ZEITSPIEL

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KLARTEXT Der DFB muss mehr Demokratie wagen

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Der DFB muss mehr Demokratie wagen

Von Gerd Thomas

Jeden Tag werden neue Namen für den Posten des DFB-Präsidenten gehandelt. Einige sagen gleich ab, andere halten sich alles offen, wieder andere hoffen noch darauf, gefragt zu werden. Doch warum die Eile? Mein Vorschlag wäre, jetzt erst einmal nachzudenken und dann in Klausur zu gehen, wie ein moderner DFB eigentlich aufgestellt sein müsste. Mit Rainer Koch und Reinhard Rauball gibt es zwei Leute, die die Amtsgeschäfte mit großer Routine ein oder gar zwei Jahre im Tandem führen könnten. Sollte Rauball nicht länger wollen, wird sich ein anderer finden. Was soll passieren? Die großen Meilensteine sind gesetzt. Löw wird die Qualifikation zur EM schaffen, die Akademie wird gebaut, Vertreter für FIFA und UEFA werden sich finden.

Wichtiger als ein neuer Name ist jetzt, den gesamten Fußball mitzunehmen. Vielleicht ist es die allerletzte Chance, Amateure und Profis zu einen, statt die Schere weiter auseinandergehen zu lassen. Die Frage ist doch: Ist der DFB in dieser Form überhaupt zeitgemäß aufgestellt? Wie ist es um die Demokratie im größten Sportverband der Welt bestellt? Es gibt keine Gegenkandidaten bei Wahlen. Deren Ergebnisse liegen meist bei 100 %, das hätte sich nicht mal die DDR-Führung getraut. Widerspruch wird meist als Majestätsbeleidigung empfunden, übrigens auch in den Landesverbänden. Kritiker werden in die tägliche Arbeit nicht eingebunden, weswegen auch wenig Neues entstehen kann. Es gibt aber auch kaum konstruktive Runden außerhalb der „ehrenamtlichen“ Spitzen. Bilden sie sich doch mal ohne Zutun der Verbände, werden sie als Gefahr, von einigen gar als Feinde betrachtet.

Ich hatte vor einiger Zeit einen „Think Tank“ für den Amateurfußball angeregt. Als Delegierter des DFB-Amateurfußball-Kongresses musste ich jüngst erleben, wie die DFB-Spitze sich so etwas vorstellt. Langweiliger Frontalunterricht durch Wissenschaftler und unverständliche Vorträge von UEFA-Vertretern, noch langweiligere Podiumsdiskussionen mit dem verflossenen DFB-Präsidenten, nur sehr wenig Diskussion und Austausch in Workshops oder Arbeitskreisen. Am Ende hatten die meisten Delegierten gar das Gefühl, die Themen hätten eh schon vorher festgestanden, womöglich sogar die Ergebnisse und Prioritäten? Digitalisierung, Qualifizierung und Infrastruktur sind natürlich wichtig, für den DFB aber auch leicht zu steuernde Themengebiete. Die beiden ersten Punkte werden verordnet, über den dritten lautstark geklagt, ohne sich wirklich für Gespräche mit der Politik vorzubereiten und Konzepte auszuarbeiten.

Die Delegierten aus den Vereinen umtrieb vor allem das Thema Ehrenamt und die zunehmende Verantwortung, die Belastung, die Überforderung. Einige forderten zumindest höhere Steuerpauschalen, was vom Ex-Präsidenten Reinhard Grindel zurückgewiesen wurde. Er könne sich nicht vorstellen, dass mehr finanzielle Anreize helfen würden, denn das Ehrenamt müsse von Herzen kommen. Ein Mann, der fast eine Millionen jährlich für sein Ehrenamt bekam und nicht wusste, dass man eine Luxusuhr nicht einfach so annehmen darf, verhöhnt die delegierten Amateure. Und ihm wird von keinem seiner Kollegen widersprochen. Ist das wirklich der Stellenwert der Amateure im DFB? Falls ja, muss sich noch viel mehr ändern, als ohnehin schon passieren muss.

Es braucht jetzt eigentlich gleich den nächsten Kongress hinterher. Vielleicht nicht so opulent, auf jeden Fall aber ergebnisoffener. Und vielleicht mit Profis und Amateuren an einem Tisch. Denn wenn es die DFB-Spitze jetzt nicht schafft, dem Breitensport Aufbruch, Leidenschaft und Spaß an der Sache zu vermitteln, wird auch der nächste Präsident sehr schnell den Gegenwind der Amateurfußballer zu spüren bekommen. Moderne Führung setzt auf Motivation, auf Partizipation, auf Visionen.

