ZEITSPIEL

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KLARTEXT: TSV 1860, das erste Opfer des „modernen Fußballs“

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KLARTEXT: TSV 1860, das erste Opfer des „modernen Fußballs“

von Hardy Grüne

„TSV 1860, das erste Opfer des modernen Fußballs“, schrieb ich gestern während der Spielunterbrechung im Relegationsrückspiel zwischen den Löwen und dem Jahn aus Regensburg.

Natürlich gab es auch vorher schon „Opfer“ des „modernen Fußballs“. Tennis Borussia unter der unheilvollen „Göttinger Gruppe“, einige der sogenannten „Kölmel-Klubs“, zu denen auch mein Verein Göttingen 05 gehörte, beispielsweise (der übrigens in seiner reinkarnierten Form als Doppelgänger just am Wochenende in die Bezirksliga abstieg, aber das nur am Rande.) Und natürlich ist es viel zu einfach und auch populistisch, dem „modernen Fußball“ den Niedergang der Löwen in die Schuhe zu schieben.

Der TSV 1860 ist für mich das „erste Opfer des modernen Fußballs“, weil bei dem Verein nahezu alles zusammenkommt, was wir heute unter dem schwammigen Kampfbegriff „moderner Fußball“ verbuchen: ein Besitzer mit viel Geld, wenig Sachverstand und spektakulärem Ego. Eine herausfordernde Situation mit dem absoluten Platzirschen des deutschen Fußballs in der Nachbarschaft, die durch das rasante Tempo der Kapitalisierung des Fußballs verschärft wurde. Eine bis ins Mark zerstrittene Mitglieder- und Anhängerschaft, die sich vor allem am Thema „Geld“ gespalten hat. Die eine Seite sieht in „noch mehr Geld“ den einzigen Ausweg, die andere Seite will „runter und im Amateurfußball neustarten“. Der Verlust der Heimat zugunsten eines dieser modernen Eventtempel. Und schließlich eine Fankultur, von der sich Teile derart radikalisiert haben, dass selbst ein Daniel Bierofka, 1860-Ikone schlechthin, vom Platz gejagt wird.

All das macht den TSV 1860 in meinen Augen zum „ersten Opfer des modernen Fußballs“.

Das ist der TSV 1860 auch deshalb, weil es sich um einen wirklich großen Verein handelt. Über das Potenzial der Löwen ist viel geschrieben worden. Alle sind sich einig, dass auch neben dem FC Bayern genügend Luft zum Atmen für einen erfolgreichen TSV 1860 in München wäre. Der Niedergang des Klubs, der im Übrigen, so ist zu befürchten, in der 3. Liga nicht zu Ende sein wird, ist damit umso tragischer.

Man kann sich als neutraler Fußballfan sicher „freuen“, dass es die Löwen erwischt hat. Neben dem HSV – oder vielleicht sogar noch mehr als der HSV – steht der TSV 1860 für alle Verfehlungen, die man sich als Fußballunternehmen so leisten kann aber nicht leisten sollte. Dass es gescheitert ist, dass Hasan Ismaik mit seiner „Führungspolitik“ Schiffbruch erlitten hat, erfüllt auch mich mit Genugtuung. Es ist ein deutliches Zeichen, dass Geld allein eben nicht reicht. Eine Botschaft, die hoffentlich auch in Hamburg ankommt.

Der Freude (und Häme) über den Abstieg darf nun aber gerne auch etwas Zurückhaltung und Empathie folgen. Denn der TSV 1860 ist einer jener Vereine, deren Anhänger schon früh im Kampf gegen die Veränderungen im Fußball aktiv waren. Das Dilemma 1860 begann ja nicht unter Hasan Ismaik. Es begann auch nicht unter Karl-Heinz Wildmoser. Es begann mindestens unter Dr. Erich Riedl, dessen Amtszeit 1982 zum Lizenzentzug und Absturz in die Bayernliga führte. Im Grunde begann es mit der Meisterschaft 1966 unter Max Merkel und Adalbert Wetzel, aus der rein gar nichts gemacht wurde. Fatal insofern, als der FC Bayern zur selben Zeit aufholte und schon drei Jahre später Nummer eins von München wurde und seitdem ist.

