ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT: Tötet eure Hoffnung!

| 1 Kommentar

Eine „Taskforce“ mit Ergebnissen, die niemand greifen kann und die vor allem unbefriedigend sind. Eine Spielverlegung nach Budapest, weil in Leipzig wegen einer Corona-Mutation nicht gespielt werden darf. Eine Nacht im Luxusflieger, die Kalle Rummenigge und Uli Hoeneß die Zornesröte in die Gesichter treibt und nach „Gerechtigkeit“ schreien lässt.

Das alles in einer Zeit, in der wir uns mit Riesenschritten dem ersten Jahrestag des Ausnahmezustands nähern. In der Wirtschaft und Kultur am Boden liegen, Soloselbständige durch alle Raster fallen, die Pflegekräfte ausbrennen, die Kinder um ihr Recht auf Bildung ringen und wohl jedeR von uns emotional langsam auf dem Zahnfleisch geht.

Der Profitfußball? Lebt in seiner eigenen Welt. Reklamiert seine eigene Welt. Normalität, wo keine Normalität ist. Friseure, Reisen, Ausnahmeregeln. Was würden wir wohl jemandem erzählen, der von Liverpool nach Budapest fliegt und sich dort mit Deutschen trifft, obwohl genau das aktuell (aus gutem Grund!) untersagt ist? Der Profitfußball und seine Akteure haben in den letzten zwölf Monaten schon so unfassbar viel Porzellan zerschlagen, das man inzwischen regelrecht gleichgültig vor den „Skandalen“ der Bayern steht. Und da sind wir noch gar nicht bei der Frage, ob die FIFA Klub-WM aktuell wirklich stattfinden sollte, dass die UEFA sich ein absurdes Schauspiel um bereits verkaufte Eintrittskarten einer EM liefert, von der niemand weiß, wie und wo sie stattfindet. In der die Drittligisten Uerdingen und Türkgücü erst S.O.S. senden, weil der jeweils (einzige) Geldgeber keine Lust mehr hat und als er dann doch zurückkehrt (Türkgücü) erneut die halbe Liga leerkauft bzw. eine armenische Arche Noah ins Rennen schickt (Uerdingen) und die Stadt Krefeld auffordert, endlich ein profitaugliches Stadion zu bauen. Man kann gar nicht so viel mit dem Kopf schütteln, wie man es tun müsste angesichts dessen, was sich der Profitfußball allein 2021 schon wieder geleistet hat.

In unserer aktuellen Ausgabe #21, die im Dezember erschien, hat unser Mitherausgeber Hardy Grüne die Lage in einem Klartext schon unter der Überschrift „Tötet eure Hoffnung!“ zusammengefasst. Hier ist sein Text aus dem Heft, das ihr hier bestellen könnte – oder gleich im Abo hier.

KLARTEXT Tötet eure Hoffnung!

Von Hardy Grüne

Der Satz „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ tröstet uns gerne in aussichtslos erscheinenden Situationen und verleiht uns Antrieb, am Ball zu bleiben. Aber ist er wirklich alltagstauglich? Ist es nicht eher so, dass starres Festhalten an Hoffnung etwas ist, was uns die Sicht raubt? Weil Hoffnung selbst grobe Dummheit überlebt? Und damit letztendlich sich selbst zerstört, weil man, geblendet von der Hoffnung, die richtige Ausfahrt verpasst?

Als im Frühsommer die erste Welle durchs Land ging blitzte überall Hoffnung auf, dass Corona der Katalysator für allerlei bedenkliche Entwicklungen auch im Fußball sein könnte. Im kleinen wie im großen. Jetzt, mitten in der zweiten Welle, ist von Hoffnung auf Wandel nichts geblieben. Die Bundesligaprofis jubeln vor leeren Rängen, während die zahlende Kundschaft räumlich entrückt auf dem heimischen Sofa zuschaut. Profifußball ist auf seinen reinen Spielcharakter reduziert – und funktioniert! Wir aber sehnen uns nach einem Bier im Stadion, nach losgelöstem Torjubel, nach Auswärtsfahrten, die irgendwann im Morgengrauen beginnen und weit nach Mitternacht enden.

