ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

Klartext: Dürfen Kommerzfußballfans protestieren?

| 2 Kommentare

Klartext: Dürfen Kommerzfußballfans protestieren?

Von Hardy Grüne

Die Südtribüne von Borussia Dortmund ruft zum Boykott des Montagsspiels gegen den FC Augsburg auf und bekommt dafür viel Beifall. Auch von uns, denn wir sind der Ansicht, dass bei allem Realismus über die Chancen einer Umkehr der gegenwärtigen Entwicklung im Kommerzfußball ein Protest sichtbar, kreativ und schmerzhaft sein muss. Ausgedünnte Ränge vor TV-Kameras wären genau so ein begrüßenswertes Zeichen.

Und doch bekommen die BVB-Fans auch Kritik für ihren Protest. Pit Gottschalk schreibt in „Reviersport“: „So etwas tun wahre Fans nicht“. Das „Neue Deutschland“ fragt, wo die BVB-Fans waren, als in der 2. Bundesliga das Montagsspiel eingeführt wurde. Das war übrigens am 18. Oktober 1993, als viele der heutigen Südtribünengänger entweder noch im Babyalter oder noch gar nicht geboren waren.

Man muss auf diese Kritik nicht eingehen. Ketzerisch könnte man natürlich fragen, ob sich Pit Gottschalk, als er, noch in Diensten von „Sport-Bild“ ( bitte Fußnote beachten), von den Skandalen um die Vergabe der Fußball-WM 2006 erfuhr, im Sinne eines sauberen Fußballs eingesetzt hat. Damals hat das kaum jemand – schon gar nicht das „Bild“-Umfeld – wahrhaben wollen, durfte das Ansehen des „Kaisers“ nicht befleckt werden. Und das „Neue Deutschland“ könnte man fragen, wo es denn im Sommer 1989 war, als in Leipzig Protestierende zusammengeprügelt wurden. Aber das ist zu billig und eine allzu flache Retourkutsche.

Auch aus Fankreisen kommen Kritik und vor allem Häme und Zynismus gegenüber den BVB-Fans. Warum stehen Proteste von Fangruppen aus dem Kommerzfußball eigentlich bei vielen so sehr in der Kritik? Wenn Bayern-Fans sich über die Auswüchse im „modernen Fußball“ äußern, hören sie oft nur, sie mögen die Klappe halten, weil ihr Verein ja nun wirklich nicht als Protestplattform geeignet sei. Inhaltlich sicherlich nicht von der Hand zu weisen, aber verwirken Bayern-Fans wirklich jegliche Gestaltungs- und Protestmöglichkeit, weil sie ein kommerziell betriebenes Fußballunternehmen unterstützen?

Das ist mit Verlaub gesagt albern. Fußball hat mehrere Ebenen, und die Auswüchse im Kommerzfußball müssen zuvorderst von den Besuchern dieser Events kritisiert werden. Als Stadiongänger mit Fokus Regionalliga oder tiefer mag man sich kritisch äußern und resigniert abwinken („ich geh da schon lange nicht mehr hin“). Denjenigen aber, die das Konstrukt Kommerzfußball weiterhin unterstützen und dabei TROTZDEM kritisch und aufmüpfig sind, jegliches Recht am Protest zu verweigern ist nichts anderes als destruktive Rechthaberei.

Wie, so ist zu fragen, kann denn überhaupt (noch) irgendwie Einfluss im Kommerzfußball genommen werden, wenn nicht von den aktiven Fangruppen, deren Aktivitäten sich hoffentlich auf das „breite Publikum“ übertragen? Und Aktionen wie die der Südtribüne Dortmund wirken, weil sie buchstäblich „aufzeigen“ und Spuren hinterlassen. Gerade weil sie zugleich schmerzhaft sind, denn die boykottierenden Südtribünengänger lassen schließlich ihre Tickets verfallen. Sie geben also Geld aus, um zu verzichten.

