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KLARTEXT Oberligafußball live? Kein Letzter macht die Kamera aus!

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Klartext:  Kein Letzter macht die Kamera aus

Von Frank Willig

Alljährlich im März nimmt der Niedersächsische Fußballverband (NFV) die Spielstätten der Oberliga Niedersachsen unter die Lupe. Die Prüfung ist Teil des Zulassungsverfahrens zur kommenden Oberligasaison und soll gewährleisten, dass der Ground für die Zuschauer rundum sicher ist, sodass niemand bei den Partien der fünften Liga zu Schaden kommen kann. Ein durchaus hehres Unterfangen – auch wenn es nominell immer weniger werden, die auf den Rängen des ambitionierten Amateurfußballs Schiffbruch erleiden könnten.

Die Zuschauerzahlen in Niedersachsens höchster Liga sind seit Jahren zuverlässig rückläufig. Allein in den vergangenen fünf Serien hat sich die Zahl mehr als halbiert, gerade einmal noch etwas mehr als durchschnittlich 220 Unentwegte konnten 2015/16 pro Begegnung in den Stadien aufgespürt werden.

Die zumeist ohnehin schon klammen Vereine kostet der negative Trend natürlich weiteres Geld, und um dieses an anderer Stelle wieder einspielen zu können, tut sich nun eine Möglichkeit auf: die neue Partnerschaft zwischen NFV und dem Kommunikationshaus _wige Media AG.

Das Tandem hat sich auf die Fahne geschrieben, den Amateurfußball zu fördern und startet vorerst in den Bayernligen Nord und Süd sowie in der Oberliga Niedersachsen (inklusive der niedersächsischen Regionalligisten) einen halbjährigen Testballon. Bewegte Bilder von den Spielen – und bald noch von etlichen mehr – sollen schon ab der Rückrunde in die weite Welt gesendet werden. (Presseerklärung des NFV)

Um dies zu bewerkstelligen, wird sich hochmoderner Techniken bedient. Es soll, man höre und staune, Material aus der israelischen Sicherheitstechnik in die teils staubigen Oberliga-Kampfbahnen geschraubt werden.

Sechs Meter über Normal-Grasnarbe-Null soll dauerhaft eine mit vier Objektiven bestückte 180-Grad-Kamera installiert werden und Bewegungen auf dem Raseneck überwachen. Das „Vierauge“ steht dabei via Internet in engem Kontakt mit dem alle Anstoßzeiten kennenden Portal fussball.de und springt 15 Minuten vor dem Anpfiff der Begegnung automatisch an. Zu sehen sein werden die produzierten Bilder über die werbefinanzierte Plattform sporttotal.tv, Herzstück der Superkamera ist eine sagenumwobene Software, welche das Spielgeschehen detailliert abscannt und es live auf Smart TV, Handy oder auch am Ende der Welt im Trump Tower flimmern lässt. Für den Konsumenten eine prima Sache – und noch dazu für lau.

Als auf dem Oberliga-Staffeltag am vergangenen Wochenende in Barsinghausen beim NFV dessen Präsident Karl Rothmund nach Vorstellung des revolutionären Systems durch _wige-CEO Peter Lauterbach ein Meinungsbild unter den anwesenden Vereinsvertretern abfragte, konnten sich spontan gut zwei Drittel der Klubs mit der neuen Technik anfreunden. Was in Gaza funktioniert, tut es hier offensichtlich auch.

Zumal es dem Klub in wenigen Stunden zehntausendfache Klicks und überregionales Interesse verleihen könnte, wenn ein außergewöhnliches Tor von den Kameralinsen des Nahen Ostens online gestellt wird. So prophezeite es jedenfalls Peter Lauterbach. Nur: Bisher machen sich derlei Torszenen im Netz noch vergleichsweise rar, mit dem neuen System würden sie zur Regelmäßigkeit, verteilten sich die Klicks den Naturgesetzen folgend auf tausende ähnliche Spielszenen.

Und einen ganz gewaltigen Haken dürfte die neue Technik dann wohl in jedem Fall mit sich bringen: Es würden künftig noch weniger Zuschauer in die ohnehin bald leeren Spielstätten pilgern.

Ich kann natürlich nur für „meinen“ Verein sprechen, den Oberligisten SV Arminia Hannover. Dem Norddeutschen Meister von 1920 würden nur wenige Prozent weniger Zuschauer ganz schön weh tun.

Noch ist bei den Vereinskoordinaten Bischofshol alles vorhanden: ein schmuckes Stadion mit beinahe 100-jähriger Tradition, immerhin knapp 350 Zuschauer im Schnitt und belastbare Anhänger, die auch in der Fremde anzutreffen sind, um das Spiel der Ihrigen vor Ort zu verfolgen. Gibt ja auch keine Alternative.

Brief und Siegel, dass geschätzte zwei Drittel der Auswärtspiloten bei einer kostenfreien Live-Übertragung via Internet nicht mehr regelmäßig auf die Reise gehen würden. Geldmangel, zeitliche Gründe, ein dicker Saufkopp vom Samstagabend: Da überlegt der eine oder andere nicht zweimal, ob er sich den Trip von Hannover nach Spelle spart und lieber mit dem Handy auf dem Sofa lungert. Für Heimspiele gilt das analog.

