ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT: Kommentar zu den „Football Leaks“

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Von Hardy Grüne

Turbulente Zeiten für den Fußball. Nicht nur wegen der neuen Rechercheergebnisse der „Football Leaks“, die Insider wohl eher weniger überraschten, die breite Öffentlichkeit aber frontal treffen.

Es brennt an allen Ecken und Enden. In Hannover versucht sich Martin Kind an einem gefährlichen Alleingang und steht vor der „Gefahr“, durch die Mitglieder des eigenen Vereins gestürzt zu werden. In München berufen sie sich auf das Grundgesetz, wenn es um Kritik geht und kritisieren gleichzeitig ehemalige Spieler unterhalb jeglicher Gürtellinie. In Berlin verhängt man Fahnen-, Transparent- und überhaupt-alles-Material-Verbote und hofft, damit die Pyromanen auf den Rängen auszuschalten. FIFA-Boss Infantino will schon 2022 mit 48 Teams um den WM-Pokal kicken – und weil das selbst für das superschwerreiche aber winzige Katar zu viel ist, hofft er, Katars Erzfeind Saudi Arabien mit ins Boot zu holen. Es wird spekuliert, dass der smarte Schweizer damit klammheimlich auf den Friedensnobelpreis schielt. Ach ja, und in Brasilien hofieren hochdotierte Fußballstars einen Politiker mit offenen Sympathien für die Militärdiktatur und offenkundigen Defiziten im Umgang mit Frauen, Schwulen und Lesben und anderen, das ist jetzt provokativ gemeint, „Randgruppen“.

Mitten drin der Fußball, der sich längst weit von seiner Basis entfernt hat und in seiner eigenen Blase lebt.

Soweit nichts Neues. Die Träume von einer „Europaliga“ sind uralt, und wie der geschätzte Kollege Dietrich Schulze-Marmeling in einem Kommentar schrieb, erfolgte schon die Einführung des Europapokals der Landesmeister 1955 auf Initiative einiger vermögender Großklubs und war flankiert von der französischen Sportzeitung „L’Équipe“. Eine „private Revolution“ im Fußball ist also nichts Neues.

Und doch sind die Zeiten beunruhigend, denn wie in der Politik erodiert das Vertrauen im Fußball. Durch die schiere Masse an Vorfällen in den letzten Monaten, durch das Desinteresse nachwachsender Generationen, die mit Fernsehfußball aufwuchs und deren Bindung zu einer Mannschaft oft fragil ist. Vielen von uns kommt zunehmend der Glaube abhanden, dass die Großklubs und die Verbände auch den „kleineren“ Fußball in ihrem Blick haben. Und mit „kleinerem Fußball“ ist jetzt nicht etwa Borussia Neunkirchen gemeint, und auch nicht der VfL Bochum, sondern Klubs wie Schalke 04, Tottenham Hotspurs, Olympique Lyon oder Ajax Amsterdam. Vereine, die im Falle der Gründung einer Super League der Unabsteigbaren international zweitklassig würden und vermutlich auf Ewigkeiten keine Chance mehr hätten, in die Belle Etage aufzurücken. Die gegenwärtige Revolution spielt sich auf diversen Ebenen ab und bietet unterschiedliche Perspektiven der Betrachtung.

Das muss nicht zwangsläufig im Debakel enden, denn die aktuelle Entwicklung kann auch eine Chance auf einen Fußball sein, den viele von uns wieder etwas mehr mögen als das aktuelle Glitzer- und Kommerzgehabe. „Sollen sie doch raus und unter sich kicken, dann wird die Bundesliga wieder spannend“, heißt es in allen Foren. Und zwar in Deutschland, in England und in Frankreich – vermutlich auch in vielen anderen betroffenen Ländern. Dem mag so sein, doch ganz so einfach ist es dann auch nicht, denn wir sollten den bereits seit längerem laufenden Erosionsprozess an der Fanbasis nicht übersehen. Es ist in meinen Augen Irrglaube, dass der Zuschauerzuspruch in Zukunft einfach so weitergeht wie bisher. Der Fußball lebt hierzulande bereits von seiner Substanz, die Wachstumsraten holt man sich anderswo.

Fußball wird nie wieder das sein, was er einmal war, sagte sinngemäß der Vertreter der „kleinen Klubs“ Europas in der ARD-Dokumentation über die Football Leaks. Dem muss man zweifelsohne zustimmen. Fußball IST schon nicht mehr das, was er einmal war. Das ist ohne Wertung gesagt, denn zur Entwicklung gehören immer auch Evolution und das Aufgeben vertrauter und manchmal auch geliebter Dinge. Als ich in den frühen 1970er-Jahren zum Fußball kam war das nicht anders als heute, und die damals 50-Jährigen hatten ähnliche Verständnisprobleme mit der nachwachsenden Generation. Neben Football Leaks und all den anderen angesprochenen Dingen hat sich auch die Gesellschaft verändert. Wir gucken unsere Filme heute auf Netflix und nicht mehr zu festen Sendezeiten auf ARD oder ZDF. Wir gehen in modernste Stadien mit Plüschsesseln und VIP-Loungen, erwarten auch als Stehplatzzuschauer saubere Klos und eine breite Angebotspalette am Buffet und selbstverständlich, dass unser Klub nicht nur seine Leistungsträger behält sondern jedes Jahr einen neuen Hoffnungsträger irgendwo aus der Welt verpflichtet. Als Borussia Dortmund 1966 den Europapokal der Pokalsieger gewann, standen mit Ausnahme von Siggi Held nur Akteure im Team, die aus dem Großraum Dortmund kamen.