Fußball ist viel mehr als nur Spiel. Und wir entwöhnen uns gerade in rasantem Tempo von diesem „viel mehr“.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden wir auch im Frühjahr 2021 noch vor den Bildschirmen sitzen, um unsere Helden anzufeuern. Mit Bier in der Hand und Leere auf den Rängen und in der Seele. Diese Krise verändert den Profifußball, und es ist Zeit, die Hoffnung fallenzulassen und den Realitäten ins Auge zu sehen. Denn Corona wirkt bereits als Katalysator! Allerdings in eine Richtung, die wenig Hoffnung macht, dass wir nach Rückkehr zur „Normalität“ das vorfinden werden, was wir im März haben loslassen müssen. Damals (erinnert sich noch jemand?) tobte grade die große Debatte um die Proteste der FC-Bayern-Fans in Hoffenheim, entwickelten sich zwei Meinungsfronten mit den aktiven Fans auf der einen Seite und den in „Abscheu“ verbrüderten Dietmar Hopp und Karl-Heinz Rummenigge auf der anderen. Einen Konflikt, den die Rummenigge-Fraktion für sich entschied, nicht zuletzt, weil die Zuschauer kurz darauf wegen Covid ausgesperrt wurde und sich seitdem vornehmlich um das eigene Überleben kümmern.

Corona wurde – nicht nur im Fußball – zum Totschlagargument. In Zeiten der Krise muss schnell und unkonventionell gehandelt werden, hieß es, dürfen gewohnte Prozesse auch mal ausgeschaltet werden. Die Richtung ist längst klar. In der ersten Welle gab es für einen Moment die Hoffnung, dass das System Profifußball nachhaltig hinterfragt werden könnte. Sie mag in unseren Herzen noch leben, eine Lebensberechtigung hat sie nicht mehr. Niemand, nicht mal der FC Schalke 04, der in seiner Not ein Salary Cap eingeführt hat, hinterfragt noch das System. Es geht nicht darum, den Profifußball als Kulturgut zu retten, es geht darum, dass sich auch der nur sporadisch eingesetzte Ergänzungsspieler weiterhin einen Maserati leisten kann. Weil so nun mal das System ist. Weil es alle machen. Weil wir sonst den Anschluss verpassen. Weil es nun mal so ist. Weil im Fußball das Geld bestimmt. Weil Wachstum der Gott ist, den wir alle anbeten.

Insofern: Tötet eure Hoffnung!

Denn sie ist ohnehin längst gestorben. Ob die möglichen Folgen allerdings in ihrer Konsequenz von den „Gewinnern“ erkannt werden, ist zu bezweifeln. Denn genauso so, wie wir Fans hoffen, irgendwann 2021 wieder in die Kurven gehen zu können, das umdrehungsfreie Bier im Plastikbecher in der einen, den Kumpel oder die Kumpelin in der anderen Hand und wir lauthals singend (natürlich maskenfrei) jene Fröhlichkeit wiederfinden, die schon im März 2020 eine Illusion gewesen ist, geht es den Protagonisten auf den Führungsetagen: Auch sie glauben (oder hoffen), dass es nach Corona weitergeht wie vorher. Das aber könnte ein fataler Trugschluss sein.

