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KLARTEXT: Wem gehört der Fußball?

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Unmittelbar vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie auch in Deutschland beherrschte ein Thema die Fußballwelt: Die Hopp-Plakate. In unserer aktuellen Ausgabe 18 hat sich Mitherausgeber Hardy Grüne damit beschäftigt und die Diskussion in ein größeres Bild gebettet. Durch Corona mag das Thema gegenwärtig ein wenig in den Hintergrund gerückt zu sein – zugleich ist es jedoch aktueller als jemals zuvor.

KLARTEXT: Wem gehört der Fußball

Von Hardy Grüne

Es ist eine bizarre Finte der Natur, dass ausgerechnet ein Virus mit Ursprung China hierzulande die wohl spannendste Auseinandersetzung um den Fußball seit Langem stoppte. Eine Auseinandersetzung, die sich anfühlt(e) wie eine entscheidende Schlacht um die Frage „Wem gehört der Fußball?“.

Vorab: Wir müssen nicht über die Akzeptanz von Begriffen wie „Hurensohn“ oder Köpfen in Fadenkreuzen diskutieren. Aber es gibt in dieser Diskussion mehr als nur diese eine moralische Messlatte. Und die für rassistische Vorfälle oder fortgesetzt schwere Wirtschaftsvergehen auf Funktionärsebene beispielsweise sind geflissentlich ignoriert worden. Zu einer Diskussion über inakzeptable Schmähplakate gegen Dietmar Hopp gehören zumindest letztere jedoch dazu, denn sie sind Teil derselben systemischen Entwicklung, die den Fußball in den letzten beiden Dekaden grundlegend verändert hat und eine Welt aus wenigen Gewinnern und vielen Verlierern schuf.

Dass die Wortwahl derbe ausfiel, dürfte übrigens auch der den Protagonisten in den Kurven innewohnenden Aufmüpfigkeit zuzuschreiben sein. Wir reden hier schließlich immer noch von Jugendkultur, und jeder sollte sich mal an sein eigenes Weltbild in jenen Jahren erinnern, als man als junger Mensch nach Verlassen des Elternhauses (s)einen Platz in der Welt suchte. Eine differenzierte Meinung gehörte da sicher bei den Wenigsten zum Repertoire. Jugendkultur ist aufmüpfig, provokativ, grenzverletzend und -überschreitend, das gehört schlicht zum Prozess des „Erwachsenwerdens“. Dass dies in der blitzblanken Welt des Entertainmentfußballs, dessen Zielgruppe anderswo verortet ist und in der die aufmüpfigen Ultras zugleich eine nicht ganz unwichtige Staffage für die Attraktivität des Produktes darstellen, das eigene Weltbild irritiert und Karl-Heinz Rummenigge die Zornesröte ins Gesicht treibt, ist etwas, das der Fußball aushalten muss, wenn er Volkssport bleiben will.

Zugleich ist die derbe Wortwahl Ausdruck einer seit Jahren geführten Diskussion, in der es nur eine Richtung gab (immer mehr, immer bunter, immer schillernder, immer gespaltener) und in der kritische Stimmen zunehmend weniger Gehör fanden. Dass sich viele Fans in den Kurven selbst bei einem so durchkommerzialisierten Verein wie dem FC Bayern tatsächlich Sorge um einen Fußball machen, der ihnen als Jugendkultur Platz zum Ausleben und Austesten gibt, wird nur noch müde belächelt und als nervende Romantisierung betrachtet. Nicht nur bei den Funktionären, auch bei vielen Zuschauern und Fans.

Die Diskussionsparameter haben sich verschoben. Kürzlich postete ich auf meiner Facebook-Seite einen Beitrag zur Stadionsituation beim SC Verl, der möglicherweise in die 3. Liga aufsteigt, in dessen Stadion aber nur etwas mehr als 5.000 Menschen passen – statt der 10.001, die gefordert sind. Verl, darin sind sich alle einig, braucht kein 10.000-Plätze-Stadion. Meine Frage, warum es dann trotzdem nötig ist (und mein Verweis auf den englischen Premier-League-Klub Bournemouth, der seit Jahren mit einem 12.000-Plätze-Stadion in der exklusivsten Liga der Welt kickt), stieß auf taube Ohren. „Es ist eben so.“ Auch die 3. Liga ist längst zu einem Premiumprodukt geworden, in dem VIP-Plätze, komfortable Tribünen und Pressebereiche auf dem neuesten Stand der Technik erwartet werden. Fußball ist zu einem exklusiven Club geworden.

