ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Klartext: Empört Euch!

| Keine Kommentare

KLARTEXT: Empört Euch!

Von Hardy Grüne

„Krieg dem DFB“. Man wünscht es sich etwas kleiner. Und dass der martialische Grundtenor nicht auch noch durch Pyro, Gesichtsmasken und eindeutigen Gesten unterstrichen würde. So fällt es schwerer, dem durchaus nachvollziehbaren Kern der Sache seine Zustimmung zu erteilen.

Vielleicht wäre ein „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ passender. Zumal Georg Büchner damit 1834 die sozialen Missstände seiner Zeit verurteilte – und um die geht es indirekt auch in der aktuellen Diskussion im Fußball, die in rasantem Tempo ihren Bezugsrahmen verliert. „Krieg dem DFB“ auf der einen Seite, „hohe kriminelle Energie“ auf der anderen Seite. Die Fronten sind zunehmend verhärtet.

Als Beobachter und gemeiner Fan steht man dazwischen und droht zerrieben zu werden. Mag die selbsternannten DFB-Krieger mit ihren Sturmhauben und feuchten Pyro-Träumen nicht unterstützen, teilt zugleich aber die inhaltliche Kritik am DFB als stellvertretendes Objekt für den Wandel des Fußballs insgesamt. Eine Diskussion, die längst ausgeartet ist. Wer mit den Pyrokriegern argumentiert, wird aus ihr ausgeschlossen, da er es angeblich mit „kriminellen Banden“ hält. Wer die Entwicklung im Profifußball kritisiert, kommt wahlweise in die Schublade des „Anti-Kapitalisten“ oder des „Traditionalisten“ und verwirkt sein Recht auf Meinung und Stadionbesuch, da „der Profifußball nun mal kapitalistisch“ sei. Nachgetreten wird dann auch noch, denn im Fußball sei doch eh längst „bis in die Kreisklasse alles von Geld verseucht“.

Das erinnert mich an die Zeit, in der ich zum Vegetarier wurde. Das ist rund 35 Jahre her. Damals erregten die Grünen um Petra Kelly die Nation. Als angehender Vegetarier, motiviert von einigen Schlachthof-Besuchen, blieben mir im gesellschaftlichen Kontext exakt zwei Möglichkeiten: ganz oder gar nicht. Ganz hieß, zwar auf Fleisch verzichten zu dürfen, dann aber zwingend auch allen anderen Errungenschaften der Moderne ade zu sagen: Auto fahren, der Umwelt in welcher Form auch immer Schaden zufügen oder auch nur zum Fußball zu gehen, denn da waren damals vermeintlich nur Proleten und Nazis. Als Vegetarier hatte ich hundertprozentiges Vorbild zu sein – oder war unglaubwürdig.

Als Kritiker der aktuellen Fußballstrukturen geht es mir nun wieder ähnlich. Wem unwohl dabei ist, dass vermögende Einzelpersonen ihre Dorfklubs oder selbstgegründeten Fußballunternehmen an allen vorbei in die Champions League hieven können oder wem die absurden Transfersummen und die immer flächendeckendere Kommerzialisierung bedrohlich erscheint, gerät in die Erklärungsfalle. „Die Entwicklung kann man nicht aufhalten“, wird einem naseweis vorgehalten. Ende der Diskussion. Das ist eine Einstellung, die an Lemminge erinnert und dem Fußball Schaden zufügt. Denn wenn ausschließlich diejenigen die Regeln bestimmen, die die Deutungsmacht haben – und das sind in unserer Welt nun mal oft diejenigen, die Geld, viel Geld haben – und die breite Masse nur ergeben hinterhertrottet, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn Helene Fischer die Halbzeitshow beim Pokalfinale machen darf oder der FC Bayern eine Agentur beauftragt, eine Choreo zu organisieren. Denn so sieht der Fußball aus Sicht der VIP-Loge, in der Fußball lustiger Zeitvertreib zwischen zwei Geschäftsdeals ist, aus. Yves Eigenrauch sprach kürzlich von „professioneller Kommerzialisierung“. Das trifft den Kern ziemlich gut.

