ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT Sandsäcke gegen Geldsäcke

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KLARTEXT: Sandsäcke gegen Geldsäcke

Von Hardy Grüne

Eine Erosion, so habe ich im Studium der Geografie gelernt, setzt nahezu unbemerkt ein, entwickelt sich schleichend und kommt dann ganz plötzlich zum Tipping point, an dem sie nicht mehr aufzuhalten ist. Der abschüssige und in der Regel aus ökonomischen Gründen von jeglichem haltenden Wurzelwerk befreite Boden rutscht ab und kann im schlimmsten Falle ganze Dörfer unter sich begraben.

Im Fußball ist die Erosion längst über ihren Anfang hinaus. Das größte Problem: eklatanter Vertrauensverlust in jene Personen, die dafür verantwortlich sind, dass „der Boden“ Stabilität hat. Nehmen wir allein die letzten Tage. Cristiano Ronaldo verkündet seinen Weggang aus Spanien, weil man dort sein kreatives Steuermodell nicht (mehr) gutheißt. Ex-Trainer und „the only one“ Mourinho steht wegen derselben Vorwürfe ebenfalls im Fokus der Ermittlungen. Auf Schalke versuchen sie, die Reste der Mitgliederbestimmung auszuschalten. Die UEFA sieht keinerlei Verbindungen zwischen Salzburg und Leipzig, wo man sich folglich auf Champions-League-Spiele freuen darf. Während man sich noch wünscht, beide Teams in einer Gruppe zu sehen, um auf den Aufschrei zu warten, verpflichtet RB einen Spieler von RB. Die „Leipziger Volkszeitung“, der durchaus Kenntnisse über das Konstrukt RB unterstellt werden darf, spricht vom „kurzem Dienstweg“.

Und nun gestern das grindelsche Beglückungsgeschenk für die insolvenzgeplagte Regionalliga Südwest, die schiefe Teilnehmerzahl durch ein Team aus China aufzufüllen. In Pirmasens, unglücklich abgestiegen und wegen der arg spät eingereichten Insolvenz von Hessen Kassel vor den Kadi gezogen, wird man sich schwer ärgern, die Talente aus dem fernen Osten wegen des Abstiegs nicht auf der Husterhöhe begrüßen zu können.

Jeder Einzelfall mag seine Berechtigung und Richtigkeit haben. Ronaldos Steuerexperte wird die gesetzlichen Schlupflöcher gesucht und gefunden haben. Im Falle Salzburg und Leipzig werden längst entsprechende Strukturen geschaffen worden sein, die der UEFA keine andere Wahl ließen. Das Kooperationsprogramm mit China ist bedeutungsvoll und im Kern durchaus zu unterstützen. Hessen Kassel hat natürlich zunächst in eigenem Interesse gehandelt, und auf Schalke versuchen die Geldgeber, ihre Investitionen vor dem Einfluss des „einfachen Volkes“ zu schützen. Alles erklärbar.

Und doch ist das Vertrauen in unsere Fußballführer längst am irreversiblen Tipping point der Erosionsbewegung angekommen. Man traut ihnen alles zu. Sogar eine chinesische Pflichtfreundschaftsspielmannschaft im Duell mit Klubs wie Kickers Offenbach, FSV Frankfurt oder Hessen Kassel, die im Versuch, sich den neokapitalistischen Bedingungen im Profiunterbau mittels waghalsiger Finanzpolitik anzupassen, verkalkuliert haben. Ehemalige Berufspolitiker wie Reinhard Grindel tun das, was sie am besten können: pragmatisch und emotionslos entscheiden und sich dabei auf eine mächtige Lobbyistenstruktur stützen. Grindel ist eben kein Fußballfunktionär mit „Herzblut“, sondern ein Parteifunktionär mit „strategischem Talent“. Und das macht es für uns Beobachter so fatal. Der Glaube, dass der Fußball, unser Fußball, in vertrauensvollen Händen liegt, ist bei vielen längst weitestgehend verschwunden. Man fühlt sich hilflos der Vereinnahmung des eigenen Lieblingssports ausgesetzt. Was danach kommt ist purer Fatalismus.