Dieses System in Frage zu stellen, bringt einem frappierend häufig den Vorwurf ein, ein verträumter Romantiker zu sein, der im Gestern lebt. Denn: „Es ist eben so!“ Die Diskussion wird bestimmt von den Befürwortern des vorherrschenden Credos „schneller, weiter, besser“. Mahnende Stimmen, die eine andere Entwicklung anstreben, in der auch über Geld und Gewinn hinausgehende Werte noch eine Rolle spielen, dürfen sich zwar an der Diskussion beteiligen, werden aber wenig ernstgenommen oder gleich niedergebrüllt. Offenkundig ist der Neoliberalismus von der breiten Masse absorbiert worden – auch beim Fußballpublikum, bei uns Fans und selbst unter weltgewandten Groundhoppern, die sich an viele Bequemlichkeiten gewöhnt haben und sie nicht missen möchten.

Wem gehört der Fußball?

Eine Antwort könnte lauten „uns allen“. Doch stimmt das? Differenzieren wir kurz: Fußball gehört zweifelsohne nicht nur den Fans, auch wenn das aus vielen Kurven angemahnt wird (wobei es mich immer etwas irritiert, wenn beispielsweise die Dortmunder Südtribüne das fordert und ich dann an einen Klub wie Westfalia Herne denke, der sicher nicht gemeint ist). Zur Wahrheit gehört auch, dass Fußball auch den Sponsoren, VIPs und Haupttribünenbesuchern gehört, denn die tragen erheblich dazu bei, dass das Geschäft funktioniert. Und er gehört auch, so bitter das nun wieder klingt, den Sky-Abonnenten, die nur selten (oder nie) ein Stadion von Innen sehen. Faktisch „gehört“ der Fußball, zumindest der große, natürlich seit Ewigkeiten dem Kapital – und daran kann auch die 50+1-Regelung, die beispielsweise in England als „Erfolgsmodell“ gefeiert wird, nichts ändern. Das sei jetzt ganz nüchtern gesagt, denn so ist es nun mal in kapitalistischen Gesellschaften. Und nein, ich will unser Wirtschaftssystem nicht durch ein Konstrukt ersetzen, das im letzten Jahrhundert u. a. in Osteuropa krachend gescheitert ist.

„Eigentum verpflichtet“, hieß es einst. Gilt das noch? Schaut man auf den Immobilienmarkt, tauchen Zweifel auf. Schaut man auf den Fußball, ebenfalls. Dietmar Hopp hat viel Geld für soziale Stiftungen ausgegeben und mit seinem Unternehmen erheblich zur Schaffung von Arbeitsplätzen beigetragen. Dietmar Hopp ist kein kühl kalkulierender Finanzhai, wie sie auch im Fußball anzutreffen sind und dort oft zerstörerische Kräfte entwickeln. Hopp hat seinen Heimatverein nachhaltig entwickelt und in die Bundesliga geführt. Kraft seines persönlichen Vermögens. Und genau da liegt einer der entscheidenden Gründe für die massiven Verschiebungen im globalen Fußball der letzten Dekaden: der unermessliche Reichtum Einzelner, die sich einen Bundesligist „kaufen“ können.

Die Argumentation „Er kann mit seinem Geld machen, was er will!“ ist zwar an dieser Stelle berechtigt, greift aber in meinen Augen trotzdem zu kurz. Denn geht es im Fußball (nur) um die Frage, was mir bzw. meinem eigenen Verein gut tut, oder geht es auch (und vor allem) um die Frage, was dem gesamten Fußball gut tut? Von wegen „Eigentum verpflichtet“?

