ZEITSPIEL

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„Klartext“: Die Bundesliga drückt die Blase

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Unser Kolumnist Dietrich Schulze-Marmeling war gestern beim Revierderby und kam etwas „angepisst“ zurück, obwohl er als BVB-Sympathisant Grund zum Jubeln hatte. Sein Kommentar fällt zweifelsohne unter die Zeitspiel-Philosophie „Kann Spuren von Kommerzfußball“ enthalten.

Die Bundesliga drückt die Blase

Vorbereitung auf das Revierderby im Dortmunder Westfalenstadion. Noch einmal auf die Toilette, dann geht es los. 45 Minuten vor dem Anpfiff im Stadion. Die Südtribüne ist schon proppenvoll, die Geraden sind noch ziemlich leer (der VIP-Bereich wird erst kurz vor dem Anpfiff verlassen), „meine“ Nordtribüne ist noch luftig.

Der BVB besiegt Schalke mit 3:2. Gutes Spiel, korrektes Ergebnis. Und trotzdem bin ich schwer angepisst.

Die grassierende Inkontinenz in den Bundesligastadien macht mir Sorgen. Pro Halbzeit musste ich mich etwa zehnmal von meinem Sitz erheben (sorry, ich bin 59 und stehe vor einer Hüft-OP), weil irgendjemand aus meiner Reihe pissen ging. Ich spreche nicht von Minute 43 – schnell die Treppe herunter, bevor die Schlange vor dem Klo zu groß ist. Nein, es geht um die Zeiträume 15. – 40. bzw. 55. – 85. Minute.

Unfassbar. Da zahlen Leute 50 Euro für eine Eintrittskarte. Und befinden sich von den 90. Minuten plus Nachspielzeit ca. 20 auf dem Bottich oder am Bierstand. Oder noch länger. Denn diese Struller gibt es auch: Erster Gang: Toilette. Zweiter Gang: Bierstand. Dritter Gang (zwangsläufig, da die frisch gefüllte Blase erneut Amok läuft): Toilette. 4. Gang: Mal wieder zum Bierstand, damit es auch weiterhin ordentlich läuft.

Ich bin – wie erwähnt – 59. Und ich schaffe es trotzdem seit meinem ersten Stadionbesuch, mein Wasser für 90 Minuten und mehr zu halten. Am Derbytag von 1 Uhr mittags bis 19 Uhr abends, was vielleicht auch nicht gesund ist. Aber es geht. Das ist nicht nur eine Frage der Blase, sondern auch der Einstellung.

Dieses Hin- und Her-Gerenne erfolgt ja mutwillig. Wenn ich weiß, dass meine Achillesferse die Blase ist, dann trinke ich eben etwas weniger, damit ich nicht Teile des Spiels verpasse und andere störe. Es sei denn, mich interessiert das Spiel nicht wirklich, sondern mehr die Toiletten und das Bier. Dann bin ich ein Event-Fan (Toilette, Bier).

Seit meinem 14. Lebensjahr, in dem ich regelmäßiger Stadionbesucher wurde, bin ich noch NIE während eines Spiels pissen gegangen. Weil ich jede Minute erleben möchte, weil ich nichts verpassen will. Auch wenn das Spiel langweilig ist. Ich empfinde diese Gänge zur Toilette und zum Bierstand während des Spiels als respektlos gegenüber dem Spiel. Die Jungs unten auf dem Rasen können auch ihr Wasser halten. Außer vielleicht Jens Lehmann.

Was tun? Vielleicht sollten die Vereine Inkontinenz-Blöcke einrichten. Oder aber es handhaben wie man es manchmal im Theater und bei Konzerten erlebt. Wer während der Vorstellung unbedingt den Saal verlassen muss, wird erst in der Pause wieder hineingelassen. Natürlich kann man mal Ausnahmen machen. Aber dann muss der Blick des Türstehers vernichtend sein.

Exakt eine Woche vor dem Derby war ich in Liverpool beim Spiel Everton gegen Sunderland. Im Goodison Park gibt es weniger Toiletten als im Westfalenstadion. Und nur Pissoirs. Kacken geht nicht. Trotz des beschränkten Angebots standen erst kurz vor dem Halbzeitpfiff einige wenige auf, um einen Platz am Becken zu ergattern. Es heißt ja immer, die Premier League sei das Ende traditioneller Fußballkultur. Na ja, zumindest können sie noch ihr Wasser halten.

Dietrich Schulze-Marmeling

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