Merken werden das zuvorderst und unmittelbar die eigenen Spieler – weil die Unterstützung leiser werden wird. Merken wird es aber auch beispielsweise der Speller Schatzmeister – bei dem 30 fehlende gegnerische Auswärtsfahrer den Ticketabsatz schon um mehr als zehn Prozent schrumpfen ließen. Beim TB Uphusen wären es gleich 20 Prozent.

Gar vereinsgefährdend würde es sich auswirken, wenn finanzielle Unterstützer ob der schwindenden Zuschauerzahlen und der sich damit zwangläufig verschlechternden Atmosphäre um das Spiel herum dem Verein den Rücken kehrten – weil sie nicht mehr fänden, was den Fußball während des Spiels und nach dem Abpfiff mit ausmacht. Auch sie würden sich über den Zwischenschritt „TV-Übertragung“ vom Verein abseilen.

Der auf dem Staffeltag von Peter Lauterbach angesprochene und dagegen gehaltene Mehrwert für die Klubs, dass Vereinsponsoren in einem größeren Radius zu sehen sein würden und damit höhere Sponsoringeinnahmen erzielen könnten, dürfte dies nicht annähernd auffangen. Was interessiert es beispielsweise Bäckermeister Krause aus Bersenbrück, ob seine Werbebande in einem Kaff bei Göttingen übers Tablet flimmert?

Und etwaige Zahlungen an die Vereine für deren Übertragungsrechte sind aktuell ohnehin kein Thema. Schließlich muss _wige Media schon tief genug für die israelische Technik in die Tasche greifen und unterstützt die Vereine damit quasi ehrenamtlich. „Kohle bekommt ihr für die Übertragungen zwar keine, aber ihr könnt euch und eure Sponsoren über die TV-Möglichkeit super selbst vermarkten!“ Was dazu wohl die Bayern oder der BVB sagen würden …

Es ist wie immer in der Menschheit: Was technisch geht, wird auch gemacht. Wenn man Mutanten unter der Erde züchten kann, dann wird es gemacht. Und wenn die Technik eine vollautomatische Übertragung von zahllosen Spielen ermöglicht, dann wird es ebenfalls gemacht. Beziehungsweise: soll gemacht werden – denn die Teilnahme der niedersächsischen Oberliga-Klubs an den Übertragungen ist (derzeit noch) freiwillig.

Die Vereine müssen sich nun zeitnah überlegen, ob sie mitmachen wollen oder nicht und sich beim Verband zurückmelden. Zu hoffen ist, dass die Verantwortlichen in den Entscheidungsprozess nicht nur kurzfristige, sondern auch langfristige Gedanken einfließen lassen; ob der Einsatz der neuen Technik für den Klub nachhaltig (!) förderlich sein könnte, bevor sie sich den Zauberlehrling ins Haus holen. Was hat ein Verein für einen Mehrwert, wenn Halbinteressierte am Strand bewegte Bilder empfangen können?

Die Klubs bekommen jedenfalls über die Technik nichts geschenkt. Der Antrieb bei der _wige Media AG ist selbstverständlich das Geld. Das ist ja auch normal und nicht verurteilenswert. Der Messias des Amateurfußballs, der wie Sankt Martin den Mantel teilt, sind sie aber sicher nicht. Und auch der Antrieb des NFV ist das Geld, auch, wenn nach Aussage von Karl Rothmund keine direkten Zahlungen zwischen der _wige Media AG und dem Verband fließen. Doch stehen weitere und größere Partner des DFB hinter der Idee und könnten den Druck im Kessel erhöhen.

Nun gäbe es auch zunächst einmal die Möglichkeit für die Vereine, die neue Technik auf Zeit als erwähnten Testballon auszuprobieren. Doch selbst dies sollte gut überdacht werden. Denn auch wenn die Anlagen wieder abgebaut werden könnten, zeigt die Erfahrung: Was erst einmal steht, das bleibt zumeist auch da.

Bei allen Bedenken: Eine charmante Sache hätte es schon, wenn nur noch wenige oder im Idealfall sogar keine Zuschauer mehr die Oberliga-Spiele besuchten. Die lästigen Stadion-Prüfungen im Rahmen des Zulassungsverfahrens könnten ad acta gelegt werden – es wäre niemand mehr da, der sich verletzen könnte.

Und die vieräugige Kamera? Die schaltet sich nach Spielschluss ohne menschliches Zutun automatisch wieder ab. Man braucht also noch nicht einmal mehr einen „Letzten“, der sie ausmacht – und das Licht im Stadion gleich mit …

Nicht weiter ausdünnbar: Der Lahmann-Hügel beim niedersächsischen Oberligisten SV Arminia.

Nicht weiter ausdünnbar: Der Lahmann-Hügel beim niedersächsischen Oberligisten SV Arminia. (Foto: Frank Willig)

Ein Kommentar

  1. Kein Letzter macht die Kamera aus

    Im Klartext wieder alles richtig dargestellt. Interessant wäre noch zu wissen, wie viel denn die Vereine dafür wieder an den Verband zahlen müssen. Es sieht ja fast so aus, als wenn in der Testphase die Vereine dafür keine Kosten übernehmen müssen. Den letzten zwei Absätzen ist nichts, aber wirklich gar nichts hinzuzufügen.
    Weiter so mit der Berichterstattung!!!!!!!!!!!!!

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