ZEITSPIEL

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KLARTEXT: Kritiker bitte zu Hause bleiben!

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KLARTEXT: Kritiker bitte zu Hause bleiben!

von Frank Willig

 

„Sie können gerne zu Hause bleiben“, raunzte Hannover-96-Chef Martin Kind nach dem 2:0-Sieg seines Klubs gegen den HSV am letzten Freitag. Gemeint waren die Ultras der „Roten“, die ihren Stimmungsboykott fortgesetzt hatten, den Block mit dem Abpfiff schnurstracks räumten und die Mannschaft beim Feiern zurückließen. In Kreisen der Hannover-Ultras und deren Umfeld ist man unzufrieden mit der Entwicklung von 96, entkoppelt vom derzeitigen sportlichen Erfolg. Die Aufhebung von 50+1 treibt vielen Sorgenfalten auf die Stirn; Präsident Kind ist seit über 20 Jahren Unterstützer des Klubs und derzeit dabei, die Profiabteilung komplett unter seine eigenen Fittiche zu nehmen. Die künftige Ausgestaltung von Hannover 96 liegt fortan in den Händen Kinds, der Einfluss des Vereins in Bezug auf mögliche Investoren ist gesunken.   

Während der Partie gegen den HSV hatten die Ultras nun erneut gegen Kind und auch andere Zuschauer Stimmung gemacht. „Wenn sie schon einen Stimmungsboykott machen wollen, dann sollen sie wenigstens ruhig bleiben und die anderen Fans Stimmung machen lassen“, echauffierte sich 96-Sportdirektor Horst Heldt. Die hannoversche „Neue Presse“ kommentierte das Geschehen gar als „Ego-Trip im Stadion“. Heldt ergänzte, dass die Mannschaft keine Politik mache und von Teilen der Fans komplett im Stich gelassen werde. Böse Ultras also!

Doch wer lässt hier eigentlich wen im Stich? Und aus welchem Grund? Und wo sonst sollen besorgte oder genervte Anhänger ihre Meinung kundttun wenn nicht im Stadion? Ohne selbst in der Ultra-Bewegung aktiv zu sein: Ich kann den Unmut nachfühlen. Sehr gut sogar, insbesondere in Zeiten, in denen die Summen im Fußball astronomisch steigen. Etliche Fans und Möchtegern-Fans haben sich erst im Sommer darüber aufgeregt, dass einfach zu viel Geld im Spiel sei. Und etliche haben es wenige Wochen später schon wieder vergessen. Insbesondere in Hannover, wo Tabellenplatz zwei momentan alles andere überdeckt und damit eine gute Ausgangsbasis geschaffen wurde, um Querdenkende endlich aus dem Stadion zu bitten. 
„Sie können gern zu Hause bleiben.“ Nachvollziehbar aus Martin Kinds Blickwinkel, denn letztlich stören nicht-konforme Meinungen und deren Unterstreichung im Stadion ja nicht nur andere Fußball-Konsumenten, sondern schlicht und einfach auch das Geschäft. Dies muss aber zu ertragen sein, so wie eine Demokratie auch unterschiedliche Strömungen aushalten können muss. Denn auch den Ultras „gehört“ nun einmal der Fußball; ebenso wie allen anderen im Stadion – inklusive der Klubführung. Im Gegensatz zu vielen anderen machen die Ultras im Fußballgeschäft aber keine Mark.

Hannover wird für den Fall der Vergabe nach Deutschland kein möglicher Spielort der EM 2024 sein, wie der DFB kürzlich bekanntgab. Beileibe kein Problem, doch Teile der Begründung für die Entscheidung contra Hannover wird den Sorgen vor dem Ausverkauf des Fußballs neue Nahrung geben: zu wenig 5-Sterne-Hotels in der niedersächsischen Hauptstadt, zu wenig VIP-Logen in der Arena, ein zu kleiner VIP-Bereich. Allein daran lässt sich ablesen, worum es im Profifußball hauptsächlich geht. Das ist natürlich nichts Neues und für sich genommen ja auch zunächst einmal kein Problem. Problematisch wird es nur dann, wenn Fußball-Fans anderer Fokussierung ihren Mund halten oder wegbleiben sollen.

Wie erwähnt, ohne Anhänger der Ultra-Kultur zu sein: Als Fußballfan freue ich mich über die standhafte Meinungsvertretung dieser Fangruppo. Warum sollen die Ultras den Unkritischen das Feld überlassen, wie von Horst Heldt vorgeschlagen? Warum sollen sie Heldt selbst das Feld überlassen? Ihm, der noch gar nicht da war und noch auf der Lohnliste von Schalke stand, als all der Ärger in Hannover bereits hochkochte und nun seine Zuspitzung erfährt. Wer wäre denn noch da und ließe H96 nicht im Stich, wenn es für den Klub mal wieder abwärts ginge? Horst Heldt? Die neu gewonnenen Fans, die bei dem aktuellen sportlichen Erfolg in Scharen kommen? Wohl kaum …

2 Kommentare

  1. Es geht nicht um den Umstand, dass demonstriert wird, sondern um das Wo und wie. Der Autor hat sich anscheinend nur oberflächlich mit der Thematik befasst.

  2. Auf den Punkt. Sehr gut.

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