Der gegenwärtige Zustand erinnert an eine Liebesgeschichte, bei der einem die Trennung lange unvorstellbar scheint, obwohl klar ist, dass die Beziehung längst nur noch einseitig gelebt wird. Schließlich glückt der Ausstieg doch, geht es in das tiefe Tal des Herzensschmerzes. Man spürt die Wunde, glaubt nicht, dass sie jemals verheilt. Doch Zeit steht nie still, und irgendwann setzen Distanz und Heilung ein. Die Erinnerung verblasst, der Schmerz lockert seinen Griff. Man begegnet einem anderen Menschen, stellt fest, dass das Herz wieder offen ist. Die einstmals große Liebe, die einen mal in Gänze ausgefüllt hat, ist plötzlich nur noch ein gewöhnlicher Mensch, in dessen Gegenwart man vielleicht eine Vertrautheit spürt, nicht aber mehr die Kraft der Anziehung.

Es ist dieser Prozess, den viele von uns gerade durchlaufen. Und es ist illusorisch zu glauben, dass die Zeit der Entfremdung keine Spuren hinterlassen wird. Zumal der geliebte Profifußball ja nicht sonderlich empathisch mit unseren verletzten Gefühlen und unserer Sehnsucht umgeht. Im Gegenteil: Er gibt sich kühl distanziert, kokettiert damit, als zu bezahlendes Unterhaltungsprogramm via Mattscheibe doch weiterhin zur Verfügung zu stehen. Säuselt mit süßer Stimme, wir arg er uns im Stadion vermisst, bandelt aber zugleich hinter unserem Rücken mit anderen an und ist mit seinen Gedanken längst woanders.

Aus Sicht des Profifußballs hat Corona gezeigt, dass Fußball auch ohne Fans im Stadion funktioniert. Es ist kein Zufall, dass die Super-League-Pläne ausgerechnet jetzt Vollstreckungsreife erfahren. Die Super League wäre vor allem eine Fernsehliga. So könnte ihre Zukunft aussehen: Eine Handvoll Teams entrückter Ballkünstler trifft sich auf irgendeinem Luxussportplatz – Katar bietet sich an -, misst sich in einem schön anzusehenden, aseptischen Wettstreit und knöpft jedem, der zusehen mag, einen je nach Kaufkraft des Wohnortes unterschiedlich hohen, aber stets spürbaren Obolus ab. Real Madrid gegen Bayern München wird gleichzeitig in den Slums von Nairobi und den Luxuslogen von Peking verfolgt, reales Publikum vor Ort braucht es nicht. Die online bestellten Fanartikel liefert Amazon per Drohne. Globaler kann Fußball, einst geboren in den Kiezen der Städte, nicht werden.

Was mit dem Profifußball passiert, wenn die Pandemie eines Tages nicht mehr sämtliche Facetten unseres Lebens dominiert, steht in den Sternen. Zu glauben, es ginge weiter wie vor Corona (ausverkaufte Stadien, steigende Einnahmen, immer neue Rekordtransfers, grenzenlose Begeisterung) wäre grob fahrlässig. Denn das wird es nicht. Und das gilt für alle Bereiche, also auch für den Fußball unterhalb der Glitzerebene. Auch der ist schwer erschüttert. Das zerfleischende Gegeneinander der Regional- und Landesverbände, große Regionalligisten wie RWE oder OFC, die (nachvollziehbar) andere Agenden verfolgen als kleine Hobbyklubs wie Bayern Alzenau oder FC Wegberg-Beeck, ein schon jetzt schmerzhafter Rückgang vor allem bei älteren Jugendjahrgängen, der bald einjährige Bruch v.a. der jüngeren Fangemeinde mit dem „Erlebnis Fußball“ – während die Welt scheinbar stillsteht dreht sie sich weiter.

Es braucht nüchterne Entschlusskraft und nicht schicksalsgläubiges Vertrauen in die systembewahrenden Protagonisten, um (wieder) einen Fußball zu schaffen, der unsere Liebe verdient. Dazu gehört der Realismus, sich der gegenwärtigen Situation vollumfänglich bewusst zu werden. Kennen wir auch von zerbrechenden Liebesbeziehungen: Hat man den blinden Fleck endlich auflöst, ist es plötzlich ganz einfach mit der Trennung. Wie der Profifußball von morgen aussieht, geht uns alle etwa an. Nicht nur die von Kalle Rummenigge eingeladenen 14 Bundesligisten (plus HSV). Wer dieses Mitspracherecht nicht einräumen will, sollte gehen. Wir können dann immer noch entscheiden, ob uns 15 Euro für eine Super-League-Partie auf dem Laptop angemessen erscheint. Eine Super League mit allen Konsequenzen für die Bundesliga dürfte jedenfalls eine tiefe Schneise durch das Liebesleben der Deutschen zum Fußball schlagen.