Ein Dorn, der den Löwen stets im Fleisch saß und Harakiri-Politik wie die von Dr. Riedl, Wildmoser und Ismaik erst möglich machte. Als ich 1996 für mein erstes Buch über den TSV 1860 in München recherchierte, traf ich eine zerstrittene Fanszene. Die Löwen spielten im Olympiastadion, vor dessen Toren die Inititaive „Rettet das Grünwalder“ Flugblätter verteilte. Überall stritten Löwen-Fans über den richtigen Weg. Die einen sagten, „Wildmoser muss weg, wir müssen zurück ins Grünwalder, wir brauchen eine Heimat“, die anderen sagten „Ohne Wildmoser wären die Lichter schon längst ausgegangen“. Die einen gingen nur noch zur Zweiten in die Bayernliga, die anderen glorifizierten Wildmoser zum Sonnengott. Aus diesem Disput ist der Klub bis heute nicht rausgekommen. Stattdessen hat sich der Riss über die Jahrzehnte noch vertieft. Auf der einen Seite die ARGE, brav und angepasst, auf der anderen Seite die Ultras, aber auch nicht nur die, rebellisch, nostalgisch, irgendwann fatalistisch.

Der TSV 1860 ist ein Symbol und Paradebeispiel, wie sich ein Verein – und dazu zähle ich an dieser Stelle auch die Anhänger – selbst zerfleischt. Und das muss die Warnung sein. Dass ein Klub sich zum Spielball umwandeln lässt und dies über Jahrzehnte erduldet ist eine Tragik, die betroffen macht. Ich habe nie verstanden, warum die Löwen-Fans das unbestreitbare Potenzial ihrer Fanmacht nicht nutzten, um den Klub in einen Fanverein umzuwandeln. In meinen Augen ist der TSV 1860 dafür so prädestiniert wie kaum ein anderer Traditionsverein in Deutschland. Stattdessen setzten sich immer wieder die Träumer durch, die von Champions League schwadronierten und die Veränderungen der Zeit negierten. Das liegt auch an den Anhängern, die die Konsequenzen der veränderten Rahmenbedingungen – mögliches/wahrscheinliches Ausscheiden aus dem Profilager, mindestens aber Herunterfahren der Ansprüche – nicht wahrhaben wollten und sich lieber dem Geldadel an die Brust warfen.

Der gestrige Abend hat aber noch etwas anders bestätigt. Wir haben in Deutschland ein Fanproblem. Am Montag der Böllerwurf von Braunschweig, der in meinen Augen ursächlich für das Wolfsburger Führungstor war, weil er die Konzentration des Publikums auf das Spiel störte. Die Szenen von München waren unfassbar, und dass das Spiel überhaupt zu Ende geführt werden konnte verdanken wir vor allem einer Regensburger Mannschaft, die angesichts des sicheren Vorsprungs cool blieb und ihren Erfolg nicht mit einem Urteil am grünen Tisch erringen wollte. Was der Jahn-Torwart wortwörtlich über sich ergehen lassen musste, ohne dass er dabei zur Meckerziege gegenüber dem Unparteiischen wurde gebührt höchsten Respekt.

Dass es möglich ist, das Spiel, den Fußball, derart in Geiselhaft zu nehmen, darf nicht geduldet werden. Ich sehe da im Übrigen weniger die „kriminelle Energie“, von der verbandsseitig vornehmlich gesprochen wird, als vor allem einen hohen Grad an Frustration und eine verantwortungslose Grenzenlosigkeit, die uferlos ist. Viele von denen, die Sitzschalen u.a. warfen werden sich im Recht gesehen haben. „Das ist mein Verein, der kaputt gemacht wird“. Das ist vielleicht sogar ein stückweit verständlich. Dann hört es aber auch schon auf, denn diese Selbstsucht ist egoistisch, anmaßend und zerstörerisch.

Aber auch das ist „moderner Fußball“: eine Fankultur, die in Teilen schauerlich selbstgerecht ist. Nur weil man sich im Fantrikot hinter das Tor stellt und 90 Minuten singt ergibt sich jedoch nicht das Recht auf Selbstjustiz, wie es gestern Abend geschah. Zugleich unterstreichen die Vorfälle die zunehmend angespannte Stimmung bei vielen Klubs – sei es Dortmund, sei es FC Bayern, sei es HSV, sei es Schalke. Der „moderne Fußball“ spaltet auch die Fankurven.

 

Hardy Güne veröffentlichte 2012 gemeinsam mit Claus Melchior das Buch „Die Löwen. Die Fußball-Geschichte des TSV München von 1860“ (Verlag die Werkstatt, Göttingen)

7 Kommentare

  1. Vor einem halben Jahrhundert war 1860 groß. Ein halbes Jahrhundert zuvor war FC Wacker München relativ groß: mit dem kontinentaleuropäischen Superstar Alfréd Schaffer im Halbfinale der deutschen Meisterschaft. Vor einem knappen halben Jahrhundert sind die dann in die Drittklassigkeit abgestiegen und dann ging es nur noch bergab.

