ZEITSPIEL

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KLARTEXT: Politik im Stadion? Zum Kniefall der Hertha

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Politik gehört nicht ins Stadion?

Von Roman Kolbe

Der Kniefall der Mannschaft von Hertha BSC als Zeichen des Protests gegen die Trump-Politik hat wieder einmal eine Diskussion entfacht. Gehört Politik ins Stadion?

Selbst wenn man der Meinung sein sollte, Politik gehöre in kein Stadion, so ist eine Umsetzung dieser Vorstellung völlig utopisch – wahrscheinlich genauso utopisch wie die Umsetzung der reinen Form des Kommunismus: alle sind gleich und sollten gleich behandelt werden. Doch wenn man alle gleich behandelt, behandelt man dann Teile der Gesellschaft nicht sofort auch wieder ungerecht? Wird man allen gerecht, wenn man sie gleich behandelt? Sollen Kranke und Gehandicapte wie Gesunde behandelt werden? Alleinerziehende wie Großfamilien? Und was ist mit Singles und kinderlosen Paaren?

Gleichheit ist nicht immer sofort auch gleichzusetzen mit Gerechtigkeit. Und was gerecht ist, muss eine Gesellschaft definieren.

Politik ist Gesellschaft. Sport ist Gesellschaft. Wie will man das voneinander trennen?

Fußball hatte schon immer eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Es dreht sich bei vielen – grad bei uns Fußballfans – oft um den Fußball. Um den Verein. Um den Freundeskreis beim Fußball. Im Fußball spiegelt sich die Gesellschaft wieder. Und natürlich auch die Politik.

Beim Profifußball werden inzwischen Milliardenumsätze bewegt. Die Vereine sind in ihrer Region zu wichtigen Arbeitgebern geworden, viele Branchen wie Hotelerie und Gaststätten sind auf die Fußballvereine angewiesen. Hier sind viele (geschäftliche) Interessen im Spiel – und Interessen werden politisch gelenkt.

Auch viele Politiker sind sich der gesellschaftlichen Bedeutung des Fußballs bewusst und sonnen sich gern im Erfolg so mancher Fußballmannschaft. Angela Merkel in der Kabine der Nationalmannschaft, Martin Schulz mit 1. FC Köln-Schal oder früher Jürgen Möllemann mit FDP-Fallschirm im Parkstadion.

Die gesellschaftliche Verantwortung der Vereine spiegelt sich auch im Engagement bei Fan-Projekten wieder: Gewaltprävention ist eines der wichtigsten Themen. Jugendliche mit sozialen Themen beschäftigen und sie von „dummen Gedanken“ abhalten. Auch das ist Politik. Und Sport.

Zu Trump und dem Berliner Kniefall: Die Trump’sche Politik lässt ja in der Tat stark zweifeln. Kann das richtig sein, aus einem gemeinsam verabschiedeten Klimaabkommen auszusteigen? Ist es sinnvoll, den politischen Gegnern mit Atombomben zu drohen? Oder eine medizinische Grundversorgung der Bevölkerung einzuschränken? Und ist das vor allen Dingen auch gerecht? Ist es gerecht, dass Trump die Football Clubs auffordert, „jeden dieser verdammten Hurensöhne zu feuern“, die nicht beim Absingen der amerikanischen Hymne stehen, sondern knien?

In den USA regt sich lauter Widerstand, der nun auch bis nach Berlin geschwappt ist. Die Hertha-Mannschaft zeigte Solidarität. Das Echo darauf ist gespalten. Die einen finden es gut, die anderen kritisieren vor allem, dass es eventuell aus Marketinggesichtspunkten erfolgt ist.

Spielt das eine Rolle? Spielt es eine Rolle, wenn jemand etwas Gutes tut, dass er es auch aus ganzem Herzen tut? Und eben nicht mit Nebengedanken des Marketings?

Ich kann diese Frage nicht eindeutig für mich beantworten. Wenn etwa ein superreicher Mensch einem Obdachlosen 100 Euro schenkt, dann ist das zwar zunächst eine „gute Tat“, aber wenn der sich dann auch noch dabei filmen lässt, das für sein eigenes Marketing verwendet, dann finde ich das zumindest bedenklich.

War die Aktion der Hertha nun eher gut oder eher schlecht? Ich glaub‘, das muss jeder für sich bewerten. Ich fand sie tendenziell eher gut. Auch weil ich die Aktion höher bewerte als irgendeinen Marketingaspekt dahinter. Und weil ich überzeugt bin, dass Politik auch ins Stadion gehört. Glückauf!

2 Kommentare

  1. Sagen wir es doch so. Nicht jede Politik gehört ins Stadion! Diese schon. Eine derartige, symbolistische, Solidaritätsbekundung unter Ausschluss der Öffentlichkeit wäre keine.

  2. Politik gehört per se nicht ins Stadion. Es geht überhaupt nicht um die Frage, ob die Absicht gut oder schlecht ist. Bedenklich finde ich, dass damit im Grunde ein Meinungsdruck entsteht und ein Gruppenzwang ausgelöst wird. Was, wenn bei Hertha z.B. ein Trump-Anhänger sich nicht outen will und nur mitmacht, um nicht in der Öffentlichkeit verbrannt zu sein? Politik muss beim Inidivuum bleiben, damit nicht am Ende ein Deklarimus entseht, der selbst damit andere ausgrenzt.

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