ZEITSPIEL

Magazin für Fußball-Zeitgeschichte

KLARTEXT: Die geschlossene Liga

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Von Hardy Grüne

Der DFL ist das Kieler Stadion also zu klein. Und deshalb darf die KSV Holstein im Falle des Aufstiegs nicht dort spielen. Sondern muss nach Rostock oder notfalls eben auch 2018/19 wieder nach Sandhausen und Heidenheim, statt zum FC Bayern und ins Westfalenstadion, pardon, in die Dortmunder Versicherungsarena.

Ein deutliches Signal der DFL. Wir sind hier eine geschlossene Gesellschaft. Du darfst nur rein, wenn du groß und reich bist. Sportliche Erfolge reichen nicht. Um zum erlauchten Kreis der Bundesligisten zu gehören braucht es VIP-Plätze, ordentlich Raum und natürlich dieses ganz besondere Flair eines Premiumproduktes. Im Holstein-Stadion, eines der ältesten Fußballstadien des Landes übrigens, hat man neben ziemlich alter Patina („Deutscher Meister 1912“) nur Erfolg. Und den einigermaßen unerwartet. Denn wer hätte ernsthaft ahnen können, dass die KSV als Aufsteiger erneut um den Aufstieg mitspielen würde? Zumal man in Kiel ja ungleich anderer zuvor unbekannter oder gar erst kurz zuvor gegründeter Klubs nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga nicht sofort massiv auf die Karte Durchmarsch gesetzt hat. Personell wie infrastrukturell.


Ihr plötzlicher Erfolg fällt der KSV Holstein nun vor die Füße. Und entlarvt die DFL als das, was sie ist, was sie geworden ist: eine Interessenvertretung exklusiver Fußballvereine. Was reitet den Verband, Holstein nicht mal eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen? Zumal bekannt ist, dass der Stadionausbau angegangen wird, zumal es keine Sicherheitsbedenken gibt? Sind es die geringen VIP-Plätze, die Rahmenbedingungen, die noch ein bisschen an das erinnern, was Fußball auch in der Bundesliga einmal war? Ist es die Gästekurve in „old school“-Flair, die man den Kunden des FC Bayern oder des BVB nicht zumuten will (wobei die meisten der echten FCB/BVB-Fans sicherlich liebend gerne nach Kiel reisen würden!)?


In einer Zeit, in der man in Chemnitz, Erfurt, Offenbach, Aachen, Zwickau etc. mit ambitionierten Stadionprojekten baden gegangen ist und viel zu häufig die öffentliche Hand für die Rettung sorgen musste, ist das „Nein“ der DFL ein fatales Signal, das man an seine „kleinen“ Mitglieder aussendet. „Baut erst ein vernünftiges Stadion, ehe ihr auch nur daran denkt, in die Bundesliga aufsteigen zu wollen.“ Vor dem Hintergrund der zahlreichen Pleiten in den Regionalligen und der 3. Liga – Spielklassen, in denen das wirtschaftliche Überleben ein echter Drahtseilakt ist, und in denen die KSV Holstein im letzten Jahrzehnt wirtschaftlich erfolgreich arbeitete – führt das endgültig zur geschlossenen Gesellschaft.


Man kann Holstein Kiel sicher dafür kritisieren, dass sich der Klub nach seinem Aufstieg aus der 3. Liga zunächst auf die Stabilisierung seines sportlichen und wirtschaftlichen Umfeldes konzentriert hat. Zumal die durch die DFL angewandte Regelung ja bekannt ist und man schon in der 2. Liga nur mit Sondegenehmigung auf eigenem Platz kicken konnte. Rein auf dem Papier ist man in Kiel also selbst schuld. Doch wer die langjährige Leidensgeschichte der Störche kennt, muss dafür Verständnis und vor allem Sympathie haben. Zumal Kiel ja keine klassische Fußballstadt ist, in der man als Platzhirsch nur die Begeisterung wecken muss, sondern ein mächtiger Stadtrivale Saison für Saison seine Halle allein mit Dauerkarten voll bekommt. Wer in einem solchen Umfeld alles auf eine Karte setzt, würde zu Recht viel Kritik einstecken müssen, wenn es scheitert. Und schlussendlich die öffentliche Hand die Trümmer wegräumen muss. Wie in Aachen, wie in Erfurt, wie in Chemnitz, wie an viel zu vielen Standorten.


Das DFL-Verdikt ist ein Schlag ins Gesicht für alle Klubs, die noch träumen. So wie einst der FC Homburg oder Wattenscheid 09, deren Aufstieg in die Bundesliga Uli Hoeneß zwar die Zornesröte ins Gesicht trieb, gegen den der seinerzeit noch zuständige DFB aber nichts einzuwenden hatte. Und warum auch? Kiel jedoch darf nicht im eigenen Stadion spielen, weil es zu klein ist und muss deshalb möglicherweise nach Rostock ausweichen, wo garantiert nicht mal die 10.000 in Kiel möglichen Fans alle zwei Wochen auftauchen würden, um ihre Störche im „Heimspiel“ zu unterstützen. Mit Verlaub, DFL, das ist absurd! Dieses Urteil wird den Fußball im Übergangsbereich Bundesliga/2. Bundesliga weiter verändern. Denn das Mauseloch, durch das ein Klub wie Holstein Kiel noch durchschlüpfen konnte, ist nun vollends verstopft. Für uns Fußball-Träumer bleibt nur die Botschaft, dass die Trennung der Fußball-Solidargemeinde in die reichen Entscheidungsträger und die nicht so reichen Mitspieler längst perfekt ist.

