplatz, dem Block links und rechts von uns und der hinteren Stadionabgrenzung hin und her, immer mit neuen Trophäen in Form von Papierfähnchen in der Hand und bei jedem weiteren Male noch breiter grinsend. Nach einer Weile kommt er jedoch blass zurück und fragt den Erziehungsberechtigten mit Entsetzen in den Augen: „Da vorne ist jemand mit Feuerzeug. Darf der das?“ – Erziehungsberechtigter: „Normalerweise nicht. Aber der hat halt Glück gehabt.“ – Kevin: „Ist das ein Terrorist?“

Es ist Mitte der zweiten Hälfte, es steht 2:0 für Deutschlands U19 – und mir reicht es. In meinem ganzen Leben habe ich erst viermal ein Stadion vor dem Abpfiff verlassen (zweimal, als ich mit meinen Eltern hinging und diese noch einen Termin hatten und zweimal fünf Minuten vor Ende, weil ich am gleichen Tag noch eine andere Partie sehen wollte und den Verkehrsabfluss dafür als Gefahr ansah) – heute passiert es zum fünften Mal. Wegen Kevin. Wegen Noah. Wegen Justin. Diese alle wären aber noch – es sind halt nun mal doch: Kinder! – irgendwie zu ertragen gewesen, wäre da nicht Paule gewesen, der beim Verlassen des Stadions die Gegengerade einheizt. Mit ausgebreiteten Flügeln. HUH! Beziehungsweise: Puh!

Nach ein paar hundert Metern drehe ich mich um. Das Stadion an der Kreuzeiche liegt unter einem bemerkenswert schönen Sonnenuntergang, die vier Flutlichtmasten steigen geometrisch perfekt in die Höhe. Manchmal ist es sprichwörtlich schöner, Dinge mit etwas Abstand zu betrachten.

Reutlingen im EM-Fieber

Reutlingen im EM-Fieber (Foto: Martin Köbler)

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