Es ist naiv zu glauben, die Entwicklung ließe sich umkehren oder auch nur aufhalten. Um mit Erich Honecker zu sprechen: „Den Kommerz in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Esel auf“. Und die Entwicklung des Fußballs seit den 80er-Jahren hat ja zweifelsohne auch viele begrüßenswerte Aspekte. Zugleich ist es aber auch naiv zu glauben, man könne die Schrauben der „professionellen Kommerzialisierung“ endlos anziehen, ohne dass sich die Rahmenbedingungen verändern. „Krieg dem DFB“ und das Pfeifkonzert von Berlin sind zwei Konsequenzen, die zeigen, dass der Wendepunkt erreicht ist.

Fußball verliert den Kontakt zu einem Teil seiner Basis. Nicht nur durch den allgegenwärtigen Kommerz, nicht nur durch die katastrophalen Zustände von Organisationen wie FIFA, UEFA und DFB, nicht nur durch den „Krieg“ zwischen entrückten Funktionären und hinter Sturmhauben versteckten Fansoldaten, deren Interesse am Fußball beiderseits selbstsüchtig ist. Die Rasanz der Entwicklung geht zu schnell und betrifft zu viele Felder und einstige Nischen. Selbst der hochgejazzte „Tag der Amateure“ nervt inzwischen. Weil er wie eine Konfettikanone etwas befeiert, das über Jahrzehnte selbstverständlich war und in den letzten Jahren unter der Monopolisierung des Spitzenfußballs derart unter Druck geriet, dass er nun „von oben“ in einem Akt der Gnade hervorgehoben werden muss. „Seht her, wir feiern unsere Amateure, die echten Profis.“ Tatsächlich ist er aber nur ein Feigenblatt; wenngleich – das soll an dieser Stelle hinreichend gelobt werden – der Amateurfußball unterm Strich insgesamt davon profitiert.

Doch die Lachs-Häppchen genießt man zu allererst beim x-ten „German clasico“ zwischen dem FC Bayern und dem BVB, jüngst sogar erstmals in seiner Variante als U19-Finale zu haben. Es ist auch diese Konzentration auf nur zwei nationale Fußball-Pole, die anstrengt. „Ich würde mir mal wieder ein Pokalfinale zwischen zwei normalen Klubs wünschen, statt CL-Truppe unter sich oder vs. Außenseiter“, twitterte 11Freunde-Chefredakteur Christoph Biermann am Wochenende. Meine (und vermutlich auch Biermanns) Facebook-Timeline war unterdessen geflutet mit Artikeln über Borussia Dortmund, der Jubelfeier von Borussia Dortmund und der tragischen Beziehung zwischen Borussia Dortmund und seinem Trainer. Süddeutsche, Zeit, Welt, FAZ, FR, Tagesspiegel – sämtliche Medien berichteten in Endlosschleife, als gäbe es nichts anderes in der (Fußball)-Welt.

Es braucht dringend konstruktive Korrekturimpulse, denn einer Handvoll Gewinnern stehen inzwischen viel zu viele Verlierer gegenüber. Wie diese Impulse aussehen können, demonstrierten Fans des Blackpool FC am Wochenende in England. Aus Protest gegen den Eigentümer ihres Klubs boykottierten sie das Play-off-Finale ihres Teams. Sie verzichteten aktiv auf das wichtigste Spiel der jüngeren Vereinsgeschichte, weil sie den Zustand ihres Klubs für nicht mehr tragbar halten. Nachhaltige Entwicklung ging ihnen vor kurzfristigem Erfolg. Englands Presse sprach von einer „Weichenstellung“.

Auch wenn es Romantik ist zu glauben, der Profifußball würde seinen eingeschlagenen Weg noch einmal verlassen, ist es dringend nötig, die lähmende Betroffenheit und Enttäuschung in der breiten Masse der Fußballfans endlich abzulegen. Wir müssen aufzustehen und uns engagieren, um zumindest die Möglichkeit einer anderen Fußballkultur zu wahren. Ob in der Bundesliga oder der Kreisklasse – empört Euch!

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.