Man sehe „gute Vermarktungschancen“ heißt es in Bezug auf die vorgeschlagene chinesische Gastmannschaft in der Regionalliga. Geld muss sein, aber ja doch! In der Champions League, in der Bundesliga und auch in der Regionalliga. Aber das vorherrschende Credo „nur Geld zählt“ destabilisiert die Grundlage und nimmt „dem Fußball“ die Seele. Champions League und Bundesliga sind längst zu Marketingveranstaltungen verkommen, in denen eine kleine Oberschicht einsackt, was die breite Masse zu zahlen bereit ist. Man darf ja durchaus mal fragen, warum jemand wie Cristiano Ronaldo eigentlich Millionenbeträge am Fiskus vorbeibringen will. Sicher, wir alle achten bei unseren Steuererklärungen darauf, dass wir sämtliche Vorteile ausnutzen. Aber die dabei gesparten Hunderter sind nicht einmal Peanuts im Vergleich zur zusätzlichen Füllmenge des ronaldischen Geldspeichers.

Zugleich dürfen wir uns selbst nicht aus der Verantwortung entlassen. Denn der Jubel über jeden Investor oder Aktionen wie die geplante China-Integrierung in die Regionalliga ist – auch bei vielen Fans – unübersehbar. Er ist nicht zuletzt Ausdruck von Verzweiflung. Alle Vereine unterhalb der echten Königsklasse gieren nach Geldern. Weil sie nicht mehr mithalten können und händeringend versuchen, trotzdem den Anschluss zu halten. Stuttgart lagert seine Fußballer aus, Bochum diskutiert darüber, Rot-Weiss Essen hat grünes Licht, auf Schalke wird demnächst wohl auch einiges passieren. Es muss Geld her. Egal wie, egal woher und vor allem: sofort! Das Vereinssilber wird verscherbelt, um im Verdrängungswettbewerb nicht vorzeitig auf der Strecke zu bleiben. Kann üble Folge haben (siehe 1860), aber das Risiko muss offenbar sein. Motto: live or die.

Wir brauchen einen echten Wandel. Zumindest im unterklassigen Fußball. Viele von uns haben Champions League und Bundesliga doch längst aufgegeben. Erfreuen uns an einer Regionalliga, die noch „funktioniert“. Selbst wenn deren Meister am Ende der Saison vom DFB wie dereinst im Zirkus Maximus in tödliche Duelle geschickt werden. Und nun statt „Meister müssen aufsteigen“ ein chinesisches Gastteam als „Vermarktungschance“? Wie zynisch!

Wenn wir von dem Fußball, wie wir ihn kannten, noch etwas retten wollen, müssen wir jetzt handeln. Denn die Erosion ist längst unmittelbar vor dem Tipping point. Vielleicht ist sie auch schon drüber, dann müssen wir dringend die Dörfer unterhalb der Hänge sichern. Natürlich entsteht nach einer Erosion auch etwas neues. In der Natur oft nichts gutes. Da wächst nichts mehr, wo es früher reichhaltig sprießte. Weil die alles entscheidende Schicht mit den Mineralstoffen usw. für immer weggespült ist. Nackter Boden ist nicht fruchtbar, es braucht den Humus. Das gilt auch für den Fußball.

Der Fußball verkauft gegenwärtig seine Seele. Die Seelenverkäufer sitzen in den Verbänden, und diejenigen, die ihre Seelen verkaufen, tun dies entweder in purer Verzweiflung oder in nüchternem Kalkül. Es braucht den Crash. In der Champions League wie in der Regionalliga, die, die vielen Insolvenzfälle machen es deutlich, schlicht und einfach nicht funktionieren. Sorgen wir für den Crash. Handeln wir jetzt und verweigern uns. Verweigern uns der DFL und dem DFB, der UEFA und der FIFA, den Vermarktern und Eventmanagern, den Trikotverkäufern und Devotionalienhändlern. Denjenigen, die uns einbläuen, nur mit weiteren Investitionen sei ein Überleben gesichert. In einem 1860-Forum las ich kürzlich, „Ismaik hat uns nicht gerettet, er hat nur den Niedergang aufgehalten. Wenn wir damals Konkurs gegangen wären, würden wir heute möglicherweise als gesunder Verein in der 2. Bundesliga spielen“. Nicht immer ist das Geld eben der Retter. Manchmal ist es auch der Totengräber.

In diesem Sinne: lasst uns Sandsäcke gegen die Geldsäcke einsetzen, um die Erosion aufzuhalten.

Ein Kommentar

  1. Man sollte sich, als unterklassiger Verein, wirklich Gedanken darüber machen ob man nicht seine Fussballabteilung auflösen soll damit mal ein Zeichen gesetzt wird dass man sich nicht alles bieten lassen muss.
    Grindel und Koch interessiert doch unterhalb der 1. Liga und 2. Liga, mit Abstrichen noch 3. Liga sowieso nichts.

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