Der KSV – und auch der DFL – darf man eigentlich nur wünschen, dass sich die Störche in der Relegation durchsetzen. Damit der Sturm der Entrüstung zum Orkan wird.

5 Kommentare

  1. Bei Darmstadt 98, dessen Präsident am Sitz der DFB und des DFB bestens vernetzt ist, haben die Funktionäre von der Otto-Fleck-Schneise noch eine Ausnahme gemacht. Auch beim FSV Frankfurt vor ein paar Jahren ebenfalls. Ein Schelm, der jetzt denkt, dass die Fußballfunktionäre in Frankfurt mauscheln was das Zeug hält oder sogar korrupt sind!?

  2. Wenn guter Fussball einer vorgebenen Meßlatte des Geldes unterworfen wird, dann ist es nicht der Fussball oder der Leistung einer Mannschaft sondern dem Kommerz in erster Linie zu verdanken, wer Fußball spielt!! Was für eine Anmassung! Was wollen wir? Guten Fussball. Und wer sich das durch Leistung verdient, oben mitzuspielen, sollte auch die Möglichkeit haben. Ansonsten wird der Wettbewerb zur Farce.

  3. Kurz vorweg gesagt:
    1.ich gönne der KSV Holstein auf jeden Fall den Auftieg. Vor allem als Zeichen, dass man es immer noch aus den tieferen Klassen hinaus in die Bundesliga schaffen kann.
    2. Über die Sinnhaftigkeit der Mindest-Stadion-Anforderungen will ich hier nicht diskutieren (Bsp. braucht Wehen Wiesbaden wirklich ein 15k Stadion wenn sie aktuell einen Schnitt von 2,5 bis 3k haben?). Vllt war auch das Bölle für Liga 1 auch ein zu krasser Kulturschock, der nicht wiederholt werden soll.

    Aber: Kiel spielt schon diese Saison mit Außnahmeregelung. Schon nach der (leider verlorenen) Relegation geg. Sechzig hätte man doch gezielt Anstrengungen machen können, dass Stadion auf 2.Liga Niveau anheben zu können. Spätestens nach dem Aufstieg in Liga zwo hätte man mit den Verbesserungen anfangen müssen, z.B. Abriss & Neubau der Gegengerade. Passiert ist nichts. auch keine zusätzlich temporären Stahlrohrtribünen . Vll wollten die Verantwortlichen auf numeros sicher gehen, dass der Verein nicht wieder absteigt (legitim), aber spätestens zur Winterpause war der Klassenerhalt ja safe. Nur zu hoffen, dass es auch in Liga 1 nochmal eine Außnahmeregelung gibt, obwohl man nicht mal ernsthaft versucht hat, die Bestimmungen für Liga zwo zu erfüllen, ist sehr blauäugig [ich besitzte definitiv keine Backgrouninfos, falls ich falsch liegen sollte, bitte ich um entschuldigung]. Den Vergleich mit andernen gescheiterten Neustadien finde ich ein wenig missglückt, Kiel war halt lange Zeit so unterklassig, dass sich die Frage nach Stadionneubau gar nicht stellte. Außerdem ist/war Kiel wrsl mit Lütje und Langness finanziell besser aufgebaut als die meisten Vereine in Liga 3 (keine Kritik an den Sponsoren/Mäzenen, da sie ja wirklich versuchen, den Verein langfristig gut aufzustellen).

    Für den Verein wäre die Bundesliga natürlich eine einmalige Chance. Aber ein weiteres Jahr Liga 2 wär doch für die Verantwotlichen kein Beinbruch. Hätte vor der Saison wrsl. jeder sofort unterschrieben + dem Aufsteig in der Fernsehgelder Tabelle.

    Außerdem kann sowohl Heidenheim als auch (wenn auch nur theoretisch) Sandhausen immer noch absteigen. Beide Vereine nur zu nennen, um die zwote Liga negativ darzustellen ist m.E. ein bissl zu einfach, die haben sichs auch irgendwie erkämpft (ich würde sie auch nicht vermissen). Das sind keine Bums-Vereine, die ohne Grund dort mitspielen (finde das genauso mies wie letztes Jahr Schlagzeile „1860 muss jetzt geg. Pipiensried ran“).

    Leider glaub ich auch nicht dran, dass kleine Vereine ohne alte Vorgeschichte wirklich irgendwann ganz oben anklopfen können. Kiel ist da wrsl doch eher die Ausßnahme (verdammt ich würds ihnen so gönnen!).

    Hoffe trotzdem auf das Beste für Kiel,
    und danke, dass du dich mit dem Thema befasst hast.
    (Der insolvenzticker bei Twitter sowieso des beste)

    mfg
    S-R

    • Danke für den Kommentar, da gehe ich an vielen Stellen durchaus konform. Eins ist mur wichtig: ich wollte Sandhausen und Heidenheim nicht als Beispiele für eine negative 2. Liga nennen sondern als ähnliche Beispiele wie Kiel, also Klubs, die eigentlich keine Chance auf 1. Liga haben, es sei denn, es passt mal alles (wie jetzt in Kiel). Und die brauchen in meinen Augen kein erstligataugliches Stadion. Für solche Vereine wird es nun schwierig. Die Kernfrage ist eh das, was Du unter 2.) anführst. Da geht die Schere auseinander. Gruß aus Schottland, gleich geht es wieder aufs Rad.

  4. Ist es nicht so das der Stadionumbau erstmal für 1 Jahr ausgeschrieben wurde bevor er beginnen kann? Wo ist denn da die Schuld der KSV? Das weiß doch die DFL also wo ist das Problem. Übrigens gut geschrieben.

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