Der Profifußball steckt in einer entscheidenden Phase. Gelingt es nicht, einen Schulterschluss zwischen Großvereinen wie Bayern, mittleren Vereinen wie Mainz 05 und den Fanszenen, die mit „Unsere Kurve“ ein starkes Bündnis gebildet haben, zu schließen, wird er zerbrechen. Es steht im Übrigen zu befürchten, dass er das längst ist. Und zwar nicht nur bei der ZEITSPIEL-Leserschaft, die vermutlich schon lange vor Corona skeptisch auf den Profifußball geblickt hat. Sondern vor allem bei denjenigen, für die Fußball ein süßes Wochenendvergnügen war, das sie gerne und in vollem Bewusstsein als Konsument genossen haben. Es ist nichts Geringeres als die gesellschaftliche Relevanz des Profifußballs, die gerade auf breiter Fläche erodiert.

Das eigentliche Problem steckt viel tiefer, und da ist Hoffnung noch weniger angesagt. Denn ohne eine konzertierte Aktion der Ligen in England, Spanien, Italien etc. sind der Bundesliga die Hände gebunden. Ein Alleingang hätte fatale Folgen für den deutschen Profifußball, die niemand wollen kann. Manch Traditionalist mag sie in Kauf nehmen, doch das klingt zu sehr nach dem eingeschnappten Jungen, der schmollend in der Ecke der Sandkiste sitzt. Wir brauchen einen funktionierenden Profifußball, und ihn radikal zu revolutionieren ist illusorisch. Zumal über allem der globale Kapitalismus mit seinem Mantra „Wachstum! Wachstum!“ steht, und wie der funktioniert, ist in England zu beachten. Allerdings wissen wir seit Rummenigges Alleingang auch, dass die Bundesliga offenbar eine Sollbruchstelle hat.

Tötet eure Hoffnung? Ja, aber… Ohne Hoffnung leben geht nicht, denn sie schenkt die Kraft und den Mut zur Aktion. Was wäre denn, wenn wir unsere Liebe auf eine andere Art leben? Vorgemacht haben das vor ein paar Jahren Fans in Hamburg. Als der HSV sich für den in ihren Augen falschen Weg entschied, gründeten sie mit dem HFC Falke einen eigenen Verein. Stellen wir uns doch einfach mal vor, auf Schalke, beim FC Bayern, in Dortmund, dem VfB in Stuttgart, im Bremer Weserstadion etc. würden ähnliche Fanvereine entstehen. Auf dem Spielfeld stünden dann bei „FC Schwabinger Bayern“ gegen „Westfalia 04 Schalke“ keine Millionäre mehr, sondern Fußballer, die mit Herzblut für das eigene Wappen stehen. Auf den Rängen sängen Fans, die nicht jedes Jahr irgendeine globale Trophäe gewinnen müssen, um ihre Leidenschaft befriedigt zu bekommen. Denen aktive Anteilnahme und Gemeinschaft wichtiger sind als passives Konsumieren. Wenn man sich dann noch Traditionsvereine wie Rot-Weiss Essen, Kickers Offenbach, Lok Leipzig, SpVgg Bayreuth etc. dazu denkt, könnt ich mich glatt nochmal verlieben.

Ein anderer Fußball ist möglich!

Ein Kommentar

  1. Ja das sagt man so, die Hoffnung stirb zuletzt.
    Aber das Ergebnis steht fest.
    Sie stirbt

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.