    Nachkriegs-60 hatte zwei gute Zeiten, jeweils unter einem Duo: Wetzel/Merkel und Wildmoser/Lorant. Mit Wetzel ging es bergauf, weil er die Rechnungen, bis es nicht mehr ging, aus der Privatkasse bezahlt hat. Schon zur Meisterschaft waren sie ziemlich Pleite. Der Meistertitel hat damals kein Geld gebracht. Das gab es erst ab Bayern 1972. Die gut bezahlten Europapokal Lifeübertragungen im Fernsehen haben die Bayern am Leben erhalten, als wesentliches Zubrot zu den Einnahmen aus dem Olympiastadion das 1860 auch nicht hatte.

    Wildmoser konnte sich aus diversen Gründen als „Diktator“ etablieren und konnte so am Verein vorbei regieren bis auch er keine antworten mehr hatte.

    Das Problem von 1860 war primär die Vereinsstruktur, wo auch die Kegler munter über die Fussballer mitbestimmten und zum anderen, dass der Verein bei der Münchner Intelligenz im Großen und Ganzen nur wenig Anklang fand.

    So hat sich dann auch als 1860 wieder einmal dringend Geld brauchte, in München kein Unternehmer (oder sonstiger Mäzen) gefunden, was dann auch erst den Einstieg Ismaiks notwendig machte. Ismaik brauchte dann seine Zeit um sich durchzusetzen, erwies sich aber dann als völlig ungeeignet. Richtig: hätte er vom Fußball eine Ahnung gehabt wäre er nicht beim Verein eingestiegen.

    Auch war 1860 seit den Zeiten Wetzels fast ständig am finanziellen Abgrund. Wenn die Zeiten mal nicht so schlecht waren, dann fehlten Hirn und Glück. Der endgültige Absturz des Vereins hat wenig mit „modernem Fußball“ zu tun, und viel mit archaischen Strukturen, und Mangel an Intelligenz. Möglicherweise war in der Tat auch die Stadionmiete etwas zu hoch; die macht nervös und man ist im Zugzwang ehe der erste Ball getreten wurde.

    Ob sich die Fans beklagen, spalten, oder was auch immer, das spielt nicht die große Rolle. Es waren ja genug da um ordentlichen Besuch zu haben. Zudem, nichts eint Fans so sehr wie Erfolg – und umgekehrt.

    Ihrer Analyse kann ich also so nicht zustimmen. Die modernen Schlagworte haben sie aber voll drauf ;).

