ZEITSPIEL

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KLARTEXT: Sie spielen längst nicht mehr nach den gleichen Regeln

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Andreas Safft (© Michael Behnson)

Von Andreas Safft, Lüneburg

Sie spielen nach den gleichen Regeln – aber ist das noch der gleiche Sport, den sie betreiben? Die Regionalliga-Fußballer des Lüneburger SK haben sich im DFB-Pokal gegen Mainz 05 nicht versteckt, alles versucht, konnten sich auf einen großartigen Torwart Ole Springer verlassen. „Nur“ 1:3, das hört sich gut an. Trotzdem liegen, nicht nur aus sportlicher Sicht, Welten zwischen Vierter und Erster Liga.

Es geht schon los mit dem Support. Mainz bietet vom Capo auf dem Zaun über große Banner bis zu etwas Pyrotechnik alles, was man aus der Bundesliga kennt. Die Lüneburger Fans haben wochenlang für 600 Fahnen in Schwarz und Weiß gesammelt, die beim Auflaufen der Teams kräftig geschwungen werden.

Stefan Hye, Organisator der Aktion, schaut trotzdem etwas neidisch Richtung Gästeblock: „Sonst sind bei uns oft nur zehn Mann aktiv dabei. Die Jüngeren fahren alle lieber zum HSV oder zu St. Pauli.“ Und er beklagt, wie so viele, die Omnipräsenz des großen Fußballs: „Früher gehörte der Samstag den Profis und der Sonntag den Amateuren.“ Ja, früher. Das Klagelied eines unverbesserlichen Nostalgikers?

„Warum der DFB-Pokal seinen Reiz verliert“, titelt Spiegel online einen Tag später und zählt dabei die Daten unter anderem der Partie des LSK gegen Mainz auf. 2:17 Torschüsse, 27:73 Prozent Ballbesitz. Fazit der Datensammlung: „Bei dieser eklatanten Überlegenheit in der ersten Pokalrunde kann man kaum noch von Wettbewerb sprechen.“ Ach ja, und wenn demnächst Bayern, Barca oder Real in der Vorrunde der Champions League ein Spiel nach dem anderen 5:0 oder 7:1 gewinnen, werden Spon und andere Onlinemedien wieder tagelang sich am Champagner-Fußball berauschen. Welchen sportlichen Reiz die meisten Duelle zwischen Vertretern der großen vier Ligen und dem abgehängten Rest des Kontinents haben, wird höchst selten hinterfragt.

Nun, nicht jede unterklassige Mannschaft kann im DFB-Pokal den HSV zugelost bekommen – der übrigens trotz 75,5 Prozent Ballbesitz in Osnabrück ausschied. Auf Spiegel online aber sieht man die Wurzel allen Übels in der Einführung eines Amateur- und eines Profitopfs vor 17 Jahren. Eine der wenig wirklich sinnvollen Reformen, die verhindert, dass der LSK in der ersten Runde beim 1. FC Rielasingen-Arlen und Mainz 05 bei Borussia Dortmund antreten muss. Eine Reform, die dafür sorgt, dass Profis und Amateure wenigstens an einem verlängerten Wochenende noch in der gleichen Welt leben.

Aber selbst das scheint einigen Vermarktern der Bundesliga noch zu viel zu sein. Die DFL arbeitet darauf hin, dass zumindest die Europacup-Starter erst später einsteigen müssen. Denn China ist der Markt, die USA, der Mittlere Osten. Da bedeuten die regelmäßigen Pflichtspielauftritte in der deutschen Provinz doch nur ein verschenktes Wochenende mit böser Stolpergefahr. Für Lüneburg bedeuten die garantierten 115.000 Euro aus dem TV-Topf gut ein Drittel des Jahresetas, Mainz kann sich damit das Gehalt eines seiner Topverdiener für vielleicht einen Monat leisten, Bayern München finanziert damit die Ausleihgebühr von James Rodriguez für eine Woche.

Sie spielen längst nicht mehr nach den gleichen Regeln.

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