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KLARTEXT: Fußball „nach Dortmund“

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KLARTEXT

Von Martin Krauß

 

Nun also „nach Dortmund“.

Schon wieder muss der Fußball weiterrollen.

Wie er schon nach den Anschlägen von Paris während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland im November 2015, als dann das folgende Spiel in Hannover kurzfristig abgesagt wurde, weiterrollen sollte. Wie schon nach den Attentaten von Brüssel im März 2016, als unbedingt kurz darauf in Berlin das Spiel der DFB-Auswahl gegen England steigen musste. Das, so ist allerorten zu hören, sei ein politisches Zeichen. Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus, also auf die Spieler von Borussia Dortmund heißt es wieder: Es sei ganz wichtig, dass die Fußballspiele stattfinden. Der Terror, von dem derzeit noch gar nicht bekannt ist, wer ihn in Dortmund ausgeübt hat, sei doch eine Kriegserklärung gegen unsere Art zu leben. Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer des BVB, hatte sich prompt bei der Mannschaft bedankt, „dass sie sich zur Verfügung stellt“. Sie tue dies, so Watzke, „weil unsere Demokratie und unsere freiheitliche Grundordnung auf dem Prüfstand stehen“.

Unsere Freiheit, unsere Demokratie, unsere freiheitliche Grundordnung, so muss man also vermuten, ist vor allem: anderen Menschen die Anweisung zu geben, gefälligst Fußball zu spielen! Befehlsempfänger der zumindest moralisch besseren Gesellschaft sind junge Männer, die als Vorbilder fungieren sollen. Wer sagt, die westliche Gesellschaft müsse ihre Liberalität weiter ausleben, meint mittlerweile: Die Fußballer sollen das tun. Nun, „nach Dortmund“, regt sich leiser Protest gegen diesen arg paternalistischen Umgang mit jungen Erwachsenen. Dortmunds Trainer Thomas Tuchel sagte, er und die Mannschaft hätten die Terminansagen der Uefa „als sehr ohnmächtig empfunden“. Den Spielern und ihm sei zu verstehen gegeben worden, „dass wir zu funktionieren haben“. Tuchel weiter: „Wir wurden von der Uefa behandelt, als wäre eine Bierdose gegen unseren Bus geflogen.“ Nuri Şahin, Mittelfeldspieler des BVB, sagte nach dem letztlich verlorenen Spiel gegen Monaco: „Ich weiß, dass wir sehr viel Geld verdienen, ein privilegiertes Leben haben. Aber wir sind auch nur Menschen, und es gibt sehr viel mehr als Fußball auf dieser Welt. Das haben wir vergangene Nacht gefühlt.“ Und Torsten Frings, mittlerweile Trainer bei Darmstadt, nannte die unsensible Spielansetzung eine „Frechheit“, er selbst hätte unter diesen Bedingungen nicht gespielt.

Wenn in beliebten Urlaubsorten und -ländern Serien von Anschlägen geschehen, sorgt das für massenhafte Stornierung von Flügen und Hotelbuchungen. Das ist naheliegend und niemandem, der es storniert, vorzuwerfen. Irritierend ist aber, dass diese Entscheidung, einen Ort der Gefahr aufzusuchen oder zu meiden, Fußballern nicht zugebilligt wird. Die Freiheit muss verteidigt werden, heißt es, aber nicht, in dem die Gesellschaft selbstbewusst die Freiheit auslebt. Sondern vielmehr wird so getan, als werde unser Way of Life vor allem durch die Fernseh-Liveübertragung eines Champions-League- oder Länderspiels verteidigt.

Seit gemunkelt wird, der Sport und ganz konkret der Fußball fördere das friedliche Zusammenleben, glaubt jeder, dem Sport Vorschriften machen zu dürfen. Dass sich im Pariser Stade de France Selbstmordattentäter während des Spiels Frankreich gegen Deutschland in die Luft sprengten, dass es in Hannover vor dem Deutschland-Niederlande-Spiel realistische Drohungen gab, dass zur gleichen Zeit in Bagdad 29 Menschen in einem Stadion ermordet wurden, dass BVB-Verteidiger Marc Bartra am vergangenen Montag einer Not-OP unterzogen werden musste und er wie all seine Kollegen unter Schock stand – all das wird von der hiesigen Öffentlichkeit zwar zur Kenntnis genommen, aber in einem Sinn, der dem Fußball eine Art Stellvertreterfunktion beimisst: Junge Gladiatoren in kurzen Hosen haben in die Arena zu schreiten und für uns die anstehenden Kämpfe auszufechten.

Es drückt sich hier die Vorstellung aus, Fußballspieler seien von uns bezahlte Marionetten. Sie hätten keine eigene Meinung, sie seien mal für eine gute, mal für eine schlechte Sache in Gebrauch. Das aber ist eine sehr hässliche und sportler- (und damit: menschen-)feindliche Vorstellung. Und mit einem halbwegs realistischen Sportverständnis hat sie auch nichts zu tun: Sport ist nämlich Produkt dieser Gesellschaft: so liberal und so rassistisch wie diese, so mutig und so feige, so schön und so hässlich. „Nach Dortmund“ kam ganz schnell die Spielansetzung: Keine 24 Stunden später wurde gespielt, das wurde mit der Freiheit, die gegen den Terror verteidigt werden müsste, verteidigt. So ganz nebenbei wurde der enge und für die Uefa sehr lukrative Fernsehzeitplan der Champions League gerettet.

Mit diesem Hinweis soll das hehre Ziel, eine freiheitliche Gesellschaft zu verteidigen, nicht denunziert werden: Ob Fußballspiele oder Weihnachtsmärkte oder Flughäfen – jeder Mensch soll das betreten dürfen, das er möchte. Nur, jeder Mensch heißt eben auch: jeder Fußballer. Und die Freiheit, die verteidigt wird, ist eben auch die, selbst zu entscheiden, ob man sich einer Gefahr aussetzt. Was man „nach Paris“, „nach Brüssel“ und „nach Dortmund“ endlich begreifen sollte ist, dass Profifußballer freie, eigenverantwortliche und selbstbewusste Menschen sind, die nicht zu gängeln sind. Nicht für die Fernseheinnahmen der Uefa und nicht für die Freiheit.

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