Das führt zu einem anderen Punkt in dieser Diskussion: der ernüchternden Bereitschaft von vielen Menschen, eine Menge Geld für ein Fußballspiel auszugeben und sich keinerlei Gedanken über das Gesamtkonstrukt zu machen. Die, um es etwas provokativ zu formulieren, SUV-Fahrer unter den Stadiongängern. „Was kümmert mich das Morgen, ich will heute Spaß, und ich habe sowohl das Recht als auch das Geld dazu!“ Die aufgerufenen Preise bei einer Online-Ticketplattform für das Pokalspiel SC Paderborn gegen Bayern München sprechen diesbezüglich Bände. Genau dieses Klientel ist es, das den Protest so ausfallen lässt, wie er geplant ist. Denn würden die Tickets zurückgehen in den freien Verkauf, fänden sich sofort Käufer, denen der Protest gegen das Montagsspiel völlig egal ist.

Fans eines Kommerzvereins, die ihre Leidenschaft erhalten wollen und noch nicht die Hoffnung verloren haben, zumindest ein bisschen von dem festzuhalten, was Fußball einmal ausgemacht hat, müssen daher zwingend einerseits ihre Räume im Stadion besetzen und andererseits genau diese Räume zum Protest nutzen.

Und deshalb ist der Protest der Südtribüne Dortmund zu begrüßen. Und er muss weitergehen. Wie wäre es beispielsweise, wenn die Augsburger komplett auf ihr Ticketkontingent verzichten und die Partie boykottieren würden? Wenn diejenigen Südtribünengänger, die sich dem Protest nicht anschließen wollen (was ihr gutes Recht ist), zumindest auf Stimmung verzichten? Das Argument, man schade damit der eigenen Mannschaft, ist fadenscheinig. So ein bisschen wie das der SUV-Fahrer, die Feinstaubbilanz ihres Fahrzeugs sei im Verhältnis zu dessen Größe doch ganz formidabel. Nach mir die Sintflut war noch nie eine gute Einstellung.

Und, kommen wir zum heikelsten Punkt, wie wäre es denn, wenn die TV-Zuschauer mal verzichten würden? „TV-Minusrekord beim Montagsspiel!“ – das wäre doch mal eine Schlagzeile! Denn die TV-„Fans“ sind mitentscheidend verantwortlich dafür, dass es zu dieser ausgeuferten Aufsplitterung überhaupt gekommen ist. Weil viel zu viele Menschen, die ganz selten (oder nie) ins Stadion gehen, begrüßen, dass sie am Wochenende pausenlos Fußball gucken können. Diese Klientel konsumiert die Fußballatmosphäre, die von den Stadiongängern geschaffen wird.

Entziehen wir sie ihnen!

* Pit Gottschalk wies mich via Twitter darauf hin, „dass ich noch nie in meinem Leben für Bild gearbeitet habe“. Ich habe daher an dieser Stelle nachträglich „Bild“ in „Sport-Bild“ geändert (Montag, 15. Januar, 16:25 Uhr).

2 Kommentare

  1. Warum sollte man nicht protestieren dürfen?
    Warum nicht gegen die weitere Zerstückelung des Spielplans protestieren, für mehr Spiele an „neuen Anstosszeiten“, wie Sonntagmittag, oder Montagabend, oder was auch sonst noch kommen mag.
    Jeder Wochentagsspieltag bedeutet für den Stadiongänger, wenn er denn nicht am Spielortwohnt unter Umständen einen Urlaubstag. Für Auswärtsfahrer sowieso.

    Ich selbst als Stadiongänger zu Heimspielen finde mehr Wochenspieltage zum kotzen. Heisst für mich jedesmal, direkt von der Arbeit ins Auto und die 150 km fahren. Für Anstosszeit 20.30 Uhr reicht es so gerade. Rückankunft zu Hause gegen 1 Uhr. Den Stress hätte ich gerne nicht.

    Ich bin also gegen weitere Anstosszeiten unter der Woche. Und das lasse ich mir von niemanden untersagen dagegen zu sein. Auch nicht von Journalisten.

  2. Ich finde, dass man die sehr hohen Spielergehälter und die ausufernden Transfersummen und auch die hohen Spielerberatergelder Mal deutlich kritisieren muss. Dieses ist das eigentlich ursächliche Problem im europäischen Profifußball und nicht die Montagsspiele. Was nicht übersehen werden darf, dass der TV Zuschauer nicht nur viel Fußball konsumiert sondern auch einen großen Teil des Profifußball z.B. die Spielergehälter letzendlich bezahlt durch Sky & Eurosport Abos. Dazn kommt bald noch hinzu, wer es nicht eh schon hat.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.