Wir sollten unsere Vorstellungen von einem „früher war alles besser“ aufgeben und uns mit Realismus und Tatkraft der Gegenwart stellen. Die Gleichung „Bier, Bratwurst, Fußball“ steht jetzt schon in den Geschichtsbüchern. Sie kann nicht die Zukunft des „großen“ Fußballs sein. Sie kann aber eine Orientierungslinie sein. Authentisch, weniger aufgeblasen und sich bedeutend weniger systemrelevant fühlen – das ist das, was ich aus den Wünschen vieler Fans immer wieder heraushöre. Das gilt in jedem Fall für die Generation der 40- bis 70-Jährigen, zu der auch ich zähle. Doch um den Fußball zukunftsfähig zu entwickeln, braucht es die jüngere Generation, und die sieht die Dinge einfach anders. Das sollten wir zur Kenntnis nehmen und der Evolution des Fußballs ihren Lauf lassen. Und zwar als aktive Gestalter und nicht nur passive Konsumenten, wie so viele von uns es doch zugegebenermaßen sind. Es reicht nicht, die Verhältnisse im Fußball zu beklagen und sich dann schlicht mit seinem überteuerten Bier im viel zu dünnen Plastikbecher auf die Tribüne zu setzen und über die Herren Millionäre da unten zu meckern.

Ebenfalls nötig: eine Entromantisierung des Fußballs in den unteren Ligen. Rot-Weiß Erfurt steht vor dem Aus. Beim Chemnitzer FC erwartet der Insolvenzverwalter den Einsatz von Steuergeldern als „Auflaufprämie“ und begründet das u. a. mit Maßnahmen gegen den politischen Rechtsruck. Die Überhöhung des Fußballs ist auch dort anzutreffen – ebenso wie ungeahnte Verstöße gegen das Financial Fair Play. In England hat der kleine Provinzverein Forest Green Rovers zwischen 2012 und 2017 ein Einkommen von 6,4 Millionen Pfund erzielt – an seine Spieler aber im gleichen Zeitraum 11,3 Millionen Pfund ausgezahlt. Ziel war der Aufstieg in die Football League. Und geht man noch tiefer, wird es nicht besser. Denn es ist zwar eine wunderbare und inzwischen ja auch üppig erzählte Story, dass in der Kreisliga der Bierkasten schon während der Halbzeit in der Kabine steht, in der Realität aber wird bis in die zweitunterste Spielklasse darum gerungen, wieviel Geld ein Akteur für seinen Hobbyfußball bekommt und wie der kleine Dorfverein die Mittel dafür auftreibt (dazu haben wir übrigens eine Story in der kommenden Ausgabe #13).

Auch „Erfolgsgeschichten“ wie die von München 1860 würde ich gerne mit Vorsicht genießen. Da spiegelt sich einerseits die Sehnsucht vieler nach „wie früher“ wider, gleichzeitig ist das Modell aber nicht so wahnsinnig unterschiedlich. Denn schaut man sich die letzte Saison beispielsweise aus den Augen von Schweinfurt 05 an, die über Nacht einen übermächtigen Konkurrenten in der Liga hatten , zeigen sich gewisse Ähnlichkeiten. Wobei Unterschiede in der finanziellen Ausstattung der Vereine nun mal zum Fußball dazugehören. Das war übrigens auch im realsozialistischen Spielsystem der DDR nicht anders.

Klingt alles ziemlich pessimistisch und auch ein bisschen fatalistisch. Aber um Dinge zu ändern ist es zunächst notwendig, das eigene Wolkenkuckucksheim zu verlassen und sich den Realitäten zu stellen. Und das gilt für uns „ältere“, die wir der „guten alten Zeit“ nachtrauern, ebenso wie für die Jüngeren, die zwischen dem Glitzerfußball auf dem Smartphone und der Bratwurst beim Kreisligakick pendeln und für die eine auf die Lebenszeit festgeschriebene Fixierung mit der eigenen (bevorzugt lokalen) Mannschaft eine unverständliche Marotte ist. Nebenbei sei auch noch gesagt, dass der Unterhaltungswert von Mannschaften wie PSG oder Manchester City ja tatsächlich so hoch ist wie vielleicht noch nie in der Fußballgeschichte. Mich persönlich interessiert das nun zwar nicht, das gibt mir aber nicht das Recht, diese völlig andere Art der Inszenierung von Fußball gleich abzulehnen.

In diesem Sinne: Fußball für alle!

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