In England erschien kürzlich eine Studie, die sich der Entwicklung im europäischen Spitzenfußball widmete. Sie zeigt eine verheerende Entwicklung und steht unter der Überschrift: „Ist der Fußball noch zu reparieren?“ Demnach haben sich in den letzten 15 Jahren die Abstände zwischen den Topklubs Europas (bzw. der Premier League) und dem Rest exponentiell ausgeweitet. Es ist längst eine zementierte Welt, die nicht mehr durchlässig ist. Überall fallen uralte Ligarekorde (Punkte, Tore, Kantersiege, Siegesserien etc.), sinken die Fehlerquoten der Topteams zusehends gen null, verliert Fußball sein Überraschungsmoment. Die sechs englischen Topklubs haben eine Wirtschaftsmacht, die nicht mehr zu durchbrechen ist, was strukturelle Folgen hat. Taucht bei einem Verein ein herausragendes Talent auf, wird es binnen kurzem zu einem der Top-6 transferiert. Schafft es ein Klub trotzdem, sportlich mitzuhalten, zahlt er kurz darauf die Zeche, denn die aufgerufenen Saläre für Topspieler sind nicht zu stemmen. „Ich hatte das Geld, um Spieler zu kaufen“, wird Southampton-Boss Nicola Cortese in der Studie zitiert, „aber ich hatte nicht das Geld, sie zu halten.“ 51,3 Prozent der Spielergehälter in der Premier League werden nur von den Top-6 bezahlt, die in den letzten sechs Jahren zugleich 93 Prozent der europäischen TV-Gelder einsackten. Es ist ein geschlossenes System.

Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Fußball selbst zerstört, weil das Kartell der Spitzenklubs nicht zur Lösung der Situation beitragen kann, denn es ist – zwangsläufig in einem neoliberalen Markt – getrieben von der Forderung nach „mehr“, vulgo von Gier. Beispiel Solidarzahlungen. 7,3 Prozent der zwei Milliarden Einnahmen der Premier League werden gegenwärtig an den unterklassigen Fußball verteilt. Nötig wären nach Expertenmeinung aber 20 Prozent, um wirklich einen Effekt zu erzielen und das Ligasystem nachhaltig zu stabilisieren. Das Interesse daran jedoch ist gering, und wann immer die Rede auf die Solidarzahlungen kommt, taucht die Drohgebärde „eigenständige Superliga“ auf. Ein Karl-Heinz Rummenigge will nicht teilen, er will herrschen, und all die Glazers und Abu Dhabis im großen Glitzerfußball haben kein Interesse daran, dass andere von einem Kuchen abbekommen, den sie ausschließlich für sich selbst reklamieren, weil sie für die verlockende Glasur sorgen. Dass die These von „der Markt regelt alles“ nicht zwingend zu für das Gemeinwohl verträglichen Lösungen führt, ist aktuell übrigens auf vielen Gebieten zu beobachten, nicht nur im Fußball.

Die gegenwärtige Diskussion um die Zukunft des Fußballs muss zudem vor dem Hintergrund der längst angelaufenen Diskussionen um ein Modell für den nächsten Zyklus ab 2024 gesehen werden. Überall werden gerade Pfründe verteilt und Pflöcke eingeschlagen. Die FIFA mit ihrer 24er-Weltliga, mit der sie den großen Konkurrenten UEFA schwächen will und ihre Basis in den Petrodollarscheichtümern zu festigen versucht. Die, glaubt man Insidern, längst beschlossene europäische Superliga, auf die man übrigens auch in Dortmund und beim FC Bayern zumindest auf den Chefetagen schon sehnsüchtig wartet. Das zunehmend realistischere Szenario eines Massencrashs von Vereinen der dritten und vierten Profiliga in England, wo nahezu jeder Klub am Rande seiner Möglichkeiten steht und das Finanzaus für den Bury FC im September hohe Symbolwirkung hatte.

Dass nun die Coronavirus-Pandemie eine zusätzliche Herausforderung heraufbeschwört, verschärft die Entwicklung rasant. Da auch in England die Saison inzwischen unterbrochen ist (und möglicherweise abgebrochen wird), fürchten Experten eine Pleitewelle. Denn im Gegensatz zu den großen Klubs, bei denen die Zuschauereinnahmen bestenfalls zehn Prozent vom Etat ausmachen, sind es bei Dritt- und Viertligisten 40 und mehr Prozent. Sie sind unverzichtbar. Für Deutschland gilt dasselbe.

Bewegende Zeiten für den Fußball. Dass ausgerechnet zur gerade aufkochenden Debatte um die Hopp-Schmähplakate ein globaler Virus schlagartig für Stillstand auf fast allen Ebenen des öffentlichen Lebens sorgt, kann jedoch ein Geschenk des Himmels sein. Denn auch im Fußball muss weiterhin (bzw. wieder) die Frage erlaubt sein: „Wem gehört der Fußball?“ Müssen Mahner abseits des herrschenden Turbokapitalismus wieder Gehör finden und Prozesse anregen. Sonst geht der Fußball möglicherweise wirklich kaputt.

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