Der DFB könnte eine der größten gesellschaftlichen Kräfte sein, aber er muss es auch wollen. Die gesellschaftliche Verantwortung muss endlich wahrgenommen werden. Nicht zuletzt daran wird sich der/die nächste Präsident/in messen lassen. Es reicht nicht, jährlich zwei oder drei Preise zu vergeben und den Nationalspielern ein paar „Respekt“-TV-Spots zu verordnen. Der größte nationale Einzelsportverband der Welt stellt mehr als 150.000 Teams im Spielbetrieb, er ist neben Schulen und Kitas der größte Träger der Kinder- und Jugendhilfe, auch wenn das nie jemand reklamiert. Zunehmende sportliche Seniorenarbeit und Gesundheitsprävention tragen ebenfalls zum Wohlbefinden der Gesellschaft bei. Warum eigentlich definiert sich der DFB immer noch in erster Linie über die Nationalmannschaft, den DFB-Pokal und Männerfußball in Ober-, Bezirks- oder Kreisliga? Der Fußball besteht aus weit mehr als Bayern gegen Dortmund und der anschließenden Pay-TV-Runde Rummenigge plus Watzke. Die großen gesellschaftlichen Errungenschaften liegen im klassischen Breitensport, bei den fast 25.000 Vereinen, von denen nur 56 (inkl. 3. Liga) im Profibereich tätig sind. Also nur rund 0,2 %, die aber den absoluten Löwenanteil der Berichterstattung für sich reklamieren und bekommen.

Es ist an der Zeit, dass die Amateurvereine endlich ihren Platz am Tisch einfordern. Ein bayerischer Kollege brachte beim Amateurfußball-Kongress in Kassel die Idee eines Amateur-Beirats beim DFB auf. Ich halte diesen Vorschlag für sinnvoll, die Umsetzung geradezu als notwendig. Denn auch in den Landesverbänden, die angeblich die Basis vertreten, sind kaum Leute im Amt, die wirklich noch wissen, wie es auf und neben dem Platz aussieht. Reinhard Grindel war viel an der Basis unterwegs, das muss man ihm lassen. Und dennoch kann ein hauptamtlich ehrenamtlicher Funktionär niemals ein adäquater Vertreter von Vereinen sein. Weil er nicht täglich erlebt, wie es ist, Trainer zu suchen, Eltern zu beschwichtigen, sich mit Behörden zu streiten, fehlende Beiträge einzuholen oder neue Schiedsrichter zu finden. Denkbar wäre auch ein Aufsichtsrat, bestehend aus Amateurvertretern und Profis, denn beide brauchen einander. Die Vertreter des Breitensports, also von 99,8 % der Vereine, müssen endlich in das Verbandsgeschehen des DFB eingebunden werden. So viel Mitbestimmung muss ein Verband in einer Demokratie aushalten. Besser noch wäre, die jetzigen Funktionäre würden proaktiv an solchen Partizipationsmodellen arbeiten.

Aber wollen die Amateure das überhaupt? Wollen die nicht lieber jammern als sich einmischen? Haben die meisten nicht längst resigniert? Viele Interviews dieser Tage vermitteln diesen Eindruck. So lange sie das Gefühl haben, sie werden nur zu Alibi-Treffen eingeladen und hinterher ändert sich nichts, werden sie maximal einmal mitmachen. Aber wenn sie ehrlich vermittelt bekommen, ihre Ideen sind gewünscht und können wirklich eingebracht werden, sogar mit Aussicht auf Umsetzung, dann werden sie sich engagieren. Leider verfestigt sich der Eindruck, dass 95 % der Funktionäre kein Interesse an solchen Prozessen haben. Der Rücktritt von Grindel bietet aber eine einmalige Gelgenheit zur Erneuerung auf breiter Basis. Vielleicht ist es die letzte.

Gerd Thomas

1. Vorsitzender des FC Internationale Berlin 1980 e. V.

 

Unsere aktuelle Ausgabe #14 mit folgenden Themen:

Leitartikel: Die andere Hälfte – Frauen und Fußball
Legende: Altona 93
Global Game: Fankultur Brasilien
Überleben im Turbokapitalismus: 1. FC Bocholt, TuS Celle FC, DFB-Amateurkongress
Krisensitzung: u. a. Viktoria 89 Berlin, Wuppertaler SV, Wattenscheid 09
Ausland: Notts County FC
Jays Corner: First Vienna FC 1894
Mottenkiste: Die ersten Länderspiele

… sowie die üblichen Rubriken wie Zeitspiel International, Willmanns Kolumne, Wappenstube, Gästeblock, Eintagsfliege, Abstauber, Collectors Corner, Nadelkissen, Singing Area, Unverzichtbares Wissen, Buchmacher, Stimme aus dem Kuchenblock etc.

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