ZEITSPIEL

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KLARTEXT: Von Insolvenzen und anderen Pleiten – der Fall Viktoria 89

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Von Hardy Grüne

Es ist wie in jedem Jahr. Kurz vor Weihnachten klaffen bei vielen Vereinen plötzlich eklatante Etatlücken, wächst die Insolvenzgefahr. Beim FSV Zwickau sind es irgendwas zwischen 550.000 und 740.000 Euro, beim 1. FC Kaiserslautern spricht man von zwölf Millionen und aus Braunschweig kommen sehr unterschiedliche Signale. Der Insolvenzticker läuft mal wieder auf Hochtouren.

Und dann sind da noch Fälle wie TV Herkenrath, Wattenscheid 09 oder Viktoria 89 Berlin. Vereine, die sich in die fürsorglichen Hände von Geschäftsleuten begaben, die ihnen schöne bunte Bilder von einer Zukunft im Rampenlicht ausgemalt haben. Und dann die Lust verloren. Herkenrath, ein Ort, von dem außerhalb von Bergisch-Gladbach vermutlich niemand etwas gehört hat, dürfte im besten Fall die laufende Saison noch überstehen und dann zu einem Neustart irgendwo auf Bezirks- oder gar Kreisebene aufrufen. Jener Geldgeber, der den kleinen Klub binnen weniger Jahre aus den Niederungen der Kreisebene bis in die Regionalliga West geführt hat, verlor die Lust, und ohne ihn ist in Herkenrath alles nichts. Es steht aber nicht zu befürchten, dass man dort nun in großes Wehklagen ausbrechen wird – dem Heimspiel gegen Köln II wohnten handgezählte 80 Zuschauer bei.

Etwas anders sieht es in Wattenscheid oder Berlin aus. Der frühere Bundesligist Wattenscheid 09 kündigte im Sommer die bevorstehende Rückkehr in die Bundesliga an, nachdem er einen Deal mit einem Technologie-Startup unterzeichnet hatte. Das versprach u. a. eine Fan-App, mit der sich der geneigte Wattenscheid-09-Anhänger seine Halbzeitbratwurst auf die Tribüne liefern lassen konnte. Bevor es richtig losging, kam es jedoch zum Bruch, und nun sind Wattenscheids Kicker schon seit Wochen ohne Bezahlung, wartet man eigentlich nur noch auf den Zeitpunkt des Insolvenzantrags.

Gestern nun Viktoria 89 Berlin. Einer dieser sogenannten „Traditionsvereine“. Ein Begriff, der seine Unschuld verloren hat und zum Kampfbegriff zwischen Traditionalisten und Modernisten wurde. Viktoria 89 wurde 1908 und 1911 Deutscher Meister. Da darf man sich durchaus Traditionsverein nennen. Zugleich ist das aber auch schon ein paar Tage her, und Zeitzeugen dürfte es keine mehr geben. Als Viktoria 89 1982/83 zum letzten Mal vor seiner aktuellen Renaissance in der Oberliga Berlin kickte, lockte man pro Spiel 92 Zahlende an. Irgendwie lag die Tradition da wohl brach.

Auch Viktoria will dennoch nach oben. Dafür gab es zunächst eine Fusion mit einem der größten Nachwuchsvereine Deutschlands. Viktoria 89 lieferte den Namen, Fusionspartner Lichterfelde die Basis. Die Regionalliga wurde erreicht und gehalten. Für den nächsten Schritt suchte man einen „Partner“; sprich einen Investor. Und wurde fündig in … Hongkong. Plötzlich winkte das dicke Geld, war von 90 Millionen Euro die Rede. Neues Stadion, Ausgliederung als Kapitalgesellschaft, Berlins künftige Nummer 3, Perspektive Nummer 2, Nachwuchshochburg. The sky is the limit. Als Vorbilder wurden Hoffenheim und RB Leipzig genannt. Sympathie beim Fanvolk brachte das nicht. Viktoria wurde zum Retortenverein im Traditionsgewand.

Gestern nun kam die Meldung, dass der Partner aus Hongkong vorzeitig die Lust verloren hat und man deshalb einen Insolvenzantrag stellen müsse. Begründung des Vereins: „Aufgrund ausbleibender Zahlungen des chinesischen Investors, der Advantage Sports Union Ltd. (ASU), Hongkong, ist der Verein nicht mehr in der Lage, die auflaufenden Verbindlichkeiten zu decken. Zum Schutz des Vereins war es die unvermeidliche Pflicht des Vorstands, diesen Insolvenzantrag einzureichen.“

Mein Bedauern hält sich in Grenzen. Wer sich in die Hände des Raubtierkapitalismus begibt, muss damit rechnen gefressen zu werden. Viktoria ist ein weiteres Opfer dieser an Verzweiflung grenzenden Aktivitäten, seinen Verein an den längst auch in der vierten Liga grassierenden Turbokapitalismus anzupassen, indem man sich dem Motto „Mehr Geld, mehr Geld, mehr Geld“ unterwirft. Dabei ist die Schraube auch in der Regionalliga längst überdreht.

Bezahlen muss für das finanzielle Harakiri die Basis. Viktoria 89 hat 70 Mannschaften im Spielbetrieb. Während die hochdotierten Regionalligaspieler anderswo unterschlüpfen werden, ist der Spielbetrieb für alle Teams nun gefährdet. Keine Sorge, er wird gerettet werden, da habe ich keine Zweifel. Und das ist auch gut so. Aber wie sieht es mit der Verantwortung aus? „Nunmehr heißt es für unsere große Viktoria-Familie noch enger zusammenzurücken und unseren Traditionsverein für die Zukunft neu aufzustellen. Wir setzen dabei auf euer Vertrauen und wünschen uns, dass wir alle gestärkt aus dieser Situation hervorgehen“, fordert die Führung des FC Viktoria 89 die Mitglieder auf. Dieselbe Vereinsführung, die den Klub mit dem von Anfang an dubiosen Deal erst in die Gefahr gebracht hat. Unnötig in Gefahr gebracht hat?

Fußball ist nicht nur „ganz oben“ aus dem Ruder gelaufen. Super League, 48er-WM, absurde Prämien. Nie war „Brot und Spiele“ so real wie aktuell. Fußball ist auch auf der so romantisierten „Amateurebene“ längst aus dem Ruder gelaufen. Vereine wie Wattenscheid oder Viktoria Berlin werfen sich Spekulanten an die Brust und zerbrechen, wenn sie fallengelassen werden. In Zwickau, Chemnitz, Kaiserslautern etc. ruft man nach der öffentlichen Hand, um den nach jahrelanger Misswirtschaft angehäuften Scherbenhaufen wegzukehren oder redet von „Planinsolvenz“, um die Schulden loszuwerden und bei null anfangen zu können.

Wie wohltuend da der VfB Eichstätt, aktueller Tabellenführer der Regionalliga Bayern. Er verkündete gestern, auf den Aufstieg in die 3. Liga verzichten zu wollen. Wirtschaftlich sei das für den Verein nicht machbar. Als ich das in meinem „Insolvenzticker“ mit „Respekt VfB Eichstätt“ bedachte, kommentierte jemand „ein weiteres Zeichen, dass die Regionalliga Bayern weg muss. Wir brauchen Vereine, die auch aufsteigen wollen“. Keine Frage, der Druck auf die Vereine geht auch von uns aus. Ein Umdenken ist überfällig. Auf allen Ebenen.

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