  2. Weich wahre und weise Worte.

  3. Sehr guter Beitrag, der in differenzierter Art und Weise die massiven Probleme einer Volkssportart im negativen Wandel darstellt.
    Früher war sicherlich nicht alles besser, klar ist aber auch, dass der Volkssport Fußball aufgrund der im Beitrag angeführten Aspekte mittlerweile an eine fragwürdige Grenze stößt.
    Ergänzend – vielleicht etwas überspitzt dargestellt- wäre vielleicht noch die spürbare Tendenz, dass die allgegenwärtige Kommerzialisierung des Fußballs zu einer immer tieferen Kluft zwischen den europäischen Topclubs und dem Rest der Vereine in den jeweiligen Ligen führt.
    Dass der FC Bayern seit mittlerweile fünf Jahren die Liga nach Belieben dominiert, ist kein Zufall. Allein sein Gesamtmarktwert (an Spielern) von ca. 550 Millionen Euro entspricht in etwa dem 20-fachen (!) des Absteigers SV Darmstadt 98 und zumindest dem 5-fachen des Vizemeisters. Diese finanzielle Kluft wird – vielleicht von Ausnahmen abgesehen- kontinuierlich größer und größer.
    Allein im Jahr 2016 soll der FC Bayern alleine durch die CL-Teilnahme ungefähr 70 Millionen Euro (!) eingefahren haben.
    Das daraus resultierende Problem ist, dass wir es in der Bundesliga mittlerweile mit einer Zweiklassengesellschaft zu tun haben, um so mehr da aufgrund der ungeheuren Finanzkraft ein Verein wie der FC Bayern zumindest den nationalen Transfermarkt dominiert. So kann er allein mit den Einnahmen aus der Championsleague der nationalen Konkurrenz wichtige Leistungsträger ,wegkaufen‘ und seine Machtposition dadurch weiter ausbauen.
    Im europäischen Kontext scheint es dagegen, dass der FC Bayern wiederum von anderen (insbesondere spanischen und englischen Topclubs) mehr oder weniger abgehängt wird. So sollen beispielsweise Trainer Antonio Conte (Chelsea London) alleine für diese Transferperiode 230 Millionen Euro (!) zur Verfügung stehen. Allein dieser Betrag, der wohl für maximal 5 neue Spieler ausgegeben wird, entspricht dem 4fachen Wertes eines durchschnittlichen Bundesligaclubs.
    Will der FC Bayern demnach international oben mitspielen, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als die nationale ,Konkurrenz‘ zu dominieren um dadurch (mit Hilfe seines sportlichen Marktwertes) dementsprechende Summen für Spielerausgaben zu generieren (Uli Hoeneß schließt ja mittlerweile einen 100 Millionen Euro Transfer nicht mehr kategorisch aus).
    Was bedeutet diese Entwicklung für die anderen Teams der Bundesliga? … Sie benötigen, um zumindest im Ansatz wettbewerbsfähig zu bleiben, GROßsponsoren. So brach beispielsweise der BVB 2016 kurzerhand zu einer Marketingreise nach China auf (um neue Märkte zu erschließen), was dem damaligen Trainer Thomas Tuchel weniger gefiel. Dumm für eher unangepasste Charaktere wie Tuchel ist aber nun, dass sie im brutalen Geschäft Fußball trotz ihrer unbestrittenen Fähigkeiten wohl keinen Platz mehr finden, zumindest nicht wenn der Geschäftsführer Watzke heißt.
    Aber gerade die an Land gezogenen Großsponsoren sind es dann leider, welche die dementsprechenden Vereine insgeheim kontrollieren.
    Wird sich beispielsweise in naher Zukunft RED BULL Leipzig weigern, rote Bullen am Hinterteil zu tragen, wird eben Rasen Ball 🙂 keinen Bullensponsor mehr haben, der u.a. gewisse Transfers von und über Salzburg ermöglicht und den einzigen noch verbliebenen (bis vor wenigen Jahren jedoch unbekannten) Ostclub auf diese Weise durchaus erfolgreich in der Bundesliga platziert hat. Dieser wird dann sehr schnell nach unten durchgereicht,… aber erst dann, wenn das mittlerweile auf 60 Millionen Euro (!) angewachsene Transferdefizit durch den Verkauf gewisser Spieler an einen neuen RB-Club ausgeglichen ist (hier wäre der freundliche Gönner Mateschitz wohl dann ganz und dar Geschäftsmann) und Herr Rangnick müsste sich schnell wieder einen neuen Verein suchen, bei dem man ganz viel Geld ausgeben kann (vielleicht in ferner Zukunft bei Red Bull Dresden 🙂
    Und welche Rolle spielen die Fans in diesem Kontext? Genau: die sollen schön Beifall klatschen und die traditionelle Ader des Fußballs zeigen, schließlich möchte man zumindest den Anschein wahren, dass es sich hier noch um einen Volkssport handelt.
    Dafür werden im Gegenzug garantiert die Dauerkartenpreise nicht erhöht; diese stellen -für manche Vereine- mittlerweile so wie so nur noch Peanuts dar. Und… solange die Fans immer schön artig Teil der schönen neuen Fußballwelt sind, kann es ja genau so weitergehen. RIP Fußball

    • Würden Sie freundlicherweise Ihr „Red Bull Dresden“ zurücknehmen? Das wäre uns Dresdner ganz, ganz wichtig.
      Im Übrigen ist es ein wenig traurig, dass wir Dynamos nun ein Heimspiel weniger im kommenden Fußballjahr haben. Aber auch das werden wir tapfer ertragen.

    • Red Bull Dresden wird es nicht geben, Dynamo ist ein mitgliedergeführter Verein, der in seiner Satzung hohe Hürden verankert hat, die genau solch ein Szenario kaum ermöglichen.

  4. Sehr guter Artikel. Trifft den Nagel auf den Kopf

  5. Ein seichter, belangloser Artikel.
    Was soll denn „moderner Fussball“ sein?

    Hier geht es um Profifussball, Menschen versuchen mit einer Sportart Geld zu verdienen. Keine Ahnung wie manche da auf den hohlen Trichter kommen können, so ein Verein könnte ein „Fanverein“ sein.
    Das proklamieren einige für sich, logo, aber gerade Vereine wie Pauli sind im Grunde die abartigste Version des „Kommerzfussballs“, eben weil sie keine Sponsoren/Mäzene haben, müssen sie ihr geheucheltes „Andersein“ so penetrant zur Schau stellen…
    Auch die Ultras, die der Autor hier als Gralshüter der Tradition stilisiert, sind doch nur ein jämmerliches Opfer ihrer selbst: Krakeelen ständig gegen den „Kommerz“, nur um dann ihre eigenen Aktionen mit dem“ Fanartikelverkauf“ zu finanzieren